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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 110
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Hundertzehnter Brief

 

Paris, Mittwoch, den 27. Februar

Die Frankfurter »Oberpostamtszeitung« hatte neulich, da sie etwas dumm Monarchisches erzählte, hinter der Dummheit ein Fragezeichen aufzustellen gewagt. Was ist das? Schon bei jeder anderen deutschen Zeitung sind Fragezeichen Generalbeichten, Rousseausche und Augustinische Bekenntnisse, und verraten eine tugendhafte Reue und eine große innere Zerknirschung. Aber gar bei der Postzeitung, einem der Feigenblätter der deutschen Bundesversammlung! Das muß etwas bedeuten. Sollte sie vielleicht den Rest ihrer Abonnenten verloren haben und durch die Heldentat des Fragezeichens sie zurückzuführen suchen? Erkundigen Sie sich darnach.

Was mir mein Michel für Verdruß macht, der deutsche Michel, der Dickkopf, ach! liebe Frau Gevatterin, das kann ich Ihnen gar nicht genug klagen. Der Junge bringt mich noch unter die Erde. Alle meine Vorstellungen, all mein Bitten, mein Züchtigen – es hilft alles nichts. Hören Sie, was er wieder getan hat. In Freiburg wurde Michel zum Bürgermeister gewählt; denn Michel ist liberal. Aber die Regierung verwehrte die Wahl; denn unsere Regierungen – und darüber muß ich lachen trotz meiner großen Betrübnis – haben Furcht vor Michel. Die Freiburger Bürger, die Courage haben, nicht bloß einen Tag, sondern zwei Tage lang, nehmen sich vor, Michel zum zweiten Male zu wählen. Was tut Michel? Auf seine gewohnte Art wird er gerührt, sentimental, großmütig, tugendhaft, erhaben romantisch, und bittet seine guten Mitbürger, sich wegen seiner in keine Ungelegenheiten zu setzen und einen andern Bürgermeister zu wählen. Die Bürger, deren zweitägiges Heldenfieber ohnedies vorüber war, ließen sich das nicht zweimal sagen, und aus Dankbarkeit gegen Michel, daß er sie von dem Drucke ihrer eignen Größe befreit hat, wählten sie seinen Neffen, den jungen Michel, zum Bürgermeister. Die Regierung war das herzlich gern zufrieden und froh, daß sie so wohlfeil wegkam. Sie dachte wie jede Regierung: das Volk ist ein Kind. Das eigensinnige Kind will Wein haben; Mama gießt zwei Tropfen Wein ins Wasserglas, es sieht gelb aus – da hast du Wein, jetzt sei ruhig. Das Volk will Michel haben; die Regierung gibt ihm etwas, das eine Farbe wie Michel hat, und sagt: da hast du Michel, jetzt weine nicht mehr. Das alles versteht sich von selbst.

Nun hören Sie aber, was mein Michel weiter tat. Nach geschehener Bürgermeisterwahl zogen die Freiburger Bürger mit Fackeln und Freudengeschrei vor das Michelsche Haus und riefen: es leben beide Michels hoch! Der junge Michel konnte vor Rührung nicht sprechen, aber der alte Michel war leider nicht in solchem Maße gerührt, sondern er schrie zum Fenster hinaus: »Hoch lebe unser vielgeliebter Großherzog Leopold, der Wiederhersteller der Verfassung und des freien Wahlrechts!« Und die Bürger auf der Gasse schrien: »Hoch lebe unser vielgeliebter Großherzog Leopold, der Wiederhersteller der Verfassung und des freien Wahlrechts!« Und hoch und abermals hoch! Und der alte ernste Münster, den man noch niemals lächeln gesehen, lachte, daß er wackelte, so daß ihm eine steinerne Trottel von seiner Mütze herabfiel.

