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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 107
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Hundertsiebter Brief

 

Paris, Freitag, den 15. Februar 1833

Menzels Artikel über Saphir ist wunderschön, gemütlich und geistreich. Ich hatte ähnliche Gefühle, als ich erfuhr, Saphir wäre ein Hofmann geworden, und gar unentgeltlich. Sich den Höfen zu verschenken, das heißt sie verächtlich machen, das heißt sie ganz zugrunde richten. Es gibt keine gefährlichere Feindin des monarchischen Prinzips als die Uneigennützigkeit. Schöne Augen hat es nicht, wie bekannt, und seine Gehalte sind sein ganzer Gehalt. Aus einem Theaterkritiker ein Theaterintendant zu werden! Adam war so dumm, sich aus dem Paradiese verjagen zu lassen; aber so dumm war er nicht, daß er sich selbst mit dem flammenden Schwerte vor das Paradies stellte, um die verbotenen Früchte darin gegen sich selbst zu bewachen. Vor einigen Jahren, als ich in Berlin war, ließ man mich dort ausforschen, ob ich nicht geneigt wäre, eine ministerielle Theaterzeitung zu schreiben. Zu wie viele Taler Kurant man mein ästhetisches Gewissen abgeschätzt, erfuhr ich nicht; man wollte wahrscheinlich meiner Phantasie keine Schranken setzen. Ich kann Sie versichern, daß ich in meinem Herzen die größte Lust hatte, mich in solchen Künsten etwas zu versuchen. Es hätte mir Freude gemacht, eine Weile lang das monarchische Prinzip der Oper zu verteidigen und den Jarcke des Balletts zu spielen. Aber ich lehnte das Anerbieten ab; denn mit dem Teufel ist nicht gut zu spaßen.

Ich hätte Saphir für klüger gehalten. Von rechtlicher Gesinnung mag ich nicht sprechen, man macht sich damit nur lächerlich; ich rede nur von der Klugheit. Saphir hätte bedenken sollen, daß man jede Achtung der Menschen, wie jede Herrschaft, nur durch die nämlichen Mittel behauptet, durch die man sie erworben. Diesen Weg zu verlassen und abtrünnig zu werden, kann durch alle Schätze der Welt nicht vergütet werden. Um zehen Kronen verriet Napoleon die Freiheit, die ihn emporgehoben; er verlor alles, und die Freiheit selbst erbte den Lohn, den er empfangen, sie zu verraten. Ich höre, Saphir wundert sich, daß man ihn nicht bezahlt und daß man ihn nicht einmal gebraucht. Wenn man ihn also bezahlte und doch nicht gebrauchte, würde er sich um so mehr wundern. Begreift er denn nicht, daß wenn die Höfe einen unabhängigen Geist kaufen, dieses gar nicht geschieht, um ihn zu verwenden? Was haben sie solchen nötig? Es fehlt ihnen an Knechten nicht. Sie kaufen ihn nur, um ihn zu zerstören, um die menschliche Würde zu entheiligen und frohlocken zu können:

»Seht, so sind euere Oppositionshelden, euere Liberalen, euere Republikaner! Für Gold sind sie alle zu haben.« Die Royalisten möchten die Ansicht geltend machen, ein wahrhaft Liberaler müsse uneigennützig, ein Republikaner tugendhaft sein. Es ist Schelmerei; sie möchten dem Liberalismus und dem Republikanismus den Handel verderben; denn mit so großen Aufopferungen wird sich ihnen selten einer ergeben wollen. Ich kann aber meinen Glaubensgenossen, den Liberalen, zu ihrer Beruhigung die Versicherung geben, daß unsere politische Religion uns gar nicht verbietet, nach Herzenslust Egoisten zu sein. Es gibt sehr viele edle Menschen unter den Royalisten und sehr viele Schufte unter den Republikanern. Aber das beweist weder für die Monarchie noch gegen die Republik. Vielleicht fragen Sie mich: wenn das aber so ist, wenn der Liberalismus und die republikanische Verfassung die Menschen nicht besser macht, was wird dabei gewonnen? Darauf erwidere ich Ihnen: der Republikanismus macht die Menschen nicht besser, aber den Menschen. Der Egoismus in einer republikanischen Sphäre ist weder so breit im Raume noch so lang in der Zeit als der Egoismus in einer monarchischen Sphäre. Nicht so breit – durch Korporationsgeist; nicht so lang – durch Erblichkeit. Er beginnt und endet mit dem Leben und tritt nicht über den Kreis der Familie hinaus. Individuell, wie er ist, hat er nicht Raum genug, ungeheuer, nicht Zeit genug, trostlos zu werden für die bürgerliche Gesellschaft. Die Person hat die Verantwortlichkeit aller ihrer Handlungen auf sich allein zu nehmen, und dieses Gefühl wird auch der lasterhaftesten Natur Schranken setzen. Aber der Adel hat kein Gewissen; denn er teilt die Schuld mit den Tausenden seines Standes. Aber der schlechteste Fürst kann sich gerecht dünken; denn er betrachtet sich als einen treuen Verwalter, der ein Gut, das ihm von seinen Vorfahren anvertraut worden, ungeschmälert seinen Nachkommen überliefern will. Ich werde Ihnen das ein andersmal deutlicher und umständlicher auseinandersetzen. Wenn Sie wißbegierig sind, erinnern Sie mich daran; meine liberale Spitzbubenschule steht Ihnen zu jeder Zeit offen.

