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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 14
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Vierzehnter Brief

 

Paris, Mittwoch, den 17. November 1830

Gestern bin ich in mein neues Logis gezogen. Ich wohne – o der Schande! – wie eine Operntänzerin, die einen reichen Liebhaber hat. Alle Möbel von Mahagoni, Marmor und Bronze; prächtige Pendule; fünf große Vasen, voll der schönsten Blumen; stolze allerhöchste Flambeaus, die sich der bürgerlichen Talglichter schämen, die ich ihnen aufgesteckt; Stühle und Sofa, mit braunem gelbgeblümten Samt überzogen; die zärtlichsten Bergères, in die man eine halbe Minute einsinkt, ehe man den Grund erreicht; scharlachrote Fußdecken und die Wände mit Spiegeln bedeckt. Es ist alles so voll von Möbeln, daß ich kaum Platz zu wohnen habe. Unter den vielen Kostbarkeiten wage ich mich nicht zu bewegen, wage ich nicht, was sonst meine Lust ist, gedankenlos oder gedankenvoll im Zimmer auf und ab zu gehen; denn da steht überall umher so viel herabzuwerfen, so viel Zerbrechliches, daß die kleinste Zerstreuung mich zugrunde richten könnte. Einige Schlingels von Deutschen, welche mich besuchen, machen mir die größten Sorgen. Sie rauchen Zigarren, und die heiße Asche, welche herabfällt, brennt Löcher in die Fußdecke. Dann schaukeln sie sich mit vaterländischer Ungezogenheit und ausländischer Lebhaftigkeit auf den Stühlen und halten mich in beständiger Angst, daß sie einmal das Gleichgewicht verlieren und auf eine teure Vase oder einen, selbst vereinigtem Patriotismus unbezahlbaren Spiegel fallen möchten. Mein Schlafzimmer – das ist über alle Beschreibung. Die darin befindlichen Möbels und Toilettengerätschaften sind nach den schönsten herkulanischen Mustern, teils im hetrurischen, teils im griechischen Stile geformt. Ich wasche mich aus einem delphischen Weihkessel und knüpfe mein Halstuch vor einem Altare der Venus. Mein Bett ist das Lager der Aurora. Morgenrote Wolken, von weißen und grünen Sonnenstreifen durchzogen, schmücken seinen Himmel. Die Wand, an welcher es steht, ist ein großer Spiegel; darin muß ich mich beschauen – da ist keine Rettung. Das Kopfkissen ist mit Spitzen garniert, die mir wie Spinnen im Gesicht herumkrabbeln und mich schon einige Male auf eine schauerliche Weise aus dem Schlafe geweckt haben. Kurz, es gibt nichts Schöneres, Anmutigeres, Adligeres als meine neue Wohnung; sie ist ein kostbares Etui, das nur viel zu zierlich ist für den unzierlichen Schmuck, den es einschließt.

– Sie werden gelesen haben, daß die französische Regierung die Juden auf gleichen Fuß mit den christlichen Staatsbürgern setzen und die Besoldung ihres Kultus übernehmen will. Es ist doch wieder ein Schritt vorwärts. Wie lange wird es noch dauern, bis man bei uns an so etwas nur denkt – von der Ausführung gar nicht zu sprechen. Die gefoppten Theologen des adligen Tugendbundes haben in ihrer Weisheit und Menschenliebe die Lehre zu verbreiten gesucht: die bürgerliche Gesellschaft sei eine Taufanstalt, und es könne daher ein Jude kein Staatsbürger sein. Diese frommen Herren haben schwere Köpfe und noch schwerere Füße. Erst dauert es Jahrhunderte, bis sie fortschreiten wollen, und dann andere Jahrhunderte, bis sie fortschreiten können. Es ist zum Erbarmen!

