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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 100
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Hundertster Brief

 

Paris, Montag, den 21. Januar 1833

Heute ist der Jahrestag der Hinrichtung Ludwigs XVI. Es sind gerade vierzig Jahre. Um diesen jour funeste et à jamais déplorable, wie vorgestern die Pairskammer beschlossen, religiös würdig zu feiern, mit Gebet, Reue, Buße und Tränen, um zu zeigen, wie jede Republik eine Tigeressenz ist und jede Monarchie eine See von Mandelmilch und Rosenwasser – will ich Ihnen folgende lustige und herzbrechende Geschichte mitteilen. Ich habe sie aus einer französischen Schweizerzeitung übersetzt. Vorher aber will ich Sie daran erinnern, was ich Ihnen kürzlich einmal von den Wassersäcken der Welt geschrieben, und wie das Fürstentum Neufchâtel, von dem Könige von Preußen beherrscht, der Wassersack der Schweiz sei. Jetzt lesen Sie!

»Die Patrioten in den Gefängnissen von Neuchâtel.

Am 8. Dezember des vorigen Jahres begab sich Herr von Perrot, Maire von Neuchâtel und Präsident des Kriminalgerichts, in die Gefängnisse, um den wegen politischen Vergehen Eingekerkerten die sogenannte Amnestie zu verkündigen, mit welcher der König von Preußen in seiner unerschöpflichen Güte sie zu begnadigen geruhte. Diese Magistratsperson legte den Unglücklichen einen Eid auf, nach welchem sie auf den königlichen Szepter zu schwören hatten: ›daß sie an der Person ihrer Richter sich nicht zu rächen suchen; daß sie keinen Groll, gegen wen es auch sei, bewahren; daß sie ihrem Gefängnisse Treue hüten und während der ganzen Zeit ihrer Gefangenschaft kein Mittel zur Flucht versuchen wollen‹. Alle Gefangenen sprachen die Eidesformel aus: nur Dubois, der zum Tode verurteilt, dessen Strafe aber in lebenslängliche Gefangenschaft mit beständiger Zwangsarbeit verwandelt worden war, weigerte sich zu schwören; dieser unglückliche Patriot, als man ihm den Szepter vorhielt, erklärte, daß er sich ein solches Gelöbnis nicht auflegen könnte. Auf eine zweite Aufforderung wiederholte Weigerung, worauf der Maire befahl, Dubois in das Gefängnis zurückzuführen.

Fünf Minuten später fielen auf einen Befehl des Maires zwei Gendarmes über Dubois her, knebelten ihn, legten ihm Handschellen an, schleppten ihn die Treppe herunter, zerrten ihn über den Gefängnishof und warfen ihn in ein Loch, das man den »Käfig« nennt, um vierzehn Tage bei Wasser und Brot darin zu schmachten. Dieses Folterinstrument, ganz genau nach dem Modelle desjenigen verfertigt, das der Kardinal de la Balue auf Befehl Ludwigs XI. ersonnen, ist ein Käfig von ohngefähr fünf und einem halben Fuß ins Gevierte, in dem man weder sitzen noch stehen kann, und in einem alten Turme des Gefängnisses angebracht. Der Unglückliche, den man hineinsperrt, muß sich auf dem Stroh, das man ihm unterlegt, niederkrümmen. Der Käfig ist aus starken Eichenbohlen gezimmert, empfängt nur ein wenig Licht durch die Fensteröffnung einer innern Türe, und das bloß, wenn eine äußere Türe von Eisen, die den Eingang des Turms schließet, geöffnet wird. Im Sommer kann der Unglückliche, den man in dieses Loch sperrt, es noch aushalten; aber im strengen Winter wird es unerträglich, da die Luft von allen Seiten eindringt. Auch wurde der unglückliche Dubois, nachdem er die Folter des Winterfrostes achtundvierzig Stunden ausgehalten, von dem Gefängniswärter in dem erschrecklichen Zustande eines erfrornen Menschen gefunden. Er hatte keinen Puls mehr und war steif wie eine Leiche. Der Kerkermeister entsetzte sich über die Folgen dieser kannibalischen Grausamkeit, eilte fort, Decken und warme Speise zu holen, und bemühte sich mit Hülfe seines Sohnes, das unglückliche Schlachtopfer in das Leben zurückzurufen. Gleich darauf setzte er den Maire von den Folgen seines barbarischen Befehls in Kenntnis. Dieser ließ Dubois in sein altes Gefängnis zurückbringen und forderte ihn von neuem auf, den verlangten Eid zu leisten. Der Gefangene mußte sich in sein schmachvolles Schicksal finden, doch bei sich wohl begreifend, daß ein solcher abgefolterter Eid nur Wort und Wind sei.

