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Briefe aus meiner Mühle

Alphonse Daudet: Briefe aus meiner Mühle - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBriefe aus meiner Mühle
authorAlphonse Daudet
translatorProf. Dr. H. Th. Kühne
firstpub1869
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleBriefe aus meiner Mühle
created20070201
sendergerd.bouillon
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Einzug.

Wie haben sich die Kaninchen gewundert! . . . Seit so langer Zeit daran gewohnt, die Thür der Mühle verschlossen, die Mauern und die Plattform von Unkraut überwuchert zu sehen, hatten sie schließlich geglaubt, die Rasse der Müller sei ausgestorben und da sie den Ort gut fanden, hatten sie ans demselben eine Art Hauptquartier, einen Mittelpunkt für ihre strategischen Operationen gemacht: eine Mühle von Jemappes für die Kaninchen . . . . In der Nacht meiner Ankunft saßen wohl, ohne zu lügen, ihrer zwanzig in der Runde auf der Plattform und wärmten sich ihre Pfoten an einem Mondstrahl . . . . Aber kaum versuchte ich es ein Fenster zu öffnen, prr! nahm das ganze Bivouac Reißaus und alle die kleinen Hinterweißen verschwanden mit erhobener Blume in dem Dickicht. Ich hoffe, sie werden wieder kommen.

Ein andrer, der sich bei meinem Anblick sehr wunderte, das war der Mietsmann aus dem ersten Stock, ein alter finsterer Uhu mit dem Kopfe eines Philosophen, der die Mühle seit mehr als zwanzig Jahren bewohnt. Ich fand ihn in dem oberen Raume unbeweglich und aufrecht, mitten unter herabgefallenem Gips und zerbrochenen Ziegeln auf dem Wellbaum sitzend. Er sah mich einen Augenblick mit seinen runden Augen an, und fing dann ganz erschreckt darüber, daß er mich nicht kannte, an »Hu! Hu!« zu schreien und mit seinen Flügeln zu schlagen, was ihm nur mit Mühe gelang, da sie von dem draufliegenden Staube ganz grau waren. – Diese Teufelskerle von Philosophen! Das bürstet sich niemals aus! – Doch das thut nichts! So wie er ist, mit seinen blinzelnden Augen und seinem sauren Gesichte gefällt mir dieser schweigsame Mieter noch immer besser, als irgend ein andrer und ich habe mich beeilt, seinen Mietskontrakt zu erneuern. Er behält wie in der Vergangenheit den ganzen oberen Stock der Mühle mit einem Eingange durch das Dach; ich behalte für mich den untern Raum, ein kleines niedriges Gemach mit weißen Wänden, gewölbt wie das Refektorium eines Klosters.

*           *
*

Von hier aus schreibe ich dir, meine Thüre weit geöffnet beim schönen Sonnenschein.

Ein hübscher Tannenwald zieht sich, ganz von Licht überflutet, bis an den Fuß des Hügels herab. Am Horizonte die feingezackten Kämme der Alpen . . . . Kein Geräusch . . . Höchstens in langen Zwischenräumen ein Ton der Querpfeife, ein Brachvogel im Lavendel, das Glöckchen eines Maultiers auf der Landstraße . . . Das ganze schöne provençalische Land lebt nur durch das Licht.

Und nun, wie kannst du verlangen, daß ich mich nach deinem geräuschvollen, schwarzen Paris sehne? Ich befinde mich in meiner Mühle so wohl! Das ist gerade der Erdenwinkel, den ich suchte, ein kleiner duftender und warmer Winkel, tausend Stunden weit entfernt von Zeitungen, Droschken und Nebel! . . . Und was für hübsche Sachen giebt es rund um mich herum! Kaum sind es acht Tage, seitdem ich eingezogen bin und schon habe ich den Kopf voller Eindrücke und Erinnerungen . . . Laß dir erzählen! Erst gestern Abend habe ich die Rückkehr der Schafherden in einen Meierhof am Fuße des Hügels mit angesehen und ich schwöre dir, daß ich dieses Schauspiel nicht gegen alle die ersten Aufführungen eintauschen würde, die ihr in dieser Woche in Paris gehabt habt. Urteile selbst!

