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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 103
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Hundertdritter Brief

 

Paris, Donnerstag, den 31. Januar 1833

Béranger, die Nachtigall mit der Adlerklaue, hat wieder gesungen. Gestern wurde ein neuer Band Lieder von ihm ausgegeben. Ich hatte noch nicht Zeit, sie zu lesen; aber in meinem nächsten Briefe schreibe ich Ihnen darüber, und dann schicke ich Ihnen das Buch durch die erste Gelegenheit.

Ein Reisender, der aus Deutschland kam, hat mir meine Briefe geliehen, die hier immer noch nicht angekommen sind. Der erste Band kam mir unbedeutend vor, im zweiten habe ich einige gute Sachen gefunden! Es scheint, daß ich im Januar und Februar am meisten Verstand habe. Das kann aber nicht immer so gewesen sein; denn in einem dieser Monate habe ich Sie einst kennen gelernt. Als Konrad das Buch liegen sah, rief er aus: »Sind das Ihre neuen Briefe! Das wird wieder große Freude im Lande sein.« Schöne Freude! In der »Münchner Hofzeitung« soll stehen: wenn Deutschland noch einen Galgen übrig hat, verdiente ich wegen meiner radikalen Niederträchtigkeit daran gehangen zu werden. Ich werde mich aber um das Hofpöbel-Geschwätz und um das ganze monarchische Gesindel nicht mehr bekümmern. Nicht die geringste Lust habe ich, ein Wunder zu wiederholen und meine Rezensenten zum zweitenmale aus dem Tode zu erwecken. Friede sei mit ihren Gebeinen! Einmal war nötig, aber einmal ist auch genug.

Übermorgen wird im Theater der Porte-St.-Martin ein neues Drama von Victor Hugo aufgeführt. Ich war eben dort, mir einen Platz zu nehmen; es war aber keiner mehr zu haben. Schon auf acht Tage hinaus sind alle Plätze bestellt. So ungeschickt bin ich immer, ich komme jedesmal zu spät, und seit ich Paris besuche, ist es mir noch niemals gelungen, einer ersten Vorstellung beizuwohnen, welche immer die interessanteste ist. Das wird besonders diesmal der Fall sein; denn wegen der Verfolgung, die Victor Hugo neulich von den Ministern zu erdulden hatte, werden seine Freunde und die Feinde der Regierung gewiß Rache zu nehmen suchen. Ohnedies spielt das neue Drama in dem Hause Borgia, diesem bekannten italienischen Fürstengeschlechte, dessen Blut von der Sünde schwarz geworden war. Da werden Dichter und Zuhörer dem monarchischen Prinzip wohl wieder etwas auf den Fuß treten. Das unglückliche monarchische Prinzip! Aus Angst und Verzweiflung, daß man ihm einen Teil seiner Schätze geraubt hat, packt es sich, gleich Molières »Geizigen«, an der eigenen Brust und schreit: Halt den Spitzbuben! Mein Geld heraus! So weh tut ihm keiner seiner Feinde, als es sich selbst tut. Sie werden aus den Pariser Zeitungen halb erraten haben, welche neue Torheiten und Schändlichkeiten die Regierung wegen der Herzogin von Berry begangen hat. Sie schickte zwei hiesige Ärzte nach Blaye. Daran wäre nun weiter nichts Auffallendes gewesen, da die Legitimisten Selbst laut gejammert hatten, die Berry sei krank und würde dem dortigen Klima unterliegen. Aber die Minister des Königs – es kam darauf an, die Geburt des Herzogs von Bordeaux verdächtig zu machen – ließen drucken: die Ärzte hätten eine ganz besondere wichtige Sendung, sie hätten den Auftrag, einen Punkt der gerichtlichen Medizin in das Reine zu bringen. Darauf schreiben die legitimistischen Blätter von Gift, sprachen von Vergiftung. Natürlich war das Verleumdung. Die Ärzte kamen von Blaye zurück, und die Legitimisten, diese dummen Pfaffen des monarchischen Prinzips, erzählten den wahren Hergang der Sache, wie sie ihn zu wissen glaubten. Die Ärzte wären verlegen, schamrot, stotternd vor der Herzogin erschienen und hätten kein Wort hervorzubringen gewußt. Sie aber, wie es der Witwe eines Märtyrers, der Mutter des Wunderkindes gezieme, wäre stolz vor die armen Doktoren hingetreten und hätte, erhaben, erhaben, sehr erhaben über alle weiblichen Schwächen, ihnen selbst den Mund geöffnet und gesagt: »Ich weiß, warum ihr gekommen; jetzt seid ihr hier, jetzt untersucht ihr alles gehörig, und nicht eher sollt ihr das Zimmer verlassen, bis ihr alles gehörig untersucht habt. Man soll wissen, woran man ist.« Die medizinischen Richter untersuchten alles gehörig und fanden alles gehörig und gingen darauf mit roter Stirne fort. Mich ärgert die Geschichte. Jetzt wird nun Jarcke mit dem ganzen monarchischen Trosse frohlockend ausrufen: »Seht ihr, seht ihr, was von einer repräsentativen Verfassung herauskömmt, welche schöne Folgen Öffentlichkeit und Preßfreiheit haben! Hat man in einem Lande, das nicht mit der Preßfreiheit verflucht ist, je von der Mütterlichkeit einer Prinzessinwitwe reden gehört?« Ganz recht hat Herr Jarcke. In solch einem glücklichen Lande erfährt man dergleichen nie. Nichts ist abscheulicher und furchtbarer als die Preßfreiheit; sogar einer fürstlichen verwitweten Unschuld kann sie einen bösen Leumund machen.

