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Briefe aus meiner Mühle

Alphonse Daudet: Briefe aus meiner Mühle - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBriefe aus meiner Mühle
authorAlphonse Daudet
translatorProf. Dr. H. Th. Kühne
firstpub1869
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleBriefe aus meiner Mühle
created20070201
sendergerd.bouillon
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Die Arlesierin.

Der Weg von meiner Mühle nach dem Dorfe unten führt dicht an einem Meierhofe vorüber. An der Straße liegt der große, mit Zirgelbäumen bepflanzte Hof, im Hintergrunde das Haus. Es ist ein wahres provençalisches Mustergebäude: ein rotes Ziegeldach; eine lange, geschwärzte Vorderseite, unregelmäßig von Fenstern durchbrochen; ganz oben die Wetterfahne des Getreidebodens; die Rolle zum Hinaufziehen der Säcke und hier und da einige Büschel braunen Heus, die heraushingen . . .

Warum war mir dieses Haus aufgefallen? Warum machte mich dieses verschlossene Thor so beklommen? Ich hätte es nicht sagen können und doch überlief mich beim Anblick dieser Wohnung ein Frösteln. Es herrschte ein zu tiefes Schweigen um sie her . . . Kein Hund bellte, wenn man vorbei ging, die Perlhühner flohen, ohne zu schreien . . . Drin im Hause nicht eine Stimme! Nichts, nicht einmal die Schelle eines Maultiers . . . Ohne die weißen Vorhänge an den Fenstern, ohne den Rauch, der vom Dache emporstieg, hätte man glauben können, der Ort sei unbewohnt.

Gestern Mittag kam ich vom Dorfe zurück und ging, um die Sonne zu vermeiden, im Schatten der Zirgelbäume an der Mauer des Meierhofes entlang . . . Auf der Straße vor demselben waren schweigende Knechte eben damit fertig geworden, einen Wagen mit Heu zu beladen . . . Das Thor war offen geblieben. Im Vorübergehen warf ich einen Blick hindurch und sah im Hintergrunde des Hofes, die Ellbogen auf einen großen steinernen Tisch gestützt, den Kopf zwischen den Händen, einen großen alten, ganz weißen Mann in einer Weste, die zu kurz war und einer Hose, an welcher die Fetzen herabhingen . . . . Ich blieb stehen. Einer der Leute sagte mir ganz leise:

»Still! Das ist der Herr . . . So ist er, seitdem sein Sohn verunglückt ist.«

In diesem Augenblick gingen eine Frau und ein kleiner Knabe, beide schwarz gekleidet, mit großen vergoldeten Gebetbüchern an uns vorüber und traten in den Meierhof.

Der Mann fuhr fort:

». . . Die Herrin und der Jüngste, sie kommen aus der Messe zurück. Jeden Tag gehen sie hin, seitdem das Kind sich getötet hat . . . Ach, mein Herr, was für ein Jammer! . . . Der Vater trägt noch immer die Kleider des Toten, man kann ihn nicht bewegen, sie auszuziehen . . . . Hü! Hot! mein Pferdchen!«

Der Wagen setzte sich in Bewegung. Neugierig geworden bat ich den Knecht um die Erlaubnis, mich neben ihn setzen zu dürfen und dort oben, im Heu, erfuhr ich denn die ganze traurige Geschichte . . . .

*           *
*

Er hieß Jan. Es war ein prächtiger Bursch von zwanzig Jahren, sittsam wie ein Mädchen, zuverlässig, mit offenem Gesicht. Da er schön war, sahen alle Frauen nach ihm; er aber hatte nur eine im Sinne – eine kleine Arlesierin, ganz in Sammet und Spitzen, die er einmal, ich weiß nicht wo, kennen gelernt hatte. – Im Meierhofe sah man anfangs diese Bekanntschaft nicht gern. Das Mädchen galt für eine Kokette und ihre Eltern waren nicht aus dem Lande. Aber Jan wollte mit aller Gewalt seine Arlesierin. Er sagte:

»Ich sterbe, wenn man mir sie nicht giebt.«

Man mußte wohl glauben, daß es ihm Ernst war und so beschloß man, sie nach der Ernte zu verheiraten.

Eines Sonntags abends hatte die Familie soeben im Hofe das Mittagsmahl beendigt. Es war beinahe ein Hochzeitsmahl. Die Braut war zwar nicht dabei, aber man hatte die ganze Zeit auf ihre Gesundheit getrunken . . . . Da erscheint ein Mann an der Thür und verlangt mit zitternder Stimme Meister Estève zu sprechen, ihn allein. Estève steht auf und tritt auf die Straße hinaus.

»Meister,« sagt der Mann zu ihm, »Sie wollen Ihr Kind mit einer schlechten Person verheiraten, die zwei Jahre lang meine Geliebte gewesen ist. Was ich sage, beweise ich: hier sind Briefe! . . . Die Eltern wissen alles und hatten sie mir versprochen; aber, seitdem Ihr Sohn sie haben will, wollen sowohl die Eltern, als die Schöne nichts mehr von mir wissen . . . Ich sollte aber meinen, daß sie nach allem dem nicht die Frau eines andern werden könne.«

»'s ist gut!« sagte Meister Estève, nachdem er die Briefe durchlesen hatte; »kommen Sie mit herein, ein Glas Muskatwein zu trinken.«

Der Mann antwortet:

»Ich danke! Ich habe mehr Kummer, als Durst.«

Und so geht er.