Dieses ist die genaue Darstellung von der Lage des unglücklichen Dubois, die uns einer seiner Leidensgenossen, der, glücklicher als er, nach Verlauf seiner Strafzeit das Gefängnis verlassen durfte, mitgeteilt hat. Eidgenossen! Nach solchen Schandtaten dürfen wir nicht mehr allein die Henker von Modena und Lissabon verwünschen. Die Preußisch-Neuchâteler Zwergtyrannen haben sich zur Höhe jener zu erheben gewußt. Das sind die Qualen, welche unsere Brüder in den Gefängnissen von Neuchâtel, und alle die, welche die würdige Regierung dort noch hineinführen kann, täglich zu erdulden haben! Berner! das ist das Schicksal, welches jeden Augenblick Meuron bedroht. Und im Herzen der Schweiz mit seinen milden und patriarchalischen Sitten, und im Herzen der republikanischen Schweiz werden solche monarchisch-aristokratische Schandtaten geduldet!«

Und warum sie nicht dulden, wenn sie aus so guten lieben Händen kommen? Der preußische Staat ist der glücklichste der Welt, er hat die allerbesten Schulen. Dort wird das Volk gründlich zum konstitutionellen Leben erzogen; in den Schulen muß die Freiheit von der Pike auf, vom Abc an dienen. Sie halten jetzt schon am a, b ab; im zwanzigsten Jahrhunderte kommen sie an das b, a ba, und nach ebensoviel Jahrhunderten, als das Alphabet Buchstaben hat, werden die Reichsstände zusammengerufen. Was mich aber an dieser schönen Geschichte von dem Menschenkäfig am meisten ergötzte, war der Szepter, dieses heilige Kreuz, worauf man schwören ließ. Das ist ein Seitenstück zur Buße vor dem Bilde des Königs von Bayern. Die Despotie in Deutschland wird täglich orientalischer, romantischer, sie funkelt wie Smaragden und Rubinen. Man glaubt den Calderon oder ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht zu lesen. Es kömmt noch dahin, daß man die Angeschuldigten kleiner Ketzereien in ein Kristallgefängnis sperren wird oder sie zur Buße mit nackten Füßen auf Perlen wird gehen lassen – und daß man die Angeschuldigten großer Ketzereien an einen Galgen von Sandelholz hängen wird.

– Schwamm herbei! Die erste Seite der deutschen Eselshaut ist sauber; jetzt zur zweiten! Ein Eßwarenhändler in München » »a l'honneur de prévenir la haute noblesse et le respectable public«, daß er frische Trüffeln bekomme. Es ist das erstemal, daß ich so etwas in französischer Sprache lese, und es nimmt sich ganz gut aus. Aber nicht gut nimmt es sich aus, daß das verehrungswürdige Publikum so entsetzlich einfältig ist, so etwas zu dulden. Das verehrungswürdige Publikum sollte sich vereinigen, bei keinem Handelsmanne etwas zu kaufen, der die Frechheit hat, in seinen Ankündigungen besonders von dem hohen Adel zu sprechen. Möchten sie doch endlich einmal zur Besinnung, endlich einmal zum Bewußtsein ihrer Macht kommen! Möchten sie doch endlich begreifen lernen, daß die Sitten mächtiger sind als die Gesetze und daß nur die Gesetze in den Ständen des Adels sind, die Sitten aber in den Ständen des Volks! Wären die Sitten nicht mächtiger als die Gesetze, es stünde heute schlimm in Frankreich mit Freiheit und Gleichheit. Es gibt keinen entscheidenden Tag, es gibt kein Schlachtfeld, keinen großen Sieg der Freiheit. Ist eine Seite der Geschichte herabgeschrieben, werden die Zahlen addiert, und diese Summe nennt man eine Revolution. Fällt das Buch wieder in die Hand des Feindes, glaubt er die Revolution vernichtet zu haben, wenn er jene Summe nicht als Transport auf die neue Seite setzt. Er meint die Rechnung von vorn anzufangen, er merkt nicht, daß die alte Rechnung fortgeht – er ist ein Esel. Aber seid ihr keine Esel!

