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Briefe aus meiner Mühle

Alphonse Daudet: Briefe aus meiner Mühle - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBriefe aus meiner Mühle
authorAlphonse Daudet
translatorProf. Dr. H. Th. Kühne
firstpub1869
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleBriefe aus meiner Mühle
created20070201
sendergerd.bouillon
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Der Pfarrer von Cucugnan.

Alle Jahre zu Lichtmeß veröffentlichen die provençalischen Dichter in Avignon ein kleines lustiges Buch, das bis zum Rande mit schönen Versen und hübschen Geschichten angefüllt ist. Eben habe ich das diesjährige erhalten und finde darin eine köstliche Erzählung, die ich in etwas abgekürzter Form zu übersetzen versuchen will.

*           *
*

Der Abbé Martin war Pfarrer . . . von Cucugnan.

Gut wie Brot, treu wie Gold, liebte er seine Cucugnaner, wie ein Vater seine Kinder; Cucugnan würde für ihn das Paradies auf Erden gewesen sein, wenn das Leben der Cucugnaner etwas mehr seinen Anforderungen entsprochen hätte. Aber ach! in dem Beichtstuhl webten die Spinnen unbehindert ihre Netze und am schönen Osterfeste blieben alle Hostien unberührt im Ciborium. Dem guten Pfarrer blutete darüber das Herz und täglich bat er Gott um die Gnade, ihn nicht früher sterben zu lassen, als bis er die zerstreute Herde in den Stall zurückgeführt habe.

Und, wie ihr sehen werdet, erhörte ihn der liebe Gott.

Eines schönen Sonntags nach dem Evangelium bestieg Abbé Martin die Kanzel.

*           *
*

»Meine Brüder,« sprach er; »vergangene Nacht – ihr mögt mir glauben oder nicht – befand ich mich an der Pforte des Paradieses.«

Ich klopfte an; der heilige Petrus öffnete mir.

»Sieh da! du bist's, mein braver Martin,« sagte er. »Welcher gute Wind hat dich denn hergeführt? was steht zu deinen Diensten?«

»Lieber heiliger Petrus, du hast den Schlüssel und hältst das große Buch; könntest du mir wohl sagen, wenn ich nicht etwa zu neugierig bin, wie viel Cucugnaner ihr im Paradiese habt?«

»Ich wüßte nicht, warum ich dir das abschlagen sollte, lieber Martin; setze dich, wir wollen zusammen nachsehen.«

Und der heilige Petrus nahm sein dickes Buch, schlug es auf und brachte seine Brille in Ordnung:

»Nun laß uns einmal sehen. Cucugnan, sagst du. Cu . . . . Cu . . . . Cucugnan. Da haben wir's. Cucugnan . . . . Mein lieber Martin, die Seite ist ganz leer. Nicht eine Seele . . . . Nicht mehr Cucugnaner, als Gräten in einer Truthenne.«

»Wie? Niemand wäre hier von Cucugnan? Niemand? Das ist nicht möglich! Sieh noch einmal zu, heiliger Petrus.«

»Niemand, Verehrtester. Sieh doch selbst nach, wenn du denkst, daß ich scherze.«

Da stampfte ich mit den Füßen und flehte mit gefalteten Händen den Himmel um Erbarmen an. Drauf Sankt Peter:

»Glaube mir, lieber Martin, du mußt dir das nicht so zu Herzen nehmen, es konnte dich ja darüber der Schlag rühren. Du bist ja nicht daran schuld, das ist die Hauptsache. Deine Cucugnaner, siehst du, werden höchst wahrscheinlich eine kleine Quarantäne im Fegefeuer halten müssen.«

»Ach um Gottes willen, großer heiliger Petrus! Hilf mir doch, daß ich sie wenigstens sehen und trösten kann.«

»Gern, mein Freund . . . . Da, zieh schnell diese Sandalen an, denn die Wege sind nicht besonders gut . . . So, das ist gut . . . Nun gehe ganz gerade aus. Siehst du da unten, im Grunde, an der Ecke? Da wirst du eine silberne Thüre finden, mit schwarzen Kreuzen bedeckt . . . da, rechter Hand . . . . Dort klopfe an, man wird dir öffnen . . . . So, nun halte dich brav und sei fröhlich.«

*           *
*

Und ich wanderte und wanderte! Was für eine Treibjagd! Mich überläuft eine Gänsehaut, wenn ich nur daran denke. Ein schmaler Fußpfad, voller Brombeersträuche, leuchtender Karfunkelsteine und zischender Schlangen führte mich bis an die silberne Thür.

