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Briefe aus meiner Mühle

Alphonse Daudet: Briefe aus meiner Mühle - Kapitel 25
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBriefe aus meiner Mühle
authorAlphonse Daudet
translatorProf. Dr. H. Th. Kühne
firstpub1869
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleBriefe aus meiner Mühle
created20070201
sendergerd.bouillon
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In Camargue.

I.
Der Aufbruch.

Großer Lärm im Schlosse. Der Bote hat soeben den Auftrag des Jagdwärters halb französisch, halb provençalisch ausgerichtet, welcher ankündigt, daß bereits zwei oder drei schöne Flüge von »Galejons«, von »Chavlottines« vorübergezogen sind und daß es auch an Vögeln nicht fehlt.

»Sie gehen mit uns!« haben mir meine liebenswürdigen Nachbarn geschrieben; und diesen Morgen bei Tagesanbruch, um fünf Uhr, hielt ihr großer Break, beladen mit Flinten, Hunden und Lebensmitteln, am Fuße des Abhanges, um mich abzuholen. Und nun rollen wir auf der Straße nach Arles, die ein wenig langweilig, ein wenig kahl ist, durch den Dezembermorgen, an dem das fahle Grün der Oliven kaum zu erkennen ist, das harte Land der Kermeseichen aber ein wenig zu winterlich und wie gemacht erscheint. In den Ställen beginnt es sich zu regen. Hier und da erglänzt schon Licht aus den Fenstern der Meierhöfe, deren Besitzer vor Tage aufgestanden sind, und zwischen den steinernen Zinnen der Abtei von Montmajour schlagen Adler, noch vom Schlafe umfangen, mit den Flügeln zwischen den Ruinen. Dennoch begegnen wir schon an den Gräben entlang alten Bäuerinnen, die auf ihren Eselchen zum Markte trotten. Sie kommen von Ville-des-Baux. Sechs große Stunden, um sich eine Stunde auf den Stufen des Heiligen Trophymus hinzusetzen und kleine Päckchen Heilkräuter zu verkaufen, die sie im Gebirge gesammelt haben! . . .

Sieh! da sind schon die Wälle von Arles; niedrige, mit Zinnen gekrönte Wälle, wie man deren auf alten Kupferstichen sieht, wo gewöhnlich mit Lanzen bewaffnete Krieger auf der Höhe der Böschungen erscheinen, die weniger hoch sind, als sie selbst. Wir durcheilen im Galopp diese wunderbare kleine Stadt, wohl eine der malerischsten Frankreichs, mit ihren abgerundeten, bis in die Mitte der engen Straßen reichenden Balkonen, mit ihren alten, schwarzen Häusern mit kleinen, gewölbten, maurischen Thüren, die an die Zeiten Wilhelms Kurznas und der Sarazenen erinnern. Um diese Stunde ist noch niemand draußen. Nur der Quai des Rhône ist belebt. Am Fuße der Treppe liegt das Dampfboot, welches nach la Camargue fährt, zur Abfahrt bereit. Wirtschafter in Röcken von roter Serge, Mädchen von la Roquette, die auf den Meierhöfen Dienste suchen wollen, besteigen mit uns das Verdeck, untereinander plaudernd und lachend. Die langen braunen Mäntel schützen die Mädchen vor der scharfen Morgenluft, der hohe arlesische Kopfputz läßt ihren Kopf elegant und klein erscheinen und mit einem allerliebsten Anfluge von Unverschämtheit richten sie sich empor, um Scherz oder Bosheit weiter zu geben . . . . Die Glocke ertönt; wir fahren ab. Mit der dreifachen Geschwindigkeit des Rhône, der Schraube, des Nordwinds fliegen wir an den Ufern vorüber. An der einen Seite la Crau, eine dürre, steinige Ebene, an der andern la Camargue, ebenfalls eine Ebene, aber viel grüner, die ihre mit kurzem Grase bewachsenen, von großen sumpfigen Rohrdickichten unterbrochenen Flächen bis zum Meere vorschiebt.

Von Zeit zu Zeit hält das Boot bei einer Fähre an, zur Linken oder zur Rechten, zur Reichsseite oder zur Königsseite, wie man im Mittelalter, zur Zeit des Königreichs von Arles sagte und wie die alten Rhôneschiffer noch heute sagen. Bei jeder Fähre ein weißer Meierhof, ein Bouquet von Bäumen. Die Arbeiter verlassen das Boot, mit ihrem Arbeitsgerät beladen; die Frauen, ihren Korb am Arme, gehen aufgerichtet den schmalen Steg hinüber. Nach der Reichs- und nach der Königsseite leert sich allmählich das Boot und als es an der Fähre der Meierei von Giraud anlegt, wo wir aussteigen, ist fast niemand mehr an Bord.

