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Briefe an Schriftsteller

Stefan Zweig: Briefe an Schriftsteller - Kapitel 2
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1919 – 1933

 

An Richard Dehmel

[undatiert; vermutlich 12.7.1919]

Verehrter Herr Dehmel,

Nichts konnte mich mehr verwundern und erschrecken als Ihre Karte. Ich bin leider nicht ein Briefschreiber des richtigen Ranges wie Goethe, der sich Brouillons aufbewahrte oder Kopien anfertigen ließ, weiß also nicht, welchem Worte Sie eine so unverständliche Auffassung meines Gefühles für Sie oder Ihr Volk anheften. Schade, daß Sie ihn in den Papierkorb warfen: vielleicht hätte ihn ruhiges Lesen doch entschuldigt, denn wenn auch in der Erregtheit der Stunde meinerseits geschrieben, war er gewiß in der gleichen Erregtheit der gleichen Stunde von Ihnen gelesen. Nun denke ich, daß beiderseits diese Erregtheit kein übles Zeichen ist: nichts kränkt, nichts erschüttert mich mehr als die Gleichgültigkeit, die Tausende, ja Millionen in diesen Tagen hatten (ein verläßlicher Freund schilderte mir diesen Tag in Berlin, und ich habe hier und in Wien nie eine so heitere Frühlingslaune gesehen bei dem Volke als in den ersten Tagen des unterzeichneten Friedens).

Ich glaube aber und wiederhole, daß es ein Unglück Deutschlands war, daß die Führer und Verführer der Nation sich nicht selbst gerichtet haben, daß Tirpitz statt wie ein Admiral auf sinkendem Schiffe unterzugehen und den Revolver zu nehmen, in die Schweiz flüchtete und Ludendorff nach Schweden, daß die Anzettler der Fabriksausräumungen in Belgien und Frankreich (für die noch die Kinder ihrer Kinder werden bezahlen müssen) ruhig in Deutschland Spazierengehen: daß diese Menschen, die von Millionen die unerhörteste Anspannung des Willens nach ihrem Wahn verlangten, nun die Schuld nicht freiwillig zahlen. Und ich halte es für ein Unglück Deutschlands, daß es nicht unverbrauchte neue Menschen an seine Spitze stellte, daß es wiederum Erzberger und die anderen Geschmeidigen nahm, die ihm unendlichen Schaden getan.

Es scheint, daß Sie anderer Meinung sind und die Nationalversammlung für die würdige Vertretung des wahren Deutschland halten. Das sind politische Ansichtsverschiedenheiten, über die selbst der mit reinsten Formen geführte Streit doch nur eine erhabene Kannegießerei wird. Was mein Brief ersehnte, war, Sie zu einem Wort, zu einer Tat aufzurufen: manche Stellen Ihres Tagebuches zeigen mir, daß in Ihnen der Wille, die Kraft zu einem mahnenden Propheten, aber auch zu einem züchtigenden Propheten ihres Vaterlandes wäre und daß Sie vielleicht die Pflicht haben, heute politisch (das heißt überpolitisch) die Führung zu übernehmen. Es ist eine große Scheu, eine zu große der deutschen wirklichen Menschen vor der Tat: warum sind Sie, warum sind die wichtigsten Menschen wie Rathenau, politische Naturen wie Thomas Mann, wie Heinrich Mann bei den Reichstagswahlen abseits geblieben? Warum, auf die Gefahr hinein zu erliegen, nicht vor der Urne gestanden? In Bordeaux 1871 hielt Victor Hugo eine unvergeßliche Rede an die Nation: Warum sprach nicht ein Dehmel, ein Hauptmann, ein Thomas Mann in der deutschen Nationalversammlung, sondern ein Professor, zwei Rechtsanwälte und sonst Professionspolitiker. Sie haben Ihre Pflicht gefühlt am ersten Kriegstage: ich sehe Ihre Pflicht heute mehr als je in einer geistigen Führung, in einer öffentlichen Tätigkeit.