Es wird jetzt von sämtlichen Regierungen ein allgemeines europäisches Treibjagen auf die ehrlichen Leute gehalten, und ein edles Tier weiß gar nicht mehr, wo es sich vor all den Hunden und Jägern verstecken soll. Sehen Sie, wenn ein Tor einmal von einem Weisen etwas lernt, ein unwissender Mensch aus einem guten Buche eine Lehre zieht: können Sie sich darauf verlassen, daß es gerade eine Torheit und etwas Falsches sein wird, was sie sich aneigenen. Vor vielen Jahren hat Montesquieu in seinem berühmten Werke Von dem Geiste der Gesetze den Grundsatz aufgestellt die Tugend sei das Prinzip der Republiken, wie die Ehre das der Monarchie. Die ganze Weltgeschichte spricht dagegen. Doch glaubte man es wie ein Evangelium. Nun war in früherer Zeit von republikanischen Gesinnungen in Europa nichts zu spüren; die Tugend, wo sie sich zeigte, flößte also keine Besorgnisse ein, und die Fürsten trugen kein Bedenken, einem ehrlichen Manne ein wichtiges Staatsamt anzuvertrauen. Jetzt aber, da sich die republikanischen Neigungen täglich stärker aussprechen, erinnert man sich, daß die Tugend ihre einzige Nahrung sei, und man sucht die ehrlichen Leute wie die Wölfe auszurotten. Auch werden die Staatswälder täglich sicherer, und man wird bald mit der größten Ruhe bei Tage und bei Nacht dahin reisen können. Ein freisinniger Mann nach dem andern fällt ab, durch Bestechung oder andere Verführung. Das Traurigste hierbei ist nun, nicht daß die Feinde der Freiheit darüber frohlocken, sondern daß deren Freunde sich darüber betrüben und in ihrem Glauben wankend gemacht werden. Das ist nun auch eine Torheit und zugleich eine Ungerechtigkeit. Wer die Tugend zerstören will, braucht nur an ihr zu verzweifeln. Als der sterbende Cato sprach: es gibt keine Tugend! – von dem Augenblicke an gab es keine mehr. Die Schande und das Verbrechen fallen auf die, welche verführen, nicht auf die, welche sich verführen lassen. Der gesündeste, der stärkste, der blühendste Mann – ist er darum, weil er so ist, der Wirkung des Giftes weniger ausgesetzt? Er unterliegt ihm wie der schwächste. Wie mit der Gesundheit des Körpers ist es auch mit der Gesundheit der Seele. Auch der edelste Mensch hat Augenblicke in seinem Leben, in welchen er sich dem Teufel verschreiben möchte. Es sind Augenblicke der Not, des Mangels, des Zorns, der Scham, der Liebe, des Hasses, oder was es sonst ist, was einen guten Menschen aus seiner Bahn werfen kann. In solchen Augenblicken ruft er den Teufel an; aber zum Glücke kömmt der Teufel nicht. Die mitternächtliche Stunde geht vorüber, der Morgen dämmert, und die Seele ist gerettet. Doch die Polizei kömmt, sobald man sie ruft, bei Tage und bei Nacht, zu jeder Stunde durch den Schornstein und durch das Schlüsselloch. Ja, sie kömmt auch ungerufen; denn sie kennt die Not jedes Menschen, und wo keine ist, weiß sie solche herbeizuführen. Keiner entgeht ihr, auf dessen Verderben sie es beharrlich angelegt. So fängt die Polizei die armen verlornen Seelen, welche die gebildete Welt in Frankreich: Freunde der Regierung, in Österreich: gute Patrioten, in Preußen Preußen, in Spanien Freunde des Thrones und des Altars, in Rußland Altrussen, in Bayern Jesuiten nennt; welche aber der grobe Pöbel überall Spione heißt. Gegen das Gift der geheimen Regierung gibt es nur ein Gegengift, das wirksam ist: der Stolz. Zwar ist der Stolz auch ein Laster, und vielleicht das größte unter allen. Aber eben weil es das größte und mächtigste ist, beherrscht es die andern Schwächen als Despot und unterdrückt sie alle. Den einzigen Rat, den man ehrlichen Leuten geben kann, sich zu wahren, ist: seid stolz! Bedenkt, daß ihr es mit Menschen zu tun habt, die ihr verachtet und die euch verächtlich machen wollen, damit ihr das Recht verliert, sie zu verachten. Bleibt fern von ihnen! Und weil man euch nur für stark hält, solange ihr brüllt wie die Löwen – so brüllt! Knurrt, beißt, kratzt den ganzen Tag, daß euch keiner nahekomme; ihr seid verloren, sobald ihr liebenswürdig seid.