Was tat mein Michel in Stuttgart? Aber – ich bin des Spaßes müde. In Stuttgart wurde Herr von Wangenheim, ein geistreicher und freisinniger Mann, zum Deputierten gewählt. Die Regierung erkannte die Wahl nicht an wegen einer verletzten Förmlichkeit, die sie zum Vorwande eines Vorwandes nahm. – Um Deputierter sein zu können, muß man im Lande wohnen; nun wohne zwar Herr von Wangenheim im Lande, aber er habe nicht erklärt, daß er im Lande wohne. So ohngefähr habe ich die Sache verstanden. Der eigentliche Grund der Widersetzlichkeit war aber: Österreich und Preußen hätten den Herrn von Wangenheim mit Zorn in der Kammer gesehen; denn er stand früher selbst hinter den Kulissen der deutschen Bundeskomödie und war der erste jener Gesandten, von welchen, weil sie Liebelei mit der öffentlichen Meinung trieben und die deutschen Völklein in ihrem Traume, daß sie ein Volk werden könnten, nicht stören halfen, die Bundesversammlung epuriert wurde. Übrigens hatte Herr von Wangenheim eine Schrift gegen die Bundestagsbeschlüsse herausgegeben. Dieser von der Regierung vorgeschützte Mangel der Form wurde aber von Herrn von Wangenheim gehoben, und die Bürger nahmen sich vor, ihn zum zweiten Male zu wählen. Was tut nun Herr von Wangenheim? ganz das nämliche, was Herr von Rotteck in Freiburg getan. Er war großmütig, gerührt, romantisch, empfindlich. Er schmollte mit der Regierung wie mit einem Liebchen. Er schrieb seinen Kommittenten einen gerührten Brief: er entsage ihrer Wahl; denn durch deren Annahme würde er einen falschen Grundsatz, den die Minister geltend machen wollen, anerkennen, und das wolle er nicht. Er verlasse Stuttgart, wünsche ihnen wohl zu leben, danke ihnen noch einmal herzlich und vertraue übrigens auf Gott. Wäre Herr von Wangenheim in die Kammer getreten, hätte er der Opposition die wenigen Stimmen, die ihr zur Majorität noch fehlen, durch seinen Einfluß zuführen können. Aber um eines Paragraphs seines moralischpolitischen Kompendiums willen verläßt er das Schlachtfeld, mögen Volk und Freiheit darüber ganz zugrunde gehen. Möchte man sich da nicht die Haare aus dem Kopfe reißen? Ein Edelmann, und doch edel! Ein Minister, und doch großmütig! Ein Diplomat, und doch romantisch! Sooft ich mit Schmerz und Unwillen wahrnahm, daß unsere deutschen bürgerlichen Deputierten der Macht der Regierungen, die ein ungeheures Zeughaus von Listen und Schelmereien besitzen, worin alle Waffen aufgehäuft liegen, welche geistliche und weltliche Tyrannei seit dreitausend Jahren geschmiedet haben, von den Leviten bis zu den Jesuiten, von dem römischen Senate bis zu dem venezianischen, von Kaiser Augustus bis Louis-Philippe, von Mäcen bis Metternich – nichts entgegensetzen als ihren Gradsinn, ihre Aufrichtigkeit, ihre Treue, ihre Bescheidenheit – sooft ich dieses wahrnahm, tröstete es mich in meinem Kummer, daß wenigstens der deutsche Adel noch Spitzbüberei besitze und daß er einmal zu uns herüberkommen würde, und dann wäre uns geholfen. Da kam nun wirklich einmal ein Edelmann zu uns herüber und – er war ein ehrlicher Mann!