Ich sage das, obwohl ich in Vielem anders denke als Sie. Ich halte den nationalen Gedanken für eine Gefahr und glaube, daß wir durch den Brennpunkt seiner Überschätzung durchgehen. Sowenig wir heute begreifen, daß Deutschland sich dreißig Jahre wegen des heiligen Abendmahles und seiner Deutung zerfleischte, sowenig wird eine Welt in 200 Jahren verstehen, wie unser (dann längst schon einiges) Europa wegen Sprachenfragen und Grenzen sich so martern und zernichten konnte. Freilich: jene Welt wird wieder einen anderen, einen neuen Wahn haben und für den ebenso töricht sich selbst vernichten, in anderem Kampfe die gleiche Fülle von Begeisterung, Haß, Mißverstehen, Aufopferung und Liebe erzeugen. Und vielleicht ist es dem unsichtbaren Willen nur um dies zu tun: daß ewig diese Kräfte des Einzelnen in den Massen zur Wirkung kämen.

Ich habe mich seit Jahren gezwungen (auch oft gegen mein Gefühl) keine Gemeinsamkeiten als moralische Werte anzuerkennen. Es gibt keine Gerechtigkeit, keine Freiheit, keinen Mut bei einem Volke und bei dem anderen nicht: ich kenne nur liebe Menschen (so Richard Dehmel, und wenn er mir auch das Tintenfaß an den Kopf wirft, ich werde nie aufhören auch seinen Zorn zu ehren), ich liebe die Sprachen und ihren vielfältigen Geist, aber ich sehe in den Staaten nur zufällige Formen. Was bin ich zum Beispiel? Deutscher, wenn wir zu Deutschland geschlossen werden, Deutsch-Österreicher, wenn uns die Entente zu einer Selbständigkeit hilft, Tschechoslowake, weil mein Vater Deutsch-Böhme ist und wir vielleicht morgen schon annektiert werden, Jude, wenn das Judentum hier zur Minderheitsnation umgezwungen wird. Das ist kein Einzelschicksal: Millionen wissen heute nicht, was sie sind, die Vorarlberger werden morgen Schweizer sein – ich empfinde das alles als Farce, so wie ich Bismarcks Deutsches Reich als einen sehr mächtigen großen Staat zwar, nie aber als die Deutsche Welt empfunden habe (die einzig im Unsichtbaren, in der Sprache und im Geiste liegt).

Darüber werden wir wahrscheinlich verschiedener Ansicht sein und all die Ehrfurcht, die ich für Sie habe, kann mich da zu keiner Aufgabe meiner Gefühle zwingen. Ich bitte Sie nur um Eines: nicht zu glauben, daß ich jemals die Ehrfurcht vor Ihrer Meinung und Stellung verletzen wollte oder verletzt hätte.

Was ich über Ihr Tagebuch öffentlich schrieb, bezeugt doch den unwandelbaren Respekt vor Ihrer politischen, poetischen und menschlichen Gesinnung, wenn ich auch die Monotonie der äußeren Geschehnisse als künstlerisch hemmend empfinde: ich glaube gerade, daß ein so leidenschaftlicher Gegner des Krieges und jedes Nationalgefühls als Zeuge für die Reinheit und Hoheit Ihrer Gesinnung mehr zählt als Einer, der Ihren Ideen von Anfang verbrüdert war. Und wenn ich, der ich in so Vielem gegen Ihre Meinung stehe, Sie zur Tat rufe, zur Übernahme öffentlichen Wortes, öffentlicher Stellung, wenn ich glaube, daß Deutschland heute ein moralischer Mensch in der Führung wichtiger ist als ein Dutzend politischer, so möge Ihnen dies doch ein Zeichen sein. Ich halte ebenso die politische Meinung eines Thomas Mann nicht für die richtige, dennoch würde ich tausendmal lieber ihn an der Spitze sehen als irgendeinen der jetzt im Unkraut der Zeit üppig aufschießenden Literaten-Internationalisten. Ich ehre nicht die Partei, sondern die Gesinnung. Und in diesem Punkte kann ich nicht anders: Deutschland hat Parteimenschen gewählt, parteimäßig für Unterwerfung oder Widerstand gestimmt, statt sich großen verantwortlichen Menschen anvertraut. Wären Sie, wäre Thomas Mann im Reichstage gewesen, so wäre die Sitzung ein Unvergeßliches geworden für die späteren Generationen, eine Erschütterung für alle Geister Europas.

