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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 111
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Hundertelfter Brief

 

Paris, Sonntag, den 3. März 1833

Von dem aus dem Englischen übersetzten Werke: Mémoires d'un Cadet de famille par Trelawney, von dem ich Ihnen schon gesprochen, ist jetzt der dritte Teil erschienen. Ich kann Ihnen nichts Schöneres zum Lesen empfehlen. Es wird einem dabei, als wäre man früher blind, taub und von tausend Banden festgehalten, regungslos gewesen; und jetzt plötzlich frei geworden mit allen Sinnen und Gliedern, erfahre man erst, was die Welt sei, was leben heiße. Was der keckste Romanschreiber in seinem Übermute nur je erdichtet, ist Blödigkeit gegen das, was dieser Korsar wirklich getan und gelitten. Und doch ist nichts Außerordentliches in ihm, als daß er sich außerordentlich viel Freiheit genommen. Nichts Ungewöhnliches ist ihm begegnet; aber er ist den gemeinen Dingen auf eine ungewöhnliche Art begegnet, und das hat ihn groß gemacht. Man sieht: es ist in jedem Menschen eine Kraft gleich der des Dampfes, und wer diese zu finden und zu gebrauchen versteht, kann mehr vollbringen als tausend andere vereinte Menschen.

Aber nicht bloß ein Held ist Trelawney, er ist auch ein Meister im Malen und im Dichten. Nichts herrlicher als seine Beschreibungen von jener zauberhaften indischen Welt; nichts epischer und dramatischer als seine Schilderungen der Ereignisse und der Menschen und Völkerschaften, die daran teilgenommen. Es begleiten ihn zwei komische Charaktere auf seinem abenteuerlichen Leben, der Koch und der Wundarzt des Schiffes, die Shakespeare nicht schöner hätte darstellen können. Sie leben beide mit Geist und Herz nur in ihrer Kunst. Auf dem Meere und in der Sandwüste, bei Sturm und Sonnenschein, in der Schlacht und im lustigen Übermute des Hafens denken sie nur an Kochen und Heilen. Und auch hier sieht man, was die Freiheit vermag. Der Koch wagt Gerichte, vor denen Vatel gezittert, der Wundarzt Heilungen, vor welchen sich Dupuytrien versteckt hätte – und es gelingt beiden. Die unerhörtesten Speisen werden schmackhaft, die verzweiflungsvollsten Krankheiten und Wunden werden geheilt.

Wie herrlich ist die Beschreibung einer Tigerjagd! Die Schlachten von Marengo, Austerlitz und Eylau sind, was der gezeigte Mut betrifft, Possenspiele dagegen. Der Korsar schließt diese Schilderungen mit den Worten: »Wie schön und glorreich wäre diese Jagd, wenn man in den Tigern die Seelen aller Tyrannen der Erde vertilgen könnte!«

Denken Sie sich einen Helden in der Schlacht mit einer Rose vor der Brust; denken Sie sich eine Harfe, die durch den heulenden Sturm spielt, und einen Löwen, an seidner Schnur von einem schönen Kinde geführt – – das war Zela dem Korsaren. Sie teilte alle seine Gefahren und verschönte und belohnte sie. Da verlor er sie durch den Tod. Am Strande des Meeres verbrannte er ihre Leiche und wollte sich auf den Scheiterhaufen stürzen, den ihn aber seine Schwäche nicht erreichen ließ. Man entfernte den Bewußtlosen von der Jammerstätte. Mit Zela endeten die Träume seines Lebens, er erwachte, und sein Glück war dahin. Er kehrte nach England zurück, begrub sich lebendig in dem Schoße monarchischer Erde und wehrte mit grimmiger Hand den Würmern, die an den Sarg seiner Freiheit herankrochen. Trelawney haßte die ganze Welt, und sein Herz, groß genug, die ganze Welt zu lieben, teilte er zwischen Zela und van Ruyter, seinem Freunde und Seegenossen. Van Ruyter war der edlere von beiden. Auch er kehrte nach Europa zurück, geriet in die Sonnenbahn des Kaisers Napoleon, der ihn hochhielt und ihn verwenden wollte. Aber Ruyter ließ sich nur von Napoleon gebrauchen, solange er ihn gebrauchen wollte, und wußte im Helden den Kaiser zu verachten. In einem Treffen gegen ein englisches Schiff verlor er das Leben. Sie werden gern erfahren, wie van Ruyter von Napoleon dachte.