Aber die französische Regierung, wie jede andere, sieht ihre Entwickelung zur Freiheit als eine auferlegte Buße an, und gleich jenen Wallfahrern nach Rom macht sie einen Schritt zurück, sooft sie zwei Schritte vorwärts getan. Den Juden hat sie etwas gegeben, und dafür hat sie der Preßfreiheit viel genommen. Die Kautionen für die Journale, eine Tyrannei der vorigen Regierung, sollen beibehalten werden. Es ist dieses so sehr gegen den Geist der Freiheit, daß man die letzte Revolution als ganz fruchtlos ansehen kann. Wie merkwürdig! Diese Juliregierung, die kaum aus dem Ei gekrochen und noch ganz dottrig ist, kräht schon wie ein alter Hahn und tut stolz und fest wie ein unbestrittener Hofkönig! Die Majorität der Kammer unterstützt sie nicht bloß in ihren unbedachten Schritten, sondern sie verleitet sie noch dazu. Das sind die Gutsbesitzer, die reichen Bankiers, die Krämer, die sich mit einem vornehmen Worte die Industriellen nennen. Diese Menschen, die funfzehn Jahre lang gegen alle Aristokratie gekämpft – kaum haben sie gesiegt, noch haben sie ihren Schweiß nicht abgetrocknet und schon wollen sie für sich selbst eine neue Aristokratie bilden: eine Geldaristokratie, einen Glücksritterstand. Wehe den verblendeten Toren, wenn ihr Bestreben gelingt; wehe ihnen, wenn der Himmel nicht gnädig ist und sie aufhält, ehe sie ihr Ziel erreichen. Die Aristokratie des Adels und der Geistlichkeit war doch nur ein Prinzip, ein Glaube; man konnte sie bekämpfen und besiegen, ohne den Edelleuten und den Geistlichen in ihrer sinnlichen Lebenssphäre wehe zu tun. War dieses in der Französischen Revolution doch geschehen, so war dieses nur Mittel, nicht Zweck, war eine zwar schwer zu vermeidende, doch keineswegs notwendige Folge des Kampfes. Werden aber Vorrechte an den Besitz gebunden, wird das französische Volk, dessen höchste Leidenschaft die Gleichheit ist, früher oder später das zu erschüttern suchen, worauf die neue Aristokratie gegründet worden – den Besitz, und dieses wird zur Güterverteilung, zur Plünderung und zu Greueln führen, gegen welche die der frühern Revolution nur Scherz und Spiel werden gewesen sein. Was mich aber an diesen Journalkautionen am meisten betrübt, sind die üblen Folgen, welche sie, wie ich sicher erwarte, für Deutschland haben werden. Unsere Regierungen werden gewiß, wenn sie den Forderungen der Preßfreiheit nicht länger ausweichen können, jene französische Erfindung der Kautionen benutzen, und dann ist Preßfreiheit nur ein trügerisches Wort. Wir haben keine reichen Schriftsteller, wie es deren so viele in Frankreich gibt; sie sind alle arm oder dem Staate dienstbar. Keiner wird daher imstande sein, die Kaution aus seinem eigenen Vermögen zu leisten, und man wird, um ein Journal zu gründen, sich in den Sold eines Buchhändlers geben müssen, der nur auf seinen merkantilischen Vorteil sieht und daher leicht durch Hoffnung des Gewinns bestochen oder durch Furcht vor Verlust eingeschüchtert werden kann.

– Das Gebet um Preßsklaverei in der Münchener Flora hat mich erquickt wie bayrisch Bier. Ich danke Ihnen dafür. Gerät diese holde Flora einmal in meine Gewalt, o wie will ich sie zerblättern und zerknittern! Sie können mir keine größere Freude machen, als wenn Sie mir deutsche Dummheiten mitteilen. Gestern las ich wieder etwas sehr Schönes von dem Berliner Korrespondenten in der Allgemeinen Zeitung, meinem Schätzchen. Er sagt unter andern: der Volksauflauf neulich in Berlin hätte gar nichts zu bedeuten gehabt, das wären bloß »Neugierigkeitsaufläufe« gewesen. So wird doch immer auf das beste dafür gesorgt, daß ich in Frankreich mein Deutsch nicht verlerne!

