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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 105
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Hundertfünfter Brief

 

Paris, Donnerstag, den 7. Februar 1833

Der Journalist Traxel aus Köln, von dem ich Ihnen neulich geschrieben, hat sich gerettet und ist glücklich in Paris angekommen. Gestern besuchte er mich. Als er abends, da es schon dunkel war, von dem Gerichte zurückkam, wo er sein Urteil empfangen, bat er den Gerichtsdiener, der ihn in das Gefängnis führen sollte, ihn vorher in seine Wohnung zu begleiten, wo er einiges Nötige zu bestellen habe. Dem Verlangen wurde nachgegeben. Als der Huissier in das Zimmer eingetreten war, sprang Traxel hinaus, verschloß die Türe hinter sich, stürzte auf die Straße hinunter, lief ohne Hut und Mantel zum Tore hinaus und kam so glücklich über die Grenze. Auch ist in diesen Tagen ein Bierbrauer aus Leipzig hier angekommen, der zu fünfzehnjähriger Zuchthausstrafe verurteilt war. Er saß schon lange in Pirna fest, als es ihm gelang, seinen Kerker zu durchbrechen, um den weiten Weg durch Deutschland nicht unerkannt, aber unverraten zurückzulegen. So haben sich schon sehr viele Patrioten gerettet, von welchen ich sechs in Frankreich begegnet und gesprochen habe. Wenn man die Erzählung von ihrer oft wunderbaren Rettung anhört, gewahrt man leicht und mit großer Freude, daß diejenigen, welche sie zu bewachen hatten, mit ihrer Flucht einverstanden waren, so daß, wenn sie auch nicht behülflich dabei gewesen, sie doch die Augen zugedrückt. Die Flüchtlinge dürfen zwar aus Klugheit und Dankbarkeit von einem solchen Einverständnisse nicht sprechen, doch aus den angegebenen Umständen errät man es bald. Einer dieser Patrioten aber, der das Vertrauen zu mir unbedenklich fand, gestand es, daß ein Polizeibeamter, und zwar ein solcher, der sich seit mehreren Jahren durch seine blinde Folgsamkeit gegen die Tyrannei ausgezeichnet hat und darum in der ganzen Stadt verhaßt ist, ihm, ob er ihn früher zwar gar nicht gekannt, zu seiner Flucht behülflich gewesen. Wie erfreulich ist es nicht, wahrzunehmen, daß die Karyatiden der Throne mit Menschengesichtern und steinerner Brust endlich auch warm werden und sich beklagen.

Der gute Geist in Deutschland breitet sich immer mehr aus, auch unter den Offizieren und Unteroffizieren. Und was dann? Die deutschen Fürsten werden bald keine andere Macht haben, als der Gerechtigkeit nachzugeben oder unterzugehen, und selbst diese Wahl bleibt ihnen nicht lange mehr.

Sie brüten jetzt über die Wiederherstellung der alten deutschen Reichsgerichte, aber in den alten Kessel soll neues Gebräu kommen. Man spricht von deutschen Nationalgefängnissen, von hohen deutschen Bundestürmen, die gebaut werden sollen. Ich weiß das nähere noch nicht, werde es aber bald erfahren.

In den Blättern, die Sie mir geschickt, habe ich von Weitzels Politische Ansichten der Gegenwart nur noch einige Bruchstücke gefunden; ich hätte aber wahrscheinlich aus dem ganzen nicht klug werden können. Wer hieß aber auch den Mann schreiben in dieser Zeit und in seinen Verhältnissen? Wenn er sagt: »Der Gedanke aber, jetzt in Europa der Monarchie, die sich mit der Aristokratie verbunden, ein Gegengewicht zu geben, kömmt um manche Jahrzehnte zu früh« – so will ich mich aufknüpfen lassen, wenn das sein Ernst war. Weitzel ist einer der besten und klarsten politischen Köpfe Deutschlands, und sein Rat, mit der Ausbesserung des Hauses zu warten, weil es noch manche Jahrzehnte dauern könnte, bis uns das Dach über den Kopf zusammenstürzt, war gewiß nicht aufrichtig. Wenn einmal Aristokratie und Monarchie von selbst zusammenfallen, dann bleibt uns nichts mehr zu tun übrig. Man verliert alle Geduld. Da bitten sie uns täglich, wir möchten doch so gut sein, die Wirkung der Zeit abzuwarten. Als wenn Zeit und Natur je etwas aus nichts schafften! Als wenn sie nicht selbst vorher zerstören müßten, um Neues zu bilden! Für solche Dummköpfe halten sie uns, daß sie uns unaufhörlich vorpredigen, wir möchten, ehe wir das verhaßte Alte zerstörten, das beliebte Neue vorher aufführen. Wo wir aber Bauplätze herbekommen sollen, wenn wir nicht vorher den alten Schutt wegräumen; wo wir Zimmerholz hernehmen sollen, wenn wir keine Bäume umhauen – das Geheimnis predigen sie uns nicht. Und wenn sie zanken: der Liberalismus könne nur zerstören, finden sich in Deutschland gutmütige, aber einfältige Menschen genug, die vor dem Schrecken dieses Vorwurfs zusammenfahren und, aus Furcht, für Mordbrenner gehalten zu werden, nach Hause schleichen, die Nachtmütze aufsetzen und in den »Andachtsstunden« lesen.