»Er hat einige Dummköpfe von alten legitimen Königen von ihren wurmstichigen Thronen herabgeworfen; er hat ihnen den Purpur vom Leibe gerissen und sie dann wieder aufgerichtet, um mit der Menschheit seinen Spott zu treiben. Indem er dieses tat, dachte er freilich, die Tyrannei verewigen zu können, wenn er an die Stelle der zernichteten Mächte Militärdespoten setzte, aber er hoffte vergebens, hierdurch seine Macht zu befestigen und die Ehrgeizigen durch die Bande der Erkenntlichkeit an sich zu fesseln. Als wenn sich ein Ehrgeiziger je um ein anderes Glück als nur sein eignes bekümmern könnte! Napoleon kann freilich für die Welt gute Folgen haben; doch sind wir ihm keinen Dank dafür schuldig, denn er hat bei allem seinem Tun nicht das Gute beabsichtigt, sondern das Böse. Ein verrosteter Riegel ist schwer zurückgeschoben; ist es aber einmal geschehen, und es gelingt einem, ihn wieder vorzuschieben, wird er nie mehr so gut als früher schließen. Was ein Meister zu seinem Vorteile seine Arbeiter lehrt, das wenden diese später zu ihrem eignen an. Napoleon hat unsern Kindern die Taschenspielerkünste mit Päpsten, Fürsten, Königen und andern solchen Gliedermännern gezeigt. Wir Alten hängen noch zu sehr an unserem Schaukelpferde und Bleisoldaten; aber unsere Söhne werden die Puppen unserer Zeit verachten, sie auf immer wegwerfen und ein Männerspiel spielen.«

»Der Kaiser wollte mir als ein Zeichen seiner großmütigen Gesinnung etwas schenken, das keinen Schilling wert war – das Band der Ehrenlegion. Er hätte mich entehrt durch meine Ernennung zum Ritter; ich wäre lieber Glücksritter und Gauner geworden.«

Trelawney verspricht, in der Folge auch sein späteres Leben zu beschreiben. Um sich aus der verpesteten monarchischen Luft der europäischen Staaten zu retten, nahm er an allen jenen Kämpfen teil, die seit dem Sturze Napoleons in allen Ländern für die Freiheit versucht worden sind. Von der Gesinnung und der Schreibart unseres Helden mögen folgende Stellen zeugen.

»Die Gicht, der Schlagfluß, die Wassersucht und der Stein sind meine lieben Freunde und Freundinnen. Ich verehre sie, ich grüße sie mit dem Hute in der Hand als die mächtigsten unter den unversöhnlichen Feinden der Könige und Priester. Das sind unbestechliche Jakobiner. Wenn der Pfaff das Saatkorn eines armen Pächters gestohlen und seine Zehntenschweine verschlungen hat, fühlt er freilich keine Bisse des Gewissens; aber oft fühlt er ihre Qualen in den großen Zehen seines Fußes, und das Schwein hört nicht auf, in seinem Bauche zu grunzen, als bis es sich an seinen Rippen und an seinem Halse festgefressen hat; dann erstickt es ihn, mit allen Anzeichen eines gerechten Schlagflusses.«

»Ich beschäftige mich, die Geschichte meines Lebens zu vollenden. Die Folge wird zeigen, daß ich kein geduldiges Werkzeug in den Händen der despotischen Willkür war und mich nie zu jenen niederträchtigen Sklaven gesellt habe, die in Haufen zu den Füßen der Reichen und Mächtigen krochen. Nach meiner Rückkehr in Europa hatten alle Tyrannen ihre Gladiatoren versammelt, um die vermaledeite Dynastie der Bourbons wieder auf den Thron zu setzen. Das Kriegsgeschrei in Europa war die Unverletzlichkeit und Machtvollkommenheit der legitimen Tyrannen, und alle Dummköpfe, Schwärmer und Narren wurden gleich Jagdhunden hinter die Freiheit gehetzt. Überall wurden Preise auf die Köpfe der Patrioten gesetzt; man beraubte, man verfolgte, man ermordete sie mit gerichtlichen Floskeln. Dann wurden sie gleich indischen Parias aus der Gemeinde gejagt, und wer sie berührte, war wie sie der Schmach verfallen. Ich, der ich so viel von der Tyrannei gelitten, haßte aus der tiefsten Seele jede Unterdrückung. Ich stand dem Schwachen gegen den Starken bei; ich schwur, mich mit Leib und Seele dem Kriege zu weihen und in dem heiligen Kampfe gegen die gekrönten Betrüger, ihre Minister und Pfaffen auch den Dolch nicht zu verschmähen. Als die Tyrannei siegte, teilte ich das Geschick jener unüberwindlichen Geister, die durch die ganze Erde in der Verbannung umherschweiften, und ich lieh ihnen meine schwache Hülfe, die Betrügereien jener von Motten zerfressenen Legenden, welche das Menschengeschlecht so lange betrogen haben, an den hellen Tag zu bringen.« (O! hätten wir statt Rotteck und Welcker den einzigen Trelawney auf unserer Seite.)

