Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Börne >

Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 106
Quellenangabe
pfad/boerne/briparis/briparis.xml
typereport
authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20100102
projectidc89a2b20
Schließen

Navigation:

Hundertsechster Brief

 

Paris, Samstag, den 9. Februar 1833

Den König von Griechenland, den Sohn des bayrischen Großbüttels, vor dem, wie die Zeitungen erzählen, von München an bis Brindisi eine Rauchwolke von den köstlichsten deutschen und italienischen Schmeichelgewürzen herzog – nennt ein hiesiges Blatt einen » roitelet idiot, sourd et bossu«. Ich habe kein französisches Wörterbuch bei der Hand und weiß nicht, was idiot heißt. Ich vermute, es heißt » dumm« oder gar » einfältig«. Das wäre ein Unglück. Die Buckligkeit hätte nichts zu sagen: auch Sokrates war bucklig. Die Taubheit aller Könige wäre eine Wonne des Menschengeschlechts; denn bei ihnen fielen dann alle akustischen Täuschungen weg, es blieben nur noch die optischen übrig; ihre Höfe könnten sie um die Hälfte weniger betrügen, und ihre Völker wären um die Hälfte weniger unglücklich. Aber dumm wäre dumm. Man braucht mehr Verstand, die Griechen zu regieren als das ganze übrige Europa zusammengenommen. Diese Entdeckung von den schönen Eigenschaften des Königs Otto hat viel dazu beigetragen, die französische Kammer bedenklich zu machen, ob sie die Garantie bewilligen solle, welche die Regierung für den dritten Teil des griechischen Anleihens zu übernehmen versprochen. Der Zeitungsredakteur ging mit dem Briefe, den er von einem bayrischen geflüchteten Patrioten aus Straßburg erhielt, zu Dupin, wo an dem Tage die Deputierten versammelt waren; dort teilte er seine Nachrichten mit, von welchen er den wichtigsten Teil, ich weiß nicht warum, nicht drucken ließ, und sie machten einen großen Eindruck, der auf die Kommission der Kammer überging. Aber was liegt daran? Sowohl die alt- als die neubayrischen Herzen, die von München wie die aus dem Spessart, sind, seit ihnen der Professor Thiersch erzählt, daß Sophokles und Äschylus mit dichterischer Begeisterung vom Bier gesprochen, so entzückt über die Hellenesierung ihres Ottos, daß sie die noch fehlenden zwanzig Millionen gern hergeben werden, und sollten sie darüber verarmen und mit einer Hopfenstange in der Hand die Welt durchbetteln müssen.

Die Bayern begreifen recht gut die unermeßlich heilsamen Folgen, die der Staatsvertrag, den der bayrische Vater mit dem griechischen Sohne geschlossen, für Bier und Vaterland haben muß. Beide Majestäten verbürgen sich darin wechselseitig ihre Länder und Untertanen. Sollte einmal der König von Bayern von Österreich oder seinem eigenen treuen Volke angegriffen werden, muß ihm der König von Griechenland Hülfe schicken. Sollte dieser einmal von Österreich, Rußland, Frankreich, England, den Türken, dem Pascha von Ägypten oder von seinen eignen geliebten Untertanen, die ihn anbeten, bedroht werden: dann muß ihm der König von Bayern Hülfe leisten. Wenn ein bayrisches Regiment in Franken mit den Leiden des Volks zu sympathisieren anfängt, schickt man es schnell nach Griechenland. Mögen immerhin die Soldaten sich verzweiflungsvoll auf die Erde werfen und sich die Stirne auf dem Pflaster zerschmettern; mögen sie immerhin bei der Einschiffung sich empören – man weiß sie zu zwingen. Wenn ein griechisches Regiment in Nauplia sich merken läßt, daß es seinen König doch gar zu bucklig finde – schickt man es nach München. Die Griechen in Bayern und die Bayern in Griechenland verstehen das Volk nicht, unter dem sie leben, und hassen und mißhandeln es zum Heile und Segen des monarchischen Prinzips. Der Kaiser von Österreich übt auch diese schöne Regierungskunst. Die ungarischen Soldaten werden nach Italien, die italienischen nach Ungarn geschickt. Der Ungar versteht kein Italienisch außer dem wenigen, was ihm abends in der Kaserne beigebracht wird. Es wird ihn aber nichts gelehrt als caro amico, und man sagt ihm caro amico hieße Hundsfott. Wenn nun der gutmütige Ungar in einer Weinschenke sitzt, und ein gutmütiger Italiener reicht ihm die Hand und sagt: fratello mio, caro amico! – stößt ihm der Ungar seinen Degen in den Leib. Wenn ein junger italienischer Offizier an den Ufern der Donau gedankenvoll hinschleicht und weint Sehnsuchtstränen nach seinem unglücklichen Vaterlande, tritt ein edler Ungar zu ihm und sagt in seiner Sprache: Nicht weinen Bruder, du wirst dein schönes Vaterland bald wiedersehen! Der schmerzbetäubte Italiener glaubt, der Ungar spotte seiner und schlägt ihm ins Gesicht. Sie duellieren sich, der Ungar bleibt tot, und das monarchische Prinzip gibt am nämlichen Abende dem italienischen Offizierkorps einen Champagnerpunsch.