Der Vater kommt zurück, setzt sich wieder an den Tisch und das Mahl geht in voller Heiterkeit zu Ende.

Abends geht Meister Estève mit seinem Sohne zusammen hinaus in die Felder. Sie blieben lange draußen; als sie zurückkamen, wartete die Mutter noch auf sie.

»Frau,« sagte der Vater, indem er ihr seinen Sohn zuführte, »umarme ihn! Er ist unglücklich . . . .«

*           *
*

Jan sprach nicht mehr von der Arlesierin. Dennoch liebte er sie immer noch, ja er liebte sie mehr als je, seitdem man sie ihm in den Armen eines andern gezeigt hatte. Nur war er zu stolz, etwas davon zu sagen. Das hat ihn in den Tod getrieben, den armen Jungen! . . . Zuweilen konnte er ganze Tage in irgend einem Winkel sitzen ohne sich zu rühren. Andere Tage wieder warf er sich in wahrer Wut in die Arbeit und brachte allein so viel fertig, wie zehn Tagelöhner . . . Kam der Abend, so ging er auf die Straße von Arles und wanderte vorwärts, bis er am Abendhimmel die schlanken Türme der Stadt emporsteigen sah. Dann kehrte er um. Nie ging er weiter.

Ihn so zu sehen, immer traurig, immer allein . . . Die Leute auf dem Meierhofe wußten nicht mehr, was sie anfangen sollten. Man fürchtete ein Unglück . . . . Einmal, bei Tisch, sagte seine Mutter zu ihm, indem sie ihn, die Augen voller Thränen anblickte:

»Höre, Jan! Wenn du sie trotz alledem haben willst, so wollen wir sie dir geben . . . .«

Der Vater, rot vor Scham, senkte den Kopf . . . .

Jan machte ein verneinendes Zeichen und ging hinaus . . . .

Von diesem Tage an änderte er seine Lebensweise. Um seine Eltern zu beruhigen, spielte er den Vergnügten. Man sah ihn wieder auf dem Ball und im Wirtshause. Bei der Wahl in Fonvieille war er es, der die Farandole verlangte.

Der Vater sagte: »Er ist geheilt.« Die Mutter dagegen hatte immer noch Furcht und überwachte ihr Kind mehr, als je . . . . Jan schlief mit seinem jüngeren Bruder neben der Seidenraupenkammer; die arme Alte ließ sich ein Bett neben seiner Kammer aufschlagen . . . . Es war ja möglich, daß sie einmal nachts bei den Seidenraupen nötig war.

So kam das Fest des heiligen Egidius, des Schutzpatrons der Meierhofsbesitzer.

Große Freude im Meierhofe . . . Es gab Château-Neuf für alle Welt und Glühwein in ganzen Strömen. Dann Raketen und Schwärmer und bunte Laternen in den Zirgelbäumen . . . . Es lebe der heilige Egidius! Mau tanzte auf Tod und Leben. Der Jüngste verbrannte sich seine neue Bluse . . . . Jan selbst sah ganz vergnügt aus; er forderte selbst seine Mutter zum Tanze auf; die arme Frau weinte vor Glück darüber.

Um Mitternacht ging man zu Bett. Alle Welt fühlte das Bedürfnis zu schlafen . . . Jan schlief nicht . . . Der Jüngste hat später erzählt, daß er die ganze Nacht geschluchzt habe . . . . Ach! ich versichere Ihnen, daß man dem hernach Vorwürfe genug gemacht hat . . . .

*           *
*

Am andern Morgen beim Tagesgrauen hörte die Mutter jemand durch ihre Kammer laufen. Es ergriff sie wie eine Ahnung:

»Jan, bist du es?«

Jan antwortet nicht, er ist schon auf der Treppe.

Schnell, schnell springt die Mutter aus dem Bett:

»Jan, wo willst du hin?«

Er steigt hinaus zum Getreideboden; die Mutter hinterdrein:

»Mein Sohn! In des Himmels Namen!«

Er schließt die Thür und schiebt den Riegel vor.

»Jan, mein Jan! Antworte mir. Was willst du thun?«

Mit ihren alten, zitternden Händen tastet sie herum, sie sucht den Drücker . . . Da öffnet sich ein Fenster, man hört einen Körper auf die Steinplatten des Hofes fallen, und aus ist es . . . .

Er hatte sich gesagt, der arme Junge: »Ich liebe sie zu sehr . . . drum will ich sterben . . .« Ach, was ist doch unser Herz für ein elendes Ding! Und doch ist es ein wenig stark, daß nicht einmal die Verachtung die Liebe zu töten vermag! . . .

An jenem Morgen fragten sich die Leute in dem Dorfe, wer wohl da unten in der Richtung von Estèves Meierhofe auf so entsetzliche Weise schreien könne.

Es war die Mutter. Sie stand im Hofe halb nackt vor dem steinernen, mit Thau und Blut bedeckten Tische und jammerte über ihr Kind, das sie tot in ihren Armen hielt.

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