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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 42
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Zweiundvierzigster Brief

 

Paris, Dienstag, den 15. März 1831

– Nun, Laffitte ist jetzt auch aus der Regierung getrieben, der erste und letzte Mann der Revolution. Und die Narren hier reden sich jetzt ein, Casimir Périer würde ihnen Rosen und Veilchen pflanzen, und sie würden ein Schäferleben führen und den ganzen Tag oben auf dem reinen Hügel der Renten stehen und singen und hinabschauen in das grüne Tal, wo das grasende Lämmervolk springt. Teufel! In Deutschland war ich schon längst der einzige gescheite Mensch; das war mir lästig, und ich ging darum nach Frankreich. Und mit Ärger sehe ich jetzt ein, daß ich hier auch der einzige gescheite Mensch bin. Wo flüchte ich mich hin? Wo finde ich Verstand? Und wissen Sie, warum ich allein klug bin unter so vielen Narren? Weil ich an Gott glaube, und an die Natur, und an die Anatomie, und an die Physiologie; und die andern verlassen sich auf Menschen, und auf ihre Künste, und auf die Polizei. Ich weiß freilich nicht wie die, welche einen politischen Barometer in ihrem Kabinette haben, ob morgen gutes oder schlechtes Wetter sein wird; aber ich weiß: im Winter ist es kalt und im Sommer ist es warm. Meine Briefe werden für oder gegen mich zeugen. Nicht ...

Nach dem Nicht bekam ich Besuch, der eine halbe Stunde dauerte, und jetzt habe ich vergessen, was ich sagen wollte. Aber kurz, ich bin Paris überdrüssig. Soll ich in Dummheit leben, so sei es wenigstens in meiner vaterländischen. Da ist doch Genie darin; hier aber pfuschen sie nur und bringen mit dem schlechtesten Willen doch nichts Schlechtes zustande.

– Herr *** hat mir erzählt, unter den Frankfurter Juden wäre eine Insurrektion gegen ihren Vorstand ausgebrochen. Sie wollen Rechenschaft über die Finanzverwaltung haben und, solange diese nicht abgelegt würde, keine Gemeindesteuern bezahlen. Das ist ja sehr lustig! Wer sind denn die jüdischen 221, und wer ist der jüdische Polignac? Ich meine, das müßte den Krieg entscheiden. Europa wird doch endlich einsehen, daß keine Ruhe ist, solange Frankreich besteht. Wenn sogar die Juden wanken, der Throne feste Säulen, worauf kann man noch bauen? Die vermaledeite Preßfreiheit ist schuld an allem.

– Ein Bankier sagte mir neulich, Laffitte habe dreißig Millionen gehabt, und jetzt sei er zugrunde gerichtet. Wenn sich der Friede erhält und die Staatseffekten wieder zu Werte kommen, wird ihm höchstens eine Million übrigbleiben; wenn nicht, nicht so viel, daß er seine Gläubiger befriedigen kann. Laffitte ist ehrenvoll gefallen, er hat sein Vermögen dem Staate aufgeopfert. Er hat es immer gesagt, er setze allen seinen Reichtum daran, die Bourbons zu stürzen, und er hat es getan. Durch eine großmütige Neigung ohnedies getrieben, leistete Laffitte aus Politik jedem Hülfe, der ihn um Beistand ansprach. Er wollte sich dadurch Anhänger erwerben, um sie zu Feinden der Bourbons zu machen. Wer in Frankreich irgendein Gewerbe, einen Handel, eine Fabrik unternehmen wollte, benutzte Laffittes Kapitalien. Durch die Revolution wurden alle jene Schuldner unfähig, zu bezahlen, und so ist Laffitte zugrunde gegangen. Rothschild aber wird bestehen bis an den Jüngsten Tag – der Könige. Welch ein Ultimo! Wie wird das krachen.