Wollen Sie nächsten Sommer mit mir eine Wallfahrt zur Madonna di bacio machen. Der »Bayrische Volksfreund« hat neulich den Vorschlag gemacht, »an der Stelle, wo die betrübte königliche Mutter ihrem vielleicht auf immer scheidenden innigstgeliebten Sohne, dem Könige von Griechenland, den letzten Abschiedskuß gegeben, vermittelst Beiträge patriotischer Bayern eine Kapelle zu bauen«. Die Patrioten werden beitragen, die Kapelle wird gebaut werden, Cornelius wird eine küssende Muttergottes, den griechischen Jesus auf den Armen, malen, und wir – nun wir bewundern Cornelius. Aber so ein Teufel von Volksfreund hat kein Herz in der Brust. Was hat er nötig, eine betrübte Mutter noch mehr zu betrüben? Wäre nicht schöner gewesen, er hätte der königlichen Mutter gesagt: »Betrübe dich nicht, königliche Mutter! Du hast deinen Sohn nicht zum letzten Male geküßt, du wirst ihn bald wiedersehen –?«

Sollte die ottolästerliche Korrespondenz jenes königs-, biers- und vaterlandsvergessenen bayrischen Journalisten in Straßburg die Folge haben, daß die französische Regierung ihren Teil des griechischen Anleihens nicht übernimmt: so hätte ich wohl ein Mittel, die Garantie für die noch fehlenden zwanzig Millionen, ja eine größere herzuschaffen. Aber ich teile es nicht mit. Nicht als fehlte es mir an schuldiger Liebe und Verehrung für den König von Bayern; aber mein Herz treibt keinen Detailhandel. Ich kann nicht jeden deutschen Fürsten besonders lieben, sondern ich liebe den Deutschen Bund für alle. In Frankfurt habe ich ein großes Kommissionslager von Liebe und Anbetung, und jede Gesandtschaft kann sich dort für ihren Herrn soviel davon holen, als ihm nach Verhältnis seiner Zivilliste zukömmt. Steht aber wieder einmal ein bayrischer Patriot unter dem Bilde seines Königs, das er anzubeten verurteilt worden, werde ich ihn mit meinem Geheimnisse von seiner Schande loskaufen. Mein Finanzplan geht ins riesenhafte und ist so groß als das, was ich damit zu bezahlen gedenke. Ihnen will ich ihn gleich anvertrauen.

Im menschlichen Blute ist, wie bekannt, Eisen enthalten. Jetzt hat sich neulich ein hiesiger Chemiker zu dem Versuche angeboten, aus dem Blute eines verstorbenen Menschen so viel Eisen zu ziehen, daß man daraus eine Denkmünze von der Größe eines Vierzigfrankenstücks prägen könne... Ich sehe vorher, ein Spitzbube von Königlichem Geheimen Finanzrate fällt mir hier in das Wort und sagt: der Vertrag gilt nichts, wir wissen Ihr Geheimnis schon ... Das ist Betrug, Herr Geheimer Finanzrat! Freilich wissen Sie jetzt mein Geheimnis, aber haben Sie es früher gewußt? Es ist das Ei des Kolumbus. Nein, der Vertrag gilt; Ihr sollt jenem armen blassen Jüngling dort nicht das Herz brechen; er soll nicht das Götzenbild eines wahnsinnigen Tyrannen anbeten. Ihr laßt ihn frei und nehmt meinen Plan!

