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Briefe aus meiner Mühle

Alphonse Daudet: Briefe aus meiner Mühle - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBriefe aus meiner Mühle
authorAlphonse Daudet
translatorProf. Dr. H. Th. Kühne
firstpub1869
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleBriefe aus meiner Mühle
created20070201
sendergerd.bouillon
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Balladen in Prosa.

Als ich heute Morgen meine Thür öffnete, lag rings um meine Mühle herum ein großer Teppich von Reif ausgebreitet. Das Gras leuchtete und klirrte wie Glas; der ganze Hügel zitterte vor Kälte . . . Für einen Tag hatte meine liebe Provence sich in das winterliche Gewand des Nordens verkleidet; und zwischen reifbedeckten Fichten, zwischen Büschen von Lavendel, die zu krystallenen Bouquets erblüht waren, schrieb ich diese zwei Balladen von germanischer Färbung, während der Reif um mich her im Sonnenstrahl erblitzte und oben am klaren Himmel, in Dreiecke geordnet, Scharen von Störchen aus Heinrich Heines Vaterlande heranzogen, um sich auf die Camargue niederzulassen unter dem Geschrei: »Hu, wie kalt . . . . wie kalt . . . wie kalt.«

I.
Des Dauphins Tod.

Der kleine Dauphin ist krank, der kleine Dauphin wird sterben . . . . Tag und Nacht ist in allen Kirchen des Königreichs das Allerheiligste ausgestellt und große Kerzen brennen, um die Genesung des königlichen Kindes zu erkaufen. Traurig und schweigend liegen die Straßen der alten Residenz, die Glocken erklingen nicht mehr, die Wagen gehen im Schritt . . . . An den Eingängen des Schlosses stehen neugierige Bürger und sehen durch die Gitter auf die wohlgenährten Schweizer in goldglänzenden Uniformen, die in den Höfen mit wichtiger Miene plaudern.

Das ganze Schloß ist in Bewegung . . . Kammerherren und Oberhofmeister steigen im Laufschritt die Marmortreppen auf und nieder . . . In den Galerien drängen sich Pagen und Hofherren in seidenen Gewändern, die von einer Gruppe zur andern wandern, um mit gedämpfter Stimme nach den neuesten Mitteilungen zu fragen . . . . Auf den breiten Freitreppen machen in Thränen zerfließende Ehrendamen sich tiefe Referenzen und trocknen ihre Augen mit zierlich gestickten Taschentüchern.

In der Orangerie tagt eine zahlreiche Versammlung von Ärzten in ihren Amtskleidern. Man sieht sie durch die Fensterscheiben die langen schwarzen Ärmel eifrig hin und herbewegen und ihre Allongenperücken mit Doktormiene schütteln. Der Erzieher und der Stallmeister des kleinen Dauphin gehen vor der Thüre auf und ab, die Entscheidung der Fakultät erwartend. Küchenjungen gehen an ihnen vorüber, ohne zu grüßen. Der Herr Stallmeister flucht wie ein Heide, der Herr Erzieher recitiert Verse von Horaz . . . . Und während dessen ertönt von dort unten, von den Stallgebäuden her, ein langanhaltendes, klagendes Gewieher. Es ist der Rotfuchs des kleinen Dauphin, welchen die Stallknechte vergessen haben und welcher nun traurig vor seiner leeren Krippe jammert.

Und der König? Wo ist Seine Majestät der König? . . . Der König hat sich ganz allein in ein Zimmer am Ende des Schlosses eingeschlossen . . . . Die Majestäten lieben es nicht, daß man sie weinen sieht . . . Was die Königin anlangt, das ist allerdings etwas anderes . . . Am Lager des kleinen Dauphin sitzt sie, das schöne Gesicht in Thränen gebadet und schluchzt so laut vor allen Leuten, wie es die Frau eines Tuchfabrikanten machen würde.