Ich weiß gar nicht mehr, was ich tun soll. Der einzige Trost, der mich noch aufrecht hält und mich vor gänzlicher Verzweiflung schützt, ist, daß der Hofrat Böttiger in Weimar den Großherzoglich Weimarischen Falkenorden bekommen hat und daher meine Unsterblichkeit gesichert ist, die mich für alle Leiden, die ich in diesem irdischen Jammertale ertrage, entschädigen wird. Wenn ich es Ihnen nicht erkläre, begreifen Sie in Ihrem Leben nicht, wie meine Unsterblichkeit mit dem Weimarischen Falkenorden und einem sächsischen Hofrate, den sterblichsten Dingen von der Welt, zusammenhänge. Diese Dinge hatten früher nicht den geringsten Zusammenhang; aber indem ich sie nebeneinander stelle, bekommen sie einen. Schon in einem frühern Briefe hatte ich etwas gegen den Hofrat Böttiger geschrieben; aber so wenig als heute geschah es aus Bosheit; ja, was ich dort von seinen lateinischen Versen an eine höchste Erhabenheit erzählte, war wenigstens dieses Mal gelogen. Die Sache ist: ich will ihn ärgern, damit ich unsterblich werde. Sie werden erstaunen über die Schelmereien, die ich im Kopfe habe, und welch ein großer Staatsmann ich bin.

Herr von Cotta erzählte mir einmal, daß der Hofrat Böttiger Verfasser der Nekrologien sei, die seit vielen Jahren die »Allgemeine Zeitung« enthalte. Nekrologie heißt die Lebensbeschreibung einer gestorbenen Person und kömmt aus dem Griechischen, von nekros, der Tote, und logos, die Erzählung. Merken Sie sich das et embrassez-moi pour l'amour du grec. Sooft ein berühmter Mann sein vierzigstes Jahr erreicht habe – erfuhr ich –, fange Böttiger dessen Nekrologie zu schreiben an und setze sie von Jahr zu Jahre und Tag zu Tage gelassen fort, so daß, sobald der berühmte Mann den Geist aufgibt und noch vor seiner Beerdigung die Nekrologie fertig ist und in die Zeitung geschickt wird, so daß kein anderer Nekrolog dem Hofrate zuvorkommen kann. Er, Cotta, sei einmal gefährlich krank gewesen, und man habe ihn in Deutschland totgesagt. Gleich mit der nächsten Post, nachdem sich das falsche Gerücht verbreitet, wäre sein Nekrolog, von Böttiger verfaßt, für die »Allgemeine Zeitung« eingegangen. Sie kam aber zu früh und brauchte glücklicherweise nicht honoriert zu werden.

Da überlegte ich nun bei mir, daß, weil ich auch ein berühmter Mann bin und mein vierzigstes Jahr zurückgelegt habe, ich ganz ohne Zweifel in des Hofrats nekrologischem Schranke in der B-Schublade eingesargt liege. Zwar ist Böttiger viel älter als ich; da er aber einen Orden nicht bloß erhalten, sondern auch verdient hat und er überhaupt ein Mann ist, der nicht bloß fünf grad sein läßt, sondern auch vier, wenn es ein großer Herr haben will, so gehört er zu denjenigen Menschen, die ein hohes Alter erreichen. Er kann mich daher leicht überleben und meine Nekrologie schreiben. Nun muß von zwei Dingen notwendig eins geschehen: entweder er lobt mich oder er tadelt mich. Lobt er mich, so wird das auf Europa einen ungeheuren Einfluß haben; denn da es bekannt ist, daß ich sein Feind bin, wird jedermann begreifen, daß nur das große Gewicht meiner Verdienste ihn zur Gerechtigkeit zwingen konnte. Tadelt er mich aber, glaubt ihm keiner, und er wird ausgelacht, weil man weiß, daß ich ihn geärgert habe. Auf diese Weise hängt meine Unsterblichkeit und die Gemütsruhe, mit welcher ich meine Leiden ertrage, mit dem weimarischen Falkenorden und dem Hofrate Böttiger zusammen.

