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Briefe aus meiner Mühle

Alphonse Daudet: Briefe aus meiner Mühle - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBriefe aus meiner Mühle
authorAlphonse Daudet
translatorProf. Dr. H. Th. Kühne
firstpub1869
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleBriefe aus meiner Mühle
created20070201
sendergerd.bouillon
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Meister Cornilles Geheimnis.

Francet Mamaï, der alte Querpfeifer, der zuweilen den Abend bei einem Glase Glühwein mit mir verlebt, hat mir neulich ein kleines Dorfdrama erzählt, das sich vor einigen zwanzig Jahren auf meiner Windmühle abgespielt hat. Die Geschichte des guten Kerls hat mich gerührt und ich will versuchen, sie so wieder zu erzählen, wie ich sie gehört habe.

Denke dir also, lieber Leser, für einen Augenblick, daß du vor einer Bowle mit gewürztem Wein sitzest und daß es ein alter Querpfeifer ist, der dir erzählt.

Unser Ort, mein lieber Herr, ist nicht immer so tot und ruhmlos gewesen wie heute. Sonst blühte darin der Handel mit Mühlenprodukten und zehn Stunden in der Runde brachten uns die Leute von den Meierhöfen ihr Getreide zum Mahlen . . . . Rings um das Dorf waren alle Hügel mit Windmühlen besetzt. Zur Rechten und zur Linken sah man nur Windmühlenflügel, die im Nordostwind sich drehten und über die Tannen weg in das Thal blickten, ganze Herden kleiner, mit Säcken beladener Esel, welche auf den Wegen bergauf und bergab stiegen, und die ganze Woche hindurch hatte man das Vergnügen, oben auf der Höhe das Knallen der Peitschen, das Sausen der Flügel und die Rufe der Müllergehilfen zu hören . . . . Sonntags gingen wir in ganzen Banden zu den Mühlen hinauf. Oben bezahlten die Müller den Muskatwein. Die Müllerinnen in ihren Spitzentüchern, mit ihren Goldkreuzen waren schön wie die Königinnen. Ich, ich brachte meine Querpfeife mit und bis in die dunkle Nacht hinein tanzte man Farandolen. Sehen Sie, diese Mühlen waren die Freude und der Reichtum unseres Dorfes.

Unglücklicherweise hatten die Pariser die Idee, auf dem Wege nach Tarascon eine Dampfmühle anzulegen. Was neu ist, gefällt. Die Leute gewöhnten sich daran, ihr Getreide zur Dampfmühle zu bringen und die armen Windmühlen hatten nichts mehr zu thun. Eine Zeitlang suchten sie dagegen anzukämpfen, allein der Dampf war stärker als sie und eine nach der andern, Gott sei es geklagt, mußten sie alle zuschließen . . . . Man sah nicht mehr die kleinen Esel ankommen . . . . Die schönen Müllerinnen verkauften ihre goldenen Kreuze . . . Es gab keinen Muskatwein, keine Farandolen mehr! Der Nordostwind hatte gut blasen, die Flügel drehten sich nicht . . . Dann eines schönen Tags ließ die Gemeinde alle diese Mauern niederreißen und wo sie gestanden hatten, pflanzte man Weinreben und Olivenbäume.

Eine Mühle hatte jedoch mitten in der Niederlage ausgehalten und fuhr fort, auf ihrem Hügel mutig ihre Flügel vor der Nase der Dampfmüller zu drehen. Es war Meister Cornilles Mühle, dieselbe, wo wir jetzt bei einander sitzen.

*           *
*

Meister Cornille war ein alter Müller, der seit sechzig Jahren im Mehle lebte und webte und für sein Handwerk begeistert war. Die Gründung der Dampfmühle hatte ihn fast toll gemacht. Acht Tage lang sah man ihn durch das Dorf laufen, alle Leute aufwiegeln und mit aller Kraft seiner Lunge in die Welt hinausschreien, man wolle die Provence mit dem Mehle der Dampfmühle vergiften. »Geht nicht da hinunter, sagte er; um Brot zu machen benutzen diese Räuber den Dampf, der eine Erfindung des Teufels ist, während ich mit dem Winde arbeite, der der Odem des lieben Gottes ist . . .« Und so fand er eine Masse schöner Worte zum Lobe der Windmühlen, aber niemand hörte auf sie.

Da erfaßte den Alten die Wut, er schloß sich in seine Mühle ein und lebte allein wie ein wildes Tier. Selbst seine Enkelin Vivette, ein Kind von fünfzehn Jahren, die seit dem Tode ihrer Eltern niemand auf der Welt hatte, als ihren Großvater, wollte er nicht bei sich behalten. Die arme Kleine war genötigt ihren Lebensunterhalt selbst zu gewinnen, indem sie sich auf den Meierhöfen umher bald für die Getreideernte, bald für die Seidenraupen oder für die Olivenernte vermietete. Und doch schien der Großvater sie lieb zu haben, das arme Kind. Denn nicht selten geschah es, daß er in der größten Sonnenglut zu Fuß seine vier Stunden weit ging, um sie auf dem Meierhofe, wo sie eben arbeitete, aufzusuchen und wenn er bei ihr war, so brachte er ganze Stunden damit zu, sie anzusehen und zu weinen . . .

Jedermann glaubte bei uns, daß der alte Müller die arme Vivette aus Geiz fortgeschickt habe und es brachte ihm wahrlich keine Ehre, daß er seine Enkelin so von einem Gute zum andern wandern ließ, den Roheiten der Pächter und all dem Elend ausgesetzt, dem junge Dienstmädchen so schwer zu entgehen vermögen. Auch fand man es sehr schlecht, daß ein Mann von dem Rufe des Meister Cornille, der bisher immer etwas auf sich gehalten hatte, jetzt wie ein wahrer Zigeuner durch die Straßen ging, mit nackten Füßen, durchlöcherter Mütze und zerfetztem Rocke . . . Thatsache ist, daß wir andern Alten Sonntags uns seiner schämten, wenn wir ihn in die Kirche treten sahen und Cornille fühlte das sehr wohl, denn er wagte es nicht mehr sich unter uns zu setzen. Stets blieb er im Hintergrunde der Kirche in der Nähe des Weihkessels bei den Armen.

Über das Leben Meister Cornilles war ein Schleier gebreitet, den man nicht zu durchschauen vermochte. Seit langer Zeit brachte ihm niemand aus dem Dorfe mehr Getreide und gleichwohl drehten sich die Flügel seiner Mühle beständig wie früher . . . Abends traf man auf der oder jener Straße den alten Müller, der seinen mit vollen Mehlsäcken beladenen Esel vor sich her trieb.

»Guten Abend, Meister Cornille!« riefen ihm die Bauern zu; »es geht also noch immer mit der Müllerei?«

»Versteht sich, noch immer, meine Kinder,« antwortete er mit lustiger Miene. »Gott sei Dank, an Arbeit fehlt es nicht.«

Und wenn man ihn dann fragte, wer zum Teufel ihm so viel zu thun gäbe, da legte er den Finger auf die Lippen und antwortete geheimnisvoll: »Still! ich arbeite für den Export . . .« Mehr konnte man nie aus ihm heraus kriegen.

Die Nase in seine Mühle zu stecken, daran war gar nicht zu denken. Selbst die kleine Vivette durfte nicht hinein . . . .

Kam man vorüber, so sah man stets die Thür verschlossen, die schweren Flügel stets in Bewegung, den alten Esel das Gras um die Mühle herum abweidend und eine große magere Katze, die sich auf dem Fensterbrette sonnte und den vorübergehenden einen boshaften Blick zuwarf.

Das alles erschien sehr geheimnisvoll und wurde natürlich viel besprochen. Jeder erklärte das Geheimnis Meister Cornilles auf seine Weise, im allgemeinen aber war man der Ansicht, daß in der Mühle da noch mehr Säcke voll Thaler, als Säcke voll Mehl steckten.

*           *
*

Zuletzt aber kam man hinter die ganze Geschichte und das ging so zu:

Eines schönen Tages, als ich auf meiner Querpfeife der Jugend zum Tanz aufspielte, bemerkte ich, daß der älteste von meinen Jungen und die kleine Vivette sich ineinander verliebt hatten. Im Grunde war ich nicht böse darüber, denn trotz alledem stand der Name Cornille bei uns in Achtung und den kleinen niedlichen Sperling, die Vivette, in meinem Hause herumtrippeln zu sehen, würde mir großes Vergnügen gemacht haben. Nur wollte ich, da die beiden Liebesleute oft Gelegenheit hatten zusammenzukommen, aus Furcht vor etwaigen Folgen die Sache gleich in Ordnung bringen und so stieg ich denn zur Mühle hinauf, um ein Paar Worte mit dem Großvater zu sprechen . . . O der alte Hexenmeister! Wie mich der Grobian empfing! Nichts vermochte ihn die Thüre zu öffnen. So gut es eben ging, suchte ich ihm die Sache durch das Schlüsselloch klar zu machen und da lag, so lange ich sprach, gerade über mir das nichtswürdige Vieh, die magere Katze und fauchte mich an wie ein Teufel.

Der Alte ließ mich gar nicht zu Ende kommen und schrie mir zu, ich solle lieber nach Hause gehen zu meiner Querpfeife und wenn ich es so eilig hätte, meinen Jungen zu verheiraten, so könnte ich ja eine Frau für ihn von der Dampfmühle holen . . . Natürlich stieg mir bei diesen Grobheiten das Blut nach dem Kopfe, doch war ich klug genug mich zusammenzunehmen Ich ließ den alten Narren in seiner Mühle und ging zu den Kindern um ihnen mitzuteilen, wie es mir ergangen war . . . Die armen Lämmer konnten gar nicht daran glauben und baten mich als besondere Gunst um die Erlaubnis, zusammen in die Mühle hinaufsteigen zu dürfen, um mit dem Großvater zu sprechen . . . Ich hatte nicht den Mut, es ihnen abzuschlagen und prr! da war das Pärchen schon auf und davon.

Gerade als sie oben ankamen, hatte Meister Cornille die Mühle verlassen. Die Thür war doppelt verschlossen, aber beim Weggehen hatte der alte Kerl seine Leiter draußen gelassen und sofort kam den Kindern der Gedanke, durch das Fenster einzusteigen und sich in der verrufenen Mühle ein wenig umzusehen . . . .

Sonderbar! Die Mühle war vollkommen leer . . . . Nicht ein Sack; nicht ein einziges Korn Getreide; nicht der geringste Mehlstaub an den Wänden oder auf den Spinnengeweben . . . . Selbst von dem würzigen Geruch nach zerquetschtem Getreide, welcher sonst die Mühlen durchzieht, war nichts zu spüren . . . Der Wellbaum war mit Staub bedeckt und die große dürre Katze lag auf ihm und schlief.

Unten in der Mühle sah es gerade so erbärmlich aus: – ein schlechtes Bett, ein Paar Lumpen, ein Stückchen Brot auf einer Stufe der Treppe und dann in einem Winkel drei oder vier zerplatzte Säcke, aus denen Schutt und weiße Erde zum Boden gefallen waren.

Das war das Geheimnis des Meister Cornille! Diesen Schutt, diesen Gips führte er abends auf der Straße spazieren, um die Ehre der Mühle zu retten und die Welt glauben zu machen, daß man darin noch immer Mehl mahle . . . . Arme Mühle! Armer Cornille! Schon längst hatte die Dampfmühle ihnen die letzte Kundschaft genommen. Die Flügel drehten sich beständig, aber die Mühle ging leer.

Ganz in Thränen kamen die Kinder zurück und erzählten nur, was sie gesehen hatten. Mir wollte das Herz brechen . . . Ohne einen Augenblick zu verlieren lief ich zu den Nachbarn, teilte ihnen die Sache in einem Paar Worten mit und wir beschlossen, sofort alles Getreide, was wir auftreiben konnten, hinauf in Cornilles Mühle zu schaffen. Gedacht, gethan! . . . Das ganze Dorf machte sich auf den Weg, in Prozession kamen wir oben an mit einer langen Reihe von Eseln, mit Getreide beladen, – diesmal mit wirklichem Getreide!

Die Mühle stand weit offen . . . Vor der Thüre saß Meister Cornille auf einem Sack voll Gips und weinte, den Kopf in seinen Händen verborgen. Bei seiner Rückkehr hatte er bemerkt, daß man während seiner Abwesenheit in die Mühle eingedrungen war und sein trauriges Geheimnis entdeckt hatte.

»Ach! ich armer Mann!« sagte er. »Nun bleibt mir weiter nichts übrig, als zu sterben . . . Die Mühle ist entehrt.«

Und er schluchzte, daß es einem das Herz zerschnitt, nannte seine Mühle mit allen möglichen Kosenamen und sprach zu ihr wie zu einem lebenden Wesen.

In diesem Augenblick kamen die Esel oben bei der Mühle an und wir alle fingen mit starker Stimme wie zur guten Zeit der Windmüller an zu schreien:

»Holla! zu mahlen! . . . Holla! Meister Cornille!«

Und die Säcke häuften sich vor der Thüre auf und hier und da, von allen Seiten, rollte das schöne braunrote Getreide zur Erde . . . .

Meister Cornille machte große Augen. Er hatte von dem Getreide in seine hohle Hand genommen und sagte unter Lachen und Weinen:

»Getreide! . . . Guter Gott! . . . Wirkliches Getreide! . . . Laßt mich, daß ich mir's genau betrachte!«

Dann wendete er sich zu uns:

»Ah! Ich wußte wohl, daß ihr wieder zu mir kommen würdet . . . Alle die Dampfmüller sind Spitzbuben.«

Wir wollten ihn in Triumph in das Dorf tragen:

»Nein, nein, Kinder; erst muß ich meiner Mühle zu essen geben . . . Denkt doch nur, wie lang es her ist, daß sie nichts zwischen den Zähnen gehabt hat!«

Und wir hatten alle Thränen in den Augen, wie wir den armen Alten nach rechts und nach links sich abarbeiten sahen, bald die Säcke leerend, bald die Mühle überwachend, während das Getreide zwischen den Steinen zermalmt wurde und der feine Staub des Mehls bis zur Decke emporflog.

Man muß uns die Gerechtigkeit widerfahren lassen: von jenem Tage an ließen wir es dem alten Müller nie an Arbeit fehlen. Dann, eines schönen Morgens starb Meister Cornille und die Flügel unserer letzten Windmühle hörten auf sich zu drehen, dieses Mal für immer . . . . Es fand sich für Cornille kein Nachfolger. Was wollen Sie, mein Herr! . . . Alles hat auf dieser Welt ein Ende und man muß eben annehmen, daß die Zeit der Windmühlen vorbei war, wie die der Parlamente und der großblumigen Bauernjacken. –

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