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Briefe aus meiner Mühle

Alphonse Daudet: Briefe aus meiner Mühle - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBriefe aus meiner Mühle
authorAlphonse Daudet
translatorProf. Dr. H. Th. Kühne
firstpub1869
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleBriefe aus meiner Mühle
created20070201
sendergerd.bouillon
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Der Dichter Mistral.

Als ich letzten Sonntag erwachte, glaubte ich mich in eine Straße des Faubourg Montmartre versetzt. Es regnete, der Himmel war grau, die Mühle traurig. Ich bekam ordentliche Angst davor, diesen kalten Regentag bei mir zu Hause zu verbringen und infolgedessen erfaßte mich die Lust, mich ein wenig bei Frédéric Mistral zu erwärmen, diesem großen Dichter, der drei Stunden weit von meinen Fichten in seinem Dörfchen Maillane wohnt.

Gedacht, gethan! Einen Stock von Myrtenholz, meinen Montaigne, eine Decke und – fort ging es!

Niemand auf den Feldern – unsere schöne katholische Provence läßt die Erde Sonntags hübsch ausruhen . . . . Die Hunde allein in den Gehöften, die Thüren verschlossen . . . In großen Zwischenräumen der Wagen eines Kärrners mit triefender Plane; eine alte, in ihren düstern Mantel eingehüllte Frau; Maultiere in Gala mit Decken von blau und weißem Flechtwerk, roten Quasten, silbernen Schellen, in kurzem Trabe einen ganzen Wagen von Leuten aus dem Meierhofe zur Messe tragend; dann da unten, aus dem Nebel herausschimmernd, eine Barke auf dem Flusse und aufrecht darauf ein Fischer, der sein Netz auswirft . . . .

Es war an diesem Tage unmöglich zu lesen. Der Regen floß in Strömen und der Nordwind trieb ihn mir eimerweis in das Gesicht . . . Ich machte daher den Weg in einem Atem und bemerkte endlich, nachdem ich drei Stunden marschiert war, vor mir die kleinen Cypressenwäldchen, in deren Mitte das Dorf Maillane sich aus Furcht vor dem Winde versteckt.

Nicht eine Katze in den Straßen des Dorfs, alle Welt war in der großen Messe. Als ich vor der Kirche vorüberging, ertönten die Posaunen und die Kerzen strahlten ihr Licht durch die farbigen Fenster.

Die Wohnung des Dichters liegt am äußersten Ende des Orts; es ist das letzte Haus linker Hand auf der Straße von Saint-Remy – ein Häuschen von einem Stock mit einem Vorgarten . . . Ich trete leise ein . . . Niemand! Die Thüre des Salons ist verschlossen, allein hinter ihr höre ich jemand gehen und mit lauter Stimme sprechen . . . . Der Schritt und die Stimme sind mir wohlbekannt . . . . Einen Augenblick bleibe ich in dem kleinen, auf Kalk gemalten Gange stehen, die Hand auf dem Thürdrücker. Das Herz schlägt mir. – Er ist da, er arbeitet . . . . Soll ich warten, bis er die Strophe fertig hat? . . . Nein, meiner Treu! treten wir ein.

*           *
*

Ach, Pariser, als der Dichter von Maillane zu euch gekommen war, um euch Paris in seinen Dichtungen zu zeigen, als ihr diesen Chactas im Stadtkleide in euren Salons sahet, mit steifem Halskragen und großem Hute, der ihn ebenso in Verlegenheit setzte, wie sein Ruhm; da habt ihr geglaubt, das sei Mistral . . . . Nein, das war er nicht. Es giebt nur einen Mistral in der Welt, das ist der, den ich am letzten Sonntage in seinem Dorfe überraschte, die Filzkappe auf dem Ohre, ohne Weste, im Wams, umgürtet mit seiner roten katalonischen Binde, mit flammendem Auge, das Feuer der Begeisterung auf den Wangen, stolzer Haltung, aber freundlich lächelnd, schön wie ein griechischer Hirt, mit großen Schritten, die Hände in den Taschen auf und ab schreitend und Verse machend . . . .