Der Meierhof von Giraud ist eine alte Besitzung der Herren von Barbentane. Wir treten ein, um den Wildhüter zu erwarten, der uns abholen soll. In der hohen Küche sitzen alle Männer des Meierhofes, Arbeiter, Winzer, Schäfer und Schäferknechte am Tische, ernst und schweigsam. Sie essen langsam, bedient von den Frauen, die erst nach ihnen essen werden. Bald erscheint der Wildhüter mit dem Karriol. Das wahre Urbild eines Fenimoreschen Trappers zu Land und zu Wasser, Jagd- und Fischereiwächter. Die Leute der Umgegend nennen ihn Lou Roudeïrou (den Herumschleicher), weil man ihn stets in den Nebeln des aufgehenden oder des sinkenden Tags im Schilf verborgen auf dem Anstande sieht, oder unbeweglich in seinem kleinen Boote, damit beschäftigt, seine Fischreusen in den clairs (den Teichen) und den roubines (den Bewässerungsgräben) zu überwachen. Vielleicht ist es dieses Geschäft als ewiger Aufpasser, was ihn so schweigsam, so verschlossen macht. Indes, während das kleine Karriol, mit den Flinten und den Körben beladen, vor uns her fährt, erstattet er uns Bericht über die Jagd, über die Zahl der Flüge, über die Orte, wo die Zugvögel sich niedergelassen haben. So plaudernd dringen wir immer tiefer in das Land ein.

Nachdem wir die kultivierten Ländereien passiert haben, sind wir nun mitten in der wilden Camargue. Soweit das Auge reicht, schimmern zwischen den Weideplätzen Sümpfe und Bewässerungsgräben, von Salzpflanzen umgeben. Gruppen von Tamarisken und Rohrdickichte wogen auf und ab, wie ein ruhiges Meer. Nirgends ein hoher Baum. Der eintönige, unendliche Anblick der Ebene wird durch nichts unterbrochen. In größeren Entfernungen voneinander breiten Pferche ihre niedrigen, fast bis zur Erde reichenden Dächer aus. Die zerstreuten Herden, in die Salzpflanzen gelagert oder um den braunroten Mantel des Hirten geschart, verschwinden fast in der unendlichen Ausdehnung des blauen Horizonts und vermögen kaum die lange gleichförmige Linie zu unterbrechen. Wie das Meer, welches trotz der unendlichen Menge der Wogen einförmig erscheint, so erregt diese Ebene ein Gefühl der Einsamkeit, der Unendlichkeit, welches noch gesteigert wird durch den Nordwestwind, der unaufhörlich, ungehindert bläst und der durch seinen mächtigen Hauch das Land zu ebnen, zu vergrößern scheint. Alles beugt sich vor ihm. Die kleinsten Stauden bewahren die Spuren seines Hauchs und bleiben gekrümmt, nach Süden gekehrt, wie auf ewiger Flucht vor ihm . . . .

II.
Die Hütte.

Ein Dach von Schilf, Wände von trocknem, gelben Schilf, das ist die Hütte. Sie ist unser Jagdsammelplatz. Abbild eines Hauses der Camargue, besteht die Hütte aus einem einzigen, hohen, weiten Raume ohne Fenster, welcher sein Licht durch eine Glasthür bekommt, die man abends durch Läden schließt. An den ganzen, langen, geweißten Wänden hin erwarten Hakenleisten die Flinten, Jagdtaschen, Wasserstiefeln. In der Mitte stehen fünf oder sechs Lagerstätten um einen wahren Mastbaum herum, der vom Boden bis zum Dache reicht und letzterem als Stütze dient. Nachts, wenn der Nordwind weht und das Gebäude an allen Enden kracht, wenn das ferne Meer braust und der Wind dieses Brausen herüberträgt, verlängert und verstärkt, könnte man sich in die Kabine eines Schiffes versetzt glauben.