Ihr werdet nie etwas zu addieren bekommen, wenn ihr nicht täglich aufschreibt, Brüche zu Brüchen, Zahlen zu Zahlen gestellt. Es gibt nur Minuten, nur kleine Händel, kleine Zänkereien der Freiheit, Spottreden, Epigramme, Prügel, Ohrfeigen, Türe hinaus, Treppe hinunter werfen. Aber jeder Tag hat vierundzwanzig Stunden, jede Familie hat fünf Seelen, und ihr glaubt es nicht, was fünf Seelen in vierundzwanzig Stunden verrichten können, wenn sie ernstlich und immer wollen ... Du verehrungswürdiges Frankfurter Publikum – warum bist du denn so gar einfältig, dich in deinem Konzertsaale auf die Hinterstühle zu setzen und dem hohen Adel die vordern zu überlassen? Tut das nicht, setzt euch selbst mit euren Weibern und Töchtern vorn hin. Zwar weiß ich, wieviel es einem bescheidenen Manne kostet, sich in einen öffentlichen Kampf mit der Eitelkeit einzulassen; aber es soll auch nicht einer allein, alle Bürger sollen sich zugleich hervorstellen. Und werdet ihr auch verbannt, bringt der guten Sache das Opfer! Seid nicht demütig, seid nicht blöde, seid nicht schwach! Eure Demut ist ihr Hochmut, eure Blödigkeit ist ihre Frechheit, eure Schwäche ist ihre Stärke. Geht jede Stunde einen Schritt, aber geht diesen Schritt jede Stunde, und ihr werdet bald an das Ziel gelangen.

– » Göttliche Gerechtigkeit, wie – lange noch wirst du deine Blitze schlafen lassen?« Sie glauben vielleicht, ich hätte das gesagt? O nein, es steht im Frankfurter französischen Journale und wird bei einer, ich weiß nicht mehr welcher, Gelegenheit ausgerufen, wo die Fürstenschaft oder der Adel irgendeine Schlappe bekommen. Das Wort ist schön, aber die ganze hohe Deutsche Bundesversammlung mit allen ihren Exzellenzen, Grafen und Baronen, mit allen ihren Legationsräten und Gesandtschaftssekretären, mit dem großen Heere ihrer besoldeten Zeitungsschreiber, hatte so etwas Schönes nicht sagen können, sie mußte sich erst einen Franzosen dazu kommen lassen. Der versteht's! Er spricht wie wir, er macht unsere Stimme nach, er meint, Gott wäre blind und harthörig wie der Patriarch Isaak, werde seinen spitzbübischen Sohn Jakob für seinen Erstgebornen halten und ihm seinen Segen geben. Wahrhaftig, es gefällt mir, daß sie selbst die schlafenden Blitze der Gerechtigkeit aufwecken!

Dritte Seite. Noch einmal Preußen. Prussia for ever. Die preußische Regierung, wie jede germanischen Ursprungs – es ist des Tacitus wegen – besoldet Spione in Paris, um dort auf ihre geliebten treuen Untertanen etwas achtzugeben. Dagegen läßt sich nichts sagen; keine Monarchie kann der Spione entbehren, man lebt, solange man kann. Warum haben Republiken, warum haben Nordamerika, die Schweiz, die freien deutschen Städte keine Spione? Weil dort die Regierungen nicht zu befürchten brauchen, daß ihre Bürger einmal den Verstand verlieren und ihre freie Verfassung gegen einen Fürsten vertauschen möchten. Die Bewohner einer Monarchie aber wünschen sich einen Freistaat, sobald sie zu Verstande kommen; je vernünftiger sie also werden, je mehr Spione braucht ein Fürst. Das ist also ganz in der Ordnung. Außerordentlich ist es aber, eine sehr außerordentliche Naivität, daß eine Regierung es eingesteht und drucken läßt, sie treibe Spionerie, wie es die preußische getan.

