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Gutenberg > Alfred Mombert >

Briefe an Vasanta

Alfred Mombert: Briefe an Vasanta - Kapitel 1
Quellenangabe
typemisc
authorAlfred Mombert
titleBriefe an Vasanta
publisherVerlag Lambert Schneider
editorB. J. Morse
year1965
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131106
projectid0dfe037e
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1922 – 1925

(1)

Heidelberg, 24. VII. 1922

Freundliche Seele!

Ja: Nun ging die Melodie Ihrer Briefworte gleich

einer Wolkenweise
über mein Herz dahin ...

Und die Rosenblätter duften noch ganz stark. Und die Lieder ruhen hier in tönender Stille: immer harrend einer Stimme, die sie erweckt. Vor allem »Keine Antwort mehr« in seiner Schwermut und echten Schlichtheit ergreift mich. Haben Sie Dank für die vielfachen Gaben! Wohl ahnt der Dichter die unsichtbaren Bande, die ihn ins Schicksal der Menschen verflechten; aber selten wird ihm des ein Zeichen. Das muß wohl so sein: sonst könnte er vielleicht nicht so zeitlos in die Bläue blicken und der Spiegel von Himmel und Erde sein.

Auch der Gruß des Ihnen so nahen Meeres (leider habe ich es lange nicht mehr geschaut) tönte vernehmlich aus dem Brief; Sie wissen, was das für mich bedeutet.

Für all' das Dank! Und Gruß.
Alfred Mombert

 

(2)

(Heidelberg), 1. 1. 1923

Wir umarmten einander – wir weinten vor Freude –:
gefunden war das Wort, das wir lange gesucht.
Sie gab mir die wunderbare Liebe;
ich gab ihr den wunderbaren Tod.
Du die Verherrlichte, und ich der Held,
in unser Brautgemach auf den Gebirgen
schauten herein alle neuen Gestirne,
sie rauschten im Tanz um unser Grab.
Dran stand ein Engel, der rief in den Weltraum:
»Heil allen Erleuchteten! Es ist vollbracht!«

Zum Dank und Gruß!
Alfred Mombert

 

(3)

Heidelberg, 7. 6. 1923

Kurzen herzlichen Dank für die Blumen, für den Traum, für den Brief (und die Vogelfeder!). Ihre Schilderung des Pfingst-Gottesdienstes im kleinen Städtchen hat mich wirklich gefreut. Ihre Worte zaubern ein Orgel-Stück vor die Seele. – In gewisser Weise ist ja auch der Dichter Prediger. Freilich ist sein Schicksal, daß er selten der Mitwelt predigt, meistens erst der Nachwelt. Seine Predigt muß Gesang sein; und Gesang erfordert (fast sollte man es nicht glauben, und doch ist es so!) Jahre der Vorbereitung des Hörers.

Auch Dank für die guten Wünsche! Wem die Gefahr zur ewigen Gefährtin ward, für den ist Alles Mitte: auch die äußersten Grenzen und der letzte Rand. Ihn trägt der Gesang.

Gruß! Ihr Mombert

N. B. Dieser Tage hörte ich hier wieder einmal Conrad Ansorge Beethoven spielen (in überfülltem großen Saal). Die wahrste Predigt, die wir heute haben! Beneidenswertester Beruf!

D. O.

 

(4)

Heidelberg, 4. 8. 1923

O Insel! O Haus! O Hüterin des Hauses! –

In einem früheren Leben war ich ein Albatros und schwebte über den Meeren. Dies Leben hat mich ans Land gesetzt. Aber ich werde wieder auf meine Meere zurückkehren. Und ich hoffe – im kommenden Jahr – als Übergang – an die Küste – ins gastliche Haus am Meer. Mögen es die herrlichsten Stürme besingen!

Der verzauberte Sänger
A. M.

 

(5)

(Heidelberg, 13. 9. 1923)

Ich warf mich auf die Meer-Klippen.
In die Schäume der Träume.
Da überrauschten mich die Albatrosse.
Herz brach auf. Und Seele weinte.

Sie deckten kühle Schwingen über mein Haupt.
An meinen Fieber-Händen rieben Schnäbel.
Freie Meer-Herzen
pochten in meine Innen-Wüste
Die Albatrosse klangen: sangen:

In einem frühen Leben
war über Meeren hin dein Schweben.
Unser Bruder du auf starken Schwingen,
du mochtest in die wildesten Schäume dringen.
Stürme konnten nie dich zwingen.

