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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 26
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Sechsundzwanzigster Brief

 

Paris, den 16. Januar 1831

Lachen Sie mich aus! Ich bin gar nicht liberal mehr, sondern seit gestern abend ein vollständiger Narr und lachender Gutheißer. Was geht mich die Not der Menschen an, wenn ich froh bin? Was ihre Dummheit, wenn ich selbst klug bin und das Leben genieße! Mögen sie weinen, wenn es singt um mich herum. Ich habe bei den Italienern Rossinis »Barbier« gehört, und darin Lablache als Figaro, die Malibran als Rosine. Und, schlimmer als gehört, auch gesehen. Ich war entzückt und bin es noch, daß ich mich totschämen sollte. Stunde auf Stunde, diese so bittern Pillen unserer Zeit schluckte ich fröhlich hinunter, so vergoldet waren sie mir. Ich dachte nicht mehr an die hessische Konstitution und ließe jede fünf gerade sein, würde die Lüge immer so gesungen. Welch ein Gesang! Welch ein Spiel! Figaro in den besten Jahren – die Weiber zum besten zu haben, und dick. Ich weiß nicht, ob Lablache so ist von Natur, oder ob er sich durch Kunst so gemacht. Aber gewiß, mit dieser Gestalt muß sich ein Figaro ausstatten. Ja nicht flink, ja nicht jung, sich ja nicht zu schön gemacht, wie es alle die andern waren, die ich noch gesehen. Wie ist es möglich, fröhlich zu sein, solange man den Weibern gefährlich ist? Wer Ruhe stören kann, dem kann man sie auch stören. Das Fett der guten Laune umgab diesen Figaro von allen Seiten, beschützte ihn und ließ keine feindliche Minute durch. Sie hätten den Spitzbuben sehen sollen mit seinen Augen! Er hätte bis auf die Augen das ganze Gesicht verhüllen, er hätte kein Glied zu bewegen brauchen, und man hätte ihn doch verstanden. Wenn er Rosinen, den Grafen, den Alten ansah, wußte man vorher, was diese sagen würden: man erkannte es aus Figaros Gesicht, der sie durchschaute und uns sein Erraten erraten ließ. Welch unvergleichliche Mimik! Seine Worte waren eigentlich nur die Vokale, zu welchen seine Bewegungen die Konsonanten fügten. Und der Gesang! Schnell, leicht und glänzend wie Seifenblasen, stiegen ihm die Töne aus der Brust. Und Rosine! – ich bin verliebt, verliebt, verliebt: Schön ist sie gar nicht, bis auf die Augen. Aber diese wonnesüße Schelmerei, dieses zaubervolle Lächeln, das man trinkt und trinkt und nie berauscht wird; und so ohne alle Tücke, man sieht es, sie will ihren alten Vormund einen Tag betrügen, nur um ihn nicht jahrelang betrügen zu müssen; so ohne alles Streben zu gefallen! Kein Hauch von Koketterie an der Malibran. Wäre es aber doch, käme ihr Zauberlächeln nicht aus der Seele, – dann seid ihr Weiber fürchterliche Geschöpfe. Ihr Gesang! Er kam aus dem Herzen des Herzens. Ich mußte mich daran erinnern, gerecht zu sein, um mich zu erinnern, daß die Sontag ebenso schön gesungen. Ich will Kenner fragen, die beide gehört. Aber das will ich verbürgen: die Sontag singt schön, weil sie gefallen will, und die Malibran gefällt, weil sie schön singt ... Ich werde sparen, und reicht das nicht hin, werde ich stehlen, und reicht das nicht hin, werde ich rauben, und reicht das nicht hin, werde ich in die »Didaskalia« schreiben; aber ich versäume die Malibran nicht mehr, solange ich hier bin. Zwölf Franken kostet mich mein Platz, den vornächsten zu ihr, den man haben kann. Ehe ich die Malibran gehört, ahndete ich gar nicht, daß ein musikalischer Vortrag auch genialisch sein könne; ich dachte, der Gesang stände im Dienste der Komposition, und wie der Herr, so der Diener. Aber nein. Aus der Spielerei Rossinischer Musik machte die Malibran etwas sehr Ernstes, sehr Würdiges. Dem schönen Körper gibt sie auch eine schöne Seele. Von ihr habe ich begreifen lernen, wie es möglich war, daß einst der Schauspieler Garrick das Abc so deklamierte, daß alle Zuhörer weinen mußten ... Lablache mußte ich bewundern wegen seiner Mäßigung in seiner Kraft. Wie kann man nur eine Stimme, die so große Gewalt hat, so meistern, wie man will? Es stürmt aus seiner Brust, und er sagt jeder Tonwelle: so hoch und nicht höher. Gleiche Mäßigung in seinem Spiele, und wie schwer das in dieser leichtsinnigen Rolle! Es ist wie ein Eiertanz. Er bewegt sich im kleinsten Raume, kühn zwischen zarten, leicht verletzlichen Verhältnissen, berührt sie alle und verletzt keines.

