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Briefe aus Paris

Ludwig Börne: Briefe aus Paris - Kapitel 10
Quellenangabe
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authorLudwig Börne
titleBriefe aus Paris
publisherWeiss Verlag GmbH
printrun1. Auflage
year1986
isbn3925037-07-1
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Zehnter Brief

 

Paris, den 19. Oktober 1830

Seit gestern bin ich in meiner neuen Wohnung. Ich wollte sie schon Freitag beziehen, aber meine Wirtin, eine junge hübsche Frau, machte eine ganz allerliebste fromme Miene, sagte: C'est vendredi und bat mich, meinen Einzug zu verschieben. Ich bot ihr an, alles Unglück, was daraus entstehen könnte, auf mich allein zu nehmen, doch sie gab nicht nach. Man sagte mir, dieser Aberglaube sei hier in allen Ständen sehr verbreitet. Es gibt zum Transport der Möbel beim Ein- und Ausziehen eine eigene Anstalt, ein besonderes Fuhrwesen. Bei den häufigen Wohnungsveränderungen, die hier stattfinden, sind jene Wagen nicht täglich zu haben, man muß oft wochenlang vorher seine Bestellung machen. An den Freitagen aber sind sie unbeschäftigt, weil da niemand sein Haus wechseln will. Sollte man das von Parisern erwarten?

Gestern, am achtzehnten Oktober, am Jahrestage der Leipziger Schlacht und der Befreiung Deutschlands, fing es mich zu frieren an, und da ließ ich zum ersten Male Feuer machen. Jetzt brennt es so schön hell im Kamine, daß mir die Augen übergehen. Der Preis des Holzes ist ungeheuer. Man kann berechnen, wieviel einem jedes Scheit kostet; die Asche ist wie geschmolzenes Silber. Dabei gedachte ich wieder mit Rührung meines nicht teuern, sondern im Gegenteile wohlfeilen Vaterlandes. Als meine Wirtin mich seufzen hörte und sah, wie ich aus Ökonomie die Hände über den Kopf zusammenschlug, tröstete sie mich mit den Worten: Mais c'est tout ce qu'il y a de plus beau en bois! Diese kleine Frau gibt einem die schönsten Redensarten, aber sie sind kostspielig. Den Mietpreis der Zimmer, den ich zu hoch fand, herabzustimmen, gelang aller meiner Beredsamkeit nicht. Sie widerlegte mich mit der unwiderleglichen Bemerkung: Der englische Ort sei doch ganz allerliebst – mais vouz avez un lieu anglais qui est charmant. Die reichen Engländer setzen viel Gewicht darauf, und der arme Deutsche muß das mit bezahlen.

Ich habe mit einigen deutschen Zeitungsredakteuren Verbindungen angeknüpft, um eine Korrespondenz zu übernehmen, die mir das allerschönste Holz und den anmutigsten aller englischen Orte bezahlen helfe; es ist aber nichts zustande gekommen. Die einen und die andern wollten nicht Geld genug hergeben oder können auch nicht mehr bei den armseligen Verhältnissen, in welchen sich die meisten deutschen Blätter befinden. Die Hamburger Zeitung, welche, da sie einen bedeutenden Absatz hat, mir meine Forderungen vielleicht bewilligt hätte, machte mir die Bedingung, ich müßte mich auf Tatsachen beschränken und dürfe nicht räsonieren. Da ich aber nicht nach Frankreich gereist bin, um ein Stockfisch zu werden, sondern gerade wegen des Gegenteils, brach ich die Unterhandlung ab.

– – Eine ganze Stunde habe ich das Schreiben unterbrochen und darüber von dem langen Briefe, den ich im Kopfe hatte, den größten Teil vergessen. Mich beschäftigte eine Kritik meiner gesammelten Schriften, welche in den neuesten Blättern der Berliner Jahrbücher steht und die mir ein Freund zugeschickt. Es darf Sie nicht wundern, daß ich mich dadurch zerstreuen ließ; mit einer Rezension könnte man einen Schriftsteller selbst vom Sterben abhalten. Ich bin mit meinem Kritiker sehr zufrieden, und alles, was er sagt, hat mir Freude gemacht. Er lobt mich von Herzen und tadelt mich mit Verstand. Sooft von meinen politischen Ansichten und Gesinnungen die Rede ist, stellt er sich freilich an, als verstände er mich nicht, und widerspricht mir; doch wird es keinem Leser entgehen, wie das gemeint ist. Im Grunde denkt Herr Neumann (so heißt der Berliner Rezensent) ganz wie ich; aber ein königlich preußischer Gelehrter muß sprechen wie der Herr von Schuckmann. Das ist das Preußentum, das ist die protestantierte österreichische Politik. Das ist, was ich in meiner Broschüre über die Berliner Zeitung alles vorhergesagt.