Ist es nicht eine Schande von lüderlicher europäischer Staatshaushaltung, daß in allen Ländern so vieles kostbare Blut der Untertanen ganz ohne persönlichen Vorteil ihrer Fürsten vergossen wird? Man antworte mir nicht: das Blut, welches die Soldaten für den Fürsten vergießen, sei doch nicht ohne Nutzen. Nein. Nützt denn ein Soldat in der Schlacht durch sein eignes Blut, das er vergießt? Er nützt bloß durch das Blut des Feindes, das er vergießt. Sein eignes bringt dem Fürsten keinen Vorteil; denn sobald er tot hingestreckt oder verwundet wird, ist er kampfunfähig. Nun, warum sammelt man dieses Blut nicht in Spitälern und auf dem Schlachtfelde und bereitet Eisen daraus? Man bedenke nur, welches Meer von Blut allein in Europa, nur allein im achtzehnten Jahrhunderte, nur allein in den Kriegen vergossen wurde, die der Französischen Revolution vorhergingen! Da ist der nordische Krieg, der österreichische Erbfolgekrieg, der polnische Krieg, der Schlesische Krieg, der Siebenjährige Krieg, der bayrische Erbfolgekrieg, der Krieg, den in Europa der amerikanische Freiheitskampf zur Folge hatte, der Türkenkrieg. Rußland und Schweden haben nicht soviel Eisen, als man aus all diesem Blute hätte ziehen können. Daraus hätte man Geld, Flinten, Säbel, Bomben, Kanonen bereitet. Und lacht nicht verächtlich und sagt, das sei doch nur Eisen! Ist denn eine Kanone von Eisen? Sie ist vom reinsten Golde; denn damit holt man's. Ein Potosi habt ihr verschleudert! und das ist noch gar nichts ... O! Herr Geheimer Finanzrat, ich war ein Dummkopf. Mit meinem Plane hätte ich den ganzen Rheinkreis, Siebenpfeiffer, Wirth, Behr, Kurz, Wiedemann und die hundert von andern Schlachtopfern eurer monarchisch-aristokratisch-jesuitischen Tyrannei loskaufen können. Ich habe mich übereilt, doch es ist zu spät; ein ehrlicher Mann muß auch dem Teufel Wort halten.

Nicht bloß das Blut der Soldaten im Kriege, sondern auch das Blut aller Bürger in Friedenszeiten kann zur Metallbereitung benutzt und können dadurch die fürstlichen Kassen unerschöpflich gemacht werden. Wie viele Millionen Bauern gibt es nicht in Europa, die ihre Steuern nicht mehr bezahlen können. Man lege ihnen eine Blutsteuer auf, man lasse sie zur Ader. Wenn ein Bürger seine Geldbuße nicht entrichten kann, lasse man ihn zur Ader. Wie herrlich könnte man das Aderlassen benutzen, Preßvergehen zu verhindern oder zu bestrafen. Ein deutscher Journalist hat gewöhnlich weder Gut noch Geld, um Kaution zu leisten. Man setze tausend Unzen Blut als Kaution für jeden Journalisten fest. Kann ein Preßverbrecher seine Geldbuße nicht abtragen, verurteile man ihn zu einem täglichen Aderlasse, auf drei, fünf, sieben, neun, vierzehn Jahre, oder nach der bayrischen Kriminalpraxis auf unbestimmte Jahre. Man lasse den Journalisten Blut, bis die europäischen Verhältnisse sich gebessert haben, bis die belgische, irländische, französische, deutsche, portugiesische, spanische, amerikanische, griechische, türkische, ägyptische Frage entschieden ist. Dann braucht auch ein deutscher Fürst nicht mehr den Kaiser von Rußland um sein herrliches Sibirien zu beneiden. Er kann dann auch seine Untertanen zu den Bergwerken verurteilen; denn ein reiches Bergwerk ist das menschliche Blut.