– Unter allen Späßen dieser spaßhaften Zeit gefällt mir keiner besser als der, den die Nationalversammlung in Brüssel mit der europäischen Diplomatik treibt. Alles, was die Herren Diplomatiker über die belgische Angelegenheit in ihrem Schlafzimmer oder in ihren Ratsstuben gesprochen, versprochen, gelogen, geheuchelt, geleugnet oder eingestanden, versagt oder bewilligt, wird von jenen dummen Bürgersleuten öffentlich vor allem Volke mitgeteilt. Vergebens schreien die diplomatischen Köche: Wartet ins Teufels Namen, bis das Essen gar ist! Die Belgier erwidern: Wir wollen nicht warten, bis die Suppe verbrannt, das Essen ist uns gar genug, und wir haben Hunger. Die Diplomatiker sind in Verzweiflung darüber. Stellen Sie sich vor, in welche Wut Janchen von Amsterdam käme, wenn auf der Frankfurter Messe in jedem Bier- und Weinhause einer hinter ihm stände und den anstaunenden Zuschauern erklärte, wie man ein zerschnittenes Band wieder ganz mache, eine Karte verändere, eine kleine Muskatnuß in einen großen Federball verwandele, und wie das alles so natürlich zuginge! Er würde jammern, daß man ihn um Brot und Ansehen bringe. So ist es hier. Es ist zum Totlachen; sie wissen sich vor Angst nicht mehr zu helfen. Ich erinnere mich, in welchen Zorn es die Diplomatiker versetzte, als vor sieben Jahren, während der spanischen Revolution, der damalige Minister der auswärtigen Angelegenheiten in Spanien über einen diplomatischen Gegenstand einen aufrichtigen und verständlichen Brief drucken ließ. Sie hatten schon, wenn auch mit saurem Gesichte, die ganze Revolution verschluckt; aber diesen Brief – das konnten sie nicht hinunterbringen. Göttliche Leute sind die Belgier! O dahin muß es kommen: die Kellerlöcher der Diplomatik müssen geöffnet werden, und dann erst wird es frisch und hell im ganzen Hause sein. Die Gazette hier, die über jene Unverschämtheit des belgischen Kongresses auf ihre Art spricht und lästert, endigt mit den Worten: Tout cela prouve combien une nation est petite, quand elle n'a pas de Roi! Ich bin wahrhaft erschrocken, wie ich das gelesen habe. Wie ist es möglich, dachte ich, daß zwei Menschen, von welchen nicht wenigstens einer im Tollhause sitzt, so verschiedene Meinungen haben können? Wer von uns ist verrückt, die Gazette mit den ihrigen oder ich mit den meinigen?

 

Montag, den 17. Januar

Haben Sie es gelesen, daß die Stunde in Kassel gleich damit angefangen, den Kurfürsten um seine allergnädigste Erlaubnis zu bitten, daß ihm sein getreues Volk eine Statue errichten dürfe? Haben Sie es denn wirklich auch gelesen, und hat mir das nicht ein neckischer Geist auf einem Zeitungsblatte vorgegaukelt? Nein, daß sich die Freiheit in Deutschland so schnell entwickeln würde, das hätte ich nie gedacht! Ich hatte den guten Leuten doch unrecht getan. Wenn das so rasch fortgeht, werden wir in drei Wochen den Vereinigten Staaten nichts mehr zu beneiden haben. In Hannover haben sie sich auch erhoben. Das wird dem armen Lande wieder sechs Schimmel, einen schönen Wagen und eine Statue kosten. Hätten sie nicht gleich damit anfangen können, dem Herzog von Cambridge die Pferde auszuspannen und als Vize-Schimmel seinen Wagen zu ziehen? Was brauchen sie erst vorher eine Revolution zu machen? Ist aber ein treuer Gimpel, der Deutsche! Man kann ohne Sorge den Käfig offen lassen, der Vogel fliegt nicht fort ... Haben Sie auch gelesen, daß der König von Bayern seinen Soldaten, welche in seine Bürger eingehauen, einen dreitägigen Sold geschenkt? Ich verstehe nicht mehr. Sie schüren das Feuer, und ihr eigenes Haus brennt; sie gießen Öl in die Wunde, und es ist ihr eigener Schmerz! Ich verliere mich darin.

