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Briefe aus meiner Mühle

Alphonse Daudet: Briefe aus meiner Mühle - Kapitel 23
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBriefe aus meiner Mühle
authorAlphonse Daudet
translatorProf. Dr. H. Th. Kühne
firstpub1869
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleBriefe aus meiner Mühle
created20070201
sendergerd.bouillon
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Die Heuschrecken.

Noch eine Erinnerung an Algerien und dann kehren wir zu der Mühle zurück . . .

Die Nacht nach meiner Ankunft auf dem Meierhofe du Sahel konnte ich nicht schlafen. Das neue Land, die Aufregung der Reise, das Heulen der Schakale, dann eine entnervende, drückende Hitze, ein vollständiges Ersticken, als wenn die Maschen des Moskitonetzes nicht einem Lufthauche Durchgang gestatteten . . . Als ich beim Morgengrauen mein Fenster öffnete, schwamm ein schwerer, langsam fortschreitender, an den Rändern schwarz und rosa gefranzter Sommernebel in der Luft, wie eine Wolke von Pulverdampf über einem Schlachtfelde. Nicht ein Blatt bewegte sich und in den schönen Gärten, auf die ich herabsah, boten die auf den Abhängen in voller Sonnenglut sich ausbreitenden Weinreben, aus denen man die süßen Weine gewinnt, die in einem schattigen Winkel vor den Sonnenstrahlen behüteten Fruchtbäume Europas, die kleinen Orangen- und Mandarinenbäume in langen, mikroskopischen Reihen, alle denselben traurigen Anblick, die Unbeweglichkeit der Blätter, welche dem Ungewitter vorangeht. Selbst die Bananenbäume, diese großen, zartgrünen Rohrdickichte, sonst immer durch irgend einen Lufthauch bewegt, der ihre feine, leichte Wolle untereinander wirrt, standen schweigend aufrecht wie richtige Federbüsche.

Ich stand einen Augenblick in das Anschauen dieser wunderbaren Anpflanzung verloren, in welcher alle Baumarten der Welt vereinigt sind, von denen eine jede zu ihrer Zeit ihre Blüten und ihre Früchte giebt. Zwischen Getreidefeldern und Dickichten von Korkeichen leuchtete ein Wasserlauf, dessen Anblick in der erstickenden Hitze des Morgens etwas Erfrischendes hatte. Indem ich diesen Reichtum, diese Ordnung, diesen schönen Meierhof mit seinen maurischen Arkaden, seinen Terrassen, von blühendem Weißdorn beschattet, die Ställe und Schuppen rings umher bewunderte, dachte ich daran, daß diese braven Leute, als sie vor zwanzig Jahren sich in diesem Thale du Sahel ansiedelten, nichts als die elende Hütte eines Wegwärters und unkultiviertes, von Zwergpalmen und Mastixbäumen bedecktes Land fanden. Alles war zu schaffen, alles zu bauen. Jeden Augenblick Aufstände der Araber. Man mußte den Pflug verlassen, um sich mit der Flinte zu wehren. Dann Krankheiten, Augenleiden, Fieber, Mißernten, unsicheres Herumtappen der Unerfahrenheit, Kampf mit einer beschränkten, immer wechselnden Verwaltung. Welche Anstrengungen! Welche ermüdende Arbeit! Welche unaufhörliche Überwachung!

Noch jetzt, obgleich die schlechte Zeit vorüber und durch die langen Anstrengungen ein Vermögen erworben war, waren beide, Mann und Frau die ersten auf dem Meierhofe, die morgens das Bett verließen. In früher Morgenstunde hörte ich sie in den großen Küchen des Erdgeschosses gehen und kommen, um den Kaffee der Arbeiter zu überwachen. Bald ertönte eine Glocke und nach Verlauf eines Augenblicks waren die Arbeiter auf der Straße aufgestellt. Winzer aus der Bourgogne, kabylische Feldarbeiter in Lumpen, mahonesische Wallgräber mit nackten Beinen, Malteser, Leute aus Lucca – eine Sammlung der verschiedenartigsten Elemente, schwer zu regieren. Einem jeden von ihnen teilte der Besitzer des Hofs vor der Thüre mit kurzen, etwas rauh klingenden Worten seine zu erledigende Tagesarbeit mit. Als er dies beendigt hatte, erhob der brave Mann seinen Kopf und prüfte mit unruhiger Miene den Himmel. Als er mich am Fenster bemerkte, rief er mir zu:

»Schlechtes Wetter für den Ackerbau . . . da haben wir den Scirocco.«

In der That, als die Sonne mehr und mehr am Himmel emporstieg, trafen uns Windstöße aus dem Süden, brennend heiß und erstickend, als wenn sie aus der Thür eines Backofens kämen, die sich abwechselnd öffnete und wieder schloß. Man wußte nicht, wohin man sich wenden, was man anfangen sollte. So verging der ganze Morgen. Wir tranken Kaffee auf den Matten der Galerie, ohne den Mut zu haben zu sprechen oder uns zu regen. Die an längere Leinen gebundenen Hunde streckten sich möglichst niedrig am Boden aus, um die Frische der Steinfliesen zu genießen. Bei dem Frühstück erholten wir uns ein wenig. Es war ein reiches und eigentümliches Frühstück. Es gab Karpfen, Forellen, Wildschwein, Igel, Butter von Staouëli, Wein von Crescia, indische Birnen, Bananen, eine Sammlung der verschiedenartigsten Gerichte, welche der uns umgebenden Natur völlig entsprach . . . . Man war im Begriff, sich von der Tafel zu erheben. Plötzlich erhob sich an der Glasthüre, die wir geschlossen hatten, um die Backofenhitze des Gartens von uns abzuhalten, ein entsetzliches Geschrei:

»Die Heuschrecken! Die Heuschrecken!«

Mein Wirt wurde ganz blaß, wie ein Mensch, dem man ein Unglück ankündigt. Wir eilten hinaus. Zehn Minuten lang gab es in der Wohnung, die eben noch so ruhig war, einen Lärm von eiligen Schritten, von verworrenen Stimmen. Aus dem Schatten der Vorplätze, wo sie eingeschlafen waren, stürzten die Diener hinaus und schlugen mit Stöcken, mit Gabeln, mit Dreschflegeln auf die Hausgeräte von Metall, die ihnen in die Hände fielen, auf kupferne Kessel, auf Becken, auf Pfannen, daß es laut schallte. Die Schäfer bliesen in ihre Hirtentrompeten. Andere hatten Seemuscheln oder Jagdhörner. Das machte einen entsetzlichen, mißtönenden Lärm, der jedoch noch von den scharfen »Hu! Hu! Hu!« der arabischen Frauen übertönt wurde, die aus einem benachbarten Duar herbeigeeilt waren. Oft genügt, wie es scheint, ein großer Lärm, eine große Erschütterung der Luft, um die Heuschrecken zu verjagen, sie am Niederlassen zu verhindern.

Aber wo waren sie denn, diese schrecklichen Geschöpfe? Am Himmel, der vor Hitze zitterte, sah ich nichts als eine Wolke, kupferfarben und dicht wie eine Hagelwolke, die am Horizont heraufstieg mit einem Geräusch, wie es ein starker Wind in den Tausenden von Zweigen eines Waldes hervorbringt. Das waren die Heuschrecken. Eine von der andern getragen durch die ausgestreckten dürren Flügel, bildeten sie eine zusammenhängende fliegende Masse und trotz unseres Geschreis und unserer sonstigen Anstrengungen näherte sich die Wolke immer mehr, indem sie einen unendlichen Schatten vor sich auf die Ebene warf. Bald war sie über unseren Köpfen; an den Rändern sah man eine Sekunde lang ein Ausfränzeln, einen Riß. Wie die ersten Tropfen eines Platzregens sonderten sich einige deutlich ab, dann barst die ganze Wolke und schüttete einen dichten Hagel von Insekten geräuschvoll herab. So weit das Auge reichte, waren alle Felder mit Heuschrecken bedeckt, mit gewaltigen Heuschrecken, so lang wie ein Finger.

Nun ging das Morden an. Das Zerdrücken und Zerquetschen machte ein Geräusch, wie wenn man frisches Stroh zertritt – eine häßliche Musik. Mit Eggen, mit Hacken, mit Pflügen wühlte man den lebendigen Boden um; je mehr man aber tötete, desto mehr schienen es zu werden. Schichtenweise krochen sie vorwärts, ihre langen Beine eingeklemmt; die obersten machten verzweifelte Sprünge und hüpften den zu der sonderbaren Arbeit angespannten Pferden an die Nasen. Die Hunde aus dem Meierhofe, die aus dem Duar rannten über die Felder, wälzten sich auf ihnen herum und zermalmten sie mit wahrer Wut. In diesem Augenblick kamen zwei Compagnien Turkos, die Trompeter voraus, den unglücklichen Ansiedlern zur Hilfe und das Morden nahm eine andere Gestalt an.

Anstatt die Heuschrecken zu zerdrücken, verbrannten die Soldaten dieselben, indem sie Pulver in langen Streifen auf sie ausschütteten und dasselbe anzündeten.

Müde vom Töten und des widerwärtigen Geruchs überdrüssig kehrte ich in das Haus zurück. Dort gab es aber fast ebensoviel Heuschrecken als draußen. Sie waren durch die Thüren, durch die Fenster, durch die Schornsteine eingedrungen. An dem Rande des Getäfels, in den schon halb angefressenen Vorhängen krochen sie herum. Sie fielen herab, sie flogen herum, sie kletterten an den weißen Wänden in die Höhe, einen riesigen Schatten hinter sich werfend, der ihre Häßlichkeit verdoppelte. Und immer dieser entsetzliche Geruch. Beim Mittagsessen war man genötigt auf das Wasser zu verzichten. Cisternen, Brunnen, Weiher, alles war verpestet. Abends hörte ich noch in meinem Zimmer, wo man doch ganze Massen von ihnen getötet hatte, das Krabbeln unter den Möbeln, und das Knistern der Flügeldecken, ähnlich dem Geräusch von Schoten, wenn sie in großer Hitze aufplatzen. Auch diese Nacht konnte ich nicht schlafen. Übrigens blieb auch alles rings um den Meierhof herum wach. Flammen liefen beständig am Boden hin von einem Ende der Ebene zum andern. Die Turkos waren noch immer beim Morden.

Am nächsten Morgen, als ich mein Fenster öffnete, wie am vorhergehenden Tage, waren die Heuschrecken fort; aber welche Verwüstung hatten sie zurückgelassen! Nicht eine Blume mehr, nicht ein Hälmchen Gras! Alles schwarz, abgefressen, verbrannt. Bananen-, Aprikosen-, Pfirsichen-, Mandarinenbäume waren nur noch an der Stellung ihrer Äste zu unterscheiden. Des beweglichen Laubes, das ihnen Reiz und Leben verleiht, waren sie beraubt. Man reinigte die Wasserplätze, die Cisternen. Überall gruben Arbeiter die Erde um, um die Eier zu töten, welche die Insekten zurückgelassen hatten. Jede Scholle wurde umgewendet und sorgfältig zerkleinert. Und das Herz zog sich zusammen beim Anblick der tausend und aber tausend saftstrotzenden weißen Lebenskeime, die zwischen den Krumen der fruchtbaren Erde enthalten waren . . .

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