 

Freitag, den 1. März

Über die neue preußische Judenordnung habe ich nicht gesprochen, weil ich gleich anfänglich vermutete, was sich auch jetzt zu bestätigen scheint, daß es damit kein Ernst gewesen. Aber ganz gewiß war es nicht der Zufall oder die Tücke eines deutsch-christlichen Narren, die diesen wahnsinnigen Gesetzentwurf bekanntgemacht. Er stand zuerst in der »Leipziger Zeitung«, in einem Blatte, das ganz unter absolutistischer Eingebung steht. Auch hätte weder die Leipziger noch eine andere Zensur verstattet, daß eine Zeitung das Geheimnis einer deutschen Regierung bekanntmache, wäre die Mitteilung nicht von einer Hand geschehen, die aller Verantwortlichkeit überhebe. Ich zweifle nicht, daß der Artikel von einem der Helfershelfer der preußischen oder einer andern Regierung eingesendet worden ist. Auch war der Gesetzesentwurf in der »Allgemeinen Zeitung« mit Bemerkungen begleitet, die den bekannten fötiden Lobgeruch haben, mit welchen alle Handlungen der deutschen Fürsten beweihraucht zu werden pflegen. Es hieß dort nach Anführung der unerhörtesten Greuel: » Durch das ganze Gesetz blinkt ein Geist der Milde und der Versöhnung durch, vorzüglich aber das Bestreben des Staats, die Juden wieder zu dem alten Satze zurückzuführen: im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.« Diese schweißtreibende Eigenschaft der Judenordnung ist das wahre Kennzeichen jeder echt deutschen Gesetzgebung. Was man aber mit diesem Karnevalsspaße bezweckte: ob es ein kleiner Luftballon war, den man, um den Wind zu erforschen, dem großen voraussteigen ließ? Ob man in Preußen oder einem andern Staate wirklich daran denkt, die Juden in den Status quo des fünfzehnten Jahrhunderts zurückzuschnellen, und man vorher versuchen wollte, ob sie noch Elastizität genug haben, sich das gefallen zu lassen? Ob man die Juden, und aus welchem Grunde, nur ängstigen wollte? Ob es eine Wachtparade war, das deutsche Volk überhaupt in Schrecken zu setzen? Ob der Entwurf, wie ich mich früher einmal ausgedrückt, ein Ochse war, den man der Boaschlange der deutschen Revolution in den Rachen jagen wollte, um sie wehrlos zu machen und dann zu töten? Oder was es sonst sein möchte – das kann ich nicht erraten. Doch es wird kund werden früher oder später.

Übrigens könnte Preußen eine solche Judenordnung einführen, und es würde gar nichts dabei verlieren, außer daß dann auch die Kurzsichtigsten vorhersehen würden, welche Zukunft dem ganzen Volke droht. Der alleinige Unterschied bliebe dann, daß man dem jüdischen Hunde mit einem Schnitte die Ohren kurz machte, während man sie dem christlichen nur nach und nach abschneiden würde, »um dem armen Viehe nicht auf einmal zu wehe zu tun«, wie jener Bediente sagte. Wenn man die preußische Regierung beurteilen will, muß man nicht bloß auf das achten, was sie tut – denn das zeigt nur an, was sie kann, sondern auch auf das, was sie spricht – welches anzeigt, was sie will. Wenn ich das Berliner Politische Wochenblatt lese, weiß ich gar nicht, was ich denken soll. Ich sage denken – denn glauben Sie mir: ich drücke nie eine Empfindung aus, ehe ich von der heißen Dachkammer des Gefühls in den Eiskeller der ruhigsten Besonnenheit hinabgestiegen bin und dort die Probe gehalten habe, ob der Kopf mit dem Herzen übereinstimmt. Und sooft diese Übereinstimmung fehlt, lösche ich meine Empfindung aus. In dem Berliner Wochenblatte werden despotische Grundsätze gelehrt, die mit dem Prinzipe des Protestantismus gar nicht zu vereinigen sind. Und wenn Preußen dieses Prinzip, seine Hauptstütze, erschüttert, sinkt es zum Vasallen Österreichs hinab, um später von ihm wie ein Wurm zertreten zu werden. Wenn Preußen seine Zwecke erreicht, wird es die letzte unter den despotischen Mächten, statt daß es die erste unter den freisinnigen könnte sein. Herr von Ancillon, der einzige dirigierende Minister in ganz Deutschland, der gut und schön schreiben kann – warum verteidigt er nicht einmal die Vernunftmäßigkeit des preußischen Regierungssystems gegen die Unvernunft der revolutionären Schriftsteller? Wir verlangen nicht, daß er, ein deutscher Minister, selbst, unter seinem eignen Namen, mit uns Erdenwürmern spreche. Wir wissen recht gut, daß Gott nur wenig Auserwählten erscheint und Angesicht in Angesicht mit ihnen redet. Aber Herr von Ancillon kann uns ja seine eigenhändigen Gesetztafeln durch einen seiner Moses schicken und versuchen, ob wir dem goldenen Kalbe nicht abwendig zu machen wären. Aber er rede kalt, ruhig, vernünftig mit uns, und ohne alle Grobheit. Er nehme einmal auf eine Stunde an, daß wir es gut meinten und nur in unwillkürlichen Irrtümern befangen wären. Wenn wir mit Worten wüten, so ist das so natürlich als verzeihlich. Was sollten wir denn anders tun, da wir keine Macht, sondern nur Recht haben und doch der Geist einen Körper haben muß, daß ihn auch die erkennen, die keine Sonntagskinder sind? Wenn aber die Organe der Regierung zornig reden, so ist das der lächerlichste und zugleich der grausamste Pleonasmus. Ihre Gewehre, ihre Kanonen, ihre Kerker – was sind sie denn anders als plastische Grobheiten von Stein, Eisen und Stahl, während die unsern ganz unschädlich nur von Luft sind? –