Auf seinem Spitzenbettchen ruht mit geschlossenen Augen der kleine Dauphin, weißer als die Kissen, auf denen er liegt. Man glaubt, daß er schläft; aber nein. Der kleine Dauphin schläft nicht . . . Er wendet sich um nach seiner Mutter und als er sieht, daß sie weint, sagt er zu ihr:

»Frau Königin, warum weinen Sie? Glauben Sie wirklich, daß ich sterben werde?«

Die Königin will antworten. Im Schluchzen ersticken ihre Worte.

»So weinen Sie doch nicht, Frau Königin: Sie vergessen, daß ich der Dauphin bin und daß ein Dauphin nicht auf diese Weise sterben kann . . .«

Die Königin schluchzt noch heftiger und der kleine Dauphin fängt an sich zu fürchten.

»Holla!« sagt er, »ich will nicht, daß der Tod mich holt und ich will schon dafür sorgen, daß er nicht bis hierher kommt. Sofort lasse man vierzig sehr starke Landsknechte kommen, damit sie die Wache um unser Bett beziehen! . . . . Und hundert schwere Kanonen sollen Tag und Nacht mit brennender Lunte unter unseren Fenstern Wache halten! Und wehe dem Tode, wenn er wagt in unsere Nähe zu kommen! . . .«

Um dem königlichen Kinde zu Willen zu sein, giebt die Königin ein Zeichen. Alsbald hört man die schweren Kanonen in den Hof hereinrollen und vierzig große Landsknechte, die Partisane in der Faust, nehmen rings im Zimmer Aufstellung. Es sind alte Haudegen mit grauen Bärten. Bei ihrem Anblick klatscht der kleine Dauphin in die Hände. Er ernennt einen derselben und ruft ihn:

»Lothringer! Lothringer!«

Der alte Schnurrbart tritt einen Schritt vor nach dem Bette zu:

»Ich habe dich lieb, mein alter Lothringer . . . Komm, laß einmal deinen großen Säbel sehen . . . . Wenn der Tod kommt mich zu holen, mußt du ihn totmachen, willst du?«

Der Lothringer antwortet:

»Ja, Monseigneur . . . .«

Und zwei große Thränen laufen an den rauhen Wangen nieder.

In diesem Augenblick nähert sich der Hofgeistliche dem kleinen Dauphin und spricht lange Zeit mit gedämpfter Stimme in ihn hinein, indem er ihm ein Kruzifix zeigt. Der kleine Dauphin hört ihn mit sehr verwunderter Miene an und unterbricht ihn mit den Worten:

»Ich verstehe ganz gut, was Sie mir da sagen, mein Herr Abbé; aber könnte denn nicht mein kleiner Freund Beppo an meiner Stelle sterben, wenn man ihm recht viel Geld gäbe?«

Der Geistliche fährt fort mit gedämpfter Stimme zu ihm zu sprechen und der kleine Dauphin macht mehr und mehr ein verwundertes Gesicht.

Endlich kommt der Geistliche zu Ende und der kleine Dauphin nimmt das Wort mit einem tiefen Seufzer:

»Alles, was Sie mir da sagen, mein Herr Abbé, ist recht traurig. Aber eines tröstet mich: auch da oben, in dem Paradies der Sterne, werde ich noch der Dauphin sein . . . . Ich weiß, daß der liebe Gott mein Vetter ist und daß er nicht verfehlen wird, mich nach meinem Rang zu behandeln.«

Dann fügt er, sich zu seiner Mutter wendend, hinzu:

»Man bringe mir meine schönsten Kleider, meinen Rock von weißem Hermelin und meine Sammetschuhe! Ich will mich für die Engel in Staat werfen und als Dauphin gekleidet in das Paradies treten.«

Zum drittenmal neigt sich der Geistliche gegen den kleinen Dauphin herab und spricht lange zu ihm mit gedämpfter Stimme . . . . Mitten in seiner Rede unterbricht ihn zornig das königliche Kind:

»Aber dann,« schreit er, »ist es ja nicht der Mühe wert, Dauphin zu sein!«

Und damit dreht sich der kleine Dauphin nach der Wand herum. Er mag nichts mehr hören und weint bitterlich.