Da ist ein gewisser Traxel in Köln, ein königlich preußischer Paradiesvogel, ich meine: einer der Seligen im preußischen Paradiese, das so herrliche Rüben und Schulen hat – der ließ etwas in einem Pariser Blatte von der Seligkeit aller Rheinpreußen drucken und von ihrer Anbetung gegen die Mark Brandenburg. Die preußischen Behörden entdecken den Namen des Spaßvogels und sperrten den Traxel in einen Käfig. Ein Gefängnis ist die beste Widerlegung aller Sophismen, es ist die wahre Schule der Logik. Der Temps (darin standen die Artikel) fragte: wie denn die preußische Regierung ohne Verletzung des Briefgeheimnisses ihren Korrespondenten habe entdecken können? Der preußische Advokat antwortete: Briefe öffnen! Pfui! so etwas erlaubt sich seine Herrschaft nicht; aber » den klugen Maßregeln unseres Gouvernements ist es zuzuschreiben, daß man endlich durch Vermittlung eines Agenten der Pariser Polizei die Originalbriefe des Traxels und mehrere von andern ähnlichen unnützen Gesellen, für Pariser ultraliberale Blätter bestimmt, erhielt ... Der deutlichste Beweis, mit welchem Vertrauen diese Radikalreformers und Lügenverbreiter unsere Regierung verehren, daß sie nicht Scheu trugen, ihre Korrespondenzen frank und frei durch die Post an die vollständigen Adressen der Zeitungsbureaus abgehen zu lassen ... Nur von Traxels Briefen wurde bis jetzt erst Gebrauch gemacht, die andern sind wohl noch aufgespart zur gelegenen Zeit ... Die Landesgesetze dürften dies wahrhaft verbrecherische Treiben leicht als landsverräterisch betrachten und eine Strafe bestimmen, welche als Warnung für ähnliche Briefsteller der Strenge und des Ernstes nicht entbehren wird.«

Unnütze Gesellen, Lügenverbreiter – das ist der Odenstil monarchischer Begeisterung; mit dem wollen wir nicht rechten; der preußische Korrespondent, als er so schrieb, kam vielleicht eben vom Tische. Wir wollen uns an die Prosa halten. Die klugen Maßregeln der preußischen Regierung sind bewunderungswürdig! Der große Friedrich mit seinen herrlich blauen Augen stand vor mir, aber ob er lachte oder weinte, konnte ich nicht unterscheiden; denn schnell verhüllte er sich das Gesicht, als ich von seinen Enkeln erzählte ... Als einen Beweis der Verehrung, als ein Zeichen des Vertrauens sieht es die preußische Regierung an, wenn ihre Untertanen sie nicht für so niederträchtig halten, daß sie die Briefe öffne! So sind alle Monarchien. Jede monarchische Regierung will für jedes Unrecht, mit welchem sie ihre Untertanen verschont, gelobt sein; dann soll man ihre Gerechtigkeit preisen. Jedes Gut, das sie ihren Untertanen nicht raubt, will sie als Geschenk betrachtet wissen, wofür man Dank schuldig sei. Wenn sie den Bürgern erlaubt, jedem, so gut er es versteht, den Weg seines Glückes zu verfolgen, seinem Wohlstande nachzugehen, wenn sie ja einmal nicht hindert, rühmt sie sich, Wohlstand über das Land zu verbreiten, und die Selbsthuldigung nimmt kein Ende. Das ist wörtlich wahr. War doch neulich in einem russischen Zeitungsartikel zu lesen: »Die Polen hatten alle ihre moralischen und physischen Kräfte der Regierung zu verdanken, die sie schmählich verrieten, ob sie ihnen gleich die Mittel verschafft hat, mit denen ein achtmonatlicher blutiger Krieg geführt ward.« Wenn ein unglückliches Volk, nachdem es die Tyrannei ausgesogen, noch so viel Kraft behielt, sich der Tyrannei zu widersetzen, wird ihm das als Verbrechen, als Undank angerechnet! Nichts haben sie den Polen übriggelassen; aber um für die Freiheit zu kämpfen, braucht es keiner andern Waffe als der Liebe zu ihr.

Ist das nicht artig, wenn der preußische Advokat sagt: nur den Traxel habe man einstweilen vorgenommen, die andern gleichschuldigen Pariser Korrespondenten werden zur gelegenen Zeit aufgespart? Das ist Gerechtigkeit! Sie sind wohl noch nicht fett genug, die andern? Ihr verwahrt sie wohl für euren nächsten Freiheitsschmaus? Und: die Gesetzedürftenleicht – eine Strafe bestimmen – die des Ernstes nicht entbehren wird! Also das Gesetz der Richter, das Gesetz wird bestimmen! O mein Friedrich! ... Schicken Sie mir Ihre Sachen, ich werde nicht grob sein, wenigstens diese Woche nicht mehr, ich bin ganz erschöpft.

Ich freue mich, daß dem *** meine Briefe so gut gefallen. Ich will auch auf die Jugend wirken; wir Alten sind keines Punkts auf dem i der Freiheit würdig. Grüßen Sie ihn herzlich von mir, und seine Frau, und Sie sollen der *** mehr Zucker in den Tee werfen, damit sie nicht so sauer spreche. – Glauben Sie ja keinem, der sagt, ich wäre kein Gelehrter; das ist boshafte Verleumdung.

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