Ich bitte Sie also nicht, mir meine Gesinnung zu verzeihen, sondern mein Gefühl zu verstehen, das für Sie das unverbrüchiger Liebe und Verehrung ist, mögen Sie mich auch als einen Schädling oder Verführten mißachten und zurückstoßen.

Ihr getreuer Stefan Zweig.

 

An Hugo von Hofmannsthal

bibliotheca mundi Redaktion

Salzburg, den 17. März 1920
Kapuzinerberg 5

Sehr verehrter Herr Doktor, Ihr Brief war mir gleicherweise durch die persönliche Zusage zur Goethe-Auswahl wie durch das über das Persönliche hinausreichende sachliche Interesse eine ungemeine Freude. Ich sende Ihnen in der Beilage eine Abschrift des ersten Programmes, das im wesentlichen eingehalten werden soll, bitte Sie aber, bei dieser Auswahl nicht zu vergessen, daß wir zunächst den Bedürfnissen und der schon gewonnenen Neigung des Publicums entgegenkommen müssen, um ihr Vertrauen zu selteneren und weniger bekannten Werken allmählich emporzusteigern. Ich zum Beispiel halte selbst Diderot für wesenhafter als Musset, aber wir mußten vorerst das Leichtere einmengen, um breiteren Kreisen die salzhaltigere Kost, die wir für später planen, genießbar zu machen. Von Diderot ist vorgesehen »Le neveu de Rameau« avec les annotations de Goethe (nach einer alten vortrefflichen Übersetzung), für das Ausland also eine seit 70 Jahren nicht mehr gebotene Form. Auch die Anthologien, von denen hier nur die griechische, russische, hebräische angeführt sind, werden auch für die kleinen Nationen ausgebaut, zunächst kommt dann eine czechische, eine holländische, eine provençalische. Und besonders in der »Pandora«, der mehrsprachigen Inselbücherei, ist ja unendlich Raum: ich glaube wirklich, daß diese drei Sammlungen die von Goethe vor einem Jahrhundert geforderte Wendung zur Weltliteratur für Deutschland in ungeahntem Maße befördern werden. Vielleicht ist hier in 10 Jahren schon ein Centrum der europäischen Cultur, unvergleichbar allen andern frühen Versuchen wie z. B. jener Bibliothèque Européenne von Baudry in Paris (um 1820) die in den Anfängen steckenblieb. Kippenberg berichtet nur, daß die erste Ankündigung ein ungeheures Interesse hervorgerufen habe: möge nur jetzt nicht das politische Chaos hier eine künftige geistige Ordnung hemmen oder zerstören!

Ihr Vorschlag zu Novalis wird Professor Kippenberg gewiß ebenso freuen wie mich selbst: nur hätte ich ihn gerne ein wenig erweitert. Die deutsche Serie ist im wesentlichen auf das Ausland berechnet und will immer einen deutschen Dichter möglichst ganz darstellen. Und bei aller Bewunderung für die Fragmente scheint mir die eindringliche Natur eines Novalis nicht ganz erkennbar, wenn nicht auch die lyrische Umfassung der Welt zu den geistigen Betrachtungen tritt. Ich persönlich würde noch lieber eine Auswahl »Gedichte und Fragmente« von Ihnen sehen und empfinde diese Mengung nicht als eine künstliche, weil bei Novalis das Prosaische sich vom Poetischen kaum differenziert, sondern in einer nie wieder erreichten Bindung ineinanderfließt. Dem Auslande nur die Fragmente als opus characteristicum hinzustellen, dünkt mir ein wenig gefährlich: aber vereint mit einer Lese von Gedichten gäbe es ein herrliches Buch und gleichzeitig mit einem späteren Bande Ofterdingen der Welt den ganzen Novalis. Und gerade diese dichterisch-philosophischen Geister aller Zeiten und Völker will ja die Sammlung besonders bevorzugen, die in den Originaltexten Plato, Seuse, Ruysbrock, Swedenborg, Angelus Silesius, Giordano Bruno, bringen will, befreit von aller philologischen Commentierung, erlöst von der Übertragung, die gerade in der Sphäre des reinen Begriffes immer Verwässerung wird.