II.
Der Unterpräfekt im Grünen.

Der Herr Unterpräfekt macht eine Geschäftsreise. Kutscher vorn, Bedienten hinten, so trägt ihn die Kalesche der Unterpräfektur majestätisch nach der landwirtschaftlichen Preisverteilung in Combe-aux-Fées. Zu der denkwürdigen Reise hat der Herr Unterpräfekt seinen schönen gestickten Frack angezogen, er trägt seinen kleinen Claquehut, seine anliegenden Beinkleider mit den Silberstreifen und seinen Galadegen mit dem Griff von Perlmutter . . . . Auf seinen Knieen ruht eine große Mappe von gepreßtem Chagrin, auf die er traurig herabblickt.

Der Herr Unterpräfekt blickt traurig auf seine Mappe von gepreßtem Chagrin herab; er denkt an die famose Rede, die er zur Stunde vor den Bewohnern von Combe-aux-Fées halten soll:

»Meine Herren! werte Angehörige meines Verwaltungsbezirks . . . .«

Aber wie er auch die blonden Seidenhaare seines Backenbartes drehen mag, wenn er auch zwanzig mal hintereinander wiederholt:

»Meine Herren! werte Angehörige meines Verwaltungsbezirks . . . .«

Was er sonst noch sagen wollte, will ihm nicht in das Gedächtnis zurückkommen.

Ja! Was er sonst noch sagen wollte, will ihm nicht in das Gedächtnis zurückkommen . . . . Es ist so heiß in dieser Kalesche! . . . In den Strahlen der Mittagssonne liegt die Straße nach Combe-aux-Fées ganz in Staub gehüllt . . . Die Luft ist förmlich glühend . . . und auf den jungen Ulmen am Rande des Weges, die ganz mit weißem Staube bedeckt sind, antworten sich Tausende von Grillen von Baum zu Baum . . . Plötzlich fährt der Herr Unterpräfekt empor. Da unten, am Fuße eines Hügels hat er ein Wäldchen grüner Eichen erblickt, das ihm zu winken scheint.

Das Wäldchen grüner Eichen scheint ihm zu winken:

»Kommen Sie doch hierher, mein Herr Unterpräfekt; um Ihre Rede zu studieren, werden Sie unter meinen Bäumen viel besser daran sein . . .«

Der Herr Unterpräfekt läßt sich das nicht zweimal sagen, er springt von der Kalesche herab und befiehlt seinen Leuten zu warten, er wolle in dem Wäldchen grüner Eichen seine Rede studieren.

In dem Wäldchen grüner Eichen giebt es Vögel, giebt es Veilchen, giebt es Quellen unter dem feinen Grase . . . . Sobald sie den Herrn Unterpräfekten mit seinen schönen Beinkleidern, mit seiner Mappe von gepreßtem Chagrin erblickten, erschraken die Vögel und hörten auf zu singen, die Quellen wagten nicht mehr zu murmeln und die Veilchen versteckten sich in dem Grase . . . Diese ganze kleine Welt da hat ja noch niemals einen Unterpräfekten gesehen und fragt sich mit leiser Stimme, wer wohl der schöne vornehme Herr sein möge, der da in silbernen Unaussprechlichen spazieren geht.

Mit leiser Stimme fragt man sich, wer wohl der schöne vornehme Herr sein möge, in silbernen Unaussprechlichen. Inzwischen setzt der Herr Unterpräfekt, entzückt von der Ruhe und von der Frische des Wäldchens, seinen Claquehut auf das Gras, nimmt die Frackschöße in die Höhe und läßt sich auf dem Moose am Fuße einer jungen Eiche nieder.

»Es ist ein Künstler!« sagt die Grasmücke.

»Bewahre,« sagt der Dompfaff, »das ist kein Künstler, er hat ja silberne Hosen an; das ist vielmehr ein Prinz.«

»Das ist vielmehr ein Prinz,« sagt der Dompfaff.