»Ach! diese edlen und hochherzigen Menschen sind nicht mehr! Sie fielen als Schlachtopfer jener erhabenen Sache, die sie mit einer bewunderungswürdigen Kraft verteidigt; doch dauernde Denkmäler haben sie zurückgelassen, und ihre Namen werden ewig leben. Ach! lebten sie jetzt, hätten sie den Baum, den sie pflanzen halfen, blühen gesehen! – – – hätten sie das Jahr 1830 und dann das ihm so glorreich folgende Jahr 1831 erlebt, wie würden sie gejauchzt haben, die Reihe der Tyrannen durchbrochen, ihre Dummgläubigen gemaulkorbt und die Verschwörung, welche die Freiheit der Völker ersticken sollte, vereitelt zu sehen.«

»Ja, die Sonne der Freiheit erhebt sich über den feilen Sklaven Europens, sie wird sie aus ihrem langen Todesschlafe erwecken. Der Geist der Freiheit schwebt wie ein Adler über der Erde, und die Seelen der Menschen strahlen den Glanz seiner goldenen Flügel zurück. Möge Frankreich, dem Adler gleich, den es früher wie zum Spotte zu seinem Sinnbilde genommen, jetzt aber im Ernste annehmen muß – möge es seinen Kindern seinen erhabenen Flug lehren; möge es sie lehren, das Gestirn der Welt in den Mittagsstrahlen seines Ruhms, ohne geblendet zu werden, anzuschauen. Die Hoffnungen und die Blicke aller edlen Menschen sind jetzt auf Frankreich gerichtet, und jedes Herz, das nur ein Hauch großherziger Gesinnungen belebt, wird bei dem Klange dieses schönen Namens das reinste Mitgefühl widerklingen« ... Auch wir! Auch uns! Wir wollen mächtig rufen, und der Ruf steige von Ort zu Ort, bis er zum Donner anwachse, bis der Taxissche Palast davon erbebe – es lebe die Freiheit! es lebe Frankreich!

 

Montag, den 4. März

Wie ich heute in der Zeitung gelesen, haben die preußischen Minister das neue Judengesetz verworfen. Mit welcher Schadenfreude habe ich das so kommen sehen! Wie schlau ist der hohe deutsche Adel! Das monarchische Prinzip ist in den Talmud gefahren und hat ihn geheiligt, und heilig sind alle, die an ihn glauben. Bald wird der Messias der Juden geboren werden, bald wird das Wunderkind von Blaye das Licht der Welt erblicken. Der Jude Deutz, eines frommen Rabbiners glorreicher Sohn, ist jetzt Stiefvater des Herzogs von Bordeaux, Eine von republikanischer Seite verbreitete und satirisch ausgewertete Verleumdung der Herzogin von Berry, die im geheimen mit dem italienischen Grafen Lucchesi-Palli eine zweite Ehe eingegangen war. D. Hrsg. Schwager des Königs von Neapel, nahe verwandt mit dem französischen, spanischen, portugiesischen Hause; verwandt mit Österreich, Preußen, Bayern, Rußland, Hohenzollern-Sigmaringen und hundert andern ehrlichen und natürlichen Vettern. Und er wird sein Volk erheben und es groß machen, und die Juden werden zwar fortan, wie früher, außer dem Gesetze leben; aber nicht wie früher unter dem Gesetze, sondern, Fürsten gleich, über dem Gesetze. Die schönen Tage Zions kehren zurück, und das Hohelied Salomonis wird ein allerhöchstes Lied werden. Dem armen Magistrate zu Freiberg in Sachsen, der erst kürzlich verordnete, es soll kein Jude ohne Begleitung eines Polizeidieners durch die Stadt reisen, wird es am Halse jucken; denn er wird sehr fürchten, den Galgen verdient zu haben. Wehe nun allen, die je einen Juden gehaßt, verfolgt und gelästert, sie finden keinen Stein in Europa, auf dem sie ihr müdes Haupt niederlegen können. Zwischen Sibirien und der Hausvogtei, zwischen Köpenick und Spielberg lauert auf sie alle zehen Schritte ein Hochverrat, alle zehen Schritte ein Majestätsverbrechen. Schon hat sich Deutz bei Gérard sein Porträt bestellt, vor dem jeder, der ihn einmal mit nicht gehöriger Ehrfurcht angesehen, kniend Abbitte tun muß. Der Bundestag wird eine Bundeslade, das Taxissche Haus eine Stiftshütte werden, und der Rote Adlerorden wird erbleichen vor dem Juwelenglanze der Urim und Thumim. Ihr Töchter Israels, lernt die Nase rümpfen, Knickse machen und Französisch sprechen; denn ihr werdet hoffähig werden. Und ihr, meine guten Deutschen, aller Fürsten treues Volk, ruft: es lebe unser vielgeliebter Deutz I., der Wiederhersteller der weiblichen Verfassung in ihrer ursprünglichen Gestalt und des freien Herzenswahlrechts, hoch! Hallelujah! Hallelujah!