»Wie! du bist es?« rief Mistral, indem er mich umarmte, »das ist vortrefflich, daß du mich besuchst . . . . Gerade heute feiern wir das Fest von Maillane. Wir haben die Musik von Avignon, wir haben Stiere, wir haben die Prozession, dann Farandole, das wird prächtig . . . . So wie meine Mutter von der Messe zurückkehrt, frühstücken wir und dann fort! Dann wollen wir hübsche Mädchen tanzen sehen . . . .«

Während er sprach, sah ich mich bewegt in dem kleinen, hell tapezierten Salon um, den ich so lange Zeit nicht gesehen und wo ich schon so schöne Stunden verlebt hatte. Nichts war verändert. Immer noch das gelbkarierte Kanapee, die beiden Lehnstühle von Stroh, die Venus ohne Arme und die Venus von Arles auf dem Kamin, das Porträt des Dichters von Hébert, seine Photographie von Etienne Carjat und in einem Winkel in der Nähe des Fensters das Schreibpult – ein armes kleines Steuereinnehmer-Schreibpult – ganz bedeckt mit alten Scharteken und Wörterbüchern. Mitten auf diesem Schreibpulte bemerkte ich ein aufgeschlagenes dickes Heft. Das war Calendal, die neue Dichtung von Frédéric Mistral, welche am Schlusse dieses Jahres, am Weihnachtstage erscheinen soll. An dieser Dichtung arbeitet Mistral seit sieben Jahren und seit beinahe sechs Monaten hat er den letzten Vers derselben geschrieben; allein noch wagt er nicht, sich von ihr zu trennen. Da ist immer noch eine Strophe zu feilen, ein wohlklingenderer Reim zu finden . . . . Schreibt er auch in Provençalisch, so arbeitet Mistral doch seine Verse so sorgfältig durch, als ob alle Welt sie in dieser Sprache lesen sollte und als ob er jedermann Rechenschaft über seine Bemühungen zu geben habe . . . . O, der gewissenhafte Dichter! Von ihm hätte Montaigne wohl sagen können: »Erinnere dich an den, der, als man ihn fragte, warum er sich so viele Mühe mit einer Kunst gäbe, die nur zur Kenntnis weniger Leute kommen könne,« antwortete: »Mir genügen wenige; mir genügt einer; mir genügt noch weniger als einer.«

*           *
*

Ich hielt das Heft der Dichtung in meinen Händen und blätterte darin voll Bewegung . . . . Plötzlich erschallt Musik von Querpfeifen und Tamburins in der Straße vor dem Fenster und siehe: mein Mistral läuft nach dem Schranke, nimmt Gläser und Flaschen aus demselben, zieht den Tisch in die Mitte des Salons und öffnet den Musikanten die Thüre, indem er zu mir sagt:

»Lache nicht . . . . Sie kommen, mir ein Ständchen zu bringen . . . ich bin Stadtrat.«

Das kleine Zimmer füllt sich mit Menschen. Man legt die Tamburins auf die Stühle, stellt die alte Fahne in eine Ecke und der Glühwein macht die Runde. Nachdem man einige Flaschen auf die Gesundheit des Herrn Frédéric geleert und sehr ernsthaft über das Fest geplaudert hat, ob die Farandole ebenso schön sein werde, als im vergangenen Jahre, ob die Stiere sich gut benehmen würden, verabschieden sich die Musikanten, um auch den übrigen Stadträten Ständchen zu bringen. In diesem Augenblicke kommt Mistrals Mutter aus der Messe.

Im Handumdrehen ist der Tisch gedeckt: ein schönes weißes Tischtuch und zwei Couverts. Ich kenne den Brauch des Hauses; ich weiß, daß, wenn Mistral Besuch hat, seine Mutter sich nicht mit zu Tisch setzt . . . . Die arme alte Frau kennt nur Provençalisch und würde sich sehr unbehaglich fühlen, wenn sie mit Franzosen plaudern sollte . . . . Übrigens ist sie auch in der Küche nötig.

Gott! Was für ein hübsches Mahl habe ich diesen Morgen eingenommen: ein Stück Ziegenbraten, Bergkäse, eingemachte Weinbeeren, Feigen, Muskatweintrauben. Alles angefeuchtet mit gutem Chateau-Neuf du Pape, der in den Gläsern eine so schöne rosa Farbe hat . . . .

Beim Dessert hole ich das Heft mit der Dichtung und lege es auf den Tisch vor Mistral hin.

»Wir hatten doch gesagt, daß wir ausgehen würden,« sagt lächelnd der Dichter.

»Nein! nein! . . . Calendal. Calendal!«

Mistral ergiebt sich darein und beginnt mit seiner musikalischen und sanften Stimme, während er mit der Hand das Maß seiner Verse markiert, den ersten Gesang:

Eines Mädchens tolles Lieben
Hab' ich bis hierher beschrieben;
Nunmehr aber soll mein Singen
Einem jungen Fischer klingen.