– Ich habe meine theatralische Laufbahn angetreten, nämlich mein Laufen in die Theater. Die Beine sind mir noch steif davon. Erst wird man müde vom Gehen, dann wird man müde vom Stehen, dann wird man müde vom Sitzen. Aber einschlafen tut man doch nicht. Es ist eben die liebe Natur, die man nimmt, wie sie sich gibt; von der Kunst aber verlangt man mit Recht, sie solle schön und gefällig sein. Ein lebendiger Esel ist mir lieber als ein toter Löwe, eine gebratene Kartoffel lieber als eine unreife Ananas, ein munterer Taugenichts lieber als ein schläfriger Hofrat – und was ich Ihnen sonst noch sagen könnte, um zu entschuldigen, daß mir das Pariser Theater besser gefällt als das Berliner, worüber sich Herr von Raumer, wie ich hoffe, ärgern wird, wenn er es erfährt. Aber gottloses Zeug; greulich gottlos! Und wenn man ins Theater kommt mit Jehova, Christus und Mahomet, und mit dem ganzen Olymp, und mit allen Heiligen im Herzen, geht man hinaus, ist keiner mehr da, alle weggelacht, und ich glaube, die Gottheiten und Götter, sie lachen im Stillen selbst mit. Sie wissen, wie ich über Religion gesinnt bin. Ich denke: wer so unglücklich ist, an keinen Gott zu glauben, ist nicht ganz unglücklich, solange er noch an den Teufel glaubt, und wer an keinen Teufel glaubt, wäre noch unglücklicher, wenn er an keine Pfaffen glaubte. Nur glauben! Was ist selbst der glücklichste Mensch ohne Glauben? Eine schöne Blume in einem Glase Wasser, ohne Wurzel und ohne Dauer. Aber was geht mich der Unglaube der andern an? Ich lache und denke: ich habe meinen Gott, seht zu; wie ihr ohne ihn fertig werdet, das ist euere Sache. Ich habe nie begreifen können, wie gläubige Menschen so unduldsam sein mögen gegen ungläubige. Es ist auch nur Adel- und Priesterstolz. Die Frommen sehen den Himmel für einen Hof an und blicken mit Verachtung auf alle diejenigen herab, die nicht hoffähig sind wie sie. Darum erquickt es mich, wenn in den neuen französischen volkssouveränen und zensurfreien Theaterstücken die Geistlichkeit, die schwarze Gendarmerie und geheime Polizei der Fürsten, so geneckt und gehudelt wird. Es ist eine Schadenfreude, daß man jauchzen möchte. Und was tut man ihnen denn? Sie werden nicht gemartert, nicht verbannt, nicht eingekerkert, nicht verflucht, durch keinen Höllenspuk geängstigt; man nimmt ihnen keine Zehenten ab, man macht sie nicht dumm; man lacht sie nur aus. Wahrlich, die Rache für tausend Jahr erlittener Qual ist mild genug! Es ist aber auch eine Lebensfreudigkeit, eine frisch quellende Natur in den Pariser Schauspielern, sooft sie Geistliche vorstellen, daß man deutlich wahrnimmt, wie ihnen alles aus der Brust kommt, und wie sie gar nicht spielen, sondern wie das Herz mit ihnen selbst spielt. Die Tartuffe-Natur können sie auswendig wie das Einmaleins. Die Pfaffenheuchelei in ihren feinsten Zügen zeichnen sie mit geschlossenen Augen. Und doch muß ich zu ihrem Ruhme sagen, daß sie keine Bosheit in die Rolle bringen. Sie betragen sich als großmütige Sieger, entwaffnen den Feind, tun ihm aber nichts weiter zuleide.

