Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Börne >

Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 23
Quellenangabe
pfad/boerne/briparis/briparis.xml
typereport
authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20100102
projectidc89a2b20
Schließen

Navigation:

Dreiundzwanzigster Brief

 

Paris, Dienstag, den 4. Januar 1831

Saphir ist hier, und sein Anfang ist nicht schlecht. Schon haben einige Blätter von ihm gesprochen als von einem, den der Zorn seines Königs verfolgte. Da wird nun natürlich auch gelogen, soviel nötig ist, um einen guten Witz zu machen. Im Figaro stand ohngefähr folgendes: Der König von Bayern, selbst Poet, habe aus poetischer Eifersucht den Saphir verjagt... Der Vorwand seiner Verbannung wäre gewesen, weil er gegen das Theater geschrieben, der eigentliche Grund aber, weil Saphir dem König ein hübsches Mädchen abwendig gemacht. Sie hätten sich entzweit pour une bavaroise (das bekannte Kaffeehausgetränk). Der König von Bayern wird genannt: Sa Majesté brutale. Als ich das las, habe ich treuer deutscher Untertan aller Fürsten ohne Unterschied mich gekreuzigt. Aber der König von Bayern beträgt sich doch gar zu wunderlich. Das ist ein Gelehrter, der bringt seine Verirrungen in ein System, und da ist keine Hülfe mehr ... Es ist gar keine Möglichkeit, die deutschen Regierungen zu parodieren. Erinnern Sie sich, daß ich Ihnen vor einiger Zeit, als ich mich darüber geärgert, daß man hier für die Zeitungen die Kautionen beibehalten, geschrieben: es wäre recht spaßhaft, wenn sie in Deutschland das mit den Kautionen nachahmten. Zensur und Kaution! Das sollte ein Witz vor mir sein, im Ernste hielt ich das für nicht möglich. Aber es ist eingetroffen. In einem hiesigen Blatte las ich heute aus Bayern, daß man von einem gewissen Coremans, der eine Zeitung herausgeben will, Kaution verlangt habe. Das ist gerade, als wolle man von einem, den man in den Kerker wirft und an Händen und Füßen kettet, noch eine Kaution fordern, daß er nicht fortläuft.

Ich habe in der »Berliner Zeitung« die Proklamation des russischen Kaisers an die Polen gelesen. Sie ist im alten Stile datiert und im alten Stile geschrieben. Der spreizt sich! der will den Helden machen und den europäischen Fürsten zeigen, wie man mit Revolutionen fertig wird. Schlimm für die Polen, wenn es ihm gelingt, aber dann noch schlimmer für die andern Fürsten. Sie werden es ihm nachmachen wollen, sie werden die Zügel loslassen, durch welche sie bis jetzt mit so großer Anstrengung ihre eigne Leidenschaft gebändigt, sie wird durchlaufen und sie abwerfen. – In München und Göttingen waren auch wieder Unruhen. Deutschland zahnt. Das arme Kind! Nichts ist komischer als die Art, wie die deutschen Regierungen von solchen Unruhen Bericht erstatten. Sie stellen sich an, als wäre ihnen an solchen unbedeutenden Vorfällen nicht viel gelegen, und sind doch voll tödlicher Angst. Sie machen Gesichter wie Menschen, die Leibschmerzen haben und sich lustig stellen wollen. – – Die alte Genlis ist gestorben. Sie starb den schönen Tod auf dem Schlachtfelde – die Feder in der Hand. Sie hat viel gelebt und viel erlebt. Wenn die an das Himmelstor kommt, welch merkwürdigen Paß kann sie vorzeigen, von allen Regierungen visiert, von allen Zeiten gestempelt! Sie kann sich nicht beklagen, sie hat ein empfängliches Herz gehabt und hat tausend Jahre gelebt.

Was glauben Sie wohl, das mich hier täglich am meisten daran erinnert, daß jetzt Frankreich mehr Freiheit hat als sonst? Der Telegraph. Unter der vorigen Regierung war ich zwei Jahre in Paris, und ich kann mich keinen Tag erinnern, wo ich den Telegraphen aus dem Tuileriengarten nicht in Bewegung gesehen. Aber seit einem Vierteljahre, das ich jetzt hier bin, habe ich, sooft ich auch in den Tuilerien war, den Telegraphen noch nicht einmal arbeiten gesehen. In Friedenszeiten hat der Telegraph nur gesetzwidrige Befehle zu überbringen. Die Herrschaft der Gesetze bedarf keiner solchen Eile und duldet keine solche Kürze. Wie schön und frühlingswarm war es gestern in den Tuilerien! Dort habe ich Paris am liebsten. Die Wege sind so breit, und breite Wege sind zu eng für Philister; da fürchte ich keinem zu begegnen, schlenkere sorglos umher und sehe jedem ins Gesicht. Es ist nicht möglich, in den Tuilerien kleinstädtisch zu bleiben. – Gestern bemerkte ich wieder eine artige Pariser Scharlatanerie. Auf der Straße sah ich eine Art Diligence, angefüllt mit Knaben, und auf allen Seiten des Wagens stand mit großen Buchstaben geschrieben: Institut von Herrn N. zu Passy, Straße, Nr., und so wurden die fröhlichen Kinder als lebendige Musterkarten eines Instituts in Paris herumgefahren, andere Kinder und ihre Eltern anzulocken. Hier versteht man die Geschäfte.

 << Kapitel 22  Kapitel 24 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.