Jetzt habt ihr meinen Finanzplan, jetzt habt ihr euer griechisch Anleihen vollständig. Komm nun mit mir, du elender armer Jüngling! Du weinst? Sehe diese Träne da, die aus deinem Auge auf deine Hand gestürzt! Brennt sie dich nicht wie Scheidewasser? Nicht einmal die Kraft, nicht einmal den Mut hattest du, deine Hand bis an die Augen zu erheben, um sie zu trocknen! Du weinst? Du flehest Gott an? Gott spottet deiner. Gott ist voll unendlicher Lieb' und Barmherzigkeit. Er hilft jedem Unglücklichen in seinen Schmerzen, er tröstet selbst den Schuldigen in seiner Herzenspein; aber er hilft und tröstet nur, wenn der Unglückliche sich zu retten alle seine Kraft verbraucht und ihm keine mehr übriggeblieben. Dem Trägen und Feigen aber leiht Gott nicht die Kraft, sondern er verläßt ihn. Hilf dir selbst, dann wird dir der Himmel helfen!

 

Dienstag, den 12. Februar

Hilf dir selbst, dann wird dir der Himmel helfen! Das ist mein Triolett. Aber das Triolett der achtzeiligen deutschen Liberalen heißt: Mußt kräftig protestieren, schlägt man dir ins Gesicht. Und schlägt man so einem Pourceaugnac ins Gesicht, tut er noch groß damit und frohlockt überall herum: il m'a donné un soufflet, mais je lui dis bien son fait. Wie wehe macht mir dieser deutsche Protestantismus. Damals, zu Luthers Zeiten, fingen sie auch mit Protestieren an; aber endlich mußten sie zuschlagen, und da siegten sie. Es liegt in ihrer Natur, daß bei ihnen jahrelang das kalte Fieber dem hitzigen vorschleicht und daß, was bei andern Völkern Genesung ist, bei den Deutschen zu neuer Krankheit wird. Was wird bei uns nicht alles noch geschehen, welche Leiden werden erduldet werden müssen, bis sie es zu einer Revolution bringen. Die Franzosen standen mit einem Sprunge darin. Hundertmal im Tage wünsche ich: hole sie der Nikolas! Wahrlich sie werden nicht eher spüren, daß es Winter geworden, daß die Erde kahl ist, daß die Bäume abgestorben, die Lüfte verstummt sind und die Leiche des Vaterlandes in ihrem Schneehemde unbegraben unter freiem Himmel liegt – nicht eher, bis man sie nach Sibirien schickt und sie dort für den kaiserlichen Leib Fuchspelze erjagen müssen und jeder Wunsch, der warm aus dem Herzen kam, zwischen den Lippen gefriert und als Eiszapfen aus dem Munde hängt. Es wird nicht besser, ehe es ärger wird.

Da war wieder einmal ein freisinniger deutscher Mann edel gewesen und hat durch seinen Edelmut der guten Sache mehr geschadet, als ihr hundert Schurkenstreiche hätten schaden können. Ich meine Rotteck. Die Bürger von Freiburg haben Rotteck, nachdem die Regierung die erste Wahl verworfen, zum zweitenmal und, wenn wieder gehindert, zum drittenmal zu ihrem Bürgermeister wählen wollen. Aber da stellte sich der edle Mann auf einen Schemel der Tugend und rief seinen Mitbürgern zu: sie möchten doch wegen seiner die väterliche Rache des Landesvaters nicht ihrer Stadt zuziehen und lieber nachgeben und die Bürgermeisterwahl einem andern zuwenden. Das liberale deutsche Philistertum wurde von solcher Hochherzigkeit bis zu Tränen gerührt und ist heimlich schadenfroh, daß die hohe deutsche Bundesversammlung erröten müsse, von solcher Großmut beschämt worden zu sein. Solch einen Mann zu verfolgen! Und daß ja nichts fehle an der vollständigen deutschen Reichsgeschichte, hat Rotteck – protestiert. Die Regierung möge sich alles nehmen, was ihr beliebt, nur recht soll man ihr nicht geben! So lassen sich diese edlen Menschen zum besten haben, und Rotteck, ein Meister der Weltgeschichte, der alle Gewalttätigkeiten kennt, welche von Nimrod bis zu Nikolas die Herrn der Erde geübt, der alle ihre Schelmereien, alle ihre listigen Wege kennt, glaubt einem schönen Triebe seines Herzens zu folgen, während er nur einem Stoße nachgab, den man an einer elektrischen Kette von Karlsruhe bis nach Freiburg zu leiten wußte. War denn hier an Rotteck, an Freiburg gelegen? Darauf kam es an, daß das Volk sein Recht behaupte, seinen Willen und seine Kraft geltend mache und zeige, daß es der Naseweisheit der badischen Junker zu begegnen wisse.