– Im Théâtre de l'Ambigu habe ich drei Stücke gesehen, die mich auf diese Gedanken gebracht. Das erste heißt La papesse Jeanne. Der Titel allein macht schon satt. Jahrhundertelang glaubte die Welt, es wäre einmal eine Frau Papst gewesen und das Geheimnis sei erst entdeckt worden, als der Heilige Vater in die Wochen gekommen. Das ist die berühmte Päpstin Johanna. Neue Historiker haben die alte Geschichte für ein Märchen erklärt. Aber was ändert das? Die Hauptsache bleibt immer wahr. Man hatte eine solche Vorstellung von der Verdorbenheit der päpstlichen Kirche, daß man das Mögliche für wirklich hielt. Diese Päpstin tritt im Vaudeville auf. Anfänglich ist sie erst Kardinal. Eine lange prächtige Frauensperson in Weiberkleidern ist allein mit ihrem Kammermädchen, und lachen die beide und machen sich lustig über die Kardinalität unter der Haube und unter der roten Mütze, daß die Wände zittern. Die Kardinälin Jeanne erzählt ihre frühere Geschichte. Sie war mit einem Kreuzfahrer als dessen Ehefrau in den heiligen Krieg gezogen. Dort verlor sie im Gedränge ihren Mann und wurde als leichte Ware von einem Pascha, von einem Kreuzritter dem andern zugeworfen. Sie kam als Mann verkleidet nach Rom, trat in den geistlichen Orden, und als sie es durch pfäffische Geschmeidigkeit so weit gebracht, daß sie nichts mehr rot machen konnte als der Purpur, bekam sie ihn. Die Kardinälin geht ins Seitenzimmer, sich als Mann umzukleiden. Unterdessen tritt ein alter Kardinal herein, tändelt mit dem Kammermädchen und macht ihm Liebeserklärungen. Jeanne erscheint im roten Ornate. Wechselseitige Heuchelei und christliche Bruderliebe der beiden Kardinäle. Der männliche Kardinal geht fort, und dem weiblichen wird ein Kreuzfahrer gemeldet, der aus dem Gelobten Lande kömmt. Ein gemeiner Reiter tritt herein, ein geharnischter Lümmel, sieht dem Kardinal ins Gesicht und schreit: » Meine Frau! Meine Frau Kardinal!« Der Kerl möchte sich totlachen. Die erschrockene Johanna bittet um Gottes willen, sie nicht zu verraten. Er gelobt Verschwiegenheit für vieles Geld und vielen Wein. Er bekömmt beides und betrinkt sich. In diesem Zustand vergißt er sein Wort und ruft in einem fort: » Meine Frau Kardinal!« und lacht unbändig. In dieser Lage der Dinge kommen sämtliche Kardinäle herein, um Johanna in das Konklave abzuholen, wo ein neuer Papst gewählt werden soll. Sie hören die wunderlichen Reden des Soldaten, werden argwöhnisch und dringen in ihn, zu erklären, wer von ihnen eine Frau und seine Ehehälfte wäre. Der Soldat bekömmt einen verstohlenen Wink von Johanna, den er versteht. Er stürzt mit ausgebreiteten Armen auf den ältesten und garstigsten Kardinal los, fällt ihm um den Hals, küßt ihn und schreit: »Du bist meine Frau! Kennst du mich nicht mehr, liebe Sophie?« Die andern Kardinäle stellen sich, als glaubten sie das; denn gerade derjenige von ihnen, den sich der Reiter zur Frau gewählt, hat die meiste Aussicht, Papst zu werden, und sie möchten ihn beseitigen. Sie sperren den Verräter ein und eilen in das Konklave, wo Johanna zum Papst gewählt wird. Der Heilige Vater und die Kardinäle singen die schönsten und erbaulichsten Lieder, der Kreuzsoldat wird zum Hauptmann der päpstlichen Leibwache ernannt, und die Geschichte ist aus. Nutzanwendung: Wer den Schaden hat, braucht nicht für den Spott zu sorgen.