Was das elend kranke monarchische Prinzip immerfort an sich kuriert! Wahrhaftig, man muß Mitleid mit ihm haben. Da es sieht, daß ihm Ärzte und Apotheker nicht helfen können, nimmt es zu alten Weibern seine Zuflucht und gebraucht sympathetische Mittel. Vorgestern war ein Ball bei Hofe, und da erschienen mehrere Damen, die » presque jolies et à peu près jeunes« waren, zum allgemeinen Erstaunen mit Puder in den Haaren und gekleidet nach der Mode aus der tugendhaften Zeit der Regentschaft. Die königliche Familie überhäufte diese tugendhaften gepuderten, loyalen monarchischen, fast schönen und ungefähr jungen weiblichen Köpfe mit Gunstbezeugungen aller Art. Der Herzog Decazes machte ihnen den Hof im Namen der Kamarilla. Thiers sagte ihnen im Namen der Doktrinairs die schönsten Schmeicheleien. Im Namen des diplomatischen Korps überreichte ihnen der päpstliche Nuntius Konfekt und Eis. Herr Pasquier, im Namen der Pairs, erklärte diesen Tag für einen jour heureux et à jamais mémorable. Aber im Namen des Volks wurden sie von allen übrigen ausgelacht. Von Thiers wundert es mich, da er doch eine Geschichte der Französischen Revolution geschrieben und wissen mußte, daß Mirabeau und Robespierre sehr gepudert waren und daß Madame Roland eine steife Schnürbrust getragen. Den andern Tag schickten drei Gesandte Kuriere an ihre Höfe, und man glaubt, dieser Puder werde sehr viel zur Schlichtung der belgischen Angelegenheit beitragen, weil die heilige Allianz an dem ernsten Willen Louis-Philippes, das reine monarchische Prinzip herzustellen und die ungepuderte und ungeschminkte Preßfreiheit zu vertilgen, nun nicht länger mehr zweifeln könnte.

Aus Spanien blüht uns wieder eine neue Hoffnung entgegen. Es ist dort in mehreren Provinzen eine bedeutende Revolution ausgebrochen; zwar eine karlistische, aber die hilft auch. Sie unterscheidet sich von einer liberalen nicht mehr als Kreuz-As von Herz-As; der Wert ist der nämliche, und die Farbe des Trumpfes kann allstündlich ändern. Auf keine Weise ist zu fürchten, daß sich die Spanier in den Schlaf protokollieren lassen. Eine diplomatische Konferenz verdaut nimmermehr solch ein hartes Volk. Wenn das dort Bestand hat, werden wir es in Deutschland bald an den frischen Ohrfeigen spüren, die man uns geben wird, wir sind die Menins aller ungezogenen Völker – sie die Unarten, wir die Schläge.