Ja, sie werden nicht eher warm werden, als bis sie nach Sibirien kommen. Der Kaiser Nikolas allein verstände es, das träge deutsche Blut in raschere Bewegung zu setzen. Unsere inländische Tyrannei bringt uns nicht weiter. Wir werden auch gefoltert, aber der Arzt steht uns zur Seite und fühlt uns von Minute zu Minute den Puls, und sooft das Leben zu entweichen droht, spannt man uns ab und bringt uns nicht eher wieder auf die Folter, bis wir neue Kräfte gesammelt. Aber in Rußland ist man so weichherzig nicht. Befahl doch neulich ein kaiserlicher Ukas, alle Zöglinge aller Schulen im Reiche, die sich schlecht aufführten, sollten unter die Soldaten gesteckt oder, wenn wegen körperlicher Mängel dienstunfähig, nach Sibirien verpflanzt werden! Was man in einem despotischen Lande wie dort unter schlechter Aufführung der Jugend versteht, kann man sich leicht denken. Das heißt nicht: Schulden machen, spielen, trinken, die Lehrstunden versäumen, Liebschaften haben – sondern das heißt: freisinnige Meinungen offenbaren. Und darum Knaben nach Sibirien verbannen! Und darum die heiligen Bande der Mutterliebe zerreißen! Und darum das Fundament der Welt untergraben! Das würde bei uns wirken! Aber was geschieht in Deutschland? Höchstens wird ein freisinniger Mann zur Abbitte vor einem goldenen Rahmen und zur Zuchthausstrafe auf unbestimmte Zeit verurteilt. Die deutschen Höfe sollten ihre Junker nach Petersburg schicken, daß sie dort regieren lernten.

Es ist wirklich eine Schande, wie sehr die deutschen Junker noch zurück sind. Die in Sachsen haben es unter allen am weitesten gebracht; doch was ist's? In der ersten Kammer dort, in der Pagodenkammer – sooft in einer ministeriellen Mitteilung des Namens des Königs oder des Prinzen Mitregenten Erwähnung geschieht, oder sooft ein Minister in den Saal tritt, stehen die Edelleute auf und verneigen sich. Das ist alles. Ich bin nicht unbillig, ich sage nicht: das ist nichts. Es ist freilich eine Adelsperle, gegen welche die Perle, welche Kleopatra in ihrem Weine auflöste, nur eine Linse war. Aber ich sage: es ist wenig. Eine Perle! Schickt die edlen Pagoden nach Petersburg. Ist es nicht abscheulich, wie man im königlich mitregentlichen Sachsen den Bürgerstand verzärtelt? Die » Biene« enthielt eine Petition, worin man um die Abschaffung des Lehnwesens bat – ein im neunzehnten Jahrhundert unerhörtes Verbrechen. Nun freilich hat man dieser Biene nicht bloß den Stachel, sondern auch den Honig genommen; man hat sie zertreten, das Blatt unterdrückt und den Redakteur, der mit der Zeitung seine zahlreiche Familie ernährte, an den Bettelstab gebracht. Das ist etwas, aber lange nicht genug. In Rußland hätte man dem Bienen-Vater Nase und Ohren abgeschnitten und ihn nach Sibirien verbannt. Schickt die Junker nach Petersburg!