Zu deinen Wogen, zu deinen freien Meeren
wirst du, Bruder, einstmals wiederkehren.
Wirst das große Schwebe-Glück vermehren.
Wirst uns deine Schwebe-Seele lehren.

A. M.

Gruß an Seele, Haus, Insel, Meer!

 

(6)

Heidelb(erg), 30. 12. 1923

Meinen herzlichen Dank für das Mein-Gedenken im Geiste der Musik – für die prachtvolle Nachdichtung des Jacopone!

Mit guten Wünschen Ihr Mombert

 

(7)

Heidelberg, 2. 1. 1924

Ja: jetzt wird es völlig Märchen aus 1001 Nächten!

– Der Schlüssel zum Urland-Insel-Haus!

– Der Schlüssel zu den Meerwogen!

– Der Schlüssel zu den Wind-Nächten!

– Der Schlüssel zu Klängen und Musiken!

– Der Schlüssel zu Wer-weiß-was!

So heiße mir denn für kommenden Sommer die Losung: Stralsund – und wenns mit Ketten an den Himmel aufgehängt wäre!

In Träumen –
in herzlicher Dankbarkeit Ihr
Mombert

 

(Beilage zum Brief Nr. 7)

Heil zu suchen auf den Meeren –
immer suchend nach den Inseln –
bestiegen wir rauschende Schiffe –
– gefolgt heimlich von unsern pochenden Herzen –
funkelnde Schiffe: Raum-Stürmer-Schiffe.
Rosenfarben atmeten die Lüfte,
Duft-Wölkchen lockten an selige Küsten –

Und immer an neue, niebestiegene Borde –
auf bunte Sehnsucht-Schiffe –:
Zahllose Wind-Abende und Sterne-Nächte,
da wir lagerten auf Hafen-Dämmen
im Schatten riesenhafter Vorgebirge:
gesellt heimlich von unsern pochenden Herzen:
schwarzblau wir: im Ozean-Geräusch
zwischen Jugend-Sang und Toten-Klage,
harrend fern aneilender Segler –

Mombert

(So lautet ein Satz aus einem umfangreichen Gesang –)

 

(8)

Heidelberg, 31. Mai 1924

Liebes Fräulein ...

So darf ich doch wohl sagen in dieser irdischen Welt der Namen und Stände. Ihr geheimnisvoller Märchen-Schlüssel begann sich zu rühren, er zeigt jetzt wie eine Magnetnadel dauernd gegen die Pforte im Norden, seine Heimat. Sollte es also wirklich sein? – in dieser Welt der Träume? – Nun plane ich, gegen Ende Juni oder Anfang Juli des Jahres 1924 über Berlin mich auf die Suche nach jener Insel zu begeben. Ob Sie selber dann schon auf Ihrer Nord-Insel weilen mögen, oder noch auf der Insel in der großen umbrandeten Stadt? Das werd' ich zunächst an Ort und Stelle zu ergründen suchen. – In verschiedene Museen sei im Flug gepilgert! Aber dann auf zu den »Albatrossen«!

Ihr dankbarer
Mombert

(NB. Ich denke, ich werde mich mit einigem weißen Linnen etc. etc. ausrüsten)

 

(9)

Heidelberg, 13. 6. 1924

Liebes Fräulein ...!

Vielen Dank für Ihren wegweisenden Brief.

Nun wird mich nichts hindern, das Haus zu finden. Das Selber-Finden gehört zu den besonderen Freuden des Fremden, und ich hoffe, bald wieder in ganz fremde Länder zu kommen. Also Ankunft allein gemäß Ihrer Weisung. Aber natürlich wäre es gut, wenn Sie Herrn Dr. Laible vom Auftauchen eines Fremden auf seiner Insel in Kenntnis setzten: schon damit er nicht Gefahr für das anvertraute Haus fürchtet. Ich denke, es wird in der ersten Woche des Juli sein. Ich muß mich noch einige Tage vorher in Berlin aufhalten, auch weiß ich nicht, ob sich noch sonstige Stationen einfügen werden. – Lampe ganz unnötig. Ich bin froh, dem Nacht-Lesen entrinnen zu können.

In Rambach sind Sie übrigens nahe dem Städtchen Wanfried, in dem vor genau 100 Jahren mein Großvater Landarzt war, und soviel ich weiß viele Jahre blieb.

Eilig, mit herzlichen Grüßen Ihr
Mombert

Anbei ein gerade angeflogener Beitrag zu einer »Festschrift« (für A. Kippenberg).