In Preußen geht man damit um, die Justizbeamten für absetzbar zu erklären. Vielleicht wissen Sie nicht, was das bedeutet. In den Staaten, wo der Despotismus nicht alle Scham von sich geworfen, wo ihm noch ein kleiner Rest, ich sage nicht von Tugend, aber von Ehre geblieben, sind die Gerichtspersonen unabsetzbar, das heißt: wenn sie einmal ihre Stelle erhalten, darf sie die Regierung ihnen nicht wieder nehmen. Dieses ist der letzte Anker der Ruhe für jeden Bürger, der nun nicht zu befürchten braucht, daß sein Richter in die traurige Lage kommen könnte, entweder seine Stelle zu verlieren und mit Weib und Kindern zu verhungern oder einen Angeklagten zum Tode, zum Kerker, zu Geldbußen zu verurteilen, sobald es einem Wahnsinnigen oder ruchlosen Minister beliebt. Dieser Schutz soll jetzt dem preußischen Volke geraubt werden. Ich will es noch nicht glauben. Was bliebe denn jenen guten Preußen, die ich im Auslande so oft habe in die Enge treiben sehen, indem man ihnen die Verderblichkeit ihres vaterländischen Regierungssystem unwiderleglich klarmachte und die dann immer auf das Wort zurückkamen: aber wir haben doch eine unabhängige Justiz – was bliebe ihnen noch für ein Vorwand übrig, ihre Loyalität, der sie sich schon halb schämen, notdürftig zu verteidigen? Freilich blieben ihnen dann noch ihre gerühmten Abc-schulen übrig. Ich möchte sie aber fragen: ob man denn ihren gelehrten Abc-Bauern etwas anders zu lesen verstattet als die Befehle der Regierung?

