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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 31
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Einunddreißigster Brief

 

Paris, Sonntag, den 30. Januar 1831

Ei! das Volk hat ja wieder einen König gemacht; der Herzog von Nemours ist in Belgien gewählt worden. Nürnberger Ware! Aber warum nicht, solange die Völker Kinder bleiben und Kinderspiele lieben? Diese Frechheit des Volkes, einen König zu machen, muß unsern Altgläubigen noch viel entsetzlicher vorkommen als die, einen König zu zerstören. Gottes Werke zugrunde richten, das kann freilich jeder, aber Gottes Werke nachschaffen wollen – das ist verwegene Sünde. Ich bin nun jetzt begierig, was die französische Regierung tun wird, oder eigentlich was sie sagen wird; denn was sie tun wird, darum war niemand je in Zweifel; es war gleich von der ersten Stunde der belgischen Revolution alles darauf angelegt, das Land mit Frankreich zu vereinigen. Aber was sagen? Sébastiani hat erst vor einigen Tagen in Gegenwart ganz Europas erklärt, seine Regierung würde weder den Herzog von Nemours gewähren noch die Vereinigung Belgiens mit Frankreich annehmen! So sind die Diplomaten! Sie wissen recht gut, daß sie einander nicht betrügen können – es ist Liebhaberei, es ist eine Kunstliebe.

Sie schreiben mir, Heine habe in seinem vierten Bande von der Französischen Revolution gesprochen. Ich denke, er hat nur zu sprechen versucht, es nicht ausgeführt. Welche Rede wäre stark genug, diese wildgärende Zeit zu halten? Man müßte einen eisernen Reif um jedes Wort legen, und dazu gehörte ein eisernes Herz. Heine ist zu mild. Mir auch schrieb Campe, er erwarte, ich würde im achten Bande etwas Zeitgemäßes sagen. Dieser achte Band, den ich machen sollte, hier in Paris, eine Viertelstunde von den Tuilerien, eine halbe vom Stadthause entfernt – es gibt nichts Komischeres! Was, wo, worauf, womit soll ich schreiben? Der Boden zittert, es zittert der Tisch, das Pult, Hand und Herz zittern, und die Geschichte, vom Sturme bewegt, zittert selbst. Ich kann nicht wiederkäuen, was ich mit so viel Lust verzehrt; dazu bin ich nicht Ochs genug. Prophet wollte ich ihm sein, zwölf Bände durch. Und was kann der Deutsche anderes sein als Prophet? wir sind keine Geschichtsschreiber, sondern Geschichtstreiber. Die Zeit läuft wie ein Reh vor uns her, wir, die Hunde, hintendrein. Sie wird noch lange laufen, ehe wir sie einholen, es wird noch lange dauern, bis wir Geschichtsschreiber werden. Doch – ich will jetzt gehen, Beethoven hören. Fünf, sechs solcher Menschen hat das Land, unter denen wir Schatten gegen Hitze, Schutz gegen Nässe finden. Wenn die nicht wären! Das Konzert beginnt um zwei Uhr. Das scheint mir besser als abends. Ohr und Herz sind reiner vor dem Essen. Vielleicht besuche ich diese Nacht den Maskenball. Nicht den in der Großen Oper; den kenne ich von früher, das ist zum Einschlafen; sondern den im Theater an der Porte St.-Martin. Da finde ich mein gutes Volk in der Jacke, das im Juli so tapfer gekämpft. Da ist Lust und Leben. Lange Röcke, lange Weile – das habe ich immer beisammen gefunden.

 

Dienstag, den 1. Februar

Das Konzert Sonntag im Conservatoire, ist, wie ich mir denke, sehr schön gewesen. So ganz aus Erfahrung weiß ich es nicht. Ich saß in der zweiten Reihe Logen, warm wie in einem Treibhause und versteckt hinter Frauenzimmern wie ein Gärtner hinter Blumen. An der Seite sperrten mir dumme dicke Säulen, vor mir dumme große Hüte die Aussicht. Wir haben Revolutionen erlebt, die tausendjährige Könige umgeworfen – wird sich denn nicht einmal eine Revolution erheben, die diese fluchbelasteten Weiberhüte fortjagt? Sie werden mich fragen: Aber was hat man in einem Konzerte zu sehen? Aber eben darum darf das Sehen nicht gehindert sein; denn das Nicht-sehen- können beschäftigt die Augen am meisten. Was mich aber am verdrüßlichsten machte, war, daß ich keine Lehne für meinen Rücken hatte, so daß ich immerfort steif dasitzen mußte, wie vor funfzig Jahren ein deutsches Mädchen unter der Zucht einer französischen Gouvernante. Das bißchen, was mir von guter Laune noch übrigblieb, schenkte ich einer jungen Engländerin, die neben mir saß. Blaue Augen, blondes Haar, ein Gesicht von Rosenblättern, und was sie in meinen Augen am meisten verschönte, ein Hut mit einem flachen italienischen Dache. Sie mochte wohl eine große Musikfreundin sein; denn sie hatte sich aus ihrem eigenen Körper ein schönes Häuschen gebaut, um daraus ungestört zuzuhören. Die Füße hatte sie auf die Bank vor ihr hoch aufgestellt, und die Knie an sich gezogen. Die Brust vorgebeugt, verbarg sie den rechten Ellenbogen in den Schoß und ließ den Kopf auf den zusammengeknickten Arm sinken. Die schöne Dame, so gerundet, hatte keinen Anfang und kein Ende. Sie verstand gewiß etwas von Mathematik und wußte, daß die Kugelform unter allen möglichen Gestalten mit der flachen Welt am wenigsten in Berührung kommt. Ihre Schwester vor ihr hatte den Hut abgelegt und saß ganz vorn, in der Loge allen Blicken ausgesetzt, in purem Nachthäubchen da. Ich machte so meine Betrachtungen, woher es komme, daß nur allein die Engländer und Engländerinnen ihre Sitten und Kleider mit in das Ausland bringen und sich nicht genieren? Gewiß war im ganzen Saale keine Dame, die in einer so häuslichen Stellung dasaß wie meine schöne Nachbarin, und keine, die es gewagt, sich in einem Nachthäubchen zu zeigen wie deren Schwester. Aber trotz meiner Philosophie und Verdrüßlichkeit merkte ich doch zuweilen, daß man da unten schöne Musik machte. Die Symphonie Eroica von Beethoven (ich fand die Musik mehr leidend als heroisch). Eine Arie aus dem »Freischütz« (mein deutsches Herz ging mir dabei auf wie eine trockene Semmel in Milch). Sextett von Beethoven. Chor aus Webers »Euryanthe«. Ein Musikstück für Blasinstrumente. Trio aus Rossinis »Wilhelm Tell«. Klaviersolo, gespielt und komponiert von Kalkbrenner. Ouvertüre aus »Oberon«. Aber diese Stadt der Sünden, Paris – der liebe Gott muß sie doch liebhaben; was er nur Schönes hat, was Gutes, alles schenkt er ihr. Die schönsten Gemälde, die besten Sänger, die vortrefflichsten Komponisten. Dieses eine Konzert – was hörte man da nicht alles zugleich! Das beste Orchester der Welt. Die Aufführung der Symphonie so vollendet, daß, wie mir *** [Hiller] sagt, man dieses gar nicht merkt. Ich erkläre mir das in dem Sinne: um einzusehen, wie vollkommen etwas sei, muß daran noch etwas mangeln. Ist die Vollkommenheit ganz erreicht, verliert man den Standpunkt der Vergleichung. In einem Konzert hörten wir: Kalkbrenner, den ersten Klavierspieler; Baillot, den ersten Violinspieler; Tulon, den ersten Flötenspieler; Vogt, den ersten Oboisten, und Nourrit, den besten französischen Sänger. Das ganze Orchester erschien in der Nationalgarde-Uniform. Baillot ist Offizier, Nourrit auch. Der eine geigte, der andere sang mit Epaulettes. Ich wollte, hannövrische Offiziere von den Siegern von Göttingen wären in meiner Loge gewesen und hätten nicht gewußt, daß ich deutsch verstehe!

– Also Israel in Frankfurt hat wieder einen guten Tag gehabt, sein Lebenspuls hat sich wieder einmal gehoben? Israel jammert mich manchmal, seine Lage ist gar zu betrübt. Kurse oben, Kurse unten, wie der tolle Wind das Rad schwingt – es sind die Qualen des Ixion. Aber ist es nicht furchtbar lächerlich, daß die niedrigste und gemeinste aller Leidenschaften so viele Ähnlichkeit hat mit der erhabensten und edelsten, die Gewinnsucht mit der Liebe? Jawohl, Gott hat das Volk verflucht, und darum hat er es reich gemacht. Aber von den ekelhaften Geschichten mit den jüdischen Heiratserlaubnissen und jüdischen Handwerksgesellen erzählen Sie mir nichts mehr. Ich will nichts davon hören, ich will nichts damit zu tun haben. Wenn ich kämpfen soll, sei es mit Löwen und Tigern, aber vor Kröten habe ich einen Abscheu, der mich lähmt. Es hilft auch nichts. Man muß den Sumpf ausrotten, dann stirbt das Schlammgezücht von selbst weg. Unsere Frankfurter Herren, finde ich, haben ganz recht. Sie denken, Gott ist doch nun einmal im höchsten Zorne, ob wir ihn ein bißchen mehr, ein bißchen weniger ärgern, das kann nichts verschlimmern. Den Juden in Frankfurt ist jetzt am wenigsten zu helfen, wenn sie klagen bei den großen Herren der Bundesversammlung oder bei den kleinen im Senate, weiß ich, was man ihnen sagt – es ist, als wäre ich gegenwärtig. Öffentlich wird man sie barsch abweisen, unter vier Augen aber wird man den Diplomaten, den Pfiffigen unter den Juden sagen: »Lieben Leute, jetzt ist gar nicht die Zeit, an diese Sache zu rühren. In Deutschland ist ohnedies alles in Bewegung, das Volk ist aufgeregt, die allgemeine Stimmung gegen euch, so daß, wenn wir euch jetzt Freiheiten bewilligten, dieses üble Folgen hätte für die allgemeine Ruhe und für euch selbst.« Und unser jüdischer Adel wird das sehr gut verstehen und beifällig mit den Augen blinzeln und beim Heruntergehen dem jüdischen Pöbel vor der Türe zurufen: »Packt euch zum Teufel, ihr seid dumm und unverschämt!« ... Von einem jüdischen Komitee und dessen Schreibereien erwarte ich nichts. Es sind eben Deutsche, wie die andern auch. Sie sind in einem unseligen Wahne befangen. Ihre Ehrlichkeit richtet sie zugrunde. Sie meinen immer noch, es käme darauf an, recht zu haben, zu zeigen, daß man es hat. Jetzt sprechen sie für die Freiheit wie ein Advokat für einen Besitz. Als käme es hier noch auf Gründe an; als wäre seit einem halben Jahrhunderte nicht alles ausgeschöpft worden, was man für Freiheit, für Menschenrechte, für Bürgerrechte der Juden sagen kann. Das alles weiß der Tyrann so gut als der Sklave selbst. Gewalt wie Freiheit kommt aus dem Herzen. Der Räuber, der uns unser Gut nimmt, täuscht sich nicht; er weiß, was er tut. Nicht an den Verstand, an das Herz muß man sich wenden, an das der Gegner wie an das der Gleichgesinnten. Die Herzen muß man rühren, die unbeweglichen durchbohren. Das Wort muß ein Schwert sein; mit Dolchen, mit Spott, Haß, Verachtung muß man die Tyrannei verfolgen, ihr nicht mit schweren Gründen nachhinken. Das verstehen aber unsere deutschen liberalen Schriftsteller nicht, und noch heute sowenig als vor dem Juli. Ich sehe es ja. Unter den Büchern, die Sie mir geschickt, ist auch eine Broschüre über die hessischen Juden, und eine über die deutsche Preßfreiheit. Gelesen habe ich sie noch nicht, aber einen Blick auf die erste Seite geworfen. Ich hatte genug; es ist ganz die alte Art. Der Hanauer Jude hat das Motto von Schiller: Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei – und so weiter die Litanei. Dann fängt er an: »Die höchste Glücksstufe, die nach menschlichen Begriffen einem Staate erreichbar ist, hat Kurhessen rühmlich betreten. In allen ihren Teilen hat man den aufgeklärten und freisinnigen Ideen der Gegenwart gehuldigt.« Der Jude soll Matze backen aus diesem ungesäuerten Teige; Brot wird nie daraus. Der christliche Ritter der Preßfreiheit, Professor Welcker, schrieb folgendes auf der Titelfahne seines Buches: »Die vollkommene und ganze Preßfreiheit nach ihrer sittlichen, rechtlichen und politischen Notwendigkeit, nach ihrer Übereinstimmung mit deutschem Fürstenwort und nach ihrer völligen Zeitgemäßheit dargestellt, in ehrerbietigster Petition an die hohe deutsche Bundesversammlung.« ... Die Herren von der deutschen Bundesversammlung werden den ehrerbietigen Professor auslachen. Wenn ich über die Preßfreiheit schriebe, würde ich anfangen: »Die Preßfreiheit, oder der Teufel holt euch alle miteinander, Volk, Fürsten und deutsches Land!« Ich meine, das müsse einen ganz andern Effekt machen. Je mehr Gründe, je mehr Füße; je mehr Füße, je langsamer der Gang; das sieht man an den Insekten. Doch genug – und habe ich nicht recht, daß ich in die italienische Oper gehe?

Mein Tagebuch aus Soden habe ich, seit ich es geschrieben, nicht mehr gelesen. War es gut, so ist es noch gut; das hat keine Not. Älter ist darüber wohl manches in Deutschland geworden, aber alt nichts. Es blühen alle Veilchen, vor wie nach.

Sie können sich wohl denken, daß ich den Unfug, den die Studenten in der Sorbonne sich gegen den Minister Barthe zuschulden kommen ließen, nicht billigen werde. Die Studenten selbst haben sich gegen dieses tadelnswürdige Betragen, das nur auf einige unter ihnen fiel, laut geäußert. Aber selbst dieser sträfliche Übermut ist lehrreich genug; denn er zeigt den lobenswerten tiefen Unmut in der Jugend. Die Studenten hier sind gar nicht wie unsere deutschen, phantastisch ungezogen, dem Bürgerleben und seinen Regeln fremd, alle Konvenienz verspottend; und in wenigen Jahren alle Kraft, alles Feuer der Jugend vertrinkend und vertobend, um gleich nach der Universität die abgelebtesten zahmsten Philister zu werden. Sie sind vielmehr die stillsten und bescheidensten jungen Leute, die sich von der Jugend der andern Stände nur durch die Einfachheit ihres Äußeren auszeichnen. Man sollte sie oft für deutsche Handwerksbursche halten. Was sie in Bewegung setzt, ist etwas sehr Edles, mag immerhin die Bewegung einmal im Gange unregelmäßig werden.

 

Mittwoch, den 2. Februar

Gestern kam in der Pairskammer das Gesetz über die Besoldung der jüdischen Geistlichen vor. Es wurde zwar angenommen, fand aber doch viele Gegner. Der Admiral Verrhuell hielt eine Rede gegen die Juden. Das Volk Gottes hat doch Feinde zu Wasser und zu Lande. Der Admiral sagte: »Ich habe die Juden in allen vier Teilen der Welt kennen gelernt; sie taugen überall nichts; überall denken sie nur an Geldverdienen.« Schändliche Verleumdung! Gerade das Gegenteil. Die meisten Juden streben nach nichts, als Geld zu verlieren, und darum kaufen sie österreichische Staatspapiere.

Aber ist die Begeisterung der Polen nicht höchst erhaben, höchst rührend? Gab es je etwas Großes, das zugleich so schön war? Unter den rauhen Blättern der Geschichte ist es ein Blatt auf Velinpapier geschrieben ... Die Polen haben jetzt alle nur ein Geschlecht, nur ein Alter. Weiber, Kinder, Greise, alles rüstet sich; viele gaben ihr ganzes Vermögen hin und nannten sich nicht und gaben keine Spur, auf der man ihre Namen entdecken konnte. Einen silbernen Löffel im Hause zu haben, ist eine Schmach, man gebraucht nur hölzerne. Die Frauen liefern ihre Trauringe in die Münze und erhalten dafür kleine silberne Medaillen mit der Schrift: La patrie en échange. Ist das nicht schön? Im Polnischen lautet das wahrscheinlich noch schöner. Aber ach! das ernste Schicksal liebt die Kunst nicht. Die Polen können untergehen trotz ihrer schönen Begeisterung. Aber geschieht es, wird so edles Blut vergossen, dann wird es den Boden der Freiheit auf ein Jahrhundert befeuchten und es tausendfältige Früchte tragen. Die Tyrannen werden nichts gewinnen als einen Fluch mehr. Wer jetzt einen Gott hat, der bete, und wer beten kann, der bete nur für die Polen. Die sind oben im Norden, und die Freiheit, wie jede Bewegung, kommt leichter herab, als sie hinaufsteigt.

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