Aber namentlich nachmittags ist die Hütte reizend. Während der schönen Tage unseres südlichen Winters liebe ich es, ganz allein neben dem hohen Kamine zu bleiben, in welchem ein paar Tamariskenwurzeln rauchen. Unter den Stößen des Nordwestwindes oder des Nordwindes fliegt die Thüre auf, kreischt das Schilf und alle diese Stöße sind nur ein winziges Echo der großen Erschütternden der Natur, die mich umgiebt. Die Wintersonne, von dem gewaltigen Luftstrome gepeitscht, löst sich in einzelne Strahlen auf, sammelt sie wieder und zerstreut sie von neuem. Große Schatten laufen unter einem wundervoll blauen Himmel dahin. Das Licht kommt stoßweise an, auch die Geräusche; und die Glöckchen der Herden, jetzt plötzlich gehört, dann im Winde verloren und vergessen, kehren wieder und singen unter der erschütterten Thür ihren lieblichen Kehrreim . . . Die schönste Zeit, das ist die Zeit der Dämmerung, kurz bevor die Jäger zurückkehren. Dann hat sich der Wind beruhigt. Ich trete einen Augenblick hinaus. Friedlich schwebt die große, rote Sonnenscheibe hinab, leuchtend ohne zu wärmen. Die Nacht sinkt und streift dich im Vorübergehen mit ihrem schwarzen, feuchten Flügel. Dort unten, dicht am Boden in weiter Ferne blitzt ein Gewehrschuß auf wie ein roter Stern und verschwindet wieder in der Nacht, die seinen Glanz erhöhte. Je weniger vom Tage übrig ist, desto mehr hastet das Leben. Ein Zug Enten, in langem Dreieck geordnet, fliegt sehr niedrig, als wenn er sein Nachtlager aufschlagen wollte. Da wird in der Hütte ein Licht angezündet. Die Ente an der Spitze des Zuges wendet den Hals, steigt wieder empor und die andern folgen ihr nach mit wildem Geschrei.

Nun nähert sich ein unendliches Getrippel; es gleicht dem Geräusch eines tüchtigen Platzregens. Tausende von Schafen, von den Schäfern zurückgeführt, getrieben von den Hunden, deren unregelmäßigen Galopp, deren keuchenden Atem man hört, drängen sich nach ihrem Pferch, furchtsam und ohne Ordnung. Ich werde hineingerissen und fortgetrieben von diesem Strudel gekräuselter Wolle und blökender Stimmen; in Wahrheit eine hohle See, in welcher die Schäfer mit ihrem Schatten durch hüpfende Wellen fortgetragen werden . . . Hinter den Herden – horch! da kommen bekannte Schritte, lustige Stimmen. Es füllt sich die Hütte, es wird lebendig, geräuschvoll in ihr. Die Weinreben im Kamine brennen. Man lacht um so mehr, je müder man ist. Es ist der Taumel der glücklichen Ermüdung: die Flinten in einen Winkel, die großen Stiefeln bunt durcheinander geworfen, die leeren Jagdtaschen und zur Seite das braunrote, goldige, grüne, silberne Gefieder der Beute, alles mit Blut befleckt. Der Tisch ist gedeckt, und wie der Dampf einer trefflichen Aalsuppe emporsteigt, so senkt sich ein Schweigen nieder, das tiefe Schweigen des kräftigen Hungers, nur unterbrochen durch das wilde Geknurr der Hunde, die im Dunkel vor der Thür ihren Napf auslecken . . .

Die Abendunterhaltung wird kurz sein. Nur der Wärter und ich sind übrig geblieben. Wir sitzen am Feuer, dem Wärter wollen die Augen zufallen. Wir plaudern, das heißt, wir werfen uns von Zeit zu Zeit nach Art der Bauern halbe Worte zu, Ausrufe, kurz und bald erloschen, wie die letzten Funken der verbrannten Weinreben. Endlich erhebt sich der Wärter, zündet seine Laterne an und ich höre seinen schweren Tritt, der sich in der Nacht verliert . . . .

III.
Auf das »Hoffe«! (Auf den Anstand!)

Das »Hoffe!«, welch hübscher Name für den »Anstand«, für das Warten des verborgenen Jägers, für die unentschiedenen Stunden, wo alles wartet, »hofft« zwischen Tag und Nacht. Der Anstand des Morgens ein wenig vor dem Aufgange der Sonne, der Anstand des Abends in der Dämmerung. Den letzteren ziehe ich vor, namentlich in jenen sumpfigen Gegenden, wo das Wasser der clairs das Licht so lange fest hält . . . .