Es ist etwas in den Deutschen, auch in den Freisinnigen, was ich nicht verstehe, wozu, mir es begreiflich zu machen, meine Psychologie nicht ausreicht. Ich erstaune täglich über die Gefühllosigkeit, mit welcher die liberalen Deputierten der Kammer die unverschämten Reden der Minister anhören. Ich sage nicht: sie sollen der Gewalt Gewalt entgegensetzen; denn sie haben keine. Ich sage nicht: sie sollen der Frechheit, wie es sich gebührt, antworten und der Pflicht und Ehre ihren persönlichen Vorteil aufopfern; aber ich sage: sie sollen ihr antworten müssen. Ich bin auch kein Held, weder der Tapferkeit noch der Tugend; ich würde vielleicht auch zahm sein der Macht gegenüber; ich wäre wohl auch nicht aufopfernd genug für das Wohl des Volkes, das bei uns solche Aufopferung selten vergütet, mit Weib und Kindern zu verhungern; stünde ich der Anmaßung eines Mächtigen gegenüber, würde ich vielleicht auch überlegen und schweigen. Es gäbe aber Verhältnisse, in denen ich unfähig bliebe zu überlegen, in denen mein Herz den Verstand verdunkelte, und in solchen Verhältnissen, stünde ich auch der Anmaßung eines Königs gegenüber, würde ich seine Krone, seine Kerker, seine Henker vergessen und ihm begegnen, wie es sich gebührt. Ich könnte mich wie ein Knecht, wie ein Verbrecher, wie ein Dummkopf geduldig behandeln lassen; aber wie einen Schulbuben – nie.

Und warum sind sie Schulbuben, wo sie sich die Schwächeren fühlen? Weil sie Schulmeister sind, wo die Stärkeren; der ganze Unterschied besteht nur in den Jahren. Ihrer Frömmigkeit, ihre Sentimentalität richtet sie zugrunde. Vor lauter Begeisterung für das Gute verlieren sie den Geist, es zustande zu bringen. Tränen der Menschenliebe und Rührung verdunkeln ihnen den Blick, und der dümmste Jäger kann sie dann mit Händen fangen. So ein edler Deputierter sitzt, ohne es zu merken, wie ein Falk auf der Faust seines gnädigen Herren, und zeigt sich etwas hoch oben in der Luft, was der gnädige Herr mit seinem Geschosse nicht erreichen kann, nimmt er ihm die Kappe ab und läßt ihn steigen. Das edle Tier steigt, steigt, steigt, holt aus den Wolken ein Täubchen herab, und, den Blick von der Sonne geblendet, gewahrt er gar nicht, daß er wieder zur alten Faust zurückkehrt und man ihm die Kappe von neuem über die Augen gezogen. Dann lachen die Junker verstohlen.

In Kassel feierten sie den Jahrestag der Verfassung und schrieben am folgenden Tage: »Tausend stille Gebete und Wünsche für sie steigen zu dem Ewigen.« Aber der Ewige selbst ist nicht ewig genug, mit eurer ewigen Geduld ewige Geduld zu haben, und laute Flüche wären ihm wohlgefälliger als stille Gebete. Der Eröffnung der Württemberger Stände ging ein feierlicher Gottesdienst voraus, und ein Prälat – versteht sich ein Haas – predigte über den Psalmenvers »Daß die Furcht des Herrn Ehre und Heil in das Land bringe« und ging dann geschickt von dem Könige David auf den König Wilhelm über und näselte »von der Treue gegen unsern verehrten König«. Und die Deputierten fürchten die Furcht und laufen nicht zur Kirche hinaus! Und dann wird die Sitzung eröffnet, »nachdem der Präsident in einer kurzen Anrede den Segen des Himmels erfleht für den bevorstehenden Landtag«! Und dann erhebt sich ein hochherziger Deputierter, den ganz gewiß irgendein loser Schelm von Staatsrat heimlich an seiner Großmut gekitzelt, und macht den Vorschlag, man solle die Diäten der Deputierten von 5 ½ auf 4 ½ Gulden herabsetzen. Taumelnd stand gleich alles auf, was Edles auf den Bänken saß, und alle, einer nach dem andern, schrien wie die Kinder: »ich auch, ich auch!« Es war eine Rührung zum Ersaufen, und die Junker im Trocknen lachten wieder. Darauf nahm ein anderer Deputierter das Wort und sprach: »Ich verzichte nicht auf meine fünf Gulden dreißig Kreuzer; ich werde aber einen Gulden täglich den Armen zukommen lassen.« Auch diese schönen Worte hatten vielstimmigen Widerhall. Endlich stand einer auf und rief: »Wenn man mich zum Präsidenten der Kammer erwählen sollte, werde ich mich, statt der festgesetzten fünftausend Gulden, mit dreitausend begnügen.« Und jetzt hielt die Tugend eine herzallerliebste Versteigerung, und einer forderte immer weniger als der andere. Dieses Mal aber, als die Junker sahen, wie sich die Moral in die Tausende verstieg, lachten sie nicht mehr, sondern sie murrten ... Und solchen unverständigen Menschen ist das Wohl des Landes anvertraut! So lassen sie sich von ihrem Herzen zum besten haben! Sie sehen nicht ein, daß sie für einige tausend Gulden, die sie durch Verminderung der Taggelder dem Volke ersparen, ihm vielleicht Millionen an andern Lasten auflegen. Denn wenn die Diäten so gering sind, daß sie den Deputierten den Verlust ihrer Zeit nicht mehr vergüten, müssen sie zurücktreten und ihre Stellen den Reichen und den Staatsbeamten überlassen. Diese aber werden, wie immer, die Auflage soviel als möglich auf die untern Volksklassen wälzen. Es ist schön, wenn einer edel ist; aber das sei er im geheim. Edelleuten und Ministern gegenüber soll ein Bürger seine Tugend verstecken. Sobald diese merken, daß sie es mit einem edlen Deputierten zu tun haben, übervorteilen sie ihn um so mehr und betrügen in ihm das ganze Volk. Im Gegenteile, wir müssen stets Eigennutz heucheln, damit sie Achtung vor uns bekommen.