Zuerst muß ich dir sagen, daß es in der Provence üblich ist, die Schafe auf die Alpen zu schicken, wenn es anfängt heiß zu werden. Menschen und Tiere bleiben fünf oder sechs Monate da oben unter freiem Himmel, bis an den Bauch im Grase; wenn dann im Herbste der erste Frost kommt, steigt man wieder nach dem Meierhofe herab und läßt die Schafe bürgerlich die niedrigen grauen Hügel abweiden, die von Rosmarin duften . . . . Gestern Abend also kehrten die Herden zurück. Schon am Morgen waren beide Flügel des Hauptthors weit geöffnet, um sie zu erwarten; in den Schafställen war frisches Stroh hoch aufgestreut. Von Stunde zu Stunde sagte man sich: »Jetzt sind sie in Eyguières, jetzt in Paradou.« Dann plötzlich, gegen Abend, ein lauter Ruf: »Da sind sie!« und da unten, in der Ferne sehen wir die Herde kommen, eingehüllt in eine Glorie von Staub. Die ganze Straße scheint lebendig geworden . . . . Zuerst kommen die alten Böcke, die Hörner nach vorn, mit wildem Gesicht; hinter ihnen die Schafe, die Mütter ein wenig müde, ihre Säuglinge zwischen den Beinen; – die Maultiere mit roten Quasten, die in Körben die erst zur Welt gekommenen Lämmer tragen und im Gehen wiegen; dann die Hunde, in Schweiß gebadet, die langen Zungen bis zur Erde hängend und zuletzt zwei große Schlingel von Schäfern in Mänteln von roter Serge, die wie Priestergewänder bis auf die Fersen herabfallen.

Das alles zieht lustig an uns vorüber und in den Schlund des großen Thores hinein, wobei die trippelnden Füße ein Geräusch hervorbringen, wie die Tropfen eines tüchtigen Platzregens . . . Nun solltest du sehen, in welche Aufregung das ganze Haus versetzt ist. Von ihrem hohen Sitze haben die grüngoldenen Pfauen mit ihren Spitzenhauben die angekommenen erkannt und begrüßen sie mit einem, durch Mark und Bein gehenden Trompetenstoß; die bereits eingeschlafenen Hühner erwachen, springen von den Stangen herab und stürzen aus ihrem Stalle heraus. Alle Welt ist auf den Beinen: Tauben, Enten, Trut- und Perlhühner. Der Hühnerhof ist wie toll; die Hühner sprechen davon, die ganze Nacht aufzubleiben! . . . Man möchte glauben, jedes Schaf habe in seiner Wolle außer dem wilden Alpenduft ein wenig von der frischen Bergluft mit herabgebracht, welche berauscht und zum Tanzen verleitet.

Während dies alles vorgeht, erreicht die Herde ihren Lagerplatz. Nichts reizender, als dieser Einzug. Die alten Böcke werden beim Anblick ihrer Raufen von Rührung ergriffen. Die Lämmer, die ganz kleinen, die, welche erst auf der Reise das Licht der Welt erblickten und noch nie den Meierhof sahen, sehen mit Verwunderung und Erstaunen um sich.

Aber das rührendste von allen sind die Hunde, die braven Schäferhunde, die ganz mit ihren Tieren beschäftigt sind und nichts außer ihnen im ganzen Meierhofe sehen. Der Hofhund mag aus seiner Hütte heraus sie rufen, soviel er will; der Brunneneimer, bis zum Rande mit frischem Wasser gefüllt, mag sie noch so dringend einladen; sie wollen nichts sehen, nichts hören, bis die ganze Herde im Stalle, bis der große Riegel an der kleinen Gitterthüre vorgeschoben ist, bis die Schäfer in ihrem Gemach am Tische sitzen. Erst dann sind sie zu bewegen, ihren Stall aufzusuchen und während sie dort ihren Napf Suppe auslecken, erzählen sie ihren Kameraden vom Meierhofe, was sie dort oben gemacht haben im Gebirge, dem schwarzen Lande, wo es Wölfe giebt und große, purpurne Fingerhüte, die bis zum Rande mit Thau angefüllt sind.

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