Die materiellen Vorschläge wird Ihnen Professor Kippenberg selbst machen, sobald ich ihn postalisch wieder zu erreichen vermag. Ich bin gewiß, daß er selbst in diesen chaotischen Tagen das Werk fördert: wir fassen es mit einer Leidenschaft an, die teils Vertrauen zur Sache, teils Zeitflucht ist und das Architektonische des Planes, das Ausbalancieren der Werte gibt mir eine ganz neue und sehr geistig ansprechende Form der Betätigung. Jede Anregung ist mir da kostbar und ich freue mich schon heute, daß Sie, wenn der Bau begonnen ist, ihm den Meisterspruch mit auf den Weg geben wollen.

In aufrichtiger Verehrung Ihr ergebener

Stefan Zweig

Im Verzeichnis wird Ihnen manches Neuere von Bedeutung fehlen: Flaubert, Maupassant, Victor Hugo, Oscar Wilde, Whitman – hier müssen wir wegen der Autorrechte zurückhaltend sein, die in gegenwärtiger Währungsnot nicht zu bezahlen sind; doch sind Erwerbungen für die nächsten Serien gewiß, sobald wir durch Verkauf Gegenwerte uns im Ausland schaffen.

 

An Hermann Hesse

Salzburg, Kapuzinerberg 5
28/VII/1920

Lieber Hermann Hesse, seit vier Wochen, seit ich Ihren »Klingsor« gelesen habe, will ich Ihnen einen Brief schreiben. Aber ich vermag es nicht. Mir ist der »Klingsor« ein so persönliches Erlebnis, ich fühle so viel darin, was eben auch im Blutrhythmus unserer Jahre merkwürdig aufwallend sich rühren muß, daß ich eine Art Schamgefühl, ja, eine rechte dumme Bubenscham habe, mit Ihnen davon (und gar ungebeten und gar auf einem offenen Blatt) zu reden. Ich sage Ihnen nur, daß das Unterirdische, das Gefährliche in diesen Novellen (ach, törichtes Wort Novelle) mich bruderhaft angesprochen hat, und Sie verstehen mich schon gewiß. Auch der Dostojewski in den »Drei Meistern«, die Sie hoffentlich von der Insel erhielten (sonst sende ich Ihnen noch ein Exemplar), sagt's Ihnen wohl.

Lieber Hermann Hesse, Ihr Weg ist so wunderbar gerad, eben weil er einmal so tief in den Schatten der Dinge ging. Ich weiß so viel um Sie durch Ihre letzten Werke und habe Sie so gerne wie nie. Und langsam beginnt auch Deutschland zu erkennen, wen wir an Ihnen besitzen. Verzeihen Sie diesen dummen Brief Ihrem altergebenen

Stefan Zweig

Dieser Brief, den ich eben überlese, ist wirklich unerlaubt zusammenhanglos oder scheint so: nehmen Sie ihn nur als Willen, Ihnen zu sagen, daß ich Ihnen sehr dankbar bin: ich schreibe Ihnen nächstens einen vernünftigen.

 

An Hermann Hesse

Salzburg, Kapuzinerberg 5
3. Nov. 1920

Lieber verehrter Hermann Hesse – Sie waren einmal (sind Sie es noch?) ein Mann, für den ein schönes Buch eine Freude auf Tage hinaus war. Ich, hier jetzt eingegrenzt in Garten und Haus, habe wieder eine neue Liebe zu diesen Schmetterlingen des Zimmers, diesen bunten, stillen wortlosen Dingen bekommen – nun mögen Sie die Freude ermessen, als gestern Ihre »Wanderungen« kamen, ein Buch in dem schon äußerlich eine ganz seltene Harmonie erreicht ist.

