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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 20
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Zwanzigster Brief

 

Paris, Freitag, den 24. Dezember 1830

Das war wieder eine merkwürdige Pariser Woche! Aber Sie in Frankfurt, wenn Sie nur die Zeitungen gelesen, wissen nicht weniger davon als ich hier; denn ich habe gar nichts selbst gesehen. Seit dem vorigen Samstag habe ich wegen meines dicken Gesichts das Zimmer nicht verlassen, und erst gestern abend war ich zum erstenmal wieder aus. Ist das nicht ein einziger Ort, in dem man mitten in einem Volksaufruhr, umringt von einem Lager von mehr als vierzigtausend Soldaten, so still und so einsam leben kann wie auf dem Lande? Jetzt ist alles vorüber. Wollen Sie genau wissen, was eigentlich der Kampf dieser Tage für eine Bedeutung gehabt, und genauer als es irgendein europäisches Kabinett von seinem Gesandten erfahren wird? Es war ein Kampf zwischen der alten klassischen und der neuen romantischen Partei in der Politik, und letztere, die schwächste, weil sie die jüngste und unerfahrenste ist, unterlag. Die romantische Partei will individuelle Freiheit, die klassische nur nationelle haben. Wenn sie von Karlisten lesen, glauben Sie kein Wort davon. Natürlich haben diese den Zwiespalt benutzt, aber angestiftet haben sie ihn sicher nicht. Aber wie schade, daß ich diese schöne Oper nicht mit angesehen. Vierzigtausend Mann Nationalgarden, wie Riesenbesen die Straßen säubernd, und so unverletzend wie diese; denn es ist kein Tropfen Blut vergossen worden. Dann nachts bei Wachtfeuer auf der Straße biwakierend; die tobende Menge, der König selbst patrouillierend, die vereinigten Studenten, über fünftausend, umherziehend und Ruhe und Ordnung schreiend – welche Szenen! Das einzige an der Sache ist romantisch schön, daß die Minister nicht am Leben bestraft worden. Das wird freilich die Despoten in Lissabon, Mailand und Petersburg nicht abhalten, ihre wehrlosen Gefangenen zu morden; aber das wird doch der Welt zeigen, daß Völker edler sind als Fürsten. Gestern Abend dachte ich noch nicht daran, auszugehen, ich wollte es erst heute; da sah ich zufällig durch die Spalte des Fensterladens und bemerkte etwas ungewöhnlich Helles. Ich öffnete den Laden und sah zu meiner Überraschung, daß das gegenüberstehende Haus illuminiert war. Da zog ich mich schnell an, ließ einen Wagen kommen und fuhr eine Stunde lang in der Stadt herum. Viele Häuser waren illuminiert, teils aus Freude, daß die Ruhe wiederhergestellt, teils zur Ehre des Königs, der, noch spät von einer Revue der Nationalgarde zurückkehrend, zu Pferde die Straßen durchzog. Er hatte von gestern mittag bis gestern abend neun Uhr alle Quartiere der Stadt besucht und in jedem Quartier die Nationalgarden gemustert. Über den König ist nur eine Stimme. Alle Parteien (natürlich nur die Karlisten nicht) lieben ihn. Auch ist er ganz, wie die Franzosen einen König lieben und brauchen. Er ist ein Bürgerkönig. Zwar ist er das aufrichtig, und so viel aus Temperament und Gesinnung als aus Politik; aber dabei ist er es auch zugleich theatralisch. Er spricht gut, leicht, von Herzen, aber doch mit Pathos und Gebärden, wie man es hier gern hat. Es ist so leicht, ein guter König sein, und es kostet die Fürsten viel größere Anstrengung, sich verhaßt zu machen bei ihren Untertanen, als es sie kosten würde, ihre Liebe zu erwerben!... Der einzige schöne Charakter der neuesten Zeit ist und bleibt doch Lafayette. Er ist die altgewordene Schwärmerei, wie sie nie, nicht einmal gemalt worden ist. Er ist bald 80 Jahre alt, hat alle Täuschungen, alle Verrätereien, Heuchelei, Gewalttätigkeit jeder Art erfahren – und noch glaubt er an Tugend, Wahrheit, Freiheit und Recht! Solche Menschen beweisen besser, daß es einen Gott gibt als das Alte und Neue Testament und der Koran zusammen. Noch heute, zwar von vielen geliebt, von allen geachtet, aber auch von allen verkannt, wird er nur von seinen Feinden nicht betrogen, die ihren Haß offen aussprechen; aber von seinen Freunden gebraucht, mißbraucht, getäuscht und oft verspottet. Er ist wie ein Gottesbild im Tempel, in dessen Namen heuchlerische Priester fordern, wonach ihnen selbst gelüstet, und die heimlich das gläubige Volk und seinen Gott auslachen. Er aber geht seinen Weg unveränderlich wie die Sonne und unbekümmert, ob die Guten sein Licht zu guten Handlungen oder die Bösen zu schlechten gebrauchen. Wie lange wird es noch dauern, bis Frankreich Lafayettes würdig ist! Aber es wird einmal kommen. Er erscheint mir wie die Mauer einer neu zu gründenden Stadt, die man rundumher gezogen, und inwendig ist noch alles öde, und kein Haus ist gebaut.

 

Samstag, den 25. Dezember

Als ich gestern über die Rue de la paix ging, begegnete ich einem Trupp Nationalgarden, Trommel voraus, die auf einer Bahre die lorbeerbekränzte Büste des Königs trugen, ich weiß nicht wohin, wahrscheinlich in eine Wachtstube. Lustig Volk, die Franzosen; den ganzen Tag Komödie. – Jetzt macht die Schuljugend der Regierung wieder viel zu schaffen, und ich habe meine herzliche Schadenfreude daran. Die Schulen haben in dem Aufstande dieser Tage zur Herstellung der Ruhe sehr viel beigetragen. Nun hat vorgestern die Kammer den Schulen feierlichsten Dank votiert. Diese aber haben gestern abend in einer Zeitung Proklamationen drucken lassen, worin sie höhnisch der Kammer sagen: Euren Dank begehren wir nicht, gebt uns die Freiheit, die ihr uns versprochen, la liberté qu'on nous marchande maintenant et que nous avons payée comptant au mois de juillet. O wie recht haben sie! Ihr in Deutschland braucht gar nicht so stolz zu sein, wir haben hier so dumme Leute als dort auch. Hier sagen sie auch, die Franzosen sind noch nicht reif zu mehr Freiheit, als sie jetzt besitzen, das müsse der Zukunft überlassen bleiben. Und so bleiben sie nun stehen; bis die Zukunft im Galopp herkömmt und sie umwirft, statt wenn sie der Zukunft entgegengegangen wären, alles friedlich wäre geordnet worden. Ganz gewiß, Frankreich wird früher oder später noch eine Revolution erleiden. Es ist der Fluch der Menschen, daß sie nie freiwillig vernünftig werden, man muß sie mit der Peitsche dazu treiben. Es ist zum Verzweifeln, daß Lafayette, der einzige, der es aufrichtig mit der Freiheit meint, einen so schwachen Charakter hat. Er, wenn er wollte, könnte alles durchsetzen. Er brauchte nur zu drohen, er würde das Kommando der Nationalgarde aufgeben und sich zurückziehen, wenn man den Franzosen nicht gebe, was man ihnen versprochen, und der König, die Minister und die Kammer müßten nachgeben.

Der König von Bayern glaubt wahrscheinlich, weil er so viel gereimt hat in seinem Leben, dürfte er sich auch Ungereimtes erlauben. Der Liesching, den ich viel kenne, ist der fünfte Schriftsteller, der seit kurzem auf so schnöde Weise von München verjagt worden. » Vorderhand als unpassend ausgewiesen«, ist sehr schön gesagt. Der deutschen Despotie werden vor Altersschwäche die Glieder steif. Dieses Betragen der bayrischen Regierung ist so ganz über die Maßen dumm, so ganz ungewöhnlich verkehrt, daß ich denken möchte, es steckt unter der Dummheit eine Art Superklugheit; daß sie nämlich unter dem Scheine des Einverständnisses mit der jetzt völlig toll gewordenen Bundesversammlung ihre eigenen Pläne verfolgt. Anders kann ich mir es nicht erklären. Aber vielleicht irre ich mich auch; es gibt nichts Genialischeres als der Blödsinn einer deutschen Regierung, er ist gar nicht zu berechnen.

Was mir an der polnischen Revolution am besten gefällt, ist, daß man in Warschau den Chef der geheimen Polizei gehenkt hat und daß man die Liste aller Polizeispione drucken läßt. Das wird, hoffe ich, den Spionen anderer Länder zur Warnung dienen. Diese geheime Polizei gibt einer despotischen Regierung weit mehr Sicherheit, als es ihre Soldaten tun, und ohne sie wäre die Freiheit schon in manchem andern Lande festgestellt. Die geheime Polizei hat in Warschau täglich 6000 Gulden gekostet. Diese Notizen und andere Papiere, die sich auf die Polizei beziehen, hat man in Konstantins Schlosse gefunden. Dreißig junge Leute von der Kadettenschule drangen in das Schloß. Die Hälfte davon ist geblieben. Drei Generale wurden im Vorzimmer Konstantins getötet. Dieser rettete sich mit Mühe. Die Verschwornen begegneten Konstantins Frau, vor der sie sich sehr artig verneigten und sagten, mit ihr hätten sie nichts zu schaffen, sie suchten nur ihren Mann. Ich fürchte aber, den armen Polen wird es schlecht gehen. Der Kaiser Nikolaus zieht ihnen mit Macht entgegen, und ich weiß nicht, wie sie widerstehen können. Doch verlasse ich mich auf Gott. – – – Gemütsbewegung! nein. Das ist nicht wie früher, wo wir in einer schweren Kutsche saßen und mit der guten Sache langsam fortrollten, gestoßen wurden, langsam den Berg hinaufschleichen mußten, auch manchmal umgeworfen wurden – jetzt trägt uns ein großes Schiff schlafend über das Meer, und der Wind treibt schnell. Kein Staub, kein Rütteln, keine Müdigkeit. Stürme können kommen, Klippen; aber das macht mich erst recht munter. Die kleinen Zänkereien, das weibische Keifen des Schicksals, nur das konnte mir Gemütsbewegung geben. Die Tyrannei kann uns noch einmal besiegen; aber dann wird es doch im offnen Kampfe geschehen, nachdem wir uns gewehrt haben. Uns wie Hunde prügeln und an die Kette legen, damit ist es aus. Nur nicht wehrlos fallen. Ich bin sehr ruhig und schwimme vergnügt wie ein ungesalzener Hering im Weltmeer herum.

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