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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 41
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Einundvierzigster Brief

 

Paris, Freitag, den 11. März 1831

Noch immer weiß man nichts Entscheidendes von Polen; die neuesten Nachrichten haben den Schrecken der früheren sehr gemildert. Aber ich kann mich nicht darüber freuen. Mögen die Polen sich noch einige Tage hinhalten zwischen Leben und Tod, sterben müssen sie doch. Die Trauer in Paris ist nicht zu beschreiben; so tiefe Empfindung hätte ich dem Volke nicht zugetraut. Gestern sind funfzehnhundert junge Leute mit Trauerfahnen durch die Stadt gezogen. Dem russischen Gesandten wurden die Fenster eingeworfen. Was kann das aber nützen? Es schadet eher. Die Feigheit der Machthaber wird sich jetzt in angstzitternden Entschuldigungen erst recht kundgeben. Kein Kind fürchtet so den Schornsteinfeger, als Philipp den Nikolaus fürchtet. Die Regierung wird alle Tage erbärmlicher; es macht einen ganz irre. Man weiß nicht mehr, wächst die Zeit, oder wird die Regierung kleiner; das Mißverhältnis zwischen beiden steigt mit jeder Stunde. Jetzt, da der Krieg immer wahrscheinlicher wird, immer näher kommt; jetzt, da die Begeisterung des Volkes allein Frankreich retten kann, fürchtet man dieses Feuer wie ein verzweifelter Hausvater und gießt, halbtot von Schrecken, alles Wasser hinein, was nur zu haben ist. In ihrer Angst spucken sie in den Brand. Man will ein friedliches, ein unglaubliches Ministerium bilden. Wenn der Jude Rothschild König wäre und sein Ministerium aus Wechselmäklern bildete, es könnte nicht niederträchtiger regiert werden. Ich gebe dem Orléans keine zehn Sous für seine Krone. Pfui! was ist das für ein Treiben! Man will sich bis zum ersten Flintenschusse den Schein geben, als hätte man ernstlich den Frieden gewollt, wäre aber zum Kriege herausgefordert worden, und so verklausuliert man sich auf die lächerlichste Weise vor Notar und Zeugen, damit man, wenn der blutige Prozeß beginnt, die gestempelten Beweisstücke vorzeigen und sein Recht bei allen Instanzen verfolgen könne. Als würde der Zivilrichter das Schicksal der Menschheit entscheiden! Und das tut der König des mächtigsten Volks der Welt, das Gesetze geben und nicht empfangen sollte! Frankfurt ist jetzt Paris um fünfzig Stunden näher. Und die deutsche Bundesversammlung hält ihre Dummheiten wenigstens geheim. Ich wußte immer, daß wie hier, so in allen Ländern Herz nur bei dem Volke zu finden; aber jetzt erfahre ich, daß auch der Verstand nur bei dem Volke zu suchen und daß Regierungen, wie ohne Herz, auch ohne Verstand sind. Manchmal dachte ich: es ist nur die Maske der Dummheit, es muß dahinter etwas stecken; aber jetzt sehe ich ein, daß die Dummheit ernstlich gemeint ist und daß nichts dahintersteckt als eine noch größere Dummheit.

Mit Worten kann ich Ihnen den Eindruck nicht schildern, den Paganini in seinem ersten Konzerte gemacht; ich könnte ihn nur auf seiner eignen Geige nachspielen, wenn sie mein wäre. Es war eine göttliche, es war eine diabolische Begeisterung. Ich habe so etwas in meinem Leben nicht gesehen noch gehört. Dieses Volk ist verrückt, und man wird es unter ihm. Sie horchten auf, daß ihnen der Atem verging, und das notwendige Klopfen des Herzens störte sie und machte sie böse. Als er auf die Bühne trat, noch ehe er spielte, wurde er zum Willkommen mit einem donnernden Jubel empfangen. Und da hätten Sie diesen Todfeind aller Tanzkunst sehen sollen, in der Verlegenheit seines Körpers. Er schwankte umher wie ein Betrunkener. Er gab seinen eignen Beinen Fußtritte und stieß sie vor sich her. Die Arme schleuderte er bald himmelwärts, bald zur Erde hinab; dann streckte er sie nach den Kulissen zu und flehte Himmel, Erde und Menschen um Hülfe an in seiner großen Not. Dann blieb er wieder stehen mit ausgebreiteten Armen und kreuzigte sich selbst. Er sperrte den Mund weit auf und schien zu fragen: gilt das mir? Er war der prächtigste Tölpel, den die Natur erfinden kann, er war zum Malen. Himmlisch hat er gespielt. In Frankfurt hatte er mir bei weitem nicht so gut gefallen; das machte die Umgebung. Ich hörte mit tausend Ohren, ich empfand mit allen Nerven des ganzen Hauses. In seinen Variationen am Schlusse machte Paganini Sachen, wobei er lachen mußte. Nun möchte ich wissen, ob er über das närrische Publikum gelacht, oder ob er sich selbst Beifall zugelacht, oder ob er sich ausgelacht. Das letztere ist wohl möglich; denn es schienen mir große Kindereien zu sein. Die Pariser Zeitungsschreiber sind noch gar nicht zur Besinnung gekommen; diese Wortmillionäre wissen zum ersten Male nicht, was sie sagen sollen. Nur einige Seufzer und große Redensarten haben sie einstweilen in die Welt geschickt und versprechen umständliche Kritik auf spätere Tage. Das Erhabenste, was über Paganini gesagt worden, ist: man habe zwei Stunden lang die Polen vergessen. Er habe la figure la plus méphistophélique du monde, so daß eine Dame, als sie ihn erblickte, einen fürchterlichen Schrei ausstieß. Der große Violinspieler Baillot wurde von Madame Malibran gefragt, was er von Paganini denke. Er antwortete: Ah! Madame, c'est miraculeux, inconcevable; ne m'en parlez pas, car il y a de quoi rendre fou. Glückliches Volk, die Pariser! Alles fällt auf sie herab, alles strömt ihnen zu. Glück, Jammer, Reichtum, Armut, Italien, Tränen, Paganini, Polen – und sie mengen und mischen das untereinander, und zuletzt wird's immer ein Punsch.

