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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 11
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Elfter Brief

 

Paris, den 30. Oktober 1830

Ich Unglücklichster muß meine Wohnung von neuem wechseln. Der Kamin raucht, und der Fußboden, obzwar parkettiert, ist von einer beleidigenden Kälte. Nicht ohne Grobheit machte ich meiner schönen Wirtin Vorwürfe, daß sie mir die geheimen Fehler der Zimmer verschwiegen. Sie stellte sich ganz überrascht und erwiderte: das wäre ihr unbegreiflich; ein junger Spanier habe doch zwei Winter bei ihr gewohnt und sich nie über das Geringste beschwert. Das will ich wohl glauben! Ich ließ mich durch die schönsten französischen Versprechungen von Teppichen und Kaminverbesserungen nicht täuschen, kündigte sogleich auf und ging fort, mich nach einer andern Wohnung umzusehen. Als ich unten von der Straße nach meinem geöffneten Fenster hinaufsah, bemerkte ich, daß mein Wohnzimmer über dem Torweg liegt und die Kälte des Fußbodens gar nicht zu heilen ist. Das war mir entgangen, sowohl beim Mieten als während der vierzehn Tage, daß ich im Hause wohne. Und doch bin ich Doktor der Philosophie! Wie dumm mögen erst gewöhnliche Menschen sein, die von Fichte und Schelling nie ein Wort gelesen! Ich schämte mich im stillen und nahm mir fest vor, mich nie mehr mit Staatsreformen zu beschäftigen.

– Eine Flinte möchte ich haben und schießen. Mit guten Worten, das sehe ich täglich mehr ein, richtet man nichts aus. Ich wünsche, daß es Krieg gäbe und der kränkelnde Zustand der Welt in eine kräftige Krankheit übergehe, die Tod oder Leben entscheidet. Wenn es Friede bleibt, wird die Zuchtmeisterei in Deutschland immer unerträglicher werden, und glauben Sie ja keinem Menschen das Gegenteil; ich werde recht behalten. Dem deutschen Bürgerstande wird Angst gemacht vor dem Pöbel, und er bewaffnet sich, stellt sich in seiner viehischen Dummheit unter das Kommando der Militärmacht und vermehrt dadurch nur die Gewalt der Regierungen. Hier und in den Niederlanden wird der Pöbel auch aufgehetzt. Die Nationalgarde hält ihn im Zaum, läßt sich aber nicht zum besten haben, sondern verteidigt und beschützt seine eignen Rechte und seinen eignen Vorteil. Heute las ich in einer hiesigen Zeitung, daß ein Koch in Dresden zu sechzehnjähriger Zuchthausstrafe verurteilt worden, weil man bei einem Volksauflaufe ein Messer bei ihm gefunden. Als wenn es nicht ganz was Natürliches und Gewöhnliches wäre, daß ein Koch ein Messer bei sich führe! Auch hat man einen Grafen Schulenburg, der das Volk aufgewiegelt haben soll, arretiert und nach Berlin geführt. Es versteht sich, daß die deutschen Zeitungen nicht Graf Schulenburg schreiben durften, sondern nur Graf S. Nur in den französischen Blättern war der Name ausgeschrieben. Ich zweifle zwar nicht daran, daß es in Deutschland Menschen gibt, die aus Patriotismus oder Mutwillen das Volk aufwiegeln; aber gewiß haben sie die verschiedenen Insurrektionen nicht herbeigeführt, sondern höchstens benutzt. Die Regierungen aber, in ihrer alten bekannten Verstocktheit, werden glauben oder sich anstellen zu glauben, einzelne Aufwiegler wären an allen Unruhen schuld, und wenn sie nun diese in ihre Gewalt bekommen, werden sie denken, alles sei geendigt, auf die Klagen des Volkes ferner keine Rücksicht nehmen und in die alte Lage zurückfallen. Nur Krieg kann helfen. Vor einigen Tagen stand in einem hiesigen Blatte ein sehr merkwürdiger Brief aus Deutschland, der über die dortigen Unruhen ein großes und neues Licht verbreitet. Es wird darin erzählt, wie Metternich diese Unruhen angefacht habe, und wozu er sie habe benutzen wollen. Er gedachte nämlich, die bayrischen Truppen und die der andern süddeutschen Staaten unter dem Vorwande, sie zur Dämpfung der ausgebrochenen Insurrektionen zu verwenden, in die Ferne zu locken und dadurch jene Länder wehrlos zu machen. Der König von Bayern habe aber den Plan durchschaut und ihn vereitelt. Der Bericht ist sehr interessant und ist, wie mich einer versicherte, von Herrn von Hornmayr in München eingesandt. Dieser war früher in Wien angestellt und ist ein großer Feind von Metternich. Es ist sehr traurig, daß in deutschen Blättern der genannte Artikel nicht erscheinen darf und er daher gar nicht bekannt werden wird. Ich hörte auch: die Liberalen in Bayern suchten den König zu revolutionieren, daß er sich an die Spitze der Bewegung stelle und sich zum Herrn von Deutschland mache. Die Sache ist gar nicht unmöglich. Überhaupt sollen geheime Gesellschaften, besonders der alte Tugendbund, gegenwärtig wieder sehr tätig sein. Mit geheimen Gesellschaften möchte ich nichts zu schaffen haben, am wenigsten mit dem Tugendbunde, der es auf eine heillose Prellerei angelegt hat. Er wird von Aristokraten geleitet und hat aristokratische Zwecke, die man vor den dummen ehrlichen Bürgersleuten, die daran teilnehmen, freilich geheimhält. Das heißt, mit der Heiligen Schrift zu reden, den Teufel durch Beelzebub austreiben.