 

(10)

Berlin, 1. 7. 1924

In Berlin!

Also diesen Freitag komm' ich ziemlich sicher mit dem Caprivi gegen Abend nach Kloster.

Gruß!
A. M.

 

(11)

(Kloster auf Hiddensee)
Im Haus am Meer, 4. 7. 1924

In dem wunderbaren Himmel-Leben
ist das Herrlichste: das stille Schweben.

A. M.

 

(12)

Dreizehn undatierte Zettel vom 4. Juli bis zum 22. August 1924

 

(12/1)

STIMME:

Selig wie Sfaira möchte ich leben
in den kurzen Tagen meines Gesanges.
In den Blitzen meines Über-Schwanges,
in den Meteoren meines Hinüber-Klanges
möcht' ich selig wie Sfaira leben.

A. M.

 

(12/2)

HEIL DER ENTSCHLOSSENEN!

Mögen Jamben-singende Engel Sie auf Ihrer Höhen-Fahrt geleiten! Sollte dieselbe aber infolge schlechten Wetters oder plötzlich eintretenden inneren Zwanges (Nebel) unterbleiben müssen, so erscheine ich von selber (bereits geimbißt) gegen 8 Uhr in Vitte. Ich freue mich sehr auf die Laube, den Dr., Haydn, Schubert und vor Allem:

auf Wen?

– Der Mann auf der Meer-Terrasse –
(wo er jedenfalls ab 5 Uhr sitzt)

 

(12/3)

»Der Blumenstrauß wächst höher, himmlischer.
Er durchblüht Orion, er duftet im Perseus.«

D. H. d. E.

(Wann Beethoven 109-111?)

 

(12/4)

Ich komme dann heute ½5 in die Laube.

Eine Feder will ich nehmen lassen –

 

(12/5)

HEUTE

ist der geborene
Feier-Tag!

Alle Blumen strahlen!
Drum auf ins Hochland,
zu den gelben Stauden!

Ich warte auf der Meer-Terrasse bis 6 Uhr.

 

(12/6)

O Herz –

Bald kommen, gleich nach dem Stimmer; mithören,
wenn er »stimmt« – das zarte Saitenspiel nicht allein
lassen.
Dann Alles-Alles –
Sonne-Mond-Sterne

Alf – – – Sfaira

 

(12/7)

» In diesem seligen Welt-Alter« –
Soll ich heut heraufkommen Musik machen? Wann?
Oder soll die Laube tönen?
Dann würd ich den Dr. fragen
Oder soll die Stille tönen?

Heraufkommen! sobald wie möglich!
Musik! Und später Spaziergang
zu den windtönenden Dornbüschen
hochoben! – (Die Laube ein ander Mal).

Das »Haus am Meer« dankt feierlich für die Bereicherung seiner Bücherei durch den Klang-Geist Hölderlin, und seine Blumenvasen heißen die neue schöne Genossin herzlich willkommen!

A. M.

 

(12/8)

Ja, das fühlte ich auch immer, man müsse einen Namen für Dich finden, o Herz. Am schönsten sagte man einfach immer: » O Herz« – aber das ist kein Name (oder ist es doch einer?). Aber sei heiter, »o Herz«, Dein Namen wird Dir werden, und er wird immer schöner, je länger er wird.

Nenne mich einmal »Sfaira« – das ist das Beste an mir, o Herz.

Den Feiertag glaub ich zu wissen.
Damals ward es, o Herz

Morgen Samstag ½5 Uhr auf Hoftola, o Herz.
(»calmez avec un souris«)

 

(12/9)

O Soll-ich: Will-ich
Herz-Leise – Herz-Weise –:
So sei es:
Heute Mittag Laube, Doktor-Klopfen,
Föehrinsel, Golddistel
(Alles unter gütiger Mitwirkung von Frau D.)
Dann morgen Sonntag:
Versammlung aller guten Ton-Geister auf Hof-Tola
aller Leucht-Türme, aller Mitternachts-Schwärmer.

Mörkjaer

 

(12/10)

»Gegenüber dem Morgenstern«

Sf-M

 

(12/11)

(Stubbenkammer auf Rügen)

Im Eldorado der Ansichtspostkarten-Schreiber, ergriffen vom Wahnsinn.

»Du sitzest auf Muscheln« –
Montag Rückzug nach Hiddensee.

A.M.

 

(12/12)

Sollte das Wetter sich sehr verschlechtern, so bitte ich, nicht heraufzukommen. Ich komme dann selber (gegen 5½ Uhr) nach Vitte (bei jedem Wetter).