– Nichts ist schwerer im menschlichen Leben – ausgenommen einen Zitronenkern herausfischen, wenn er am Boden eines vollen Glases Limonade liegt –, als es mit den Deutschen acht Tage hintereinander gut zu meinen, so sehr sie es auch verdienen und so unglücklich sie auch sind. Sooft ich über sie weine, haben meine Tränen nicht Zeit zu trocknen, und ich muß schon wieder lachen. Sooft ich über sie lache – nun freilich, das kann niemals lange dauern. Es ist nicht meine Schuld. Auch der beste Mensch, der doch jedes Kind, sooft es hinfällt, mitleidig aufhebt, obzwar keine Gefahr dabei ist, muß doch lachen, wenn er einen erwachsenen Menschen fallen sieht, der sich doch so leicht beschädigen kann. Das deutsche Volk ist ein solch erwachsener Mensch mit Kindesbeinen, und man muß lachen, sooft es auf den Kopf fällt. Es ist gar zu ungeschickt, zu zerstreut, zu gelehrt. Da sind Rotteck und Welcker, Männer, die es gewiß gut meinen, und auf welche sonst so viele als auf ihre Erretter sehen. Sie haben der guten Sache mehr geschadet als deren schlimmste Feinde. Sie haben sich und ihre Leidensgenossen aus der Sklaverei befreit, ließen aber ihrem Tyrannen die Pferde im Stalle zurück, waren ehrlich und flüchteten sich zu Fuße und wurden bald von den verfolgenden Reitern wieder eingeholt und mit Schimpf zurückgeführt. Sie haben das Volk mitten auf seiner Siegesbahn aufgehalten, ja, es oft zurückgehen heißen, und jetzt steht es da, weiter vom Ziele als je; denn es kennt den Weg nicht mehr und hat die Richtung verloren. Wo sie handeln sollten, sprechen sie, und wo sie reden sollten, die schlafenden Herzen aufzuwecken, sprachen sie so lange und viel, bis die wachen Herzen vor Müdigkeit wieder einschliefen. Da wurde Welcker wegen eines Preßvergehens zu zweimonatlichem Gefängnisse verurteilt. Der schuldige Artikel stand vor der Sündflut, nämlich vor den Bundestagsbeschlüssen, im »Freisinnigen«. Ich erinnere mich nicht mehr, was er Strafwürdiges enthalten; ich glaube, man fand darin ein Majestätsverbrechen, daß Welcker ausgerufen hat: O du unglücklicher Fürst! Welcker appellierte an das Gericht zu Mannheim, und neulich kam die Sache dort vor. Zwei Tage dauerten die Verhandlungen, täglich sieben Stunden. Welckers Verteidigungsrede dauerte fünf Stunden. Wäre die Sitzung öffentlich gewesen, dann könnte ich wohl begreifen, wie er seine Verteidigung benutzen wollte, dem Volke Dinge mitzuteilen, die ihm zu wissen gut sind. Wären Geschworene da, die man zu bewegen hat, könnte ich das auch begreifen. Aber in einem heimlichen Gerichte, vor Richtern, vor gelehrten und gebildeten Männern, die das alle ebensogut wissen als Welcker, aber es entweder nicht beachten wollen oder nicht beachten dürfen, fünf Stunden zu sprechen, das zeigt große Schwäche an. Fünf Stunden! Erinnern Sie sich noch, was ich Ihnen vorigen Winter geschrieben: wie hier einer der Geschwornen, auch bei einem unbedeutenden Preßprozesse, nachdem der Advokat des Angeschuldigten schon anderthalb Stunden gesprochen, plötzlich aufstand und rief: haltet ein, sonst rührt mich der Schlag, und wie er nach Hause ging und ihn wirklich der Schlag gerührt? Nun wahrlich, wäre ich einer von Welckers Richtern gewesen und der Schlag hätte mich verschont, hätte ich fromm die Hände gefaltet, die Augen zur Erde gerichtet und gebetet: O du heiliger Rhadamantus da unten stärke mich, daß ich gerecht bleibe, denn es gelüstet mich sehr, den armen unschuldigen Mann, der da vor mir steht, für jede Stunde, die er gesprochen, auf ein Jahr zum Gefängnis zu verurteilen!

