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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 38
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Achtunddreißigster Brief

 

Paris, den 1. März 1831

– Der Geist freier Untersuchung und der Opposition hat sich hier so mächtig entwickelt, daß er sogar bis in die Schulen gedrungen ist. Im Collège Henri IV (nach deutschem Ausdrucke ein Gymnasium) werden von den Schülern zwei handschriftliche Journale redigiert, die in den Schulzimmern täglich zirkulieren. Das eine Journal, Le Lycéen genannt, kämpft unter Racines Fahne, also für die klassische Literatur; das andere, mit dem Titel Le Cauchemar, streitet unter der Fahne Victor Hugos. Die romantische Literatur mit dem Worte Cauchemar (das Alpdrücken) zu bezeichnen, ist eine geistreiche Naivität, und die Feinde der Romantik hätten nichts Besseres erfinden können. Diese Zeitungen enthalten nun zwar literarische Gegenstände, aber am Schlusse des Blattes werden auch freimütige Bemerkungen über Lehrer und Professoren hinzugesetzt. Das hat die Schulobrigkeit übelgenommen, und sie hat den rédacteur-en-chef du Lycéen aus der Schule entfernt. Die Zöglinge klagen, das wäre eine offenbare Verletzung der Preßfreiheit! Ich habe über diesen komischen Kinderliberalismus herzlich lachen müssen. Die kleinen Jakobiner haben es hier noch gut. Ihre höchste Strafe ist, daß man sie nach Hause zu ihren Eltern schickt, wo sie, statt über den Büchern zu sitzen, den ganzen Tag frei umherlaufen und spielen dürfen. Im Österreichischen würde man solche anarchische Buben als Trommelschläger und Pfeifer unter die Soldaten stecken. Wenn sich die Kinder hier untereinander streiten und zanken, schimpfen sie sich Charles X. und Polignac. O! es ist eine böse Welt.

– Österreich! ... Es muß eine Wonne sein, dieser fluchwürdigen Regierung auf einem Schlachtfelde der Freiheit gegenüberzustehen! Es muß eine tugendhafte Schadenfreude sein, der dummverzagten Welt zu beweisen, daß Gott mächtiger ist als der Teufel! Die heiße Wut eines Tyrannen wie Don Miguels kann meine Nerven in Aufruhr bringen; aber nie vermochte sie meine innere unsterbliche Seele so zu empören, als es die kalte abgemessene Tücke Österreichs tut, das, ohne Leidenschaft, gleich Goethes Mephistopheles, die Menschen verführt oder verdirbt, nur um zu zeigen, daß es keine Tugend gibt, daß die Tugend ohnmächtig sei, dem Bösen zu widerstehen. Gestern stand eine Geschichte im Courrier Français, die ich Ihnen mitteile, und zwar übersetzt; ich muß die Probe meiner Augen machen, ich muß mich überzeugen, daß ich nicht falsch gelesen.

»Behandlung der Staatsgefangenen in Brünn

Ein junger Italiener, Herr Maroncelli, aus seinem Vaterlande verbannt und verstümmelt durch die Marter, die er in den österreichischen Gefängnissen erduldet, ist soeben in Paris angekommen. Die Qualen, welche er erlitten, die, welche seine Leidensgefährten noch ertragen, würden, wenn dieses noch nötig wäre, den Abscheu der Italiener gegen die österreichische Regierung und ihre Anstrengung, ein verhaßtes Joch abzuschütteln, vollkommen rechtfertigen. Maroncelli ward wegen eines Briefes angeklagt, den er seinem Bruder geschrieben, einem jungen Arzte, der von Griechenland, wo er den Hellenen den Beistand seiner Kunst angeboten, zurückgekehrt. Das geheime Tribunal von Mailand glaubte darin unter einer sinnbildlichen Form den Ausdruck eines versteckten Wunsches für die Freiheit zu erkennen. Der junge Patriot wird arretiert, gerichtet und auf das Zeugnis dieses einzigen Briefes zum Tode verurteilt. Aber vor diesem Spruche, nachdem er gefällt, entsetzten sich die Richter selbst und verwandelten die Todesstrafe in zwanzigjähriges hartes Gefängnis. Herr von Maroncelli wird mit vier seiner Freunde nach der Festung Brünn geführt, wo zwanzig andre italienische Patrioten ihnen bald nachkommen. Das Gefängnis ist vollgepfropft, und man entscheidet, daß der jüngste in den Keller geworfen werden soll. Hier, auf feuchter Erde, bringt Maroncelli einsam, ohne Verbindung mit irgendeinem Menschen, ein ganzes Jahr zu. – Er war dem Tode nahe, als ein anderer Verurteilter, der sein Kerkerloch mit einem Leidensgenossen teilte, starb. Maroncelli kommt an seinen Platz. Er hat endlich einen Freund zur Seite; aber seine physischen Leiden haben nicht aufgehört. Eine Eiskälte durchdringt ihn; eine ekelhafte Nahrung richtet seine Gesundheit vollends zugrunde; seine Glieder werden steif; sein linkes Bein, durch den schweren Ring, der zwanzigpfündige Ketten zusammenhält, eng umschnürt, schwillt auf eine fürchterliche Weise auf; bald zeigt sich der Brand, man muß das Bein abschneiden! Aber der Gouverneur sagt kalt, indem er das kranke Bein, dessen geschwollenes Fleisch den eisernen Ring ganz bedeckte, nachlässig in der Hand wiegt: man hat uns einen Gefangenen mit zwei Beinen geschickt, wir können ihn nicht mit einem Beine wieder abliefern. Man muß erst nach Wien schreiben und um die Gnade der Operation bitten, die jede Verzögerung tödlich machen kann. In vierundzwanzig Stunden könnte man Antwort haben, aber sie läßt vierzehn Tage auf sich warten. Endlich wird die Operation im Kerker, wo der Gefangene acht Jahre geschmachtet hat, vorgenommen. Der Gefängnisbarbier nimmt das verfaulte Bein über das Knie ab, und einige Zeit darauf wird Maroncelli in Freiheit gesetzt. Der junge Patriot, auf zwei Krücken gehend, kehrt nach seinem Vaterlande zurück, er wird aber hinausgestoßen. Er wendet sich nach Rom, Rom verweigert ihm den Aufenthalt. Der Großherzog von Florenz will ihn dulden, aber der österreichische Gesandte läßt ihn fortjagen. Maroncelli findet in Frankreich eine Freistätte, und bald wird er es verlassen, sein verjüngtes Vaterland wiederzusehen. Von den fünfundzwanzig Verurteilten, die nach und nach Maroncellis Kerker teilten, sind zwei, Vicomte Oroboni und M. A. Villa, vor Hunger gestorben! Wir übertreiben nicht, es ist die Wahrheit. Eine mit Unschlitt zubereitete Suppe, zwei kleine Stücke Brot von Fingersdicke und ein Lappen verdorbenes Fleisch machen noch heute die einzige Nahrung der Gefangenen aus. Vergebens erbaten sie sich als eine Gnade, daß man aus ihrer ekelhaften Suppe wenigstens den Talg weglasse; man antwortete ihnen, das sei die Nahrung von zwei- bis dreihundert Galeerensklaven und man könne für sie keine Ausnahme machen. Von dem Gelde, das ihnen ihre Familien schickten, erhalten die Gefangenen keinen Heller. Gegenwärtig befinden sich noch neun Italiener in Brünn, worunter der Graf Confalonieri, der an jedem Jahrestage seiner Verurteilung fünfundzwanzig Stockschläge bekommt.«

 

Mittwoch, den 2. März

– Saphir fängt künftige Woche Vorlesungen an, nach Art derjenigen, die er in München gehalten. Ich teile Ihnen einige gute Einfälle aus seinem Prospectus mit. »Frankreich ist mir eine Entschädigung schuldig; ich komme, sie einzukassieren, nicht mit dem Degen, aber mit der Feder in der Hand... Die drei ruhmvollen Tage Frankreichs haben viele schlaflose Nächte in Deutschland hervorgebracht... ich wurde allergnädigst verbannt, und es wurde mir huldreichst angewiesen, binnen drei Tagen Witz und Land zu verlassen. Zum Glücke waren weder Witz und Land so groß, um dieses in drei Tagen nicht mit aller Bequemlichkeit bewerkstelligen zu können. Ich schnürte meine Satire und ging... Zuerst hatte ich die Idee, nach Rußland zu gehen, weil man noch kein Beispiel hat, daß je ein freimütiger Schriftsteller von dort verbannt wurde, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil nie einer dort lebte. Allein Personen, welche die Knute und die Cholera morbus aus näherem Umgange kennen, versicherten mich, daß diese zwei russischen Gesellschaftsspiele keinen besondern Sinn für Witz und Poesie haben. Ich nahm mir also vor, die Preßfreiheit persönlich kennen zu lernen, und kam nach Paris, welches die eigentliche Essigmutter meiner sauern Tage in Deutschland war ... Ich habe ein gegründetes Recht auf eine Entschädigungsklage, allein alles Klagen ist kläglich. Ich will es also lieber versuchen, den Parisern deutsche Vorlesungen zu halten.«

– Ich zittere, wie Sie, für die Polen und bin auf das Schlimmste gefaßt. Aber den Russen würde dieser Sieg verderblicher sein, als es ihnen eine Niederlage wäre. Der erhabene Nikolaus würde dann übermütig werden und glauben, mit Frankreich wäre ebenso leicht fertigzuwerden als mit den Polen, man brauche nur energisch aufzutreten. Wehe dem armen Deutschland, wenn die Russen siegen.

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