 

(13)

(Putbus auf Rügen), 30. 7. 1924

Gruß aus Putbus (Puttbußß) auf dem Rückzug aus Binz etc. Morgen gehts scharf nördlich, an Hiddensee entlang, nach Arcona.

»Sindbad« auf Rügen.

»Odysseus« auf der Strandpromenade.

Die alten Linden duften! ...

 

(14)

(Berlin), 23. 8. 1924

Oh Herz-Leise –

Erinnerung – –
an silbernem Seil sich senkend in die tiefen Himmel –

D. Sf. M-kjaer

 

(15)

(Undatierter Zettel)

Oh Liebes Soll-Ich: Herz-Weise – Herz-Geige – Herz-Flöte –:

Es ist Alles angekommen – aber es ist unerhört! Es ist unerhört! – aber es ist Alles angekommen. Unerhört!

– Zwischen zwei »Correcturen« – zwischen zwei Schlachten –
Es ist unerhört.

Die Überführung der »Materie« fand in feierlicher Weise statt unter Zeremonien; der Guß ist gelungen. – Es ist unerhört! Der feierliche Thee findet erst in einigen Tagen statt, wenn ich aus meinem Gedanken-Wirbel heraus bin.

Richtige Adresse:

Zentrale Ataïr (Abteilung für Traum-Hilfe)

Das Licht braucht zwar 16 »Licht-Jahre«. Aber der Gedanke eine halbe Sekunde.

Bald mehr!

Dein Sfaira Morkjaer.

N. B. Nun haben alle »großen Kanonen« von Hiddensee ihre Romane hinausgeschossen – rechtzeitig zu Weihnachten.

Oh liebes Soll-Ich: Dein lieber langer, langer lieber Brief! Und das wunderbare »um zuletzt« vom Dom zu Merseburg, den ich solange nicht mehr sah! Das ist ganz wunderbar ergreifend, gerade in seiner Zerstörung, Vielen Dank! Und das Säckchen mit den Düften! Und die anderen Düfte! –

 

(16)

Heidelberg, 3. 9. 1924

Oh »Soll-Ich« –

Wein – Bernstein – Rosenblätter – Vitte – Kaprivi – Hiddensöe – Bismarkstraße – Wiese –

»Wohin? Ach, wohin?«

Hinauf! Hinauf strebt's –

Vor einer Stunde – endlich ging der »Ballen« an die Bismarckstraße ab.

Sf-M-r.

 

(17)

(Heidelberg, 24. 9. 1924)

Herz-Weise – das ist ja zwiefach der ganze Pfarrgarten – mit allen Bäumen – und mit allen Träumen – – –

D. Sf. M-r.

 

(18)

Heidelberg, 12. 10. 1924

Oh liebe Herz-Weise – Soll-Ich – heute eine Zeile.

Man meint, es wolle noch einmal Sommer werden – so warm ist es. Aber die Sonne kommt nicht mehr über den Berg in mein Zimmer. Wie wunderbar war der wirkliche Sommer droben am Meer! Der Singvogel über Hof-Tola wird jetzt weggewandert sein, wie die Singvögel von unten. Dein lieber Brief! Und die Vierte-des-Monats-Blume! – Wunderbar ist die Zeit. – Wenn Du Dich nur nicht überarbeitest! – Bei mir ist das ausgeschlossen: die Natur stoppt selber ab (wie wenn es Winter wird). Bin jetzt scharf in der Correktur des Buches drin. Das »Glühende Ungeheuer« kommt auf S. 40 f zu stehen (von circa 200, die es wohl geben wird). Daraus wirst Du sehen, daß es kein »Ende« ist. Es ist noch Anfang des »ersten Satzes«.

Zwischen drin war ich kurz auf den Gipfeln des Schwarzwaldes und erblickte am Horizont die ganze Schnee-Kette der Alpen. Dahinauf muß ich bald bald wieder. –

O Herz-Weise – man sollte immer in Tönen leben. –

Dein Sfaira-Mörkjaer

 

(19)

(Heidelberg, 26. 10. 1924)

Liebes Soll-Ich!

Vielen Dank!!

Ja das ist die »Tönende«, mir bekannt von manchem Gang. – Selbstverständlich erhältst Du ein »Blatt«, sobald es gedruckt sein wird. Wie es ausfällt, weiß ich nicht. Ich denke oft an Hof-Tola. Wenn man manchmal eine Stunde dort sein könnte! – – (Wird etwas aus Darmstadt-Stuttgart?)