Gestern mittag wohnte ich einem Konzerte bei, das in der königlichen Singschule von Knaben und Mädchen von 6 bis 16 Jahren aufgeführt worden. Man gab ein Oratorium von Händel, »Samson«, Text von Milton, und die »Schlacht von Marignan«, ein Kriegsgesang. Diese Schlacht hat Franz I. im Jahre 1515 über die Schweizer gewonnen, und in dem nämlichen Jahre hat Clément Jannequin die Kantate komponiert. Man hörte also eine dreihundertjährige Musik. Höchst originell! Aber ich Musikignorant kann Ihnen das nicht vorstellig machen. So viel merkte ich wohl, daß diese Musik drei Jahrhunderte von Rossini entfernt ist, aber lange nicht so weit von Weber. Der »Freischütz« mag wohl viel Altdeutsches haben. Diese Singschule hieß vor der Revolution im Juli: Institution royale de musique réligieuse; aber seitdem hat man sie, obzwar ihre Bestimmung für die Bildung zur Kirchenmusik die nämliche geblieben, Institution royale de musique classique genannt. Wie gefallen Ihnen meine Franzosen?

Gestern abend war ich auf dem Maskenball der Großen Oper. Es war da sehr voll und sehr langweilig, wenigstens für mich und die Gendarmen, die wir die einzigen tugendhaften Personen im ganzen Hause waren. In allen Theatern waren Maskenbälle, und alle sehr besucht – zur Todesfeier für die Polen! – Vor einigen Tagen wurde bei den Italienern eine neue Oper, Fausto, aufgeführt, nach Goethes Faust bearbeitet. Der Komponist ist eine Komponistin, Demoiselle Bertin, ein junges Frauenzimmer, Tochter des Redakteurs des Journal des Débats. Die königliche Familie kam zur ersten Vorstellung; denn das Journal des Débats ist ein ministerielles Blatt. Die Musik ist einige Male nicht langweilig, und wer noch nicht ganz tot ist, erholt sich da wieder. Die schönsten Gedanken kommen der Komponistin erst am Schlusse der Oper, wahrscheinlich wegen der weiblichen Postkriptennatur. Die letzte Szene, Gretchen im Kerker, macht guten Eindruck. Aber es wollte mir nicht aus dem Kopfe, daß ein Frauenzimmer diese Musik gemacht, und wenn im Orchester Hörner und Pauken mächtig erschallten, mußte ich jedesmal lachen. Den Text hat sie sich auch selbst zugerichtet. Man muß das freilich nicht so genau nehmen; aber komisch ist es doch, wenn Gretchen noch um 9 Uhr unschuldige Jungfrau war, und schon um 11 Uhr als Kindesmörderin im Gefängnis sitzt; das ist zum Lesen, aber nicht zum Darstellen.