Zuweilen »liegt« man auf dem Anstand in dem »negochin«, einem ganz kleinen, engen Boote ohne Kiel, welches bei der geringsten Bewegung schwankt. Gedeckt durch das Schilf, beobachtet der Jäger die Enten von dem Grunde seines Bootes aus, über dessen Rand sich nur sein Kopf, der Lauf der Flinte und der Kopf des Hundes erhebt, welcher nach Mücken schnappt oder mit seinen ausgestreckten großen Pfoten das ganze Boot zur Seite neigt und mit Wasser füllt, während er in der Luft herum schnuppert. Dieser Anstand ist für mich zu kompliziert, ich besitze dazu nicht die genügende Erfahrung. Ich gehe daher zu Fuße auf das »Hoffe!«, indem ich mit Riesenstiefeln, die aus dem Leder der ganzen Länge nach geschnitten sind, die Sümpfe durchwate. Dabei gehe ich langsam, vorsichtig aus Furcht, im Schlamme zu versinken. Ich vermeide die Rohrdickichte, die nach Brackwasser riechen und in denen die Frösche herumhüpfen . . . .

Endlich! da ist ein Inselchen von Tamarisken, ein trockner Erdenwinkel, wo ich mich aufstelle. Der Wärter, um mir eine Ehre anzuthun, hat seinen Hund mit mir gehen lassen, einen gewaltigen Pyrenäenhund mit langen weißen Haaren, einen Jäger und Fischer ersten Ranges, dessen Gegenwart mir ein wenig bange macht. Wenn ein Wasserhuhn in Schußweite an mir vorüberkommt, hat er eine gewisse ironische Art mich anzublicken, indem er mit einem kunstgerechten Kopfschnicken zwei lange schlaffe Ohren, die ihm in das Gesicht hängen, nach hinten wirft. Dann nimmt er eine Stellung an, als ob er vor dem Wilde stehe, bewegt wedelnd den Schwanz, und giebt seine Ungeduld auf jede Weise zu erkennen, als wollte er sagen:

»Schieß! . . . so schieß doch!«

Ich schieße; ich fehle. Dann legt er sich nieder, gähnt und streckt sich aus mit einem gelangweilten, niedergeschlagenen, unverschämten Gesichte . . . .

Nun ja! ich gebe zu, daß ich ein schlechter Jäger bin. Für mich ist der Anstand der Tag, der sich neigt; das schwindende Licht, das sich in das Wasser, in die Weiher flüchtet, um aus ihnen zu leuchten; das die graue Farbe des düstern Himmels in strahlendes Silber verwandelt. Ich liebe diesen Wassergeruch, dieses geheimnisvolle Anstreifen der Insekten an die Schilfstengel, das sanfte Gemurmel der langen, erschauernden Blätter. Von Zeit zu Zeit zieht ein Ton vorüber und rollt in den Himmel wie das Schnarchen einer Seemuschel. Das ist die Rohrdommel, die ihren großen Schnabel zum Fischfang bis zum Grunde des Wassers hinabtaucht und »rrruuu!« schnarcht . . . Flüge von Kranichen ziehen über meinem Kopf hinweg. Ich höre das Aneinanderreiben der Federn, das Auseinanderreißen des Flaums durch die scharfe Luft. Dann nichts mehr . . . Das ist die Nacht . . . das ist die tiefe Nacht, mit ein klein wenig Tag, das auf dem Wasser zurückgeblieben ist . . . .

Plötzlich fühle ich einen Schauer, eine Art nervöse Erregung, als ob jemand hinter mir stehe. Ich drehe mich um und bemerke den Gefährten der schönen Nächte, den Mond, einen großen ganz runden Mond, der sich sanft erhebt, anfangs ziemlich rasch, dann immer langsamer, je weiter er sich vom Horizonte entfernt.

Schon ist sein erster Strahl deutlich neben mir, dann ein zweiter ein wenig weiter hin . . . . und nun ist der ganze Sumpf in Licht getaucht. Das kleinste Grasbüschelchen hat seinen Schatten. Der »Anstand« ist aus, die Vögel sehen uns; wir gehen nach Haus. Der Weg führt durch eine Überschwemmung von blauem, leichten Lichte; und jeder unserer Schritte in den clairs, in den roubines bewegt darin Massen von herabgefallenen Sternen und Mondstrahlen, welche bis auf den Grund des Wassers dringen.