 

Freitag, den 8. Februar

Der Spott, den jetzt die deutschen Fürsten mit ihren Ständen treiben, empört mich nicht; ich bin dessen schadenfroh. Ein edler Mann kann oft der Gewalt unterliegen, und immer unverdient, aber der List unverdient nur das erstemal. Wen sie zum zweiten Male täuscht, der hat sein Geschick verschuldet, und es ist das zweitemal, daß sich die deutsche Freiheit betören läßt. Wieder einmal haben die konstitutionellen Fürsten die Schranken der Verfassung durchbrochen, die uns gegen ihren Übermut geschützt; wieder einmal jubeln sie wie die entsprungenen Sklaven. Die Gitterstangen, die sie eingeschränkt, dienen ihnen jetzt zu Waffen, diese Einschränkung zu rächen, und mit den Gesetzen, die sie aus dem Boden gerissen, zerstören sie die Gesetze, die noch aufrechtstehen. Und nicht mehr wie früher begnügen sie sich, ihre Widersacher, die ihnen in die Hände fallen, einzeln zu bestrafen; nein: sie bestrafen die Städte, die Gemeinden, in welchen sich Widersacher gegen sie hervorgestellt. Der König von Bayern hat die Stadt Würzburg durch Verpflanzung mehrerer Ämter, durch Entfernung der berühmtesten Universitätslehrer zugrunde gerichtet. Die Garnison, der heilige Bischof, die allerheiligsten Edelleute verlassen die kleine gewerblose Stadt Freiburg, um die Bürger zu züchtigen, daß sie Rotteck zum Bürgermeister gewählt. Der König von Württemberg, aus Unzufriedenheit, daß die Bevölkerung der Hauptstadt sich so freisinnig zeigt, will mit seinem Hofe und mit seiner Leibgarde nach Ludwigsburg ziehen. Der Magistrat von Stuttgart, um das große Unheil von dem Wohlstande der Gemeinde abzuwenden, hat dem Könige eine von der Bürgerschaft unterzeichnete Adresse überreicht, worin diese den König bittet, nicht von Stuttgart wegzuziehen.

So liegen jetzt alle Deutschen an einer gemeinschaftlichen Kette, und sie haben doch wenigstens eine Galeere zum Vaterlande. In Bayern soll es nicht mehr zu ertragen sein. Ich habe heute drei angesehene und reiche Gutsbesitzer aus Rheinbayern gesprochen, die nach Amerika reisen, um für eine große Menge ihrer Landsleute eine Niederlassung auszumitteln. In Rheinbayern, erzählen sie, steige die Tyrannei täglich, und sie wollten sich retten, während ihnen noch Kraft zur Rettung bliebe. Das sind keine Advokaten, keine Demagogen, keine Schriftsteller, keine Journalisten, keine Freiheitstheoretiker, keine schwärmenden Jünglinge; es sind Gutsbesitzer, schlichte Landbauern – und doch können sie es nicht ertragen!

 

Samstag, den 9. Februar

Die Erklärung von Alexis in der »Nürnberger Zeitung« hat mich sehr ergötzt. Ich hatte es noch nicht gelesen. Sie haben das nicht verstanden, wenn Sie jene Erklärung als einen Versuch ansehen, den Spott abzuwenden, der den armen Häring in Berlin wahrscheinlich getroffen hat. Das nicht. Gegen die Beschuldigungen der Demagogie, die ich aus Scherz und Satire gegen ihn vorgebracht, sucht er sich zu verteidigen, und die Regierung dort hat vielleicht darauf Rücksicht genommen. In solchen Sachen verstehen sie keinen Spaß, wie man zu sagen pflegt. Ich habe kaum gehofft, daß sie so dumm sein werden. Übrigens können Sie sich leicht denken, daß ich nichts darauf antworten werde, überhaupt keinem.

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