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Briefe aus meiner Mühle

Alphonse Daudet: Briefe aus meiner Mühle - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBriefe aus meiner Mühle
authorAlphonse Daudet
translatorProf. Dr. H. Th. Kühne
firstpub1869
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleBriefe aus meiner Mühle
created20070201
sendergerd.bouillon
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Die Sterne.

Erzählung eines provençalischen Schäfers.

Zur Zeit, als ich die Schafe auf dem Luberon hütete, blieb ich ganze Wochen lang da oben allein mit meinem Hunde Labri und meinen Schafen, ohne eine lebende Seele zu sehen. Von Zeit zu Zeit ging wohl der Eremit vom Mont-de-l'Ure vorüber, um Heilkräuter zu suchen oder ich erblickte wohl auch das schwarze Gesicht eines Kohlenbrenners aus Piemont, aber das waren einfache, durch die Einsamkeit an das Schweigen gewöhnte Leute, die den Geschmack am Reden verloren hatten und nichts von allen dem wußten, was man da unten in den Dörfern und Städten sprach. Wenn ich daher von vierzehn zu vierzehn Tagen auf dem Wege, der den Berg herauf führt, die Glöckchen des Maultiers von unserm Meierhof erklingen hörte, das mir Lebensmittel für die nächsten vierzehn Tage brachte und wenn ich nach und nach das aufgeweckte Gesicht des Kleinknechts oder die rote Haube der alten Tante Norade erscheinen sah, so fühlte ich mich wahrhaft glücklich. Ich ließ mir erzählen, was unten im Lande sich neues ereignet hatte, die Taufen, die Hochzeiten; am meisten aber interessierte es mich zu erfahren, wie es der Tochter meiner Herrschaft, unserm Fräulein Stephanette erging, dem schönsten Mädchen, das es zehn Stunden in der Runde gab. Ohne zu thun, als wenn ich zu großen Teil daran nähme, erkundigte ich mich, ob sie viel zu Festlichkeiten, zu Abendunterhaltungen gehe, ob noch immer neue Liebhaber sich um sie scharten. Und wenn mich jemand fragen sollte, was diese Dinge mir, dem armen Schäfer vom Gebirge, ausmachen konnten, so würde ich ihm antworten, daß ich zwanzig Jahre alt war und daß diese Stephanette das Schönste war, was ich jemals in meinem Leben gesehen hatte.

Nun ereignete es sich eines Sonntags, als ich meine vierzehntägigen Vorräte erwartete, daß dieselben erst sehr spät ankamen. Am Morgen sagte ich mir: »daran ist das Hochamt schuld«; dann gegen Mittag kam ein starkes Gewitter und ich dachte, daß das Maultier sich wegen des schlechten Zustandes der Straßen nicht auf den Weg hätte machen können. Endlich gegen drei Uhr, als der Himmel sich aufklärte und das vom Regen übergossene Gebirge in den Strahlen der Sonne erglänzte, hörte ich durch das Geräusch der von den Blättern fallenden Tropfen und das Gemurmel der angeschwollenen Bäche die Glöckchen des Maultiers, so lustig und munter, wie das Geläute der Glocken an einem Ostertage. Aber es war weder der Kleinknecht, der es führte, noch die alte Norade. Es war . . . ratet einmal, Kinder, wer es war! . . . Unser Fräulein, unser Fräulein in Person, aufrecht zwischen den Weidenkörben sitzend und ganz rosig von der Gebirgsluft und dem erfrischenden Gewitterregen.