IV.
Der Rote und der Weiße.

Ganz nahe bei uns, einen Flintenschuß weit von der Hütte steht eine andre, die ihr ähnlich, nur noch einfacher ist. Hier wohnt unser Jagdwärter mit seiner Frau und seinen beiden Ältesten: der Tochter, welche die Mahlzeiten der Männer besorgt und die Fischnetze ausbessert; dem Sohne, der seinem Vater hilft die Reusen zu heben und die martilières (Schutzbretter) der Fischteiche zu überwachen. Die beiden Jüngsten sind in Arles bei der Großmutter und sie werden dort bleiben, bis sie lesen gelernt haben und bis sie zum Abendmahl gegangen sind; denn hier ist man zu weit von der Kirche und von der Schule entfernt und dann würde die Luft der Camargue für die Kleinen nichts taugen. In der That ist die Insel im Sommer, wenn die Sümpfe nahezu trocken sind und der weiße Schlamm der Bewässerungsgräben in der großen Hitze zerspringt, kaum bewohnbar.

Ich habe das einmal im Monat August gesehen, als ich dahin kam, um junge Wildenten zu schießen und ich werde niemals den traurigen und wilden Anblick vergessen, den das verbrannte Land gewährte. Die Teiche rauchten in der Sonne wie ungeheure Kübel, die ganz auf dem Boden noch einen Rest des Lebens bewahrt hatten, das sich bewegte, ein Gemisch von Salamandern, Spinnen, Wasserfliegen, die nach einem feuchten Winkel suchten. Die Luft war verpestet, ein dicker Nebel von Miasmen durchzog sie schwerfällig, noch verdichtet durch unzählige Mückenschwärme. Bei dem Jagdwärter klapperte alles vor Frost, alles hatte das Fieber und es war ein wahrer Jammer, die gelben, eingefallenen Gesichter, die großen, von Ringen umgebenen Augen dieser Unglücklichen zu sehen, die dazu verdammt waren, sich drei Monate lang in dieser unerbittlichen Sonnenglut hinzuschleppen, die den Fieberkranken verbrennt, ohne ihn zu wärmen . . . . Es ist ein trauriges, mühevolles Leben, das eines Jagdwärters in Camargue! Und dieser hier hat noch seine Frau und seine Kinder bei sich; aber zwei Stunden weiter hinein in den Sumpf wohnt ein Pferdewärter ganz allein von einem Ende des Jahres zum andern, ein wahrer Robinson. In seiner Hütte von Schilf, die er selbst gebaut hat, giebt es kein Gerät, das nicht sein Werk wäre, von der Hängematte aus geflochtenen Weidenruten, den drei schwarzen, als Herd abgestellten Steinen, den als Fußschemel geschnitzten Tamariskenwurzeln bis zu dem Schloß und dem Schlüssel aus weißem Holze, die diese sonderbare Wohnung verschließen.

Der Mann ist mindestens ebenso sonderbar, wie seine Wohnung. Er ist eine Art von schweigsamen Philosophen wie die Einsiedler, der sein bäuerisches Mißtrauen unter dichten, struppigen Augenbrauen verbirgt. Ist er nicht auf dem Weideplatz, so findet man ihn vor seiner Hütte sitzend und langsam, mit kindlichem und rührendem Eifer eine der kleinen rosenfarbenen, blauen oder gelben Broschüren entziffernd, in welche die Apotheker die für seine Pferde bestimmten Medizinflaschen eingewickelt hatten. Der arme Teufel hat keine andere Zerstreuung als das Lesen, und keine andern Bücher, als diese. Obwohl er und unser Jagdwärter Hüttennachbarn sind, besuchen sie doch einander niemals. Sie vermeiden es selbst, einander zu begegnen. Als ich eines Tages den roudeïroù nach dem Grunde dieser Antipathie fragte, antwortete er mir mit feierlicher Miene:

»Das ist von wegen der Ansichten . . . Er ist rot, und ich, ich bin weiß.«

So haben selbst in dieser Wüste, deren Einsamkeit sie hätte zusammenführen müssen, diese beiden Wilden, von denen der eine so wenig weiß als der andere, die kaum einmal im Jahre nach der Stadt kommen, und denen die kleinen Kaffeehäuser in Arles mit ihren Vergoldungen, mit ihren Spiegeln ebenso blendend erscheinen, als wären es die Paläste der Ptolemäer, Mittel gefunden sich zu hassen auf Grund ihrer politischen Überzeugungen!