 

Dienstag, den 18. Januar

–Was ich von der hannövrischen Revolution erwarte, habe ich Ihnen schon oben geschrieben. Wenn freilich das englische Ministerium selbst die Sache angestiftet hat, so ändert das die Verhältnisse – aber auch nur etwas, aber nicht viel. Doch kann ich mich hierin irren. Von dem hannövrischen Volke selbst, wenn es sich allein, ohne geheime Anregung von London erhoben, erwarte ich nicht viel. Hat doch die neue Regierung in Göttingen in ihrer Proklamation auf die Freiheit von Hessen angespielt! Diese Konstitution schwebt ihren Wünschen als Ideal vor, und sie ist doch die unverschämteste Betrügerin, die man sich nur ersinnen kann. Es wäre ein Meisterstreich von Politik, wenn das englische Ministerium dem Königreiche Hannover eine wahre vollkommene Freiheit gäbe. Es würde dadurch diesen kleinen Staat zum mächtigsten in ganz Deutschland erheben. Dann könnte England Preußen und Österreich trotzen, wenn diese ihm einmal den Krieg erklärten – ein Fall, der leicht und bald eintreten kann. Ist dieses so, dann müßte das englische Ministerium natürlich im geheimen agieren und das hannövrische Volk gegen den Adel in Bewegung setzen, der, eigensinnig und hochmütig, wie er dort ist, die Emanzipation des Bürgerstandes nie bewilligt hätte. Im heutigen Temps steht eine ausführliche und richtige Erzählung von den Göttinger Vorfällen. Sie müssen sich das Blatt zu verschaffen suchen; denn in deutschen Zeitungen werden die Vorfälle natürlich entstellt werden. Ein Göttinger Bürger, der die Schlachtsteuer zu bezahlen verweigert, soll die erste Anregung zum Aufstande gegeben haben. Diese Schlachtsteuer wird im Temps zu meiner großen Belustigung Schlacrstener genannt.

 

Mittwoch, den 19. Januar

– Die Nachricht, die Sie mir gestern gegeben, daß das englische Ministerium selbst die Revolution in Hannover angestiftet, habe ich auf der Stelle nebst einigen Bemerkungen in die Zeitungen setzen lassen, und sie steht gestern im Messager. Wahr oder nicht, man muß die Spitzbuben hintereinander hetzen. Es ist aber doch schön, daß man hier alles gleich in die Zeitung bringen kann, und die Redacteurs küssen einem für jede Nachricht die Hände und für jede Lüge die Füße. Was mich gegen die deutsche Zensur am meisten aufbringt, ist nicht, daß sie das Bekanntwerden der Wahrheit verhindert – diese macht sich früher oder später doch Luft –, sondern daß sie die Lüge unterdrückt, die nur einen armen kurzen Tag zu leben hat und, einmal tot, vergessen ist. Am interessantesten, und merken Sie sich das, sind die hiesigen Blätter immer am Montage; denn da Sonntag keine Kammersitzung ist, bleibt den Tag darauf den Zeitungen kein anderes Mittel, ihre Seiten zu füllen, als soviel Lügen als möglich herbeizuschaffen. Wie angenehm beschäftigt das die Einbildungskraft. Und was liegt daran! Was heißt Lüge? Kann einer in unsern Tagen etwas ersinnen, was nicht den Tag darauf wahr werden kann! Es gibt in der Politik nur eine mögliche Lüge: Der Deutsche Bund hat die Preßfreiheit beschlossen.

– Also *** hat sich gescheut, nach Pest zu gehen, und schon in Ungarn fürchtet man die Cholera morbus? In Galizien, drei Tagereisen von Wien, und in Russisch-Polen ist sie nach bestimmten Nachrichten auch schon ausgebrochen. Mir macht das sehr bange. Nicht wegen der sinnlichen Schrecken, welche die Pest begleiten – das ist ein Schrecken, der sich selbst verzehrt, das ist zu furchtbar, um sich lange davor zu fürchten – aber die verderblichen Folgen! Die Lähmung des Geistes, welche im Volke nach jeder Pest zurückbleibt! Das kann alten Frost zurückführen, und die Freiheit, die noch auf dem Felde steht, zugrunde richten. In solchen Zeiten der Bedrängnis braucht man Gott und ruft ihn an, und da kommen gleich die Fürsten und melden sich als dessen Stellvertreter. Was kein Kaiser von Rußland, kein Teufel verhindern könnte, das kann die Pest verhindern. Dann kommen die Pfaffen und verkündigen Gottes Strafgericht. Dann lassen die Regierungen fort und fort im ganzen Lande räuchern, um Nebel zu machen überall. Strenge Gesetze sind dann nötig und heilsam. Die Pest geht vorüber, die Strenge bleibt. Bis das erschrockene Volk wieder zur Besinnung kommt, sind die alten Fesseln neu genietet, die Krankenstube bleibt nach der Genesung das Gefängnis, und zwanzig Jahre Freiheit gehen darüber verloren. Hessische Konstitution, Schimmel, Kosaken, Bundesversammlung, Zensur, was Gott will, nur keine Cholera morbus.

– Es ist köstlich mit der »Hanauer Zeitung«: Gnädigste Freiheit, statt gnädigste Erlaubnis! Ich wollte, der allergnädigste Teufel holte sie aufs allergeschwindeste alle miteinander. Il faut tous lier, juges et plaideurs.

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