Draußen läuteten die Glocken zur Vesper, auf dem Platze prasselten die Schwärmer, die Pfeifer kamen und gingen in den Straßen mit den Tamburinschlägern. Die Stiere brüllten.

Ich aber, die Ellbogen auf das Tischtuch gestützt und Thränen in den Augen, hörte die Geschichte des kleinen provençalischen Fischers.

*           *
*

Calendal war nur ein Fischer; die Liebe macht ihn zum Helden . . . Um das Herz seiner Freundin – der schönen Estérelle – zu gewinnen, unternimmt er wunderbare Dinge und die zwölf Arbeiten des Herkules sind nichts im Vergleich mit den seinigen.

Einmal, da er sich vorgenommen hatte reich zu werden, hat er furchtbare Maschinen für die Fischerei erfunden und versammelt alle Fische des Meeres im Hafen. Ein andermal ist es ein entsetzlicher Halsabschneider, der Graf und Bandit Sévéran, den er in seinem eignen Neste unter seinen Konkubinen und Helfershelfern aufsucht . . . . Was für ein grober Junge ist doch dieser kleine Calendal! Eines Tages trifft er zwei Gruppen seiner Gefährten, die eben im Begriff sind ihre Streitigkeiten auszumachen durch große Kompaßschläge auf das Grab Meister Jakobs, eines Provençalen, welcher das Holzwerk an dem Tempel Salomos gemacht hat; Calendal wirft sich mitten in die Schlächterei und besänftigt die Gefährten durch seine Reden . . . . .

Und dann übermenschliche Unternehmungen! . . . Es gab da oben in den Felsen von Lure einen unzugänglichen Cedernwald, zu dem noch nie ein Holzhauer emporzusteigen gewagt hatte. Er, Calendal, steigt hinauf. Er bleibt dort dreißig Tage lang ganz allein. Dreißig Tage lang hört man die Schläge seiner Axt erschallen, wenn diese in die Stämme eindringt. Der Wald knirscht; einer nach dem andern fallen die alten Riesenbäume und rollen auf den Grund der tiefen Schluchten und als Calendal wieder herabsteigt, da steht nicht eine einzige Ceder mehr auf dem Gebirge . . . .

Endlich wird der kleine Sardellenfischer für seine großen Thaten belohnt; er erwirbt die Liebe Estérelles und wird von den Bewohnern von Cassis zum Konsul ernannt. Das ist die Geschichte von Calendal . . . .. Aber was liegt an Calendal? Was vor allen Dingen in der Dichtung enthalten ist, das ist die Provence – die Provence des Meeres und die Provence des Gebirges – ihre Geschichte, ihre Sitten, ihre Legenden, ihre Landschaften, ihre einfache und freie Bevölkerung, die vor ihrem Untergange ihren großen Dichter und Sänger gefunden hat . . . . Und nun, baut Eisenbahnen, setzt Telegraphenstangen, werft die provençalische Sprache zur Schule hinaus! Die Provence wird ewig leben in Mireille und in Calendal.

*           *
*

»Genug der Poesie!« sagte Mistral und schlug das Heft zu. »Jetzt müssen wir gehen, um uns das Fest zu betrachten.«

Wir gingen; das ganze Dorf war in den Straßen; ein kräftiger Windstoß hatte den Himmel rein gefegt und der Himmel spiegelte sich lustig in den roten Dächern, die vom Regen noch naß waren. Wir kamen zeitig genug, um die Rückkehr der Prozession zu sehen. Das war ein gar nicht enden wollender, eine ganze Stunde langer Zug: Büßer in Gugeln, weiße Büßer, blaue Büßer, graue Büßer, Schwesterschaften verschleierter Mädchen, rosenrote Fahnen mit goldnen Blumen, große hölzerne Heilige, die ihre Vergoldung verloren hatten und auf vier Schultern getragen wurden, Heilige von Steingut, wie Götzenbilder angemalt, mit großen Blumensträußen in den Händen, Chormänteln, Monstranzen, Traghimmeln von grünem Sammet, Kruzifixe mit weißer Seide eingerahmt, alles das im Winde wogend in dem Schein der Kerzen und der Sonne, unter dem Gesange der Psalmen und Litaneien, unter dem Geläute aller Glocken.