 

Samstag, den 16. Februar

»Guten Morgen, Kammerherr.« – »Ihre Hoheit geruhen wohl geruht zu haben.« – »Waren gestern bei Hofe?« – »Untertänigst.« – »Was Neues?« – »Die Gräfin Amalie war en extase über das schöne Wort, das Ihre Hoheit in der Kammer ausgesprochen.« – »Erinnere mich nicht.« – »Ihre Hoheit geruhten, als die Rede von der Öffentlichkeit der Sitzungen und dem Drucke der Verhandlungen war, zu sagen: › Taten sind besser als Worte.‹« Ausspruch des Prinzen und späteren Königs Johann von Sachsen in der ersten sächsischen Kammer. D. Hrsg. – »Weiter?« – »Der Graf bemerkte: › Vraiment le prince Jean est un Mirabeau.‹ Die kleine gelbe Baronin Julie trat hinzu und sagte: › Oui monsieur le Comte, le prince est une mire – à – beau.‹ Darauf erwiderte die Gräfin: › Et vous, madame, vous êtes une mirabelle.‹« – » C'est divin! Meine Schokolade! Um eilf Uhr der graue Wagen vor! Sie melden mich bei der Gräfin!« – »Der Hofrat Böttiger, Aufseher im Japanischen Palais, bittet Ihre Hoheit untertänigst, einen Blick auf diese lateinische poetische Zeilen zu werfen.« – »Der japanische Narr soll mich in Frieden lassen mit seinem Latein. Was will er?« – »Es ist eine Ode Horace.« – » vorace, Kammerherr!« – »An Ihre Hoheit, über deren männlich-fürstlich-edel-hoch parlamentarisches Betragen.« – »Was ist's?« – »Wie Ihre Hoheit zu sagen geruhten. Taten, sind besser als Worte.« – »Schicken Sie dem Hofrat zwei Dukaten, und ich ließe danken!« – »In der ›Allgemeinen Zeitung‹ stehen Berichte über die Ständeversammlungen.« – »Worte, nichts als Worte, Taten sind besser als Worte. Ich werde mit dem Minister sprechen. Es darf keinem Untertanen erlaubt sein, Berichte in eine auswärtige Zeitung zu schicken, ohne sie vorher der inländischen Zensur vorgelegt zu haben. Wozu all das Geschwätz? Taten sind besser als Worte. Meine Reitgerte!« – »Hoheit, dieses Mal sind sie in guten Händen. Der Hofrat Böttiger läßt merken, er sei Korrespondent der ›Allgemeinen Zeitung‹.« – »Was schreibt er? Ma bonbonnière!« – »Er spricht von der neulichen Sitzung, wo Ihre Hoheit zu sagen geruhten: › Taten sind besser als Worte‹.« – »Drei Dukaten bringen Sie ihm!« – »Ein junger Künstler wagt es, Ihrer Hoheit diese Skizze zu einem Gemälde vorzulegen. Es ist die Kammersitzung, in welcher Ihre Hoheit zu sagen geruhte: › Taten sind besser als Worte‹. Sämtliche hohen Ständeglieder sind porträtiert.« – » Mais Diable! man sieht ja ihre Gesichter nicht. Nichts als Rücken; man meint ja, es wäre der Grundriß zu einem Brückenbau.« – » Délicieux! Altesse. Der Maler wählte den Augenblick, wo der Minister in die Kammer tritt und sämtliche Mitglieder aufstehen und sich verneigen.« – »Hut! Kammerherr, Sie erwarten mich bei der katholischen Kirche, und wenn Sie mich bei der Gräfin wieder einsteigen sehen, kommen Sie mir entgegen, prenez cette tabatière! A Dio.« – » Taten sind besser als Worte.« – Mit Ausnahme Ihrer Worte, die besser sind als alle Taten. Dieser Brief ist kurz und bleibt kurz. Am Mehrschreiben verhinderte mich Victor Hugos neues Drama, das vor einigen Tagen im Drucke erschienen und worüber ich zwei Tage mit Lesen und Notieren zugebracht.

– Den *** [Spohr] habe ich immer als liberalen Mann gekannt. Überhaupt ist er brav und hat einen tüchtigen Charakter. Schade, daß seine Verhältnisse ihn von politischer Tätigkeit entfernt halten. In unserm verkrüppelten deutschen Philisterwalde würde er als hohe Eiche hervorragen, und man würde ihn aus den Fenstern der fürstlichen Paläste erkennen.

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