Ich habe mir vorgenommen, in den wenigen Wochen, die ich noch hier bleibe, alle Theater zu besuchen, von welchen ich mehrere noch gar nicht kenne, und alle Stücke zu sehen, die diesen Winter neu verfertigt worden. Aber ich werde hingehen, schlenkernd und verdrießlich, wie ein Bübchen in die Schule geht. Es ist so weit, und ich sehe lieber zu auf der Gasse spielen, wo keiner seine Rolle verdirbt und man immer bequem Platz findet. Doch es ist lehrreich, und ich darf es nicht versäumen. Da wird einem alles vor die Augen und Ohren vorbeigeführt, was den Franzosen seit einem Jahre durch Kopf und Herz gegangen – Großes und Gemeines, Edles und Schlechtes, Hoffnungen und Täuschungen, Wünsche und Verwünschungen, Spott, Tadel, Dummheiten, alles, und die ganze Geschichte seit vierzig Jahren. Jeder Held, jedes Schlachtopfer der Revolution wurde auf die Bühne gebracht. Napoleon mit seiner Schar; Robespierre, die Kaiserin Josephine, Eugen Beauharnais, die Brüder Foucher, der Herzog von Reichstadt, die unglückliche Lavalette, Marschall Brune, Joachim Murat, seit kurzem die Dubarry. Über alle diese und noch viele mehr gibt es Theaterstücke. Ich entsetze mich, wenn ich bedenke, was ich mich in Paris noch zu amüsieren habe! – Ich erhalte soeben Ihren Brief, und gleichzeitig bringt mir ein Freund die neueste preußische »Staatszeitung«. Gönnen wir den Papierspitzbuben ihre letzte Betrunkenheit, der Henker wird sie bald holen. Aber wegen der Polen wollen wir uns keinen täuschenden Hoffnungen überlassen. Ich danke dem St. für seine Nachrichten; aber daß sich die Russen zurückziehen, beweist keineswegs etwas zu ihrem Nachteile. Sie wollen die polnische Armee, nämlich den armen Rest derselben, von Warschau abziehen, und Warschau wird den Barbaren doch nicht entgehen. Es müßte ein Wunder geschehen, die Polen zu retten. Aber was liegt dem Himmel an einem Wunder mehr? Ist die Tapferkeit der Polen nicht selbst ein Wunder? Der Krieg ist jetzt hier so gut als entschieden. Italien gab den Ausschlag, der heutige Moniteur enthält die Ordonnanz, daß 80 000 Mann sich marschfertig halten sollen. Wenn Sie heute oder morgen hören, daß hier ein noch schläfrigeres Ministerium als das bisherige gebildet worden, soll Sie das nicht irremachen, es gibt doch Krieg. Man will nur etwas Wasser in den Wein gießen, daß er den Franzosen nicht zu sehr in den Kopf steige.

 

Samstag, den 12. März

Man fängt, wie ich merke, schon wieder an, das deutsche Volk einzuheizen, damit es seine Fürsten warm haben, wenn das französische Schneegestöber über sie kommt. Die alte Komödie von 1814 und 15 neu einstudiert. Sie schleppen mächtige Klötze herbei und häufen Nationalgefühle, Bundestreue, festen Zusammenhang, Ehre, Widmung, Tugend, Vaterlandsliebe, Montmartre-Erinnerungen als Reiserbündel haushoch übereinander. Der breite eiserne deutsche Ofen wird herhalten und sich geduldig vollstopfen lassen, wie das vorigemal, und glühen und rot werden vor Zorn gegen die Franzosen. Görres der »alte und echte Freund und Hohepriester der Freiheit« wie er sich selbst nennt, schreibt in der »Allgemeinen Zeitung« vaterländische Briefe, von welchem mir erst der Anfang unter die Augen gekommen. Das Zeug da oben, das ich unterstrichen, ist schon darin. Ich zweifle nicht, daß die Narren sich zum zweiten Male werden zum besten halten lassen. Aber wenn es geschieht, dann wird kein Engel im Himmel so weich, nachsichtig oder mitleidig sein, über die betrogenen Toren zu weinen. Lachen wird der ganze Himmel, und Gott selbst wird lachen und wird in der besten Laune Französisch zu sprechen anfangen und sagen: Quelle grosse bête que ce peuple allemand! und wird in die Oper gehen und sich gar nicht darum bekümmern, wenn die undankbaren Fürsten ihre Erretter zum zweitenmal nach Amerika verbannen oder in Köpenick und Magdeburg einsperren. Aber beim Himmel! Wenn es zum Kriege kömmt, und Görres, Arndt und die übrigen deutschen Kapuziner fangen ihre alten Litaneien zu plärren an, dann will ich doch ein Wort mitsprechen, und wir wollen sehen, welcher Stahl bessere Funken gibt. Jetzt gilt's! Wird Deutschland diesmal nicht frei, geht ihm wieder ein ganzes Jahrhundert verloren.

Wenn Sie lesen: Odilon-Barrot, Mauguin, Lamarque sind Minister geworden – das sind die Männer, welche der Revolution vom Juli treu geblieben und sie begleiten wollen bis zum Ziele – dann packen Sie gleich ein und reisen nach Paris, ehe die Grenzen gesperrt werden; denn alsdann ist der Krieg gewiß und nahe. Aber wahrscheinlich werden Sie nichts davon lesen, sondern Casimir Périer und andere Zitterer werden an das Steuer kommen, bis der Sturm losbricht.

Adieu! und die Handelskammer soll Asche auf ihr Haupt streuen und soll fasten (jetzt kann sie es noch freiwillig) und soll sich neununddreißig Riemenhiebe geben lassen; denn Jerusalem wird untergehen. O wai geschrien!

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