V.
Der Vaccarès.

Das schönste in Camargue, das ist der Vaccarès. Oft verlasse ich die Jagd, um mich am Ufer dieses Salzsees niederzusetzen. Das kleine Meer erscheint wie ein Stück des großen, das in das Land eingeschlossen und gerade durch diese Gefangenschaft vertraut wurde. Statt der Trockenheit und Unfruchtbarkeit, die gewöhnlich solche Ufer traurig erscheinen lassen, läßt der Vaccarès auf seinem etwas hohen, von feinem Grase sammetartig grünem Ufer eine eigentümliche und reizende Flora emporsprießen: Flockenblumen, Wasserklee, Enzian und die schönen, im Winter blauen, im Sommer roten Saladellen, die ihre Farbe mit den Jahreszeiten wechseln und, da sie beständig blühen, durch ihre verschiedene Farbe die Jahreszeiten andeuten.

Gegen fünf Uhr abends, wenn die Sonne sich neigt, bietet diese drei Stunden lange Wasserfläche ohne Barke, ohne Segel, um ihre Ausdehnung zu unterbrechen oder zu begrenzen, einen bewundernswerten Anblick. Das ist nicht die bescheidene Anmut der clairs, der roubines, die von Strecke zu Strecke zwischen den Falten des Mergelbodens erscheinen, aus welchem überall unter dem leisesten Drucke das Wasser hervortritt. Hier ist der Eindruck ein großer, weiter. Von fern her zieht das Leuchten der Wogen Scharen von Möwen, Reihern, Rohrdommeln, Flamingos mit weißem Bauche und rosenroten Flügeln herbei, die sich das ganze Ufer entlang in langer Reihe zum Fischen aufstellen und mit ihren verschiedenen Farben ein buntes Band um den See herumlegen, und dann Ibisse, wirkliche ägyptische Ibisse, die sich in diesen warmen Sonnenstrahlen, in diesem stillen Lande ganz heimisch fühlen. Von meinem Platze aus höre ich in der That nichts, als das Anschlagen der Wellen und die Stimme des Wärters, der seine am Ufer zerstreuten Pferde zusammenruft. Sie führen sämtlich hochtönende Namen: »Eifer! . . . (Lucifer) . . . l'Estello! . . . . l'Estournello! . . .« Jedes Tier läuft mit fliegender Mähne herbei, sobald es seinen Namen nennen hört, um Hafer aus der Hand des Wärters zu fressen . . . .

Weiterhin, immer noch auf demselben Ufer, weidet eine große Herde (manado) Ochsen in Freiheit, wie die Pferde. Von Zeit zu Zeit erblicke ich über einem Tamariskengesträuch ihren gekrümmten Rücken und ihre kleinen sichelförmigen Hörner, die sich emporrichten. Die Mehrzahl dieser Ochsen der Camargue werden für die ferrades (Stiergefechte) aufgezogen und einige derselben gehören zu den Cirkus-Berühmtheiten der Provence und des Languedoc. So zählt die benachbarte »manado« unter anderen einen gefürchteten Kampfstier Namens »le Romain«, der bei den Stierkämpfen in Arles, Nîmes, Tarascon schon, ich weiß nicht wie vielen Menschen und Pferden den Leib aufgeschlitzt hat. Infolgedessen haben ihn seine Gefährten zum Führer gewählt; denn bei diesen eigentümlichen Herden regieren sich die Tiere selbst, indem sie sich um einen alten Stier scharen, den sie als Anführer anerkennen. Überfällt ein Orkan die Camargue, ein Orkan, der in dieser weiten Ebene um so schrecklicher ist, da nichts ihn aufhält, nichts ihn von seinem Wege ablenkt, so muß man sehen, wie die manado sich hinter ihrem Führer zusammendrängt, alle Köpfe gesenkt und die breiten Stirnen, in denen die Kraft des Ochsen sich kondensiert, nach der Richtung des Windes zu gekehrt. Unsere provençalischen Hirten nennen dieses Manöver: »vira la bano au giscle« – die Hörner nach dem Winde richten. Und wehe den Herden, die sich ihm nicht anbequemen! Von dem Regen blind gemacht, von dem Orkan fortgetrieben, kehrt sich die manado in wahnsinniger Flucht auf sich selbst, zerstreut sich entsetzt und die rasenden Ochsen stürzen, um dem Sturme zu entfliehen, in den Rhône, in den Vaccarès oder in das Meer.

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