Und das dann, wenn mans aufgetan und in sich eingetan hat, wie wunderbar ist es einem da neuerlich geschenkt. Sie sind jetzt, Hermann Hesse, in einer prachtvollen Stunde – Sie reden so unbekümmert aus Ihrem Gefühl heraus, wie es eben nur der freie Mensch vermag, der die »schlimmsten Menschenfeinde« Furcht und Hoffnung von sich abgetan, niemandem, auch sich selbst nicht mehr Rechenschaft schuldet und nur lebt in jenem letzten Sinn, der dem ursprünglichen, dem bloß vegetativen, so sehr ähnlich ist. Glauben Sie mir, daß es für einen, der seit Jahren bei Ihnen Schritt an Schritt gesehen, es eine sonderbare Lust ist, zu fühlen, daß Sie auf einmal einen Sprung getan haben aus Ihrer alten Welt in die ewige hinein. Und nur einer, der wie ich zwei Jahrzehnte immer unruhig, in ewiger Wanderschaft gelebt, weiß alle Wollust, die darin liegt, »in der Luft« zu leben, wie Beethoven sagt, dem Zufall Freund und der ewigen Begegnung.

Ich wollte Ihnen damals als Sie mir eine trübe Karte sandten, ein Wort sagen zur Aufmunterung. Aber Sie haben es nicht nötig, Sie kriegen sich schon selbst wieder heraus. Was ich Ihnen nur wiederholen will, ist dies: lassen Sie sich doch einmal zu uns hertreiben in diese schöne Salzburger Welt. Sie leben auch hier frei und ohne Beschwerden, billiger sogar als im Schweizer Land.

Und ein paar Menschen sind hier, die zündeten Kerzen an zu einem kleinen Fest für Ihre Gegenwart.

Ich lebe hier still und arbeite. Aber im Frühjahr breche ich aus nach Italien für vier Wochen: vielleicht kreuzt sich da unser Weg.

Mit vielen Grüßen Ihr getreu ergebener

Stefan Zweig

 

An Romain Rolland

Salzburg, Kapuzinerberg 5
8. Febr. 1921

Mein lieber und verehrter Freund, ich schreibe Ihnen heute deutsch, weil ich nicht weiß, ob ich alles, was ich sagen will, genug klar ausdrücken kann. Es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen unsere intellectuelle Situation zu schildern. Denn der jetzige Augenblick ist ein kritischer.

Meine Beziehung zu den meisten deutschen Menschen beginnt jetzt wieder peinlich zu werden. Menschen, die schon ganz klar fühlten, die sogar diese Klarheit in Worten zum Ausdruck brachten, ziehen sich mit einem mal zurück: Deutschland hat nur einen Gedanken jetzt – und dieser Gedanke drückt sich in allen seinen Menschen aus –: nicht mehr aufrichtig zu sein. Ganz Deutschland arbeitet jetzt an einer Lüge, an einer neuen Legende: Der Kaiser, Ludendorff werden jetzt plötzlich große Persönlichkeiten, der Krieg eine heilige Sache. Alles ist vergessen: die Jugend glüht vor Haß, fiebert nach Krieg, die Professoren, die bestürzt über ihre eigene Dummheit ein wenig geschwiegen hatten, blasen wieder in die teutonischen Hörner.

Der wildeste Wahn ist wieder wach.

Nie waren wir mehr isoliert als jetzt. In den schlimmsten Tagen des Krieges hatten wir Verbündete, vor allem das Leiden des Volkes, das jedes Wort des Friedens im geheimen segnete, wir hatten die Wirklichkeit des Krieges als Gegner, gegen den man kämpfen konnte. Aber schon entsteht wieder das Phantom des Krieges, herrlich idealisiert als Krieg der Rache und der Gerechtigkeit – wie gegen Wahnbilder kämpfen? Was wir sagten, ist vergeblich gegen eine Mentalität, die nicht hören will und die gegen unsere heiligsten Bemühungen das Argument hat: seht, wie die Feinde den Frieden verstehen.

Diese Lüge ist das Schlimmste in der Tat, was Frankreich und England an Deutschland getan haben. Der Hunger traf nur den Leib, – das Rachegelüst, das sich in den letzten französischen Beschlüssen kund tut und auf 42 Jahre von ungeborenen Kindern noch Sclavenarbeit verlangt, hat die deutsche Seele vergiftet. Wir, Sie und ich leben unter Rasenden, unter Wahnsinnigen. Die Deutschen lügen sich aus Verzweiflung jetzt selbst an – wahr ist in ihnen nur der rasende Haß.

Und, lieber verehrter Freund, wie entsetzlich – ich verstehe diesen Haß! Ich teile ihn selbstverständlich nicht, ich weiß ja, daß es ein »Volk«, eine »Nation« gar nicht gibt, sondern nur Menschen. Aber wie das den Leuten erklären daß es Franzosen gibt, die das Quälerische, das Erpresserische mißbilligen, wie ihnen das Schweigen des französischen Parlaments (das für sie das Volk darstellt) glaubhaft machen? Die Leute haben ja Recht, wenn sie sagen, daß Artaxerxes und Timur nie einen so grausamen Frieden geschlossen haben, daß Bismarck, den man als einen Gewalttätigen verschrien; eine sentimentale Jungfrau war gegen diese Herren des Rechtes. Und mit Entsetzen sehe ich, daß gerade dadurch, daß Frankreich den Tribut auf ein halbes Jahrhundert erstreckt, daß noch in 42 Jahren Salz in die deutsche Wunde gestreut werden soll, die Revanche unvermeidlich sein wird. Wenn Wunden heilen sollen, muß man ihnen Zeit lassen, sich zu schließen.

Nie habe ich die moralische Atmosphäre giftiger und erstickender empfunden als jetzt, nie unsere Einsamkeit hilfloser, unser Wort sinnloser. Vom Zustand der deutschen Lüge (die jetzt den Krieg als Pflicht von neuem feiert) machen Sie sich keinen Begriff. Die ganze Jugend ist vergiftet, alle Zeitungen, selbst jene, die von Stinnes noch nicht gekauft sind, dem Wahn verfallen. Aber ich wiederhole: das Volk ist in die Sackgasse dieses ziellosen Hasses hineingetrieben worden. Und – offen gesagt – ich weiß keinen Ausweg für sie. Und doch sind wir irgendwie verantwortlich, ihnen eine Tröstung zu geben. Das Moskauer Zaubertränklein ist ja billig und leicht zu verabreichen – aber wir sind ja Seelenärzte genug, um zu wissen, das diese Arznei sofort wieder zum Gifte wird.

Was tun? Zu Menschen sprechen, die sich den Finger in die Ohren stopfen und laut brüllen, um nicht denken zu müssen? Oder öffentlich protestieren? Unsere Proteste sind so wertlos wie österreichische Banknoten. Oder warten, bis der Wahn vorbei ist? Das ginge, würde nicht 42 Jahre, Jahr für Jahr die Wunde aufgerissen. Ich und Sie, wir haben keine 42 wachen Jahre mehr! Es ist entsetzlich für uns in Deutschland, gerade die Jugend und immer wieder die neue Jugend gegen sich zu haben – zu sehen, daß die, die für uns nur gegen den Krieg zeugen könnten, daß die Kriegsteilnehmer und Invaliden aus Haß lügen und für den Krieg und gegen uns zeugen. Wahr ist der Tribut durch 42 Jahre und was kann dieses unser Wort gegen jene Wahrheit!

Glauben Sie nicht, ich sei müde oder feig geworden vor der Übermacht. Ich frage mich nur: wie dieser Lüge, in der doch eine Wahrheit die treibende Kraft ist, entgegentreten? Können wir von Deutschland aus überhaupt noch etwas tun, ich meine, etwas positives, denn unsere Gesinnung ist ja ein esoterischer Wert? Ach, wenn Sie wüßten, wie widerlich mir diese Teutschen Teutