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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 27
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Siebenundzwanzigster Brief

 

Paris, Donnerstag, den 20. Januar 1831

Gestern las ich zu meinem Erstaunen in der Allgemeinen Zeitung: »Der geniale Schriftsteller Heine, von dem es früher hieß, er würde eine Professur der Geschichte auf einer preußischen Universität erhalten, bleibt in Hamburg, wo man ihm das erste erledigte Syndikat zugedacht.« Heine Syndikus? Was sagen Sie dazu? Heine Professor? Aber es ist gar nicht unmöglich. In dieser gefährlichen Zeit durfte man wohl daran denken, die Genies in ein Amt oder in eine Professur zu sperren. Aber ein Narr, wer sich fangen läßt.

Ich habe Grimms Correspondance littéraire zu lesen angefangen, die durch vierzig Jahre geht. Ich bin noch nicht weit hinein, hoffe aber es ganz durchzulesen. Das Buch hat zwölf Bände und ist noch nicht fertig. Man lernt viel daraus und wird an vieles erinnert. Paris war damals die Küche, worin die Revolution gekocht wurde. Da sieht man noch die ursprünglichen Bestandteile der Mahlzeit, das rohe Fleisch, gerupfte Vögel, Salz, Gewürz und die Schweinerei der Köche. Aus dem saubern Mischmasch später ist nicht mehr klug zu werden. Grimm zeigt Verstand genug, aber gar keinen Geist und nicht so viel Wärme, daß man eine feuchte Adresse daran trocknen könnte. Dieser Mensch war mir immer unleidlich; er hat eine geräucherte Seele. Welch ein guter Gimpel mußte Rousseau sein, daß er, obzwar älter als Grimm, diesen Menschen nicht durchschaute und eine Zeitlang mit ihm in Vertraulichkeit lebte! Nie standen zwei Seelen so weit auseinander, und die Natur scheint Rousseau und Grimm gleichzeitig geschaffen zu haben, um darzutun, welche verschiedenartige Talente sie hat. Merkwürdig bleibt es immer, daß so ein deutscher blöder Pfarrerssohn, der im gepuderten Leipzig studiert hatte, sich unter den kühnen und glänzenden Geistern des damaligen Paris bemerkt machen, ja sich auszeichnen konnte! das kam aber daher: der deutsche Junge war Hofmeister in adligen Häusern, wo man das Einmaleins, das unserm Glücke oft im Wege steht, leicht verlernt. Es macht dem deutschen Adel Ehre, daß Grimm unter den französischen Spitzbuben so schnell bis zu einem der Hauptmänner hinaufstieg. Er begriff leicht, daß alles darauf ankomme, die Weiber zu gewinnen, und es gelang ihm mit einem Streiche. Er stellte sich in eine schöne Schauspielerin verliebt, die ihn abwies. Grimm legt sich ins Bett und bekömmt eine Art Starrkrampf. Er bewegt sich nicht, spricht nicht, ißt und trinkt nichts, außer wenige eingemachte Kirschen, die er aber mit nicht ganz unsichtbarem Vergnügen herunterschluckt. Seine besorgten Freunde, worunter auch Rousseau, umgeben sein Bett. Einer derselben beobachtet ängstlich die Mine des Arztes, wie man es in solchen Fällen gewöhnlich tut. Der Arzt sagt, es hätte nichts zu bedeuten, und man sah ihn lächeln, als er wegging. Eines Morgens stand Grimm auf, kleidete sich an und war gesund. Jetzt war sein Glück gemacht. Er wurde als das Muster treuer Liebe gepriesen. Seine Korrespondenz machte ihn reich, er stand mit einem Dutzend nordischer Fürsten und Fürstinnen in Briefwechsel, die sich die Früchte des französischen Geistes, wie Apfelsinen, kommen und schmecken ließen. Er bekam einen großen Gehalt dafür. Übrigens machte er auch noch für Privatleute Abschriften von den literarischen Berichten für ein Abonnement von 300 Fr. monatlich. Zweimal monatlich, den 1. und den 15., schrieb er solche Briefe, die gewöhnlich keinen Druckbogen groß sind. Viel Geld für wenig Arbeit. Ich wollte, es fände sich auch ein dummer Prinz oder eine kluge Prinzessin, die mich auf solche Weise beschäftigte und bezahlte. Ich beneide den Grimm um diese Stellung. Was haben wir armen Teufel heute von allem unsern Schriftstellern? Den besten Teil verschlingen die Grundsteuern und Zehnten der Zensur vorweg, und für das übrige wenig Geld und späten Beifall, der uns kalt und abgestanden zukommt. Grimm war auch eine Zeitlang Frankfurter Gesandte mit 24 000 Franken Gehalt.

Die kindische Regierung hier hat wieder ein großes Stück Freiheit abgebissen; denn sie kommt mir vor wie ein Kind, das einen Apfel in der Hand trägt, den es sich vorgenommen, auf später zu verwahren. Erst leckt es daran, seine Enthaltsamkeit zu prüfen; dann schält es ihn etwas dick mit den Zähnen; dann beißt es tiefer hinein, dann ißt es ein herzhaftes Stück herunter, und endlich bleibt vom ganzen Apfel nichts mehr übrig. Nach der Revolution hat sich das Volk auch die Theaterfreiheit genommen. Die Regierung sah dieses als eine Sache an, die sich von selbst verstände. Nun ist es seitdem geschehen, daß die Theaterdirektionen die Freiheit, soviel Geld als möglich zu verdienen, als die beste angesehen haben. Um die Leute anzulocken, spielen sie die Geschichten gleichzeitiger Personen. Napoleon, Josephine, Robespierre, Lavalette, der Herzog von Orléans, Benjamin Constant, sie mußten alle auf die Bretter. Das war nun freilich oft unanständig. Allein, wenn das Gesetz sogar Unanständigkeiten verbietet und bestraft, was bleibt dann der Sittlichkeit und der Moral übrig? Übrigens hatte jeder, der sich selbst durch jene Theaterinjurien oder einen Angehörigen seiner Familie oder das Andenken eines Verstorbenen verletzt fühlte, Mittel genug, bei den Gerichten Hülfe zu suchen, und die Regierung brauchte sich nicht hineinzumischen. Auch wären nach einem Vierteljahre diese albernen Wachsfiguren-Komödien wieder außer Mode gekommen. Aber die Regierung benutzte das, um eine Gewalt mehr zu erwerben. Jetzt haben die Minister ein Gesetz vorgelegt, diese Freiheit zu beschränken. Zwar haben sie nicht gewagt, die Theaterzensur wieder einzuführen, doch sind sie dem heißen Brei so nahe als möglich gekommen. Wer ein neues Stück spielen läßt, muß es vierzehn Tage vor der Aufführung dem Minister oder dem Präfekten vorlegen. Verboten kann zwar die Aufführung auf keine Weise werden; wird es aber aufgeführt und es kommen Beleidigungen darin vor (und jetzt wird die endlose Reihe der Vergehungen aufgezählt: gegen den König, gegen die Kammer, gegen fremde Fürsten, gegen Privatpersonen), dann treten die Strafen ein. Bis zu fünf Jahre Gefängnis, bis zu 10 000 Franken Geldstrafe. Kurz, es ist, die Leute zugrunde zu richten. Nachgeahmt oder auch nur kenntlich bezeichnet darf niemand mehr werden auf dem Theater. Es ist zum Verzweifeln. Und jetzt gibt es dumme gute Leute genug, hier wie bei uns, die gar nicht begreifen, was denn an einem so löblichen Gesetze zu tadeln sei. Diese Menschen sehen nicht ein, daß solche hemmenden Gesetze den Faschinen gleichen. Anfänglich fließt das Wasser frei durch, aber nach und nach führen Zeit und Arbeit so viel Sand und Erde herbei, daß endlich ein fester Damm daraus wird. Und jetzt wird noch die Kammer kommen, die sich darüber ärgert, daß sie alle Tage im Odeon ausgeklatscht wird, und wird das Gesetz noch strenger machen. So wird eine Freiheit nach der andern zurückgedrängt, und ich glaube, daß bei unsern Machthabern viel Eitelkeit, ja mehr als böser Wille dabei im Spiele ist. Die Regierung, von bürgerlicher Abstammung heraufgekommen, wie sie ist, will zeigen, daß sie so gut zu regieren versteht als die älteste Regierung, und daß sie das Volk im Zaum zu halten weiß. Die fremden Gesandten mögen wohl in freundschaftlicher Unterhaltung die Minister necken, sie ständen unter der Zucht des Volks. Diesen wird dadurch der Ehrgeiz aufgeregt, sie stellen sich auf die Fußspitze und zeigen ihre Größe. Die fremden Höfe lassen gewiß nicht ab, die französische Regierung aufzumuntern, strenge Ordnung im Lande zu erhalten. Nicht etwa als nennten sie das strenge Ordnung, womit hier die Regierung sich bis jetzt begnügte, und über die hinaus sie wahrscheinlich auch nicht gehen will – in den Augen jener Höfe ist das immer noch die greulichste Anarchie –; sondern weil sie hofft, daß französische Volk werde sich das ewige Hofmeistern nicht gefallen lassen, und es würde endlich die Geduld verlieren und wieder losbrechen.

 

Freitag, den 21. Januar

Gestern war ich im italienischen Theater und habe die Malibran wieder gesehen. Aber entzückt wie das vorigemal im »Barbier« war ich nicht, was aber gar nicht unsere Schuld ist, denn wir hatten gewiß beide den besten Willen. »Cenerentola« von Rossini wurde gegeben. Musik bis auf einige Stücke, besonders ein herrliches Sextett, sehr matt und leer; das Gedicht langweilig, schwerfällig. Keine Spur von der Grazie und der Laune, die im »Aschenbrödel« von Nicolo und Etienne herrschen. Die Malibran sang und spielte zwar gut, aber es war keine Rosine. Lablache spielte den Hofmann, welcher beide Schwestern den Prinzen vorstellt. Es ist merkwürdig, was dieser Mann spielt, merkwürdiger, was er nicht spielt. Eine solche Entsagung ist mir noch bei keinem Schauspieler vorgekommen. Seinen Gesang bewundere ich immer mehr und mehr. Alle andere Sänger, die ich noch gehört, selbst die göttliche Malibran – es bleibt doch immer ein Instrument, das sie spielen. Sie und die Töne sind getrennt, sie bringen sie hervor. Lablache aber ist eins mit seinem Gesange, er ist wie eine Singuhr, die, einmal aufgezogen, von selbst fortsingt. Den Abend hörte ich auch zum ersten Male zwei andere vortreffliche Sänger, Donzelli und Zuchelli. Ich sage zum ersten Mal, obzwar der eine im »Barbier« den Grafen, der andere den Bartolo machte. Aber ich hörte sie damals nicht über die Malibran. Zuchelli, der hochmütige Vater der eitlen Töchter, hat ein komisches Duett mit Lablache, das einen, der unter dem chirurgischen Messer schmachtet, zum Lachen bringen müßte. Welch ein Leben, welch ein hohes Mienenspiel, was wird da nicht alles eingesetzt! Ich hätte nicht geglaubt, daß das Menschengesicht so reich an Zügen wäre. So ein italienischer Bouffon ist doch ganz anders wie ein deutscher oder französischer. Letztere, selbst in ihrer ausgelassensten Laune, auch wenn sie sich der Fröhlichkeit noch so keck und unbedacht hingeben, verraten doch eine versteckte Ängstlichkeit. Es ist, als hätten sie ein böses Gewissen, als fühlten sie, daß sie etwas Unrechtes, etwas Unschickliches begingen, indem sie so fröhlich sind. Der Italiener aber hat den echten katholischen Glauben, er sündigt getrost fort und verläßt sich auf die Absolution. Ich habe *** [Meyerbeer] gefragt, wie sich die Sontag zur Malibran verhalte? Er sagte mir: Man dürfe die Sontag gar nicht nach dem beurteilen, was sie war, ehe sie nach Frankreich gekommen; sie habe sich in Paris ungemein entwickelt und ausgebildet. Es ist schade, daß sie nicht alle ihre deutschen Bewunderer mit sich hieher geführt, damit sie auch etwas lernen. Die Sontag war mir ganz zuwider, wegen der mir verhaßten Anbetung, die sie in Deutschland gefunden hat. Dort haben sie eine hohe Obrigkeit aus ihr gemacht, und man weiß doch, was das heißt – eine hohe Obrigkeit ist dem Deutschen eine höchste Gottheit. Hier ist das ganz anders. Sie haben es früher selbst gesehen, welcher Aufregung die Franzosen im Theater fähig sind. Es ist nicht bloß wie bei den Deutschen ein Toben mit dem Körper, ein Klatschen, ein Schreien, es ist ein inneres Kochen, ein Seelensturm, der nicht mehr zurückgehalten werden kann und endlich losbricht. Aber wenn der Vorhang fällt, ist alles aus. Man verehrt keine Sängerin wie eine Königin, man betet sie nicht wie eine Heilige an. In keiner Gesellschaft hier werden Sie je vom Theater sprechen hören, in Berlin nie ein Wort von etwas anderm. – Die italienische Oper hier mögen viele Kenner, wenigstens viele geübte Dilettanten besuchen. Man merkt dieses bei der Aufführung bald an der Sicherheit und Bestimmtheit des Urteils. Manchmal brach ein Beifallsgemurmel aus, manchmal tat sich ein tadelndes Stillschweigen kund, ohne daß ich entdeckte, was die Veranlassung zu diesem und jenem war. Und diese entscheidenden Kenner schienen mir sehr streng zu sein. Im Orchester (was man hier so nennt, die ersten Reihen der Parterresitze) bemerkte ich einige musikalische Grauköpfe, die gewohnt da saßen, als wären sie in ihrem Schlafzimmer. Sie horchten ernst und streng auf, als wären sie Geschworne bei den Assisen. Sie kamen mir wie Invaliden vor, die noch den musikalischen Krieg zwischen den Italienern und Franzosen mitgemacht. Jene ganze Zeit, Rousseau schwebte mir vor, ich sah nach der Ecke der Königin! und in dem Sturme jener Zeit, der in meiner Erinnerung lebte, ging mir eine ganze Arie zugrunde.

Mit Niebuhr mag es sich wirklich so verhalten, wie die preußische Staats-Zeitung erzählt. Das hat aber die preußische Staats-Zeitung weislich verschwiegen, daß Niebuhrs Gram daher floß, weil er die Gefahren voraussah, welchen der preußische Staat entgegeneile. Die Wahnsinnigen in Deutschland – sie eilen dem Abgrunde entgegen. Schon vor einigen Monaten erzählte mir ein Bekannter hier, der entweder selbst mit Niebuhr oder doch mit dessen vertrauten Freunden in Verbindung steht: dieser gelehrte Mann wäre seit der Französischen Revolution in brütenden Gram versunken und ganz aus dem Häuschen. Aber eine Seele, die in einem Häuschen wohnte, die konnte nicht sehr groß sein. Heute Abend auf den Ball. Ich erwarte den Friseur. Ich lasse mich à la Franz Moor frisieren. Der Ball wird so glänzend wie der im vorigen Jahre. Ich werde Ihnen alles genau beschreiben. – In Hessen geht es gut. Vorwärts, Kinder! die Göttinger Bibliothek verbrennen! Es ist ein erhabener Gedanke! Das hat Gott herabgerufen! Eine halbe Million Bücher weniger, das kann die Deutschen weiser machen! Es lebe die Freiheit!

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