Der Kleinknecht war krank, Tante Norade hatte Urlaub erhalten, um ihre Kinder zu besuchen. Das alles teilte mir die schöne Stephanette mit, während sie vom Maultier stieg; ebenso daß sie so spät komme, weil sie sich auf dem Wege verirrt habe. Aber wenn man sie so schön sonntäglich geputzt sah, mit ihren blumigen Bändern, ihrem glänzenden Rocke, ihren Spitzen, hätte man eher glauben können, daß sie sich bei einem Tanzvergnügen verspätet, als sie sich ihren Weg durch die Büsche gesucht habe. Ach! das niedliche Geschöpfchen! Meine Augen konnten nicht müde werden, sie anzuschauen. Freilich hatte ich sie auch noch niemals so nahe gesehen. Zuweilen im Winter, wenn die Herden in die Ebene herabgestiegen waren und ich abends in den Meierhof zurückkam um zu Abend zu essen, ging sie lebhaft durch den Saal, ohne mit der Dienerschaft zu sprechen, immer geputzt und ein wenig stolz . . . . Und jetzt stand sie vor mir und nur vor mir allein; war das nicht um den Kopf zu verlieren?

Nachdem sie die Lebensmittel aus dem Korbe genommen hatte, begann Stephanette sich neugierig umzublicken. Sie hob ein wenig ihren schönen Sonntagsrock in die Höhe, um ihn vor dem Beschmutztwerden zu schützen und trat in den Pferch. Nun wollte sie den Winkel sehen, wo ich schlief, das Strohlager mit dem Schaffell darüber, meinen großen, am Nagel hängenden Kappenmantel, meinen Hakstock, meine Steinschloßflinte. Alles das machte ihr Vergnügen.

»Also hier lebst du, mein armer Schäfer? Wie mußt du dich langweilen, immer so allein zu sein! Was machst du denn? An was denkst du denn? . . .«

Ich hatte Lust zu antworten: »An Sie, Herrin,« und ich hätte nicht gelogen; aber meine Verwirrung war so groß, daß ich nicht ein einziges Wort hervorbringen konnte. Ich glaube wohl, daß sie es bemerkte und daß sie ein wenig boshaft Vergnügen daran fand, meine Verwirrung durch ihre weiteren Bemerkungen zu verdoppeln:

».Und dein Schatz, Schäfer, kommt er zuweilen herauf, um dich zu besuchen? . . . Das muß sicher die goldene Ziege sein oder wohl gar die Fee Esterelle, die nur auf den Spitzen der Gebirge herumschwebt . . . .«

Und als sie das sagte, sah sie selbst aus wie die Fee Esterelle mit ihrem lieblichen Lächeln auf dem nach oben gewendeten Gesicht und ihrer Eile fortzukommen, die aus ihrem Besuche eine Erscheinung machte.

»Gott befohlen, Schäfer.«

»Grüß Gott, Herrin.«

Fort war sie, die leeren Körbe mit sich nehmend.

Als sie auf dem abschüssigen Pfade verschwand, schien es mir, als ob die Kiesel, die unter den Hufen ihres Maultiers fortrollten, mir einer nach dem andern auf das Herz fielen. Ich hörte sie lange, lange und bis an das Ende des Tages blieb ich wie im Schlafe sitzen und wagte nicht mich zu rühren aus Furcht, meinen Traum zu verscheuchen. Gegen Abend, als der Grund der Thäler blau zu werden anfing und als die Schafe sich blökend aneinander drängten, um in den Pferch zurückzukehren, hörte ich, daß man unten herauf nach mir rief und sah auch bald unser Fräulein wieder erscheinen, aber nicht mehr lachend wie vorhin, sondern zitternd vor Frost, vor Furcht und vor Nässe. Sie hatte am Fuße des Abhanges die Sorgue durch den Gewitterregen angeschwellt gefunden und war, da sie mit Gewalt hindurch wollte, Gefahr gelaufen, zu ertrinken. Das schlimmste war, daß zu dieser Stunde der Nacht an eine Rückkehr nach dem Meierhofe nicht zu denken war; denn ganz allein würde unser Fräulein unmöglich den Weg durch das Gehölz zurück gefunden haben und ich selbst durfte meine Herde nicht verlassen. Der Gedanke, die Nacht auf dem Gebirge verbringen zu müssen, quälte sie sehr, namentlich wegen der Sorge, die sich ihre Angehörigen um sie machen würden. Ich suchte sie so viel als möglich zu beruhigen:

»Im Juli sind die Nächte kurz, Herrin . . . Es ist nur ein schlimmer Augenblick.«

Und ich zündete schnell ein großes Feuer an, um ihre Füße und ihr von den Fluten der Sorgue ganz durchnäßtes Kleid zu trocknen. Dann brachte ich ihr Milch und kleine Käse; aber die arme Kleine dachte nicht daran sich zu erwärmen oder zu essen und als ich sah, daß große Thränen in ihren Augen emporstiegen, kam mir selbst das Weinen nahe.