Das zweite Stück war » Joachim Murat, König von Neapel«, eine Biographie mit Musik und Dekorationen. Die dramatische Kunst, wenn hier je nach so etwas gefragt werden darf, hatte dabei nicht die geringste Arbeit; man brauchte bloß die Erinnerung auszustopfen, und Murat stand da, wie er lebte. Er war ein schöner Mann, hatte den Anstand eines guten Schauspielers, liebte den Putz und war tapfer wie ein edler Ritter. Dabei ein vortrefflicher Fürst, der sein Land gut regierte und es glücklich gemacht hätte, hätten es die Pfaffen und der heilige Januarius zugegeben. Auf der Bühne geht sein Leben mit solcher Schnelligkeit an uns vorüber, daß uns schwindelt. Im ersten Akte ist er Zögling in einer geistlichen Schule, im zweiten Husar, im dritten König, im vierten wird er totgeschossen. Aber wie totgeschossen! Das Kriegsgericht des dummen Ferdinands von Neapel, ein Banditengericht mit Floskeln, verurteilt Murat. Er stellt sich vor die Soldaten, kommandiert Feuer und stürzt hin. Das geschieht, wie die wahre Geschichte, im Zimmer. Man wagte es nicht im Freien, Gott sollte es nicht sehen. Es ist entsetzlich! Die Pariser Melodramendichter sind wahre Kannibalen, Menschenfresser; sie reißen einem das Herz aus dem Leibe. Das Ohr kann nicht gerührt werden von solchem dummen Zeug; aber die Augen müssen doch weinen, wenn sie offen sind. Lustig ist der erste Akt, wo Murat im Seminarium als junger Abbé auftritt. Ganz schwarz unter lauter schwarzen Kameraden, blickt Murats rosenrotes lebensvolles Gesicht aus der dunkeln Kleidung gar angenehm hervor. Himmel! was werden da für Streiche gespielt, von den alten und von den jungen Geistlichen, von den heimlichen und von den öffentlichen Taugenichtsen! Man könnte zehn Christentümer damit zugrunde richten. Wir sahen auch die Prozession des heiligen Januarius in Neapel. Als die Franzosen Neapel eroberten, wurde von ihnen die Statue des heiligen Januaris, der Schutzgott des Volkes, in das Meer gestürzt. Murat ließ sie später wieder herausfischen, aber die Nase fehlte. Darüber war das Volk trostlos. Der Erzbischof war einverstanden mit König Murat. Als nun der heilige Januarius ohne Nase auf dem Markte aufgestellt war, stürzten Fischer herbei und berichteten mit unbeschreiblichem Entzücken, sie hätten soeben die Nase auf dem Boden des Meeres wiedergefunden. Sie wird dem heiligen Januarius anprobiert, und sie paßt vollkommen und bleibt sitzen. Der Erzbischof schreit: »Mirakel!« und das Volk: »Es lebe Joachim!« Dabei erinnerte ich mich in » Fragoletta« gelesen zu haben, daß, als die Franzosen nach Neapel kamen, das Blut des heiligen Januarius zur gehörigen Zeit nicht fließen wollte. Das entsetzte Volk in der Kirche drohte, aufrührerisch zu werden. Da nahte sich ein französischer Offizier unter Lächeln und Bücklingen dem fungierenden Erzbischofe, zeigte ihm eine kleine Pistole in seinem Rockärmel und sagte ihm freundlich: »Heiliger Bischof! haben Sie die Gefälligkeit, das Blut fließen zu machen, sonst jage ich Ihnen eine Kugel durch den Kopf!« Der Bischof verstand den Wink, und das Blut floß aufs schönste.

– Die dritte Komödie war: Cotillon III, ou Louis XV chez Madame Dubarry. Es hat mich angenehm überrascht, in diesem kleinen artigen Dinge keine betrübte Krittelei der alten Zeit zu finden; man wird das endlich satt. Im Gegenteil, alle Personen, selbst Ludwig XV. und der alte Erzbischof von Paris, werden liebenswürdig dargestellt. Der letztere erscheint bei der Morgentoilette der Dubarry, hilft ihr beim Ankleiden und kniet nieder, ihr die Schuhe anzuziehen. Er ist sehr galant und hofft bald Kardinal zu werden. Den leichten Fächerschlag mag die katholische Geistlichkeit hinnehmen; das ist doch kein grausames Spießrutenlaufen wie in der Papesse Jeanne. Ich glaube, Friedrich der Große war es, welcher der Dubarry, als der dritten Mätresse Ludwigs XV., den Namen Cotillon III gegeben. Die erste Mätresse nannte er Cotillon I, die zweite (Frau von Pompadur) Cotillon II. Der Erzbischof sagt in einem Vorzimmer der Dubarry zu einem tugendhaften jungen Sekretär: Sous la Duchesse de Châteauroux, Cotillon I, je n'étais qu'abbé; je voulus m'amuser à faire de la morale, on m'envoya dire ma messe. Sous madame de Pompadour, Cotillon II, je fus beaucoup plus indulgeant, on me fit évêque; sous madame Dubarry, Cotillon III, je suis archevêque, et le chapeau de Cardinal n'est suspendu que par un fil au-dessus de ma tête. Vienne un Cotillon IV, et je suis pape.

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