Der heutige Constitutionnel meldet, ein Corps deutscher Bundestruppen, von einem Nassauer Generale kommandiert, würde zusammengezogen, und das Hauptquartier solle nach Frankfurt kommen. Haben Sie davon gehört? Das arme Frankfurt sieht doch einer traurigen Zukunft entgegen. Seit fünfzehn Jahren ist dort das Hauptquartier der Dummheit, und wenn diese einmal ihre Früchte trägt, wird es Frankfurt am ersten schmecken. Ich fange an einzusehen, daß ich die deutschen Verhältnisse falsch beurteilt. Ich habe den entgegengesetzten Fehler der Minister, ich bekümmere mich zu viel um Sachen und zu wenig um Personen. Mehrere unterrichtete Deutsche, die ich hier kennen gelernt, haben mir die Überzeugung beigebracht, daß in Deutschland alles zu einer Revolution reif sei. Wann und auf welche Art es losbrechen werde, könne man nicht wissen; aber es werde losbrechen, und das bald.

– Victor Hugos Hernani habe ich mit großem Vergnügen gelesen. Es ist wahr, daß ich Werke solcher Art bei einem französischen Dichter nach ganz andern Grundsätzen beurteile, als ich es bei einem deutschen Dichter tue. Das Ding an sich kümmert mich da gar nicht; sondern ich betrachte es bloß in seiner Verbindung, das heißt bei romantischen poetischen Werken, in seinem Gegensatze mit der französischen Nationalität. Also je toller, je besser; denn die romantische Poesie ist den Franzosen nicht wegen ihres schaffenden, sondern wegen ihres zerstörenden Prinzips heilsam. Es ist eine Freude, zu sehen, wie die emsigen Romantiker alles anzünden und niederreißen und große Karren voll Regeln und klassischem Schutte vom Brandplatze wegführen. Die Stockfische von Liberalen, deren Vorteil es wäre, die Zerstörung zu befördern, widersetzen sich ihr, und dieses Betragen ist ein Rätsel, das ich mir seit zehn Jahren vergebens zu lösen suche. Die armen Romantiker werden von ihren Gegnern verspottet und verfolgt, daß es zum Erbarmen ist, und man kann ihre herzbrechenden Klagen nicht ohne Tränen lesen. Aber warum klagen sie? Warum gehen sie nicht ihren Weg fort, unbekümmert, ob man sie lobe oder tadle? Ja, das ist's eben. Sie sind noch nicht romantisch genug; die Romantik ist nur erst in ihrem Kopfe, noch nicht in ihrem Herzen; sie glauben, ein Kunstwerk müsse einen unbestrittenen Wert haben, wie eine Münze, und darum seufzen sie nach allgemeinem Beifall. Victor Hugo wiederholt in der Vorrede zu seinem Drama folgende Stelle aus einem Artikel, den er vor kurzem, als ein romantischer Dichter in der Blüte seiner Jahre starb, in einem öffentlichen Blatte geschrieben hatte. Dieses Händeringen, dieses Wehklagen, dieser Lebensüberdruß – es ist gar zu wunderlich!

»Dans ce moment de mêlée et de tourmente littéraire, qui faut-il plaindre, ceux qui meurent ou ceux qui combattent? Sans doute, c'est pitié de voir un poète de vingt ans qui s'en va, une lyre qui se brise, un avenir qui s'évanouit; mais n'est-ce pas quelque chose aussi que le repos? N'est-il pas permis à ceux autour desquels s'amassent incessamment calomnies, injures, haines, jalousies, sourdes menées, basses trahisons; hommes loyaux auxquels on fait une guerre déloyale; hommes dévoués qui ne voudraient enfin que doter le pays d'une liberté de plus, celle de l'art, celle de l'intelligence; hommes laborieux qui poursuivent paisiblement leur œuvre de conscience, en proie d'un côté à de viles machinatures de censure et de police, en butte de l'autre, trop souvent, à l'ingratitude des esprits mêmes pour lesquels ils travaillent; ne leur est-il pas permis de retourner quelquefois la tête avec envie vers ceux qui sont tombés derrière eux et qui dorment dans le tombeau? – –

Qu'importe toutefois? Jeunes gens ayons bon courage! Si rude qu'on nous veuille faire le présent, l'avenir sera beau. Le romantisme, tant de fois mal défini, n'est, à tout prendre, et c'est là sa définition réelle, que le libéralisme en littérature.«

Was doch das Glück übermütig macht! Diese jungen Leute jammern und verwünschen sich das Leben, weil einige poetische Absolutisten nicht haben wollen, daß sie romantisch sind: Absolutisten, die doch keine andern Waffen haben als die Feder und den Spott, welchem man gleiche Waffen entgegensetzen kann – und wir unglückseligen Deutschen, alt und jung, sobald wir nur einen Augenblick aufhören, romantisch zu sein, und uns um die Wirklichkeit bekümmern wollen, werden gescholten wie Schulbuben, geprügelt wie Hunde und müssen schweigen und dürfen uns nicht rühren!

– Der Bundestag, wie ich höre, will in Deutschland die Preßfreiheit beschränken. Wie sie das aber anfangen wollen, möchte ich wissen. Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren.

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