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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 19
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Neunzehnter Brief

 

Paris, Samstag, den 18. Dezember 1830

... An die preußischen Konstitution will ich wohl glauben; sie wissen dort vor Angst nicht mehr, was sie tun. Es wird ein Spaß sein, ihre Gesichter zu sehen, wenn sie in den sauren Apfel beißen. Aber was wird das auch für eine allerliebste Konstitution werden! Frankreich hat großes Glück. Wer wird jetzt wagen, es anzugreifen? Vielleicht in der Verzweiflung tun sie es doch. Ich möchte jetzt einmal in Frankfurt bei *** sein, wo ich dieses alles schon vor zehn Jahren vorausgesagt habe und wo man mich ausgelacht. Und doch ist das alles noch nichts gegen das, was kommen wird. Näher darf ich mich darüber nicht erklären; aber Sie werden sich wundern. Ein Sperling wird zwei Tiger verzehren, und gebratene Fische werden verschiedene Arien singen. Und ein Dintenfaß wird austreten und wird eine ganze Stadt überschwemmen. Und ... aber, um des Himmels willen, nicht geplaudert!

Ich mache Sie aufmerksam, im Constitutionnel den Gesetzvorschlag über die Zivilliste zu lesen; besonders die Einleitung, wo von der göttlichen Bedeutung eines Königs so süß-romantisch gesprochen wird, daß man meinen sollte, es wäre in Deutschland geschrieben. Ich habe mich erschrecklich darüber geärgert. Man will achtzehn Millionen für den König. Das ist zwar nur die Hälfte von dem, was der vorige König bekommen, aber es ist immer noch die Hälfte zuviel. Es ist eine Krankheit, König sein, und man muß darum die Könige Diät halten lassen. Zehn Millionen sind genug. Auch hat das allgemeines Mißfallen erregt, es heißt heute, das Gesetz soll zurückgenommen werden, und man wolle der Kammer freistellen, wieviel sie dem Könige geben wolle. – Ich tröste mich wegen des Tabaks. Die ganze Welt dampft jetzt, das ersetzt mir die Pfeife. – Ich lese täglich das »Deutsche Journal« und die »Didaskalia«, was mir großen Spaß macht. Wie wenig geht in Frankfurt vor. Dies merkt man erst hier recht, wenn man die dortige Zeitung liest. – Ich habe mich der Neugierde wegen in eine Art Kasino aufnehmen lassen. Ich gehe heute Abend zum ersten Male hin. Es ist kostspielig; man zahlt monatlich dreißig Franken; aber die Einrichtung soll auch prächtig sein. Ich will Ihnen, der Kuriosität wegen, einige Stellen aus den Statuten abschreiben:

Ancien cercle de la rue de Grammont.

Art. III. Les salons du cercle seront ouverts tous les jours, celui de lecture à 9 heures, les autres à midi; et fermés les salons de lecture à minuit, les autres à deux heures après minuit. – Un dîner sera servi tous les jours à l'heure fixe. – Il sera servi tous les jours, et sans frais, des raffraîchissements convenables, et un thé dans la soirée. – Art. XIII. Il pourra être fait des abonnements mensuels, en faveurs des Français et des étrangers, habitant momentanément Paris. – Le prix de l'abonnement est de 30 francs par mois. – Art. XX. La société n'ayant d'autre but que de former une union d'hommes de bonne compagnie, ayant la faculté de lire les journaux, brochures et livres nouveaux, de dîner ensemble, et de jouer les seuls jeux de commerce, Messieurs les sociétaires et abonnés s'interdisent toute discussion politique, et il est du devoir rigoureux des Messieurs les commissaires de maintenir cette règle et de la rappeler s'il arrivoit qu'un sociétaire l'oubliât.

Ist das nicht auffallend, daß man nicht von Politik sprechen darf? Das ist ja gerade wie bei uns.

 

Dienstag, den 21. Dezember

Gestern war wieder ein unglückschwangerer Tag für Paris, Frankreich, die Welt, und heute, morgen kann das Gewitter losbrechen. Die Regierung hat schon seit acht Tagen eine Verschwörung entdeckt, und viele Menschen sind arretiert worden. Man fordert das Leben der Minister, deren Prozeß sich wahrscheinlich morgen entscheidet. Gestern versammelten sich einige tausend Menschen vor der Pairskammer mit drohenden Äußerungen, und heute fürchtet man größern Aufruhr. Ich bin doch ein rechter Unglücksvogel! Ich mußte mir gestern einen Zahn herausnehmen lassen und kann noch heute wegen meines dicken Gesichts nicht ausgehen. Ganz Paris kann heute in Flammen stehen, und ich werde nichts erfahren, bis heute Abend die Zeitung kommt. Sie freuen sich vielleicht darüber und wünschen mir meine Zahnschmerzen von ganzem Herzen. Ich ärgere mich, und dazu habe ich noch 20 Franken für das Zahnherausziehen bezahlen müssen. Was man hier geprellt wird! Wie die Blutsauger hängen sich die Pariser an den Fremden und ziehen ihm das Geld aus. Ich hoffe, daß die Regierung Kraft genug haben wird, die Unruhen zu dämpfen; es bleibt aber immer eine bedenkliche Sache. Man kann auf die Nationalgarde nicht fest zählen; ein großer Teil derselben ist rachedurstig gegen die Minister und würde einem Volksaufstande keinen ernstlichen Widerstand leisten. Dazu gesellen sich noch 1. überspannte Köpfe, die eine Republik haben wollen. 2. Mäßigere, die mit dem Gange der Regierung nicht zufrieden sind und eine liberalere Kammer und ein liberaleres Ministerium wünschen. 3. Die Anhänger Karls X. 4. Endlich die Emigrierten aus allen Ländern, Italiener, Spanier, Polen, Belgier, die Frankreich in einen Krieg verwickeln wollen, damit es in ihrem eignen Lande auch endlich einmal zur Entscheidung komme. Diese letztern sollen besonders großen Teil an der Aufhetzung haben. Heute wird die Pairskammer von dreiunddreißigtausend Mann Nationalgarden und Linientruppen beschützt sein. Wenn es nur zu keiner neuen Revolution kömmt, mir täte das bitter leid; denn es könnte alles wieder darüber zugrunde gehen. Sie werden die Verteidigungsrede der Minister wohl im Constitutionnel lesen. Am besten nach meiner Ansicht hat Peyronnet gesprochen, der doch gewiß der schuldigste ist. Aber er ist ein Mann von festem Willen, und darum hat er auch am meisten gerührt; er hat geweint und weinen gemacht. Polignac zeigt sich als ein solcher Schwachkopf und seelenloser Höfling, daß man ihn bemitleiden muß. Er verdient es gar nicht, geköpft zu werden. Der Advokat und Verteidiger des Guernon Ranville, namens Crémieux, der gestern gesprochen, ist aus Gemütsbewegung in Ohnmacht gefallen und mußte weggebracht werden. In welcher schrecklichen Lage sind doch die vier unglücklichen Minister! Und ihre armen Weiber und Kinder! Gewöhnliche Verbrecher dürfen doch hoffen, die Richter würden ihnen das Leben schenken; aber die Minister müssen vor ihrer Freisprechung zittern, weil sie dann schrecklicher als durch das Schwert des Henkers, durch die Hände des Volks, ihr Leben verlören. Am meisten dauert mich der Guernon Ranville. Dieser ist der schuldloseste von allen; er hat an den Ordonnanzen den wenigsten Teil genommen, er war nur schwach und ließ sich verführen. Und dieser ist krank und hat eine Krankheit, die ich kenne, die ich vor zwei Jahren in Wiesbaden hatte, kann ohne Schmerzen kein Glied bewegen, und so, bleich, leidend, fast ohne Kraft der Aufmerksamkeit, muß er täglich sieben Stunden lang in der Pairskammer schmachten und zuhören, wie man sich um sein Leben zankt! Dagegen war doch mein Rheumatismus, von Ihnen gepflegt, gewiß eine Seligkeit. Und doch stähle ich mich wieder und mache mir meine Weichherzigkeit zum Vorwurfe, wenn ich mich frage: aber jene Könige und ihre Henkersknechte, wenn wir aus dem Volke ihnen in die Hände fallen, haben sie Mitleiden mit uns? Diese Minister, die dem Volke zur Rede stehen, werden doch wenigstens öffentlich gerichtet. Sie sehen sich von ihren Freunden umringt, sie lernen ihre Feinde, ihre Ankläger kennen, sie dürfen sich verteidigen, und das Gesetz verurteilt sie, nicht die Rache. Und wenn sie auch als Opfer der Volkswut fallen, weiß man doch, daß sie unschuldig gemordet. Wer aber in Mailand, Wien, Madrid, Neapel, Petersburg wegen eines politischen Vergehens gerichtet wird, der geht aus der Dämmerung des Kerkers in die Nacht des Grabes über, und ob schuldig oder unschuldig, das weiß nur Gott.

 

Vormittag halb zwölf

Mein Barbier (mein Minister der auswärtigen Angelegenheiten) erzählt mir eben, es sehe schlecht aus in der Stadt. Das Militär und die Nationalgarden ziehen durch die Straßen. Das Volk schreit: Vive la ligne! à bas la Garde Nationale! à bas Lafayette! (da sieht man doch ganz deutlich, wie diese Bewegung von den Karlisten angelegt) la mort des ministres! Vielleicht ist es doch gut für mich, daß ich heute nicht ausgehen kann, und wenn Sie mir versprechen, mir die zwanzig Franken zu erstatten, die mir meine Zahnschmerzen kosten, will ich mit allem zufrieden sein und Gott preisen. – Mein heutiger Brief wird auch nicht viel größer werden, als er jetzt schon ist, ich habe keine Geduld zum Schreiben. Ich bin neugierig, was in der Stadt vorgeht, und ärgerlich, daß ich nicht ausgehen kann. – Wie konnten Sie nur glauben, daß mich Polen nicht interessiert! Das ist ja der Hauptakt der ganzen Tragödie. Ich meine doch, ich hätte Ihnen darüber geschrieben und genug vorgejubelt. Aber seit acht Tagen hörte ich von keiner neuen Revolution; das ist sehr langweilig. Ich bin wie die Branntweintrinker; nüchtern bin ich matt. Die Revolution, die heute Paris bedroht, schmeckt mir nicht. Das ist Gift und verderblich. Doch ich hoffe, es geht alles gut vorüber.

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