Herzlich grüßt Dich Dein
Sfaira-Mörkjaer

 

(20)

Heidelberg, 29. 11. 1924 spät –

Aber liebes Soll-Ich, wie ich den Brief schließen will, kommt ein neues Paket ins Zimmer. Ich rufe mein Unerhört! Diesmal wirklich unerhört und ungesehen! Daß Du so kostspielige Dinge sendest! Und da entdeck' ich auf dem kleinen Zettel an dem Handschuh eine ganz schlimme Geschichte von einem Streichholz. Aber Soll-Ich: Privatklinik – das klingt ja schlimm! Nun mußt Du mir aber gleich schreiben, was Alles passiert ist. Und nun hast Du »die Blume der Schmerzen« – ob sie gut ist? – Ich vermute fast, das Unheil war schon passiert, als Du den Brief schriebst – aber wie lange warst Du in der Klinik? (»gebracht werden«!!) – am Ende bist Du jetzt noch dort?

– Hand? – Gesicht? – Ist es schlimm? – Der Zettel am rechten Handschuh läßt mich vermuten, daß es die rechte Hand ist? –

Das liebe gute Soll-Ich –

Ist es schlimm?

Dein Sfaira-Mörkjaer

Die wunderschönen Handschuhe,
weil sie so ausgezeichnet passen, dürfen sie bleiben. Und gleich zwei! Da ich heute ein Gedicht corrigiere, das am Pol »spielt«, zieh' ich sie sofort an.

 

(21)

(Heidelberg, 7. 12. 1924)

»Unerhörter« Tag! Der 4te!

Nun rückte auch der Kaukasus heran! Unerhört!

»Privatklinik« gottseidank jetzt aufgeklärt – ja, der »Symbolismus!«

Heil! Sf. Mörkjaer

Die Tuberosen duften!

 

(22/1)

(Brief ohne Umschlag)

Wenn's gedruckt steht,
muß es wahr sein.

Die herzlichsten Weihnachtswünsche!

Sf. M.

 

(22/2)

(Heidelberg), 31. 12. 1924

Die herzlichsten Neujahrs-Wünsche –
auf dieser schönen Erde!

Sfaira Mörkj.

Blumen – Töne – Sterne

 

(23)

Heidelberg, 6. 2. 1925 Abends

Liebes Soll-Ich –

eben brennt Deine Geburtstags-Kerze, und Deine beiden Blumen-Träume duften – Ja, was sind da nun wieder alles für Sachen von Dir zu mir gewandert! Und war erst Weihnacht!

Die beiden Lieder – ein ganz neues dabei – die mir hoffentlich bald schön gesungen und begleitet werden –

Die schönen Blumen, die die Reise wie schlafend überstanden und im Wasser sofort aufblühten – ja –: »scharlachflammende Tulpen!« Liebes Soll-Ich – jetzt muß ich bald sagen: »Du-sollst-nicht« – so viele Sachen! 4ter und 6ter!

Die schöne Mappe – in den Farben wie ein Gewand einer zaubrischen Saitenspielerin – und endlich einmal eine Mappe, die richtig groß ist, in die man was hineinthun kann – sie liegt direkt neben meinem Schreibtisch, und man kann auch eine geologische Karte hineinthun, vor Allem die Insel Hiddensee; es wäre schade, wenn sie bloß zum Verstauen von MS diente und im Schrank verschwände –

Und dann ein alter Freund vor mir, ein schwerer Junge vom Strand der Insel – ein Prachtexemplar, das Du vielleicht gar selber geschleppt hast! Ein Gruß von der fernen Insel! Und auch der »Brief«-Träger wird sich gewundert haben.

Aus Deinem Becher habe ich Dir heute feierlich zugetrunken, liebes Soll-Ich. Nun mußt Du mir aber – was ich unfaßlicher Weise heute noch nicht weiß – »spornstreichs« schreiben, wann Dein Geburtstag ist; er kann morgen sein – am Ende war er, während ich auf der Insel war – es fand einmal ein verdächtiges Fest bei den Freundinnen statt? Also: schreiben!

