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Briefe aus meiner Mühle

Alphonse Daudet: Briefe aus meiner Mühle - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBriefe aus meiner Mühle
authorAlphonse Daudet
translatorProf. Dr. H. Th. Kühne
firstpub1869
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleBriefe aus meiner Mühle
created20070201
sendergerd.bouillon
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Die Zollwächter.

Das Fahrzeug »Emilie« von Portovecchio, auf welchem ich die traurige Reise nach den Lavezzi-Inseln machte, war ein altes Zollschiff, nur halb verdeckt, auf dem es keinen andern Zufluchtsort gegen Wind, Wogen und Regen gab, als einen kleinen Verschlag, kaum geräumig genug, um einen Tisch und zwei Lagerstätten zu fassen. Es war daher ein wahrer Jammer, unsere Matrosen zu sehen, wenn es schlechtes Wetter gab. Der Regen lief an ihnen herunter, die Kleider dampften wie Wäsche in der Trockenstube und selbst im vollen Winter verbrachten die Unglücklichen ganze Tage, selbst ganze Nächte zusammengekauert auf ihren nassen Bänken, in der ungesunden Feuchtigkeit vor Kälte zitternd; denn man konnte am Bord kein Feuer anzünden und das Ufer war oft nur schwer zu erreichen . . . Und dennoch beklagte sich nicht einer dieser Männer. In dem schlechtesten Wetter habe ich an ihnen stets dieselbe Ruhe, dieselbe gute Laune wahrgenommen. Und was für ein trauriges Leben führen diese Zollmatrosen!

Fast alle sind verheiratet, haben Frau und Kinder auf dem Lande und sie selbst müssen Monate lang draußen bleiben und an diesen so gefährlichen Küsten lavieren. Als Nahrung haben sie kaum etwas anderes, als schimmeliges Brot und wilde Zwiebeln. Niemals Wein, niemals Fleisch, denn Fleisch und Wein sind teuer und sie verdienen nicht mehr als vierhundert Mark im Jahre. Vierhundert Mark im Jahr! Ihr könnt euch denken, daß ihre Hütte da unten in der Marine ein wenig dunkel ist und daß die Kinder barfuß gehen müssen! . . . Doch das thut nichts! Alle diese Leute scheinen zufrieden. Es stand auf dem Hinterdeck vor dem Verschlage ein großer Kübel mit Regenwasser, aus welchem die Schiffsmannschaft ihren Durst stillte, und ich erinnere mich, daß jeder dieser armen Teufel, sobald der letzte Schluck die Kehle hinunter geglitten war, seinen Becher mit einem »Ah!« der Befriedigung, mit einem Ausdruck des Wohlbefindens schwenkte, was einen zugleich komischen und rührenden Eindruck machte.

Der lustigste, der zufriedenste von allen war ein kleiner, untersetzter, von der Sonne verbrannter Mensch aus Bonifacio, den man Palombo nannte. Der sang beständig, selbst im schlechtesten Wetter. Wenn die See hoch ging, wenn der düstre, niedrige Himmel voll grauer Hagelwolken hing, wenn alles dastand die Nase in der Luft, um zu erraten, woher der nächste Windstoß kommen werde, die Hände bereit, um Steuer und Segel danach zu richten, da ertönte durch das tiefe Schweigen, durch die ängstliche Sorge an Bord die ruhige Stimme Palombos:

Nein, gnädiger Herr,
's ist zu viel Ehr.
Lisette ist wei...se.
Bleibt in ihrem Krei...se.

Und der Wind mochte blasen, er mochte das Takelwerk erseufzen machen, er mochte die Barke hin und her schütteln und die Wogen über sie hinwegjagen, wie er wollte; der Gesang des Zollwächters dauerte fort und schwebte über dem Lärm, wie die Möwe über dem Kamme der Wellen. Mochte auch zuweilen die Begleitung des Windes so stark werden, daß man die einzelnen Worte nicht mehr verstand, – zwischen den Wellenschlägen, durch das Rieseln des niederfließenden Wassers kehrte immer wieder der kleine Schlußreim:

Lisette ist wei...se.
Bleibt in ihrem Krei...se.

Eines Tages jedoch, als es sehr stark windete und regnete, hörte ich ihn nicht. Das war ein so außerordentliches Ereignis, daß ich den Kopf aus dem Verschlage heraussteckte und fragte:

»Nun, Palombo! Singt man denn nicht mehr?«

Palombo antwortete nicht; er lag unbeweglich unter seiner Bank. Ich näherte mich ihm. Er klapperte mit den Zähnen; sein ganzer Körper zitterte im Fieber.

»Er hat eine pountoura,« sagten mir traurig seine Kameraden.

Was sie pountoura nennen, das ist Seitenstechen, Pleuresie. Ich habe nie etwas Traurigeres gesehen, als diesen bleifarbigen Himmel, über der von Wasser triefenden Barke und auf dieser den armen Fieberkranken, eingewickelt in einen alten Kautschukmantel, der vom Regen glänzte wie das Fell eines Seehundes. Die Kälte, der Wind, der Wellenschlag verschlimmerten das Übel. Bald traten Fieberphantasien ein; es wurde nötig zu landen.

Das kostete viel Zeit und Anstrengung; erst gegen Abend konnten wir in einen kleinen Hafen einlaufen, der dürr und schweigsam dalag, nur von dem kreisförmigen Fluge einiger Möwen belebt. Rings um den Strand stiegen hohe, steile Felsen empor, undurchdringliche Dickichte von grünen Sträuchen von düsterer Färbung. Unten, am Rande des Wassers, ein weißes Häuschen mit grauen Läden: das war der Posten der Zollwächter. Mitten in der wüsten Umgebung hatte dieses Staatsgemäuer, numeriert wie ein Uniformshelm, etwas unheilverkündendes. Hier brachte man den unglücklichen Palombo an das Land. Ein trauriger Zufluchtsort für einen Kranken! Wir fanden den Zollwächter mit Frau und Kindern beim Essen in einem Winkel nahe dem Feuer. Alle diese Leute hatten gelbe, abgemagerte Gesichter, fiebrige Ringe um die großen Augen. Die noch junge Mutter, einen Säugling auf den Armen, zitterte vor Kälte, als sie mit uns sprach.

»Es ist ein entsetzlicher Posten,« sagte mir leise der Inspektor. »Alle zwei Jahre müssen wir neue Wächter hierher schicken. Das Sumpffieber zehrt sie auf . . .«

Inzwischen handelte es sich darum einen Arzt zu beschaffen. Ein solcher war aber nicht näher zu haben, als in Sartène, das heißt sechs bis acht Wegstunden von dort. Was thun? Unsere Matrosen waren gänzlich erschöpft; eines der Kinder zu schicken, dazu war der Weg zu weit. Da beugte sich die Frau zum Fenster hinaus und rief:

»Cecco! . . . Cecco!«

Und wir sahen einen großen, schlanken jungen Mann eintreten, das wahre Musterbild eines Wildschützen oder eines Banditen, mit seiner Mütze von brauner Wolle und seinem Mantel von Ziegenfell. Schon beim Verlassen des Schiffes hatte ich ihn vor der Thür sitzen sehen, seine rote Pfeife im Munde, eine Flinte zwischen den Beinen; aber bei unserer Annäherung war er geflohen, ich weiß nicht warum. Vielleicht glaubte er, wir hätten Gendarmen bei uns. Bei seinem Eintritt errötete die Frau des Zollwächters ein wenig:

»Es ist mein Vetter . . .« sagte sie zu uns. »Bei dem hat man nicht zu befürchten, daß er den Weg im Dickicht verliert.«

Dann sprach sie ganz leise mit ihm, indem sie auf den Kranken zeigte. Der Mann verneigte sich ohne zu antworten, verließ das Zimmer, pfiff seinem Hunde und dort ging er hin, die Flinte auf der Schulter, mit großen Schritten von Fels zu Felsen springend.

Während dieser Zeit beendigten die Kinder, welche die Gegenwart des Zollinspektors in Schrecken zu setzen schien, rasch ihr Mahl, das aus Kastanien und weißem Käse( brucio) bestand. Dazu Wasser, nichts als Wasser! Und doch wäre ein Glas Wein für diese Kleinen so gut gewesen! Ein wahres Elend! – Endlich stieg die Mutter nach oben und brachte die Kinder zu Bett; der Vater zündete seine Laterne an und trat seinen Inspektionsgang nach der Küste an und wir blieben in dem Winkel am Feuer zurück um unsern Kranken zu überwachen, der sich auf seinem elenden Lager herumwarf, als wäre er noch auf hoher See und würde durch den Wellenschlag hin und her geschüttelt. Um sein Seitenstechen zu mildern, wärmten wir Kiesel und Backsteine, die wir auf die schmerzende Seite legten. Ein- oder zweimal, als ich an sein Bett trat, erkannte mich der Unglückliche und streckte mir, um mir zu danken, mühevoll seine Hand hin, eine breite Hand, die so brennend heiß war, wie die aus dem Feuer gezogenen Backsteine . . .

Eine traurige Nachtwache! Draußen hatte beim Anbruch des Abends das schlechte Wetter wieder begonnen; es war ein Tosen, ein Rollen, ein Spritzen von Schaum – eine wahre Schlacht zwischen Wasser und Felsen. Von Zeit zu Zeit drang der Sturm des hohen Meeres durch die Bai bis zu unserem Häuschen. Man bemerkte es an dem plötzlichen Emporlodern der Flamme, welche blitzartig die düstern Gesichter der Matrosen beleuchtete, die um den Kamin herum saßen und mit jenem ruhigen Ausdruck, welchen der Aufenthalt auf hoher See erzeugt, in das Feuer sahen. Zuweilen stieß Palombo eine leise Klage aus. Dann wendeten sich alle Augen nach dem dunkeln Winkel, in welchem der arme Kamerad im Sterben lag, fern von den Seinen, ohne Hilfe. Die Brust der harten Seeleute hob sich, man hörte schwere Seufzer. Das ist die einzige Äußerung, zu welcher das Gefühl des eignen Unglücks diese geduldigen Arbeiter des Meeres hinreißt. Keine Empörung, keine Klage. Ein Seufzer, weiter nichts! – Doch ja, ich täusche mich. Einer von ihnen, der an mir vorüberging, um Reißig auf das Feuer zu werfen, sagte mir ganz leise mit gebrochener Stimme:

»Sehen Sie, mein Herr! Man hat manchmal in unserm Geschäfte recht viel auszustehen! . . . .«

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