Als die Prozession geendigt, die Heiligen in ihre Kapellen zurückgebracht worden waren, gingen wir die Stiere zu sehen, dann die Spiele auf der Scheunentenne: die Ringkämpfe, das Sackhüpfen, das Topfschlagen und die ganze Reihe der festlichen Spiele der Provence.

Es wurde Nacht, als wir nach Maillane zurückkamen. Auf dem Platze vor dem kleinen Kaffeehaus, wo Mistral abends mit seinem Freunde Zidore seine Partie zu machen pflegt, hatte man ein großes Freudenfeuer angezündet . . . . Man rüstete sich zur Farandole. Überall im Dunkel wurden Papierlaternen angebrannt, die junge Welt ordnete sich und, sobald die Tamburins das Zeichen gaben, begann rund um das Freudenfeuer ein toller, lärmender Rundtanz, der die ganze Nacht andauern sollte.

*           *
*

Zu ermüdet um noch herumzulaufen, gingen wir nach dem Abendessen hinauf in Mistrals Zimmer. Es ist eine bescheidene Bauernstube mit zwei großen Betten. Die Wände sind nicht tapeziert; man sieht die Balken der Decke . . . Vor vier Jahren, als die Akademie dem Verfasser von Mireille den Preis von dreitausend Franken zuteilte, hatte Madame Mistral eine Idee:

»Wie wäre es, wenn wir dein Zimmer tapezieren und die Decke austäfeln ließen?« sagte sie zu ihrem Sohne.

»Nein, nein!« antwortete Mistral . . . . »Dieses Geld gehört den Dichtern; das wird nicht angerührt.«

Und das Zimmer blieb so kahl, wie es war; aber so lange das Geld der Dichter dauerte, haben diejenigen, die bei Mistral anklopften, stets eine offene Börse gefunden . . . .

Ich hatte das Heft mit Calendal mit in das Zimmer hinaufgenommen und wollte mir vor dem Einschlafen noch eine Stelle vorlesen lassen. Mistral wählte die Episode von dem Fayence-Service. Der Inhalt ist in kurzen Worten folgender:

Die Scene ist ein großes Gastmahl, ich weiß nicht wo. Man bringt ein prächtiges Fayence-Service von Moustiers auf die Tafel. Auf dem Grunde jedes Tellers ist in blauer Zeichnung auf der Glasur ein provençalisches Ereignis dargestellt; die ganze Geschichte des Landes ist darin enthalten. Und nun, mit welcher Liebe sind diese schönen Fayenceteller beschrieben; eine Strophe für jeden Teller und ebensoviel kleine Gedichte, einfach und doch voller Gelehrtheit, vollendet wie die Gemälde von Theokrit.

Während mir Mistral seine Verse vorlas in jener schönen provençalischen Sprache, die zu mehr als drei Viertel lateinisch ist, die ehemals von Königinnen gesprochen wurde und die jetzt nur von unseren Schäfern verstanden wird; bewunderte ich im stillen diesen Mann, indem ich daran dachte, in welchem verwahrlosten Zustande er seine Muttersprache gefunden hatte und was er aus derselben gemacht hat.

Ich stellte mir einen jener alten Paläste der Fürsten von Baux vor, wie man deren in den Voralpen sieht; keine Dächer mehr, keine Geländer an den Freitreppen, keine Scheiben in den Fenstern, die Schlußsteine der Kreuzbogen zerbrochen, die Wappen über der Thür vom Moos überzogen; Hühner in dem Ehrenhofe nach Würmern scharrend; gemästete Schweine in den Säulenhallen der Galerien; Esel in dem hohen Grase der Kapellen weidend; Tauben, die ihren Durst in den großen, mit Regenwasser gefüllten Weihwasserkesseln stillen und zwischen diesem Schutt endlich zwei oder drei Bauernfamilien, die in den Seitenflügeln des alten Palastes ihre Hütten gebaut haben.

Und, siehe da! eines schönen Tages begeistert sich der Sohn eines dieser Bauern für diese großen Ruinen; er fühlt sich entrüstet über ihre Entweihung; schnell, schnell jagt er die Tiere hinaus und mit Hilfe der Feen stellt er, er ganz allein, die große Treppe wieder her, erneuert das Getäfel der Wände, setzt wieder Scheiben in die Fenster, baut die Thüren wieder auf, erneuert die Vergoldung des Thronsaales und setzt den ganzen, weiten Palast von ehemals wieder in den Stand, in welchem Päpste und Kaiserinnen wohnten.

Dieser wieder hergestellte Palast, das ist die provençalische Sprache.

Dieser Bauernsohn, das ist Mistral.

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