Ja: und ATAIR! Bloß 16 Licht-Jahre entfernt, und noch nicht erschienen! Wer zweifelt, daß das ganze Volk der Dichter und Denker viertelstündlich ekstatisch singt:

»Das Schiff! das Schiff!
siehst du es nicht?«

(natürlich das Insel-Schiff, Ataïr-beladen)

Der gutmütige Kurwenal (Reichs-Kunstwart) tröstet:

»Es kann nicht lange mehr säumen« –

Ja, gedruckt ist das Buch, und kann nicht lang mehr säumen – so sich nicht etwa der Buchbinder hineinliest und dabei in Zeitlosigkeit verfällt –

Deine Musik-Nachrichten – die Quartette – und vor Allem Dein eigenes Konzert – daß ich Unseliger nicht dabei war! – Auch hier Manches Schöne – Wagners Siegfried und Götter-Dämmerung in Mannheim. Keine Furcht: wir werden keinen zweiten Wagner erleben. Als Gegenwärtiger zwingt er jeden Widerstand auf die Knie.

– Ich warte auf Deinen versprochenen Traum. Auch für mich wirds Zeit, wieder in ein Traum-Reich zu reisen – und in einem Monat möchte ich = werde ich unter Benutzung einer Alpen-»Unterführung« (gen. Tunnel) ins südliche Land hineinschreiten. Will sehen, ob ich das zu Sagende dort finde (denn das endlich zu Sagende steht wohl auch in Ataïr noch nicht –)

Dann bekommst Du von dort Blumen – oh Herz-Weise –

von Deinem
Sfaira-Mörkjaer.

Damit der Brief nicht so leicht ist, leg ich ein merkwürdiges Holzschnitt-Büchlein bei.

(»das Getön/das weiß Niemand denn allein Gott«. VII Tag)

 

(24)

(Amalfi,) 31. 3. 1925

»Mein Kind, mein Meer: lange, lang ists her« –

Einen Gruß, oh Herz-Weise.
D. Sfaira-Mörkjaer.

 

(25)

Heidelberg, 13. 5. 1925

Oh liebe Herz-Weise –

heute nur Nachricht: daß ich gestern zurückgekommen bin: d. h. wie eine lange in Schwung gewesene Kugel hier aufgeschlagen bin – Und jetzt fand' ich erst alle Deine lieben Briefe. Auch die Vogel-Stimme von Hof-Tola –

Bald schreibt
Dein Sfaira-Mörkjaer.

Anliegende Enziane stammen von einer Frühlingswiese in Tirol – Der schwedische Welt-Atlas ist auch da –

 

(26)

Heidelberg, 15. 7. 1925

Liebes Soll-Ich –

Ja – jetzt kommen gar die Felsen heran. Sie entsteigen duftendem Heu. Aber was wird dann aus der Insel werden, wenn Du sie, in Wiesen gehüllt, langsam per Post verschickst? – Den uralten »Schweden« baue ich in meinem Zimmer auf. Und ich denke des großen Windes über »jenen« Hügeln, in »jenen« Sträuchern. Und sehe eine Wandrerin in der Haide. Oft bückt sie sich ... Viele Blumensträuße in einem Zimmer. Eine Tönerin-Träumerin am Klavier –

Herzlichen Gruß, o Herz-Weise, Ende des Monats gehts in die Alpen.

Dein Sfaira-Mörkjaer.

N.B. Der Benz II. erscheint erst kommendes Jahr.

 

(27)

Heidelberg, 28. 8. 1925

Liebes gutes Soll-Ich –

eben komme ich aus den Alpen zurück und bekomme erst jetzt Deinen schmerzlichen Brief aus Deinen schweren Tagen von Stralsund. Was hast Du liebe arme Herzweise in diesem Frühling und Sommer Alles dulden und leiden müssen. »Die Blume der Schmerzen« – ob sie gut ist? – Möge es jetzt aber wirklich damit genug sein, möge Dein Schutzheiliger Mozart Dir zur Genesung seine allerneuesten Melodien aufspielen. Der vermag viel in der Welt, welcher Mächtige Über-Irdische würde ihm nicht gern einen Gefallen thun? Er komponiert – des bin ich gewiß – immer weiter. Man muß nur im Traum richtig hinaushören, dann hört man deutlich seine Flöten und Geigen. Davon wird man dann wunderbar gesund. (Will sehen, ob ich bald was davon festhalten und aufschreiben kann). – Sehr freute mich, daß Deine lieben Rosenblätter zum 4. August, die ich zusammen mit dem Brief vorfand, wieder aus Vitte kamen. Ich hoffe, Du bist seit dieser Zeit dort und wieder recht zum früheren Soll-Ich zurückgekehrt. Gern hätte ich bald ein Wort, wie es Dir jetzt geht.

Für heute die herzlichsten Grüße und Wünsche Deines
Sfaira-Mörkjaer.

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