»Poch, poch!«

»Wer klopft?« fragt eine rauhe, klagende Stimme.

»Der Pfarrer von Cucugnan.«

»Von was?«

»Von Cucugnan.«

»Ah so! . . . Tritt ein.«

Ich trat ein. Ein großer, schöner Engel mit Flügeln so düster wie die Nacht, mit einem Kleide glänzend wie der Tag, mit einem diamantenen Schlüssel am Gürtel schrieb eifrig in ein großes Buch, noch dicker, als das des heiligen Petrus . . . .

»Nun, was willst du? was verlangst du eigentlich?« sagte der Engel.

»Schöner Engel Gottes ich möchte wissen, wenn ich nicht etwa zu neugierig bin, ob hier die Cucugnaner sind?«

»Die wer?«

»Die Cucugnaner, die Leute von Cucugnan . . . ich bin nämlich ihr Pfarrer.«

»Ah, der Abbé Martin, nicht wahr?«

»Zu dienen, Herr Engel.«

*           *
*

»Du sagst also Cucugnan . . .«

Und der Engel öffnet sein Buch und blättert darin herum, indem er den Finger mit Speichel benetzt, damit die Blätter sich schneller umwenden lassen . . . .

»Cucugnan,« sagt er, einen langen Seufzer ausstoßend . . . »Freund Martin, wir haben im Fegefeuer niemand von Cucugnan.«

»Jesus, Maria, Joseph! Niemand von Cucugnan im Fegefeuer! Du großer Gott! wo sind sie denn?«

»Ei, würdiger Mann, sie sind im Paradiese. Zum Kuckuck! Wo willst du denn, daß sie sind?«

»Aber ich komme ja eben dorther, vom Paradiese . . .«

»Du kommst dorther? . . Nun also?«

»Ja, also! dort sind sie nicht! . . . Ach, gute Mutter der Engel! . . . .«

»Nun, was willst du, mein Herr Pfarrer? Wenn sie nicht im Paradiese sind, und auch nicht im Fegefeuer, da läßt sich leicht erraten, wo sie zu finden sind; sie sind . . . .«

»Heiliges Kreuz! Jesus, Davids Sohn! Ach, ach, ach! Ist es denn möglich? . . . Ach, wir Armen! Wie soll ich denn in das Paradies kommen, wenn meine Cucugnaner nicht darin sind?«

»Höre, mein armer Martin, weil du um jeden Preis Sicherheit haben und dich mit eignen Augen überzeugen willst, wie die Sache steht, so laufe auf diesem Fußweg vorwärts, aber laufe, wenn du laufen kannst. Linker Hand wirst du ein großes Portal finden. Da kannst du über alles genaue Erkundigungen einziehen. Gott helfe dir!«

Und damit schloß der Engel die Thür.

*           *
*

Es war ein langer Pfad, ganz gepflastert mit glühenden Kohlen. Ich wankte, als hätte ich getrunken; bei jedem Schritte strauchelte ich; ich war wie aus dem Wasser gezogen, an jedem Haare meiner Haut hing ein Tropfen Schweiß und ich keuchte vor Durst . . . Aber Dank den Sandalen, die mir der gute heilige Petrus geliehen hatte, verbrannte ich mir wenigstens nicht die Füße.

Als ich von einem Fuße auf den andern springend genug falsche Schritte zurückgelegt hatte, sah ich zu meiner Linken eine Thür . . . nein, ein Thor, ein gewaltiges Thor, welches mir wie die Thür eines großen Backofens entgegen gähnte. Ach, meine Kinder, welcher Anblick! Hier fragte man nicht nach meinem Namen; hier gab es kein Register. Hier tritt man unangemeldet ein, wie ihr Sonntags in die Schenke tretet.

Ich schwitzte dicke Tropfen und doch war ich erstarrt, ich fror. Meine Haare sträubten sich. Es roch nach verbranntem, nach geröstetem Fleisch, in meine Nase drang ein Geruch, wie jener, der sich in unserm Cucugnan verbreitet, wenn Eloy, der Hufschmied, den Huf eines alten Esels brennt, um ihn zu beschlagen. Ich verlor den Atem in dieser mit Brandgeruch erfüllten, stinkenden Luft; ich hörte ein entsetzliches Geschrei, Seufzer, Geheul und Flüche.

»Nun! kommst du herein oder nicht, du!« schreit mir ein gehörnter Dämon entgegen, indem er mit seiner großen Gabel nach mir sticht.

