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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 15
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Fünfzehnter Brief

 

Freitag, den 3. Dezember 1830

Es raucht heute wieder in meinem Zimmer, und ich schreibe Ihnen unter Tränen und Seufzern. Aber das ist nun einmal nicht zu ändern in Paris, es geht in vielen Häusern nicht anders. Man hat hier eine eigene Art Ärzte für kranke Kamine, Rauchkünstler (fumistes) genannt. Es sind aber eben Ärzte. Man weiß oft nicht, ob die Krankheit sie oder ob sie die Krankheit herbeigeführt. Gestern hat ein solcher Künstler an meinem Kamine gearbeitet, und als man ihn heute wieder holte, weil es noch stärker rauchte als vorher, sagte er, es läge am Wetter, und er wolle kommen, sobald es nicht mehr rauche, und dann helfen.

– Jetzt um diese Weihnachtszeit, was wird hier in den Läden nicht alles ausgestellt, das Größte und das Kleinste, für Könige und für Bettler. Es ist gefährlich, über die Straße zu gehen, es ist, als wenn Räuber, die Pistole auf der Brust, uns unser Geld abforderten.

– Ich lese mit großem Vergnügen Diderots nachgelassene Briefe an eine Freundin, die erst im Anfange dieses Jahres erschienen sind. Wenn ich Ihnen solche große Briefe schriebe, dann wären Sie mit mir zufrieden. Briefe, zwölf gedruckte Seiten lang, und über alles. Als er seine Freundin, seine Sophia, kennen lernte, war er schon 46 Jahre alt! Aber es ist nicht Freundschaft, es ist die heißeste jugendlichste Liebe, wenigstens in den Reden; denn es kann leicht sein, daß sie sich beide nur etwas weisgemacht. Die Briefe sind an eine Mademoiselle Volland gerichtet, ein Mädchen, das bei der Mutter lebte. Wie alt sie ist, erfährt man nicht. Aber die Liebe und die Korrespondenz dauern länger als zwanzig Jahre. Und Diderot war verheiratet! Ich habe keine Vorstellung davon, wie ein Mann von 46 Jahren, und der noch überdies an der Ehe leidet, welche doch immer eine Art Gicht ist, sich noch verlieben kann. Das kann aber auch nur ein Franzose. Der Deutsche hat gewiß mehr wahres Gefühl, mehr innere Wärme; aber die teilt sich nicht mit. Wir haben kalte Hände und sind kalt bei der Berührung. Die Briefe sind charmant, nur muß man beim Lesen die unverdaulichen Liebeserklärungen wie die Kirschkerne ausspeien. Schreibt doch einmal der alte Junge: Que vos regards étaient tendres hier! Combien ils le sont depuis quelque temps! Ah! Sophie, vous ne m'aimiez pas assez, si vous m'aimez aujourd'hui davantage. O! das ist noch kühl gegen das übrige; er schreibt oft mit kochender Dinte.

– Haben Sie in der gestrigen französischen Zeitung die Rede gelesen, welche August Périer für die Juden gehalten? Darin bekommen auch die Frankfurter Kaufleute einen tüchtigen Hieb, indem gesagt wird, wie sie aus Handelsneid in den freien Städten die Juden verfolgen.

– Schreiben Sie mir doch genau und umständlich, ob man bei uns an den Krieg glaubt. Nach den gestrigen Nachrichten hätten Frankreich und England vor einigen Tagen eine Offensiv- und Defensivallianz geschlossen. Es wäre schön, wenn das wahr wäre; dann wäre es doch endlich einmal dahin gekommen, wohin es früher oder später kommen muß, zum strengen Gegensatze der feindlichen Elemente: die Freiheit hier, die Despotie dort – und jetzt schlagt euch, ich sehe zu. Ich weiß wahrhaftig noch nicht, was ich tue, wenn es Krieg gibt, ob ich unter die Kavallerie oder die Infanterie gehe oder unter dem Federvolk diene; denn tun muß ich etwas. Sie werden auf jeden Fall mein Knappe, tragen mir Pflastersteine zu oder versorgen mich mit feinen Federlappen.