»Weder ein Künstler, noch ein Prinz,« fällt eine alte Nachtigall ein, die einmal einen ganzen Frühling lang in den Gärten der Unterpräfektur gesungen hat . . . »Ich weiß, wer es ist: es ist ein Unterpräfekt!«

Und das ganze Wäldchen flüstert:

»Es ist ein Unterpräfekt! Es ist ein Unterpräfekt!«

»Wie er kahl ist!« bemerkt eine Lerche mit großer Haube.

Die Veilchen fragen: »Ist er bös?«

»Ist er bös?« fragen die Veilchen.

Die alte Nachtigall antwortet: »Bewahre der Himmel!«

Und auf diese Versicherung hin fangen die Vögel wieder an zu singen, die Quellen zu murmeln, die Veilchen zu duften, als wenn der Herr gar nicht da wäre . . . Gefühllos inmitten dieses ergötzlichen Lärms ruft der Herr Unterpräfekt in seinem Herzen die Muse der landwirtschaftlichen Preisverteilungen an und beginnt, den Bleistift erhoben, mit pathetischer Stimme zu deklamieren:

»Meine Herren! werte Angehörige meines Verwaltungsbezirks . . . .«

»Meine Herren! werte Angehörige meines Verwaltungsbezirks,« sagt der Unterpräfekt mit pathetischer Stimme . . . .

Schallendes Gelächter unterbricht ihn; er wendet sich um und sieht nichts, als einen Grünspecht, der oben auf seinem Claquehut sitzt und ihn lachend anblickt. Der Unterpräfekt zuckt die Schultern und will seine Rede fortsetzen; aber der Grünspecht unterbricht ihn zum zweitenmal und ruft ihm von ferne zu:

»Wozu nützt das?«

»Was! Wozu nützt das?« sagt der Unterpräfekt ganz rot vor Zorn, jagt das unverschämte Tier durch eine Bewegung weg und beginnt von neuem:

»Meine Herren! werte Angehörige meines Verwaltungsbezirks . . . .«

»Meine Herren! werte Angehörige meines Verwaltungsbezirks . . . .« hat der Herr Unterpräfekt von neuem begonnen.

Aber da haben die kleinen Veilchen sich auf der Spitze ihrer Stengel gegen ihn erhoben und sagen ihm mit sanfter Stimme:

»Herr Unterpräfekt, riechen Sie, wie wir duften?«

Und die Quellen machen ihm unter dem Moose eine himmlische Musik; und in den Zweigen über seinem Haupte singen ganze Scharen von Grillen ihre anmutigsten Lieder und das ganze Wäldchen hat sich verschworen, ihn am Einstudieren seiner Rede zu verhindern.

Ja, das ganze Wäldchen hat sich verschworen, ihn am Einstudieren seiner Rede zu verhindern . . . . Der Herr Unterpräfekt, trunken von dem Duft, berauscht von der Musik, versucht vergebens, der Verlockung zu widerstehen, die ihn reizt. Er legt sich in das Gras, klopft seinen stattlichen Frack auf und stammelt noch zwei oder dreimal:

»Meine Herren! werte Angehörige meines Verwaltungsbezirks . . . . meine Herren! werte Angehörige . . . . meine Herren! werte . . . .«

Dann schickt er die werten Angehörigen seines Verwaltungsbezirks zum Teufel und der Muse der landwirtschaftlichen Preisverteilungen bleibt nichts übrig, als trauernd ihr Haupt zu verhüllen.

Verhülle dein Haupt, o Muse der landwirtschaftlichen Preisverteilungen . . . Als nach Verlauf einer Stunde die Leute des Herrn Unterpräfekten in Sorge um ihren Herrn, in das Wäldchen eindrangen, da hatten sie einen Anblick, der sie vor Entsetzen zurückweichen ließ . . . . Der Herr Unterpräfekt lag auf dem Bauche im Grase, Hals und Brust entblößt wie ein Zigeuner. Er hatte seinen Rock ausgezogen . . . und der Herr Unterpräfekt kaute Veilchen und machte Verse. –

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