– Vor einigen Tagen war ich zum ersten Male im Theater, und zwar in meinen geliebten Variétés. Ich wurde den Abend um einige Pfunde leichter, was bei einem deutschen Bleimännchen, wie ich eins bin, schon einen großen Unterschied macht. Es wird einem dabei ganz tänzerlich zumute, die Füße erheben sich von selbst, und man könnte sich nicht enthalten, selbst Hegel zu einem Walzer aufzufordern, wenn er gerade in der Nähe stände. Ich habe meine Freude daran, wie sich das leichtsinnige Volk alles so leicht macht. Sie schreiben schneller ein Stück, als man Zeit braucht, es aufführen zu sehen. Kaum waren acht Tage nach der Revolution verflossen, als schon zwanzig Komödien fertig waren, die alle auf das Ereignis Bezug hatten. Gewöhnlich ist kein gesunder Menschenverstand darin, aber wozu auch? Ist nicht jedes Volk ein ewiges Kind, und brauchen daher Volksschauspiele Verstand zu haben? Alle diese Gelegenheitsstücke sind nun jetzt wieder von der Bühne verschwunden – »die Toten reiten schnell« –, und ich eilte mich daher, eins der wenigen übriggebliebenen noch auf seiner Flucht zu erhaschen. Ich sah Mr. de la Jobardière. Das ist einer von den altadeligen geräucherten Namen, die schon Jahrhunderte im Schornsteine hängen und jetzt von der jungen Welt herabgeholt und gegessen werden. Der alte Edelmann ist ein guter Royalist, lang und hager und sehr gepudert. Seine Frau ist eine gute Royalistin, dick und rund und geschminkt. Der junge Hausarzt – versteht sich ein Bürgerlicher – ist in die Tochter verliebt. Jetzt kommt der Vorabend der Revolution. Der Arzt, ein Patriot, gibt den Eltern seiner Geliebten, teils um ihnen die Unruhe zu ersparen, teils um ihnen eine Überraschung zu bereiten, Opium ein, so daß sie während der drei Revolutionstage schlafen und erst am dreißigsten Juli aufwachen, da Karl X. schon auf dem Wege nach Rambouillet war. Der Royalist, im Schlafrocke, nimmt, wie gewöhnlich beim Frühstücke, seine Zeitungen vor. Da findet er ein Blatt La Révolution, ein anderes Le Patriote genannt, Blätter, die während seinem Schlafe erst entstanden waren. Er reibt sich die Augen und klingelt seinem Bedienten. Dieser tritt wie ein Bandit mit Säbel und Pistolen bewaffnet herein und trägt einen Gendarmhut auf dem Kopfe. Der Royalist fragt, ob er verrückt geworden, und als er von ihm die Erzählung der vorgefallenen Ereignisse vernimmt, fängt er an, an seinem eignen Kopf zu zweifeln, und schickt nach dem Arzte. Bald erscheint dieser in der Uniform eines Nationalgarden-Offiziers und bestätigt alles. Der Royalist wankt, aber seine festere Frau will noch nichts glauben, sagt: Der König verjagt – das könne nur ein Mißverständnis sein, und sie wolle in die Faubourg-St.-Germain gehen und Erkundigungen einziehen. Sie geht fort, kehrt nach einer Weile zurück, und zwar mit einer dreifarbigen Kokarde, groß wie ein Wagenrad auf der Brust, und sagt, leider sei alles wahr. Das royalistische Ehepaar tröstet sich aber sehr bald und ist der sehr vernünftigen Meinung, ein König sei wie der andere, der Herzog von Orléans sei König und darum das Unglück nicht so groß. Le Roi est mort, vive le Roi! schreien sie, und der Arzt bekommt die Tochter. Ist das nicht eine prächtige Erfindung?

Der dreißigste Juli war auch der Himmelfahrtstag Napoleons. Seitdem wird er als Gott angebetet. Ich sah La redingote grise. Es ist die bekannte Geschichte von der sogenannten kaiserlichen Großmut gegen die Prinzessin Hatzfeld in Berlin. Der Theaterlieferant hatte den Verstand, Napoleon nichts sprechen zu lassen. Er erscheint als Graumännchen auf einige Minuten und verschwindet dann wieder. Es ist recht schauerlich.

Die unheilige Dreieinigkeit vollständig zu machen, erschien nach der Volkssouveränität und Buonaparte am nämlichen Abende der leibhaftige Teufel selbst auf der Bühne, unter Voltaires Gestalt. Das Vaudeville heißt Voltaire chez les Capucins. Das Stück spielt in einem Kapuzinerkloster, worin Voltaire als ungekannter Gast eingekehrt war. Es sind heuchlerische Pfaffen, die dort ihr Wesen treiben. Voltaire entdeckt ihre Schelmereien, ihre geheimen Liebschaften, ihre Ränke und Missetaten; er schürt das Feuer und schwelgt ganz selig in Schadenfreude und Bosheit. Es war eine Lust, wie gut ihn der Schauspieler dargestellt – aber gottlos, sehr gottlos.

– Sie fragen mich, was ich erwarte, was ich denke? Ich erwarte, daß die Welt untergehen wird und daß wir den Verstand darüber verlieren werden. Ich zweifle nicht daran, daß bis zum nächsten Frühlinge ganz Europa in Flammen stehen wird und daß nicht bloß die Staaten über den Haufen fallen werden, sondern auch der Wohlstand unzähliger Familien zugrunde gehen wird. Zu ihren Lustbarkeiten laden die Fürsten nur Edelleute ein; aber wenn das Unglück über sie kömmt, bitten sie auch ihre Bürger zu Gaste. Dafür sorgen sie voraus, zu diesem edlen Zwecke machen sie Staatsschulden. Wir können stolz darauf sein; es ist eine große Ehre, in so vornehmer Gesellschaft zu jammern.

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