– Von deutschen politischen Monatsschriften kenne ich nur ein einziges, das zu loben wäre: das, welches der Professor Pölitz in Leipzig herausgibt. Es war früher schon sehr gut, da der Mann nur erst Zensor und Hofrat war; jetzt aber hat ihn der Großherzog von Darmstadt auch zum Geheimen Rate ernannt, und da wird das Journal noch viel besser werden. Diese Auskunft geben Sie einstweilen *** in meinem Namen. Über das andere werde ich ihm bald selbst schreiben.

– Heines Französische Zustände habe ich erst vor wenigen Tagen bekommen, auch schon darin zu lesen angefangen, ich will aber meine Bemerkungen zusammenkommen lassen. Das Buch kömmt mir sehr gelegen. Es soll mir dienen, mich, vielleicht auch Heine zu ergänzen. Das ist bequem und angenehm; es ist wie ein Treppengeländer. Man legt die Hand darauf und gleitet mit geschlossenen Augen sicher hinab. Heine, mir gegenüber, kommt mir vor wie Melanchthon gegenüber Luther. (Ach, was wäre das für eine schöne Tonne für unsere lieben dummen Walfische!) Ich kann wie Luther sagen: »Ich bin dazu geboren, daß ich mit Rotten und Teufeln muß kriegen und zu Felde liegen, darum meiner Bücher viele stürmisch und kriegerisch sind. Ich muß die Klötze und Steine ausrotten, Dornen und Hecken weghauen, Pfützen ausfüllen, Bahn machen und zurichten; aber Melanchthon fährt säuberlich und still daher, bauet und pflanzet, säet und begeußt mit Lust, nachdem ihm Gott seine Gaben reichlich gegeben hat. Soll ich aber einen Fehl haben, so ist es mir lieber, daß ich zu hart rede und die Wahrheit zu heftig herausstoße, denn daß ich irgendeinmal heuchelte und die Wahrheit innebehielte.«

 

Mittwoch, den 13. Februar

Gestern waren laue Frühlingslüfte in den Tuilerien, und man ging und saß viel spazieren. An solchen Tagen sprossen plötzlich die Stühle aus der Erde und prangen mit den schönsten Blumen. Blumen – Weiber. Schon werde ich dichterisch und habe das ganze Herz voll Veilchen. Wie freue ich mich auf den Frühling! Wie will ich lieben! Auch will ich, sobald ich meinen letzten Brief aus Paris geschrieben, eine Frühlingskur gebrauchen; Brunnenkresse, den Werther oder was sonst das Blut reinigt. Das war ein harter Winterfeldzug! Ach! und das weiße Blut der Augen, was die Menschen Tränen nennen, wird für keine Wunde, Weinen nicht für Kämpfen angerechnet! Doch es sei; glücklich wer das nicht kennt. Wie freue ich mich auf die Seen, die Berge und auf das Schellengeläute der Herden, das mich einlullt wie ein Wiegenlied.

... Ich fange an, Mitleiden mit Ihnen zu haben, und kann Ihren Schmerz nicht länger ohne Rührung wahrnehmen. Sie sollen alles erfahren, aber heute ist es zu spät. In meinem nächsten oder nachnächsten Briefe werde ich die Geschichte zu erzählen anfangen. Ich führe Sie von Fortsetzung zu Fortsetzung, bis ich Paris verlasse und Sie wiedersehe. Dann ist das Geheimnis gerettet. Mündlich kann ich lügen wie gedruckt, gedruckt aber oder schriftlich lüge ich nie. Das ist mein Amt und mir heilig. Ich unterscheide mich hierin sehr von allen Ministern, von welchen man mehrere Beispiele hat, daß sie in geselligen Verhältnissen nicht gelogen, in amtlichen aber kein einziges Beispiel – ausgenommen in dem seltenen Falle, wo sie die Wahrheit sagten, daß man sie nicht glaube. Also noch acht Tage warten.

 << Kapitel 105  Kapitel 107 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.