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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 22
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Zweiundzwanzigster Brief

 

Paris, Freitag, den 31. Dezember 1830

Die polnischen Juden zeigen sich brav, sie wollen sich ein Vaterland erkämpfen. Waffen in der Hand, das sind bessere Gründe, Freiheit zu gewinnen, als Prozeßschriften beim Deutschen Bundestage eingereicht. Schon im Jahre 1794 haben sich die polnischen Juden gut gehalten; sie bildeten damals ein eigenes Regiment, das, als der wilde Suwarow nach Warschau kam, ganz ausgerottet worden. Wie wird es dieses Mal werden? – Heute, diese Nacht wird etwas Großes, etwas Entsetzliches geschehen. Es wird ein Sturm sein, der die Menschheit dahin schleudern wird, wohin sie der Kompaß, selbst bei der günstigen Fahrt dieser Zeit, erst spät geführt hätte. Wenn das Schicksal die Stunde nicht verschläft, wird es eine entscheidende Nacht werden.

Gestern abend war ich in einer Gesellschaft, die man in Paris nicht suchen würde – in einer philosophischen: Conversations philosophiques steht über den gedruckten Einlaßkarten. Junge Leute, Schriftsteller und andere, aber sehr elegante Herren, mit den feinsten Röcken und Krawatten, versammeln sich an bestimmten Tagen in einem sehr eleganten Lokale und philosophieren bei Limonade, Orgeade und Himbeersaft. Mir war das amüsanter als die Variétés. Immer zwei stehen beisammen, um sie bildet sich eine Zuhörergruppe, und wird dann gestritten über Gott, Unsterblichkeit, äußere Sinne, innere Sinne, Natur, Attraktion, daß es eine Lust ist. Hegel würde vergehen vor Lachen. Keiner weiß, was er will. Es gibt nichts komischer. Und doch begreife ich nicht recht, warum diese guten Leute darin so zurück sind. Zwar waren die Franzosen nie tiefsinnige Philosophen auf deutsche Art; doch hatten sie im vorigen Jahrhundert in einer gewissen praktischen Philosophie viel Gewandtheit erlangt, und die Schriften und die Gesellschafter der damaligen Zeit waren ganz parfümiert davon. Es scheint aber, in der Revolution haben sie das alles wieder vergessen, und die jungen Leute fangen jetzt von vorn an. Einer fragte mich, ob ich mich auch mit Philosophie beschäftigt. Ich sagte: »O gewiß, uns Deutschen ist die Philosophie Kinderbrei.« Ein anderer fing mit mir an von Kant zu sprechen, und als er glaubte, ich hätte den Namen nicht verstanden, dachte er wohl, er hätte ihn falsch ausgesprochen und wiederholte Känt. Ein dritter sagte mir, Anatomie wäre die Hauptsache in der Philosophie. Ich antwortete: »Ganz gewiß.« Wären Sie kein Frauenzimmer, ich könnte Ihnen noch die schönsten Dummheiten erzählen; aber Sie verstehen das nicht. Und mit welcher Leidenschaftlichkeit wurde gestritten! Ich dachte, sie würden sich einander in die Haare fallen. Aber die Franzosen haben eine bewunderungswürdige Gewandtheit, einen Streit bis an die Grenze der Beleidigung zu führen, ohne diese zu überschreiten, und mit den Händen sich einander unter die Nase zu gestikulieren, ohne sich Ohrfeigen zu geben. Ich saß auf einem Sofa von blauer Seide, unter den Füßen eine Decke von Pelz, trank ein Glas Orgeade nach dem andern und beneidete das glückselige Volk, das gar nichts weiß von dem, was es nicht weiß, entgegengesetzt uns armen Deutschen, die wir am besten kennen, was wir nicht kennen. Eh bien, je vais vous exposer ma doctrine, sagte einmal ein junger blasser Mensch mit einem Schnurrbarte zu einem andern ohne Schnurrbart ... und da sagte er ihm etwas, was in jedem deutschen Abcbuche steht.

 

Samstag, den 1. Januar 1831

» Prost Neujahr!« Aber es ist eine dumme Geschichte, ich bin schon gewohnt daran, es ist schon Mittag. Dieses Jahr ist mit Zähnen auf die Welt gekommen und will sich nicht wickeln lassen. Es wird mit Blut getauft werden. Könnte ich nicht einen Kalender schreiben? Ich spräche wie ein Prophet: Ein großer Fürst wird sterben in diesem Jahr. Aber das ist falsch prophezeit; es lebt gegenwärtig kein großer Fürst. Aber der Frühling wird naß werden (nicht von Wasser), der Sommer heiß (nicht bloß von der Sonne) und der Herbst gut (nicht bloß an Wein). – Unser König hier soll und will in die Tuilerien ziehen, weil das Palais Royal wirklich zu klein ist und auch sonst zur königlichen Wohnung nicht schicklich. Aber die Königin sträubt sich mit aller Macht gegen die Tuilerien. Sie sagt, das wäre une maison de malheur. Die Frau hat recht, und ich hätte auch abergläubische Furcht davor. – Beim Conseil in Genf wurde von einem Deputierten der Antrag gemacht, den Juden die bürgerliche Freiheit zurückzugeben, die sie bis zum Jahr 1816, wo die französische Herrschaft aufhörte, genossen haben. Der Antrag wurde von vielen unterstützt. Die Zeit wird auch bald für Deutschland kommen, wo die bürgerlichen Verfassungen Verbesserungen erfahren werden, und das nicht bloß durch Revolution, sondern auch auf friedlichem Wege, weil die Regierungen nicht länger werden ausweichen können. Dann wird auch wieder von Juden die Rede sein, und unsere Juden tun so vieles, sich bei den Freunden der Freiheit unbeliebt zu machen. Ich begreife das nicht recht. Diese Menschen sind doch sonst so klug auf ihren Vorteil und wissen immer den Mantel nach dem Winde zu hängen. Was wollen sie denn jetzt noch von den Fürsten und Ministern haben? Es ist nichts mehr an ihnen zu verdienen. Sie sollten sich jetzt dem Volke zuwenden, ihre Geldkasten verschließen und den großen Herren den Rücken zukehren.

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