 

Samstag, den 2. Februar

Die Hefte von Riesser mögen Sie mir schicken. Was ich früher von ihm gelesen, deutet auf ein vorzügliches Talent; aber mit seinem Journale ist es ein großer Mißverstand. Wer für die Juden wirken will, der darf sie nicht isolieren; das tun ja eben deren Feinde, zu ihrem Verderben. Was nützt ein eignes Journal für die Juden? Ihre Freunde brauchen es nicht, denn sie bedürfen keiner Zusprache; ihre Gegner nehmen es gar nicht in die Hand. Um ihnen zu helfen, muß man ihre Sache mit dem Rechte und den Ansprüchen der allgemeinen Freiheit in Verbindung bringen. Man muß nur immer gelegentlich, unerwartet von ihnen sprechen, damit der ungeneigte Leser gezwungen werde, sich damit zu beschäftigen, weil es auf seinem Wege liegt. Ich meine auch, es wäre auf diese Weise leichter, die Juden zu verteidigen, jedem, der keine blinde Liebe für sie hat. Ich habe oft und warm für sie gesprochen; hätte ich sie aber isoliert, wäre mir die Gerechtigkeit gar zu sauer geworden. Es scheint, Riesser möchte die Nationalität der Juden gewahrt sehen. Aber die Nationalität der Juden ist auf eine schöne und beneidenswerte Art zugrunde gegangen; sie ist zur Universalität geworden. Die Juden beherrschen die Welt, wie es ihnen Gott verheißen; denn das Christentum beherrscht die Welt, dieser schöne Schmetterling, der aus der garstigen Raupe des Judentums hervorgegangen. Die scheinbeherrschte Menge, hier und dort, mag das verkennen, aber der denkende Mann begreift es. Die Juden sind die Lehrer des Kosmopolitismus, und die ganze Welt ist ihre Schule. Und weil sie die Lehrer des Kosmopolitismus sind, sind sie auch die Apostel der Freiheit. Keine Freiheit ist möglich, solang es Nationen gibt. Was die Völker trennt, vereinigt die Fürsten; der wechselseitige Haß, der die einen trennt und schwach läßt, verbindet die andern zu wechselseitiger Liebe und macht sie stark. Die Könige werden Brüder bleiben und verbündet gegen die Völker, solange ein törichter Haß diese auseinanderhält. Auch die Edelleute sind stark, weil sie kein Vaterland kennen. Deutsche! Franzosen! Ihr zumal, Schiedsrichter der Welt, laßt euch nicht länger töricht von euren Herrschern zum wahnsinnigen Patriotismus entflammen. Weil man euere Vereinigung fürchtet, soll wechselseitiges Mißtrauen euch ewig getrennt halten. Was sie als Vaterlandsliebe preisen, ist die Quelle eures Verderbens. Verstopft sie, werfet Kronen und Szepter und zerschlagene Throne hinein und ebnet den Boden mit dem Pergamentschutte eures Adels. Dann bringt die Freiheit, ihr Deutsche dem Norden, ihr Franzosen dem Süden, und dann ist überall, wo ein Mensch atmet, euer Vaterland und Liebe eure Religion.

Sie sind neugierig? Das ist merkwürdig. So etwas habe ich von einem Frauenzimmer nie gehört. In Diderots Enzyklopädie, in der von Krünitz, im Konversationslexikon, in der Biographie universelle, im Bayle, in der großen englischen Weltgeschichte, im Buffon, in der Bibel, im Koran, in meinen gesammelten Schriften, in keinem dieser Werke ist auch nur ein Wort zu finden, das auf die Existenz weiblicher Neugierde hindeutet. Es ist die merkwürdigste Entdeckung seit der Sündflut. Aber es tut mir leid, ich muß Sie schmachten lassen. Aufrichtig zu sprechen, es ist etwas in dieser Geschichte, das ich nicht mitteilen darf. So habe ich reiflich zu überlegen, wie ich sie Ihnen erzählen soll, ohne etwas hinzuzulügen, und doch zugleich zu verschweigen, was geheim bleiben muß. Die halbe Wahrheit zu sagen, das ist eine künstliche Drechslerarbeit; ganz zu lügen, ist viel leichter. Übrigens kann ich Sie versichern, daß die Geschichte gar nicht so romantisch ist, als Sie sich vielleicht vorstellen. Ich habe mehr wissenschaftliches als Kunstinteresse daran, und wäre ich nicht so wißbegierig, hätte ich mich schon längst dabei gelangweilt; doch das kann ich Ihnen mitteilen, daß jetzt die Tochter nicht mehr allein eifersüchtig ist, sondern auch die Mutter und daß erstere mich seit vierzehn Tagen nicht mehr respectable nennt, sondern aimable; einmal sagte sie sogar adorable. Ich weiß nicht, was sie mit mir vorhat, aber sie abelt mich in einem fort. Bald wird ihr nichts mehr übrigbleiben, als mich exécrable zu nennen. Jetzt schmachten Sie ruhig fort und lassen Sie sich durch nichts stören. Es wird nicht lange dauern – vier Wochen, sechs Wochen, vielleicht zehen, höchstens ein Jahr oder anderthalb.

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