Nun freilich, wenn man anfängt, sogar in der Stadt Berlin selbst Verschwörungen zu entdecken, und selbst ein Kavallerieoffizier und ein Regierungsrat sich des Hochverrats verdächtig gemacht haben, dann scheint es Zeit, die Richter unter die Zuchtrute der Polizei zu bringen. Aber was wird es sie helfen? Sie werden höchstens einige junge Leute und dunkle Personen schuldig finden, aber nie einen Menschen von Bedeutung bis zur Straffälligkeit überführen können. Denn in Berlin reichen sich die freisinnigen Männer bis zu den ersten Stufen des Thrones die Hände, und sie lassen sich nicht fallen. Ich freilich traute jenen Menschen nie, die seit fünfzehen Jahren ihren guten Willen zu verheimlichen und dem Despotismus, ihn zu verderben, Vertrauen einzuflößen wußten; doch gibt es andere ehrliche Leute, die ihnen trauen. Mögen sie sich nicht täuschen! Ich war immer der Meinung, daß wer faul wartet, bis die Früchte reif herabfallen, nur faule Früchte lesen wird. Man muß die Freiheit von den Bäumen brechen.

– Herr von Rotteck hat aus dem Sächsischen wieder einen liberalen Becher bekommen; es ist der zehente. Durch das neuliche Betragen des Herrn von Rotteck ist mir erst recht klar geworden, warum so viele deutsche Patrioten von 65 Pulsschlägen an diesem Manne hängen. Er treibt sein Becherspiel mit einer Vollkommenheit, wie ich es auf den Boulevards noch nie gesehen. Er hat eine Art, einem den Liberalismus so bequem zu machen, daß es eine Lust ist. An schönen Maitagen, wo es weder zu kalt noch zu warm ist, geht er mit seinen politischen Freunden spazieren und macht sich über die faulen Bäuche lustig, die bei so herrlichem Wetter im Zimmer eingeschlossen bleiben. Kömmt aber der Sommer der Freiheit, und das Volk fängt zu donnern und zu blitzen an, wird, sobald der erste Tropfen fällt, der Regenschirm der Legalität aufgespannt, man eilt in die Stadt zurück und wimmert: bleibt nur immer auf dem gesetzlichen Wege! Nahen die Weihnachten der Tyrannei, und Bundestagsbeschlüsse schneien vom Himmel herab, zieht Herr von Rotteck den Fuchspelz der Loyalität an, und er schreit zum Fenster hinaus: Hoch lebe unser vielgeliebter Großherzog, der Wiederhersteller der freien Verfassung und des freien Wahlrechts. Dabei ist man sicher, sich weder zu erhitzen noch zu erkälten und ein Jubelsenior zu werden und ein Belobungsschreiben zu erhalten. » Wenn ich nur was davon hätt'« – sagt Staberl.

 

Samstag, den 2. März

... Die öffentliche Meinung ist zu ihrer frühern Ansicht von dem Vater des Wunderkindes von Blaye zurückgekehrt. Die drei Könige, welche die gebenedeite Prinzessin begrüßten, kamen wirklich aus dem Morgenlande, und der Heilige Geist war ihr Landsmann. Als der schändliche Deutz die Herzogin verriet, rief sie, sich selbst noch schlimmer verratend, aus: Le misérable! Je lui ai donné plus que ma vie! Seine Wohltäterin, seine Freundin, die Mutter seines Kindes, ein unglückliches, wehrloses Weib zu verraten! Aber nur den kleinsten Teil meines Grolls wende ich einem solchen Niederträchtigen zu. Den größten Teil spare ich für die Niederträchtigkeit der Regierungen auf, die Verbrechen, welche tausendfachen irdischen Tod und selbst den Fluch des allbarmherzigen Gottes verdienen, wie die schönste Tugend belohnen. Das ist aber das Verderben jeder fürstlichen Herrschaft: sie kann sich nicht erhalten ohne Verräterei; sie kann nicht ruhig leben, wenn nicht wechselseitiges Mißtrauen die Bürger auseinanderhält. Man trete zu jeder Stunde in das geheime Kabinett jedes Königs, und findet man einen seiner Untertanen bei ihm, mit dem er sich liebreich und freundlich wie ein Bruder unterhält – ist es ein Weib, wird es eine Sängerin, ist es ein Mann, wird es ein Spion sein. Und selbst die Opernsängerin hat nur den zweiten Platz in dem Herzen des Königs.

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