»Ich? Ich gehe nicht hinein. Ich bin ein Freund Gottes.«

»Du bist ein Freund Gottes . . . Na, du Lumpenhund! was willst du denn hier?«

»Ich komme . . . Ach, ich kann mich nicht mehr auf den Beinen halten . . . Ich komme von weit her . . . und wollte gehorsamst anfragen . . . ob . . . ob sich zufällig . . . vielleicht einer hier befindet . . . einer von Cucugnan . . . .«

»Ach, Blitz und Hagel! Du stellst dich dumm, du. Als ob du nicht wüßtest, daß das ganze Cucugnan hier ist. Komm her, du häßlicher Rabe, blicke herein und du wirst sehen, wie wir sie hier verarbeiten, deine famosen Cucugnaner . . . .«

*           *
*

Und ich sah mitten in einem entsetzlichen Flammenwirbel:

Den langen Coq-Galline – ihr habt ihn alle gekannt meine Brüder – Coq-Galline, der sich so oft betrank und so oft seine arme Claivon mißhandelte.

Ich sah Catarinet . . . . den Nickel . . . mit ihrer Stumpfnase . . . die allein in der Scheuer schlief . . . Ihr erinnert euch doch, ihr Schelme! . . . Doch genug, ich habe schon zu viel gesagt.

Ich sah Pascal Doigt-de-Poix, der sein Öl aus Juliens Oliven preßte.

Ich sah Babet, die Ährenleserin, die beim Ährenlesen Händevoll aus den Garben stahl, um ihre Garbe rascher binden zu können.

Ich sah Meister Grapasi, der das Rad seines Schiebekarrens so billig schmierte.

Und Dauphine, die ihr Brunnenwasser so teuer verkaufte.

Und Tortillard, der, wenn er mir mit der Monstranz begegnete, ruhig seines Weges weiter ging, die Mütze auf dem Schädel und die Pfeife im Schnabel, so stolz wie Artaban . . . als wenn er einem Hunde begegnet wäre.

Und Coulau mit seiner Zette, und Jaques, und Pierre und Toni . . . . .

*           *
*

Erschüttert, bleich vor Furcht, seufzten die Zuhörer. In der offnen Hölle erblickte dieser seinen Vater, jener seine Mutter, ein andrer seinen Großvater, noch ein andrer seine Schwester . . .

»Ihr fühlt wohl, meine Brüder,« fuhr der gute Abbé Martin fort, »ihr fühlt wohl, daß das so nicht weiter gehen kann. Eure Seelen sind mir anbefohlen und ich will, ich will euch vor dem Abgrunde schützen, in den ihr alle im Begriff seid, kopfüber zu stürzen. Morgen mache ich mich an die Arbeit, nicht später als morgen. Und an Arbeit wird es nicht fehlen! Ich werde euch sagen, wie ich dabei zu Werke gehen will. Was gut gehen soll, muß in gehöriger Reihenfolge vorgenommen werden. Wir wollen daher auch der Reihe nach gehen, wie man es in Jonquières beim Tanzen macht.«

Morgen, Montag, werde ich die alten Männer und Frauen in die Beichte nehmen. Das wird nicht viel sein.

Dienstag, die Kinder. Das wird bald geschehen sein.

Mittwoch, die jungen Burschen und Mädchen. Das kann lange dauern.

Donnerstag, die Männer. Wir werden es kurz machen.

Freitag, die Weiber. Ich werde sagen: macht keine Geschichten!

Sonnabend, den Müller . . . Einen Tag für ihn ganz allein, das wird nicht zuviel sein . . . .

Und wenn wir am Sonntag fertig sind, werden wir sehr glücklich sein.

Seht ihr, meine Kinder, wenn das Korn reif ist, muß man es schneiden; wenn der Wein abgezogen ist, muß man ihn trinken. Hier giebt es schmutzige Wäsche genug; die muß man waschen und gut waschen.

Die Gnade des Himmels sei mit euch, Amen!

*           *
*

Gesagt, gethan! Die Lauge wurde nicht geschont.

Seit diesem denkwürdigen Sonntage verbreiten die Tugenden von Cucugnan ihren Wohlgeruch auf zehn Stunden in die Runde.

Und der gute Pastor Martin, glücklich und voller Jubel, hat gestern Nacht geträumt, daß er, gefolgt von seiner ganzen Herde, in glänzender Prozession inmitten brennender Kerzen, einer Wolke balsamisch duftenden Weihrauchs und eines Chors von Kindern, die das Tedeum sangen, den erleuchteten Weg emporstieg, der zur Stadt Gottes führt.

Das ist die Geschichte des Pfarrers von Cucugnan. So hat mir der große Bettelmann von Roumanille aufgetragen sie euch zu erzählen und dieser hatte sie von einem andern guten Kameraden.

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