Inzwischen war es ganz Nacht geworden. Auf dem Grat der Gebirge schwebte nur noch ein Strahl vom Sonnenschein, ein Hauch von Licht dort, wo die Sonne untergegangen. Ich wollte, daß unser Fräulein in dem Pferch sich zur Ruhe lege. Ich breitete also aus dem frischen Stroh eine ganz neue Haut aus, wünschte ihr gute Nacht und setzte mich draußen vor die Thür . . . . Gott ist mein Zeuge, daß trotz des Feuers der Liebe, das in meinem Herzen brannte, kein böser Gedanke in mir aufstieg; aber stolz war ich, sehr stolz bei dem Gedanken, daß in einem Winkel des Pferchs ganz nahe der Herde, die neugierig sie schlafen sah, die Tochter meiner Herrschaft unter meiner Obhut ruhte – sie selbst wie ein Schäfchen, nur weißer und teurer als alle andern. Nie war mir der Himmel so tief, nie waren mir die Sterne so leuchtend erschienen . . . . Plötzlich öffnete sich die Gitterthür des Pferchs und die schöne Stephanette trat heraus. Sie konnte nicht schlafen. Die Tiere bewegten sich, dann knisterte das Stroh, oder sie blökten im Traume. Sie wollte lieber nahe am Feuer sein. Als ich das sah, legte ich ihr mein Ziegenfell um die Schultern, schürte das Feuer und so blieben wir nebeneinander sitzen, ohne zu sprechen. Habt ihr jemals die Nacht unter freiem Himmel zugebracht, so wißt ihr, daß zu der Zeit, wo wir schlafen, in der Stille der Einsamkeit eine geheimnisvolle Welt erwacht. Dann singen die Quellen viel lauter und auf den Sümpfen entzünden sich kleine Flämmchen. Alle Geister des Gebirges kommen und gehen ungehindert und die Luft durchzittern kaum vernehmbare Geräusche, als höre man die Zweige der Bäume wachsen und das Gras emporsprießen. Der Tag, das ist das Leben der Wesen; aber die Nacht, das ist das Leben der Dinge. Wer nicht daran gewöhnt ist, der fürchtet sich . . . . Auch unser Fräulein schauderte und bei dem leisesten Geräusch schmiegte sie sich an mich an. Einmal stieg ein langer, melancholischer Schrei aus dem Sumpfe, der weiter unten leuchtete, zitternd zu uns herauf. In demselben Augenblick glitt eine schöne Sternschnuppe in derselben Richtung über uns dahin, gleichsam als ob jener Klagelaut, den wir gehört hatten, leuchtend geworden sei.

»Was ist das?« fragte mich leise Stephanette.

»Eine Seele, die zum Paradiese emporsteigt, Herrin.« Und ich machte das Zeichen des Kreuzes.

Auch sie bekreuzte sich, fuhr mit dem Köpfchen empor, raffte sich dann zusammen und sagte zu mir:

»Es ist also doch wahr, Schäfer, daß ihr Zauberer seid?«

»Bewahre der Himmel, Herrin. Aber wir leben hier oben näher an den Sternen und wir wissen daher besser, was dort vorgeht, als die Leute in der Ebene da unten.«

Sie blickte noch immer nach oben, den Kopf in die Hand gestützt und von dem Ziegenfell umhüllt, wie eine kleine Schäferin aus dem Himmel:

»Wie viele Sterne da stehen! Wie schön das ist! In meinem ganzen Leben habe ich noch nicht so viele gesehen. Weißt du, wie sie heißen, Schäfer?«

»Ei freilich, Herrin . . . Da, gerade über uns, das ist die ›Straße des heiligen Jakob‹ (die Milchstraße). Sie geht von Frankreich gerade nach Spanien hinüber. Der heilige Jakob von Galizien hat sie angelegt, um dem tapferen Karl dem Großen den richtigen Weg zu zeigen, als dieser gegen die Sarazenen in den Krieg zog. Weiter hin, da sehen Sie den ›Seelenwagen‹ (den großen Bär) mit seinen vier leuchtenden Rädern. Die drei Sterne, die vorausgehen, das sind die ›drei Zugtiere‹ und dicht an dem dritten der ganz kleine, das ist der ›Fuhrmann‹. Sehen Sie rings umher diesen Regen von Sternschnuppen, die herabfallen? Das sind die Seelen, die der liebe Gott nicht bei sich haben will . . . Ein wenig weiter unten, da ist der ›Harken‹^ oder die ›drei Könige‹ (Orion). Die dienen uns Schäfern als Uhr. Ich darf sie jetzt nur ansehen, so weiß ich sofort, daß Mitternacht vorüber ist. Noch ein wenig weiter unten, immer nach Mittag zu glänzt ›Johann von Mailand‹, die Fackel unter den Sternen (Sirius). Von diesem Sterne da erzählen die Schäfer sich folgende Geschichte. Eines Nachts war ›Johann von Mailand‹ mit den ›drei Königen‹ und der ›Gluckhenne‹ (den Plejaden) zur Hochzeit eines ihnen befreundeten Sternes eingeladen. Die ›Gluckhenne‹, sagt man, konnte die Zeit kaum erwarten, brach zuerst auf und ging gerade den Himmel hinauf. Sehen Sie, dort oben ist sie, mitten im Himmel. Die ›drei Könige‹ schnitten ihr tiefer unten den Weg ab und holten sie wieder ein; aber der Faulpelz ›Johann von Mailand‹, der zu lange geschlafen hatte, blieb ganz zurück und warf ganz wütend seinen Stab nach ihnen, um sie aufzuhalten. Man nennt daher auch die ›drei Könige‹ den ›Stab Johanns von Mailand‹ . . . . Aber der schönste von allen Sternen, Herrin, das ist unser Stern, das ist der ›Stern des Schäfers‹, der uns beim Morgengrauen leuchtet, wenn wir die Herde austreiben, und auch des Abends, wenn wir sie eintreiben. Wir nennen ihn auch ›Magelone‹, die ›schöne Magelone‹, die dem ›Peter aus Provence‹ (Saturn) nachläuft und sich alle sieben Jahre mit ihm verheiratet.«

»Wie! Schäfer, die Sterne verheiraten sich also auch?«

»Ei freilich, Herrin.«

Und als ich es nun vesuchte ihr auseinander zu setzen, wie es sich mit diesen Heiraten verhalte, da fühlte ich etwas Frisches und Zartes sich leise auf meine Schulter legen. Es war ihr Köpfchen, das vom Schlafe beschwert sich an mich lehnte und Bänder und Spitzen und das wellige Haar zerdrückte. So blieb sie sitzen, ohne sich zu rühren, bis die Sterne am Himmel erblaßten, ausgelöscht durch den Tag, welcher heraufstieg. Und ich, ich blickte auf die Schlummernde, in innerster Seele wohl ein wenig erregt, aber heilig behütet durch die klare Nacht, die stets nur gute Gedanken in mir erweckt hat. Um uns wandelten die Sterne weiter auf ihrer schweigsamen Bahn, gelehrig wie eine große Herde und für Augenblicke bildete ich mir ein, daß einer dieser Sterne, der schönste und glänzendste, seinen Weg verloren habe und zu mir gekommen sei, sich auf meine Schulter zu lehnen und zu schlafen . . . .

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