So heimlich wurde das Gericht gehalten, daß man Wachen außen vor die Fenster stellte, aus Furcht, es möchte jemand horchen. Welcker wurde freigesprochen, und abends brachten die Bürger Musik im Fackelzuge, um die Unparteilichkeit der Gerichte zu feiern. Die Freude galt Welcker, aber so mußte gedruckt werden. Ließen sich hier in Paris Menschen einfallen, einem Richter zum Danke für seine Unparteilichkeit eine Nachtmusik zu bringen, würde er diesen Unverschämten seinen Code Napoléon mit allen Kommentaren auf die Köpfe werfen, oder er klagte den andern Tag wegen Amtsbeleidigung. Aber bei uns ist keine Ehre, weder im Volke noch in der Regierung.

 

Dienstag, den 5. März

Ich denke heute, wie ich gestern dachte: es gibt keine Ehre mehr, weder im Volke noch in den Regierungen. Diese Münze der Tugend ist ganz verschwunden, und dahin ist es gekommen, daß, wer noch einen Teil von ihr besitzt, sie verstecken muß, daß er nicht beraubt und mißhandelt werde. Das Verderben ist alt, nur seine Offenbarung ist neu; früher schlich es im Dunkeln, jetzt wandelt es frech am hellen Tage umher. Solange das monarchische Prinzip seine tägliche Sättigung fand, war es zahm und mild; jetzt, da ihm oft die Nahrung mangelt, zeigt es seine angeborne wilde Natur und geht wie ein reißendes Tier auf Beute aus. Die Fürsten sind eine Art höllische Berggeister, die in den Schacht des menschlichen Herzens hinabsteigen, dort das Erz vom Golde reinigen, das Gold mit Füßen treten und die Schlacke zutage fördern. Wo sie einen Gang der Tugend finden, wird er verschüttet, wo eine Ader der Leidenschaft, wird sie bearbeitet und zum Laster ausgebrannt. Nicht bloß einzelne Menschen, ganze Provinzen, Städte, Gemeinden werden verführt, bestochen, besoldet, zum schnödesten Knechtdienste angeworben. Weil der einzelne Mensch, so schwach und lüstern er auch ist, doch nicht immer das Herz hat, um seines eignen Vorteils willen ein Verbrechen auf sich allein zu nehmen, gibt man ihm den willkommenen Vorwand, seine Tugend für das Beste seiner Gemeinde zu verkaufen; so beschwichtigt er sein Gewissen, so vergißt er, daß ein Teil des Sünderlohns ihm selbst zukömmt. Der König von Bayern, von Österreich und den Jesuiten belehrt und gegängelt, übt diese Regierungskunst mit einer schauderhaften Unbedenklichkeit. Die Aqua Toffana der Machiavellistenpolitik wird in das reine deutsche Blut getröpfelt, daß es schwarz werde wie die Seele des Giftmischers. Die Ämter, die Behörden, die Gerichtshöfe, die der Stadt, in welcher sie wohnen, Geldvorteile bringen, werden versteigert und denjenigen Gemeinden zugeschlagen, die am meisten Niederträchtigkeit dafür bieten. So wurden Aschaffenburg und Würzburg, Zweibrücken und Kaiserslautern hinter einander gehetzt. Die Bürgerschaft, die Magistrate schickten Deputationen nach München. Diese versprachen alles, verleugneten alles, verrieten alles, was man wollte, und bettelten um einen Panisbrief. Der König empfing sie gnädig. Und das sind die Fürsten, die sich Stellvertreter Gottes nennen! Ein Glück für die Welt, daß es die Welt nicht glaubt – wer glaubte sonst noch an Gott?

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