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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 32
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Zweiunddreißigster Brief

 

Paris, Donnerstag, den 3. Februar 1831

Ich bin jetzt mit den Briefen eines Verstorbenen zu Ende, und ich will Ihnen mitteilen, was ich mir darüber gemerkt. Ich könnte mir die Mühe des Abschreibens ersparen und Ihnen das Blatt selbst schicken. Aber es ist mit Bleistift geschrieben, und ich bin klüger als der Kaiser von Rußland, Preußens Mephistopheles, der seine hohen Meinungen mit Bleistift niederschreibt und dabei ruhig ist – ich denke: der liebe Gott kann das mit dem leisesten Hauche wieder auslöschen. Ich halte mich an Dinte: die ist fest. Aber wie konnten Sie nur glauben, die toten Briefe wären vom lebendigen Heine? Kein Atemzug von ihm darin. Es ist eine gewöhnliche Reisebeschreibung – ich sage aber nicht: die Beschreibung einer gewöhnlichen Reise. Der Verfasser hat mehr gesehen als andere, also auch mehr beobachtet. Als vornehmer Herr wurde er von den hohen und höchsten Ständen freundlich angezogen, und da er oft inkognito reiste (er führte sogar wie ein Gauner doppelte Pässe mit falschen Namen) und ein deutscher Edelmann, wenn er seinen Adel ablegt, bescheiden glaubt, es bliebe dann nichts mehr von ihm übrig, drängte er sich mit der Zuversicht eines Unsichtbaren auch in die niedrigsten Stände. Dadurch mußte das Buch gewinnen. Solche Vorteile hat ein deutscher bürgerlicher Reisender nie. Der Verfasser hat empfänglichen, aber keinen erzeugenden Sinn. Sein Stoff ist reich, aber seine Bearbeitung sehr arm, und von dichterischer Kunst keine Spur. Er schreibt leicht, sehr leicht. Das ist manchmal recht angenehm, doch darf es nicht den ganzen Tag dauern. In häuslichem Kreise, zu häuslichem Gespräche ist das gut; wenn aber die Gedanken unter die Leute gehen, müssen sie sich mit Würde und Anstand kleiden. Wer in Deutschland mit so leichtem Fuhrwerke fährt, läßt vermuten, daß er nicht schwer geladen. Ein guter deutscher Schriftsteller schreibt, daß der Stil unter ihm bricht und daß er mitten im Wege liegen bleibt. Der Verfasser gebraucht französische Redensarten da, wo es weder nötig noch schön ist. Er sagt: aventure – Je dévore déjà un œuf – adieu – Sur ce n'ayant plus rien à dire. – Kaum ein Brief, den er nicht mit einem französischen Satze anfinge oder endigte; das ist sein Morgengebet, sein Abendsegen, sein Amen. Doch verzeihen wir ihm das; das Französische ist sein adliges Wappen, womit er die Briefe versiegelt. Auch daß die Briefe oft zu lang, die Berichte oft zu umständlich sind, wollen wir ihm nicht zu hoch anrechnen. Wir bürgerlichen Reisebeschreiber würden auch oft längere Briefe an unsere Freundinnen schreiben, wenn das Porto nicht zu hoch käme. Aber der verstorbene Edelmann hatte unsern Gesandten in London, der die dicksten Pakete portofrei an seine Julie besorgte. Wir bürgerlichen Preisenden haben es so gut nicht; wir bekommen in der Fremde von unserer Gesandtschaft nichts zu sehen als beim Pässevisieren den Rücken eines Sekretärs, der uns über seine Schultern weg, ohne uns anzusehen, den Paß zureicht. Den Herrn Gesandten selbst bekommen wir nie zu sprechen; er bekümmert sich nicht um uns, wir müßten denn Spione sein. Dieser Stand, wie [der] der Spieler, adelt in Deutschland. Gerecht zu sein, muß ich sagen, die Briefe haben viel Gutes und haben mir Vergnügen gemacht. Nur habe ich nicht darin gefunden, was ich erwartet. Von einem Manne von Stande, dem seine Geburt die groben Erfahrungen des Lebens erspart, hätte ich feine erwartet, feine Bemerkungen über Welt und Zeit. Aber nichts habe ich ihm abgelernt als eine feine Wendung, die ich in der Folge einmal benutzen werde. Wenn Sie einmal alt werden und klagen dann über Welt und Zeit und knurren, daß es nicht auszuhalten, würde ich bürgerlicher Tölpel Ihnen dann wahrscheinlich sagen (bis dahin, hoffe ich, duzen wir uns): »Liebe Freundin! Du siehst alles mit trüben Augen an; denn du bist alt! Aber von unserem verstorbenen Edelmann habe ich gelernt, wie man eine solche Grobheit zarter ausdrückt. Er schreibt seiner Julie, die in ihrem Briefe knurrt: ›Deine älter werdende Ansicht ist schuld an Deiner Grämlichkeit.‹« Das ist alles. Von den Briefen eines Verstorbenen erwartet man, Dinge aus einer andern Welt zu erfahren; zu hören, was kein Lebender zu sagen wagt. Nichts von dem. Daß diese Briefe solches Aufsehen machen konnten, daß ich sogar hier in Paris davon sprechen hörte und sie in Deutschland, wie Ihnen der Buchhändlerjunge sagte, » rasend abgehen«, verdanken sie wahrscheinlich nicht dem Guten, sondern dem Schlechten, das sie enthalten. Es sind den adligen Briefen einige Satiren eingeschaltet, aber von der gemeinsten bürgerlichen Art. Da ist erstens eine gegen deutsche Titelsucht, gegen Rang- und Beamtenstolz. Nun kann zwar eine geschickte Hand von solchem ausgedroschenen Stroh artige Sachen flechten, Hüte, Körbe und andere Spielereien; aber in den toten Briefen ist es rohes Lagerstroh geblieben, es gerade in den Stall zu werfen; und nicht aus Liebe zur Gleichheit eifert der hohe Herr gegen den lächerlichen Dienerstolz der Deutschen, sondern aus adligem Hochmute. Er will, daß nicht Amt oder Titel, sondern Geburt allein den Rang in der bürgerlichen Gesellschaft bestimme. Dann kommt eine Satire gegen die Berliner Mystiker, die wahrlich eine bessere verdient hätten. Da wird das ganze Alphabet durchgeklatscht und hundert Anekdötchen erzählt. Braucht es mehr in dem preßzahmen Berlin, um Aufmerksamkeit zu erwecken? Und den Verstorbenen trieb die Preßfreiheit noch weiter – er sagt es gerade heraus: der Graf Brühl in Berlin, der Generaldirektor der Schauspiele, zu seiner Zeit der zweite Mann im preußischen Staate – kostümiere auf dem Theater die Tempelritter ganz falsch, wie er sich aus dem Grabsteine eines Templers, den er in Irland gesehen, vollkommen überzeugt habe! Der Verfasser soll ein Fürst sein; das ist schön. Da unsere bürgerlichen Schriftsteller nun einmal keine Leute von Welt werden wollen, so bleibt, diesen näher zu kommen, nichts übrig, als daß die Leute von Welt Schriftsteller werden. Er soll kein Geld haben; noch schöner, er sei uns herzlich willkommen. Das ist der wahre Stempel des Genies. Einem guten deutschen Schriftsteller ist nichts nötiger als die Not. Der Fürst mag zwar keinen Überfluß an Mangel haben, wie Falstaff sagt, sondern nur Mangel an Überfluß. Aber nur immer herein. Ist er kein armer Teufel, kann er es doch noch werden. Doch müssen wir ihm, wie allen adligen Schriftstellern, sehr auf die Finger sehen. Nicht damit sie nichts mitnehmen, was nicht ihnen gehört (was wäre bei uns zu holen?), sondern daß sie nichts da lassen, was nicht uns gehört – keinen Hochmut, keinen Adelstolz. Der blickt, der dringt aber nicht selten in den »Briefen eines Verstorbenen« durch. Ruft er doch einmal, als er im Gebirge zwei Adler über seinem Haupte schweben sah, aus: » Willkommen meine treuen Wappenvögel!« Hinaus mit ihm! Was Wappenvögel! Will er etwas Besonderes haben? Ein deutscher Schriftsteller hat kein anderes Wappen als einen leeren Beutel im blauen Felde. Wappenvögel! Hinaus mit ihm aus dem Meßkatalog! Der Hochmut soll Manuskript bleiben, nicht gedruckt werden. Wenn er oben auf dem Snowdon, dem höchsten Berge Englands, Champagner trinkt auf die Gesundheit seiner Julie und den Namen der Freundin durch Sturm und Dunkel ruft – dann sind wir dem Fürsten gut. Wein, Liebe und Adler sind auch für uns; aber die Wappen sind gegen uns. Seid vorsichtig, laßt unsern Zorn schlafen! Nur zu bald erwacht er euch!!

 

Samstag, den 5. Februar

Einige von den Haupt-Brandstiftern in Göttingen (spreche ich nicht, als hätte ich 10 000 Taler Gehalt und wäre der wirkliche geheime Staatsrat von Börne?) haben sich nach Straßburg gerettet und in dortigen Zeitungen Proklamationen bekanntgemacht, die aber gar nicht schön und würdevoll sind. So renommistisch-philiströs, so rauh und holprig! Es dauert einem herzlich. Sie lachen und spotten wie Sklaven, die glücklich der Zuchtpeitsche entlaufen sind. »In Nürnberg hängt man keinen, bis man ihn hat« – sagen sie unter andern. Wenn der Blitz, der andere traf, unschädlich zu unsern Füßen niederschlug, dann mögen wir Gott danken, aber nicht den Blitz verhöhnen. Diese jungen Deutschen sind die Luft der Freiheit nicht gewohnt; sie haben schnell getrunken, und sie ist ihnen in den Kopf gestiegen. Wie ganz anders hätten junge Franzosen in solchen Fällen gesprochen.

Der Herzog von Nemours ist jetzt wirklich zum König von Belgien gewählt. Jetzt kocht's und wirft Blasen wie Welthalbkugeln groß. Sie werden erfahren, wie bald es überläuft.

Der junge ***, von dem ich Ihnen schon einmal geschrieben, trat gleich, als er herkam, aus jugendlichem Mutwillen in die Nationalgarde, und zwar unter die Kavallerie. Vor einigen Tagen, als er den ersten Dienst hatte, bekam er die Wache im Palais Royal. Gerade den Abend war Ball beim König, und die Wache wurde, wie gewöhnlich in solchen Fällen, dazu eingeladen. *** war also auch da und tanzte, Gott weiß, mit welchen Prinzessinnen und Herzoginnen. Was hundert Stunden Wegs für Unterschied machen. Denken Sie nur, wie lange es noch dauern wird, bis in Berlin, Wien oder München ein bürgerliches Judenbübchen in gemeiner Reitertracht auf einem Hofballe tanzen wird! Gott ist wie Shakespeare: Spaß und Ernst läßt er aufeinander folgen.

Die zehen Stämme in Frankfurt werden wieder einen Bußtag gehabt haben. Seit gestern sind die Renten um 4 pCt. gefallen. Man spricht mehr als je vom Kriege, sogar mit England wegen Belgien. Narren, die je daran gezweifelt; oder Heuchler, die daran zu zweifeln sich angestellt! – Für die Polen wollen wir beten. Sie können in Frankfurt gar nichts, und ich hier nichts anders für sie tun, als meine 20 Franken steuern, die das Konzert, das nächstens gegeben wird, kostet. Außer den ersten Künstlern und Künstlerinnen werden sich auch Liebhaberinnen von hohem Stande hören lassen. Die Pariser wissen sich aus allem Vergnügen zu bereiten, selbst aus dem Ungeheuersten.

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