– Diese Woche habe ich mich einen Abend sehr amüsiert. Ich war zu einem jungen Dichter namens *** eingeladen, um eine Übersetzung des »Macbeth« vorlesen zu hören. In Deutschland hätte mich schon der Gedanke, einen ganzen Abend auf dem Stuhle fest zu sitzen, um eine Vorlesung zu hören, zur Verzweiflung gebracht, und die Wirklichkeit hätte mich getötet. Aber hier wußte ich vorher, daß die theatralische Beleuchtung, die alle gesellschaftlichen Verhältnisse glänzend macht, mich unterhalten würde. Und so kam es auch. Da waren genau gezählt 32 Schriftsteller versammelt, meistens jüngere, alle Romantiker. Da war nichts zum Lachen, die Masse war zu groß, zu ehrfurchtgebietend, es war wie eine Kirche, wie eine Gemeinde. Ich habe mit vielen gesprochen, mit Victor Hugo und andern ... Sie sprachen mir von Goethe und Schiller und von Schiller und Goethe ohne Ende. Sie meinten wohl, ich hätte Vergnügen daran. Einer fragte mich nach Klopstock, Kleist, Ramler, die ich alle nicht kenne. Jetzt setzte sich die romantische Gemeinde an den Wänden herum, und Herr *** stellte sich vor das Kamin, Rücken gegen Feuer gelehnt, und fing zu lesen an. Mir war doch ein bißchen Angst vor der Zukunft und was ich in den nächsten drei Stunden würde mit anhören müssen. Aber es ging alles gut. Die Übersetzung war ganz vortrefflich, ich hätte es nicht für möglich gehalten. Es war freilich immer nur durchgeschlagener Shakespeare, es blieb aber noch genug zu beißen übrig. Auch las er meisterhaft vor, und – applaudiert und bravo! wie auf dem Theater. Und da kam ein Zufall dazu, der die Sache noch theatralischer machte. In der Szene, wo sich Macbeth an den Tisch setzen will und vor dem Geiste des ermordeten Königs, der seinen Stuhl eingenommen, zurückschaudert, fing der Kamin zu rauchen an und bildete eine Wolke, die recht gut einen Geist vorstellen konnte. Mir, der am Kamine neben dem stehenden Dichter saß, gingen die Augen über, aber der begeisterte Vorleser merkte nichts eher, als bis sein grauer Star reif geworden war und er gar nichts mehr sehen konnte. Da mußte er sich unterbrechen und die Türe öffnen lassen. Spaßhaft war es mir, recht deutlich zu merken, daß alle die Herren da, welche den Shakespeare nicht so auswendig wissen als wir Deutschen, überrascht von den Schönheiten des Dramas in begeisterndes Lob ausbrachen, aber dieses Lob gar nicht dem Shakespeare, sondern dem Übersetzer zuwandten. Dreißig Schriftsteller in einem Zimmer, das findet man in Deutschland selten.

Mit den Lithographien von den französischen Revolutionsszenen, zu welchen ich gern den erklärenden Text geliefert, ist es anders, als ich mir gedacht. Es kömmt kein Text dazu, sondern die Zeichnungen werden zu den schon vorhandenen Freiheitsliedern, der Marseillaise, der Parisienne und andern gemacht. Wenn nur die Zeichnungen nicht von altdeutscher, süßlicher, wehmütiger, romantischer Art werden, wie ich es von dem Zeichner, dessen frühere Arbeiten ich gesehen, fast erwarte. Die praktischste Sache von der Welt, die letzte Revolution, würde dann in lauter romantischen Rauch aufgehen, und die Deutschen, die sich ja daran begeisterten, würden lernen, wie sie einst in jener Welt, im Himmel, den Satan mit seinem Volk niederpflastern und verjagen, aber nicht wie in dieser die Minister und Polizei. Das Freiheitsgedicht von Simrock, das Sie mir geschickt, ist auch in diesem unseligen romantischen Geiste. Gar nichts Mutentflammendes darin, nur Muttötendes. Ich mag mit diesem Heiligen nichts mehr zu tun haben. Es ist aber eine schöne Erfindung mit den Pflastersteinen, dem Gegengift der Pulvererfindung!

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