 

Samstag, den 20. November

Ein Wiener Gelehrter hat mir in diesen Tagen geschrieben, und ich will Ihnen einiges aus seinem Briefe mitteilen. Eine Art Kerkerluft weht durch alle seine Worte, eine gewisse Trauer ist über seine Reden verbreitet, und so wahr und liebevoll ist alles, was er spricht, daß es mir in das Herz gedrungen. Wie sehr sind die armen Wiener Gelehrten zu bemitleiden! Sie leben im schnödesten Geistesdrucke, und darum und weil sie sich gar nicht aussprechen dürfen, müssen sie die freisinnigen Ideen in Philosophie und Politik weit lebhafter fühlen und müssen viel schmerzlicher von ihnen gequält werden als wir andern, die wenigstens klagen dürfen. Nachdem Herr *** von dem Eindrucke gesprochen, den meine Schriften auf ihn und einen andern gleichgesinnten Freund gemacht, und mir seine Übereinstimmung mit meinen Ansichten lebhaft zu erkennen gegeben, fährt er fort: »Es tut not in so zerspaltener, einheitsliebloser Zeit, daß ihre Besseren und Edleren sich finden, erkennen, lieben und vereinigen für ihr gleiches Ziel – das allein Rechte – die Freude des Menschen und das Wohl der einzelnen wie des ganzen Geschlechts, das ja nur die Summe aller einzelnen ist. Darum ist eben so schön und tief der Satz, den Sie im siebenten Bande Ihrer Schriften aussprechen und gegen den nicht nur die Theologen, sondern alle, die selbstsüchtig und Feinde der Freiheit sind, aufstehen – der Satz: die Menschheit ist um der Menschen willen da.

Es ist wohl an der Zeit, daß der eingerissene Ideen-Götzendienst einmal aufhöre und daß der lebendige Mensch nicht mehr einem luftigen Ideal geopfert und mit ihm nicht mehr Experimente angestellt werden. Ihr ausgesprochener Satz, folgerecht durchgeführt, wirft alle Systeme über den Haufen, und statt des toten Begriffs Menschheit steht der lebendige Mensch schaffend im Mittelpunkt der Welt.

Diesen Satz kann aber eben nur wahrnehmen und aussprechen der Mensch, der in sich Kern, Wert und Würde trägt; wer selbst nichts ist, muß sich natürlich entweder unter den Schutz ich weiß nicht welcher Idee als einer eingebildeten Macht begeben, oder er muß geradezu, wenn er scheinbar etwas stärker ist, das Tierrecht des Stärkeren, d. h. die Selbstsucht schlechtweg für sich ansprechen.

Wir sehen auch die Zeit nach dieser Spaltung in zwei Teile geteilt. Der eine, die Gelehrten, brütet über Ideen und sucht im Trüben zu fischen; der andere, die Materiellen, als die Stärkern, spricht geradezu durch Wort und Tat die Selbstsucht aus und tritt den Begriff wie den lebendigen Menschen in allen Verhältnissen mit Füßen, wogegen die andern bloß die Hände ringen und die Vorsehung zum Zeugen der Frevel ausrufen. – Was uns am meisten not tut, ist – Vereinigung ...«

Ich erstaune gar nicht, einen Wiener so sprechen zu hören; denn eigentlich ist Österreich die hohe Schule des Liberalismus. Wohin uns andere oft nur philosophische Spekulation führt, dahin bringt jene die Not, und Not ist eine bessere Lehrerin als Philosophie. Hören Sie ferner, was er von Goethe sagt, wobei ich nur nicht begreife, was ihn auf den Gedanken gebracht haben mag, daß ich hierin anderer Meinung sei als er selbst. Ich erinnere mich zwar nicht, je meine Abneigung gegen Goethe deutlich ausgesprochen zu haben; aber sie ist so alt und so stark, daß sie in meinen Schriften doch wohl einmal hervorgeschienen haben muß.

»Was mich aber wundert, ist dies, daß Sie den wilden Goethe öfters anführen. Dieser Mensch ist ein Muster von Schlechtigkeit; man kann in der Weltgeschichte lange suchen, bis man einen seinesgleichen findet. Töricht ist es, daß man immer sagt: Schiller und Goethe, wie Voltaire und Rousseau. Um soviel Rousseau mehr ist als Schiller, um so viel ist Goethe schlechter als Voltaire. Goethe war immer nur ein Despotendiener; seine Satire trifft weislich nur die Kleinen; den Großen macht er den Hof. Dieser Goethe ist ein Krebsschaden am deutschen Körper, und das Ärgste ist noch, daß alles die Krankheit für die üppigste Gesundheit hält und den Mephistopheles auf den Altar setzt und Dichterfürsten nennt. Ja Fürsten-, d. i. Despotendichter sollte er eigentlich heißen.«

Wie wahr, wie wahr das alles, und wie heilsam wäre es, solche Gesinnung – nicht zu verbreiten, sie ist verbreitet genug –, sondern den Mut zu verbreiten, sie auszusprechen. Goethe ist der König seines Volkes; ihn gestürzt, und wie leicht dann mit dem Volke fertig zu werden! Dieser Mann eines Jahrhunderts hat eine ungeheuer hindernde Kraft; er ist ein grauer Star im deutschen Auge, wenig, nichts, ein bißchen Horn – aber beseitigt das, und eine ganze Welt wird offenbar. Seit ich fühle, habe ich Goethe gehaßt, seit ich denke, weiß ich warum. Wir haben oft davon gesprochen, und Sie begreifen meine Freude, in einer Geisteswüste, wie Österreich ist, einem menschlichen Wesen begegnet zu sein, das fühlt und denkt wie ich.

– Saphir wurde von allerhöchsten Händen aus Bayern gejagt, weil er gegen einen Komödianten geschrieben! C'est perruque – würde ein Pariser sagen; aber ich kann nicht lachen darüber. Was helfen Barrikaden gegen solche Charlesdischen, gegen solche Ordonnänzchen? Das kriecht einem zwischen die Beine durch, das macht sich, wie Wasser, durch die kleinste Lücke Bahn. Es ist zum Verzweifeln, daß deutsche Tyrannei zugleich so viel Lächerliches hat: das lähmt den Widerstand. Warum aber unsere Fürsten sich so große Mühe geben, die französische Revolution, die viel Metaphysisches hat, den Bürgern und Landleuten durch Zeichnungen, Modelle und Experimente faßlich zu machen – das begreife ich freilich nicht. Es muß wohl Schickung sein.

– Wenn sich unsere Kaufleute, die viel dabei verlieren, über Belgien ärgern, so lasse ich das hingehen. Aber die andern – sie betrachten das alle aus einem falschen Gesichtspunkte. Es ist wahr, es fanden viel Pfaffenintrigen statt; aber was tut das? Die Belgier haben ihren König nicht länger behalten wollen, sie haben ihn fortgejagt und seine Leute geprügelt – ist das nicht schön und ein gutes Beispiel nachzuahmen? Ein König für Saphir, das ist billig. Herr Wellington ist auch abgesetzt. Wahrhaftig, mich dauern die armen Diplomaten; es kömmt diesen Schwachköpfen gar zu viel auf einmal über den Hals; wie eine Sündflut gießen die Verlegenheiten auf sie herab. Die Änderung des englischen Ministeriums ist für uns auch gut. Lesen Sie im heutigen Constitutionnel, wie der belgische Gesandte in London, Herr v. Weyer, nach seiner Rückkehr öffentlich im Kongresse von seiner Sendung Rechenschaft abgelegt und wie er vor allem Volke erzählte, was Wellington, Aberdeen, der Prinz von Oranien und andere mit ihm verhandelt. Das hat mich sehr amüsiert. Diplomatische Geheimnisse öffentlich in einer Ständeversammlung auszuplaudern, und das während die Verhandlungen noch im Gange sind, das ist unerhört, das ist himmelschreiend – werden sie in Berlin, Wien und Frankfurt sagen.

– Der neue Minister des Innern, Montalivet, ist erst achtundzwanzig Jahre alt. Er war nie Referendär, nie Hofrat, nie Regierungsrat, nie Geheimer Regierungsrat, nie Kammerdirektor, nie Präsident – plötzlich ist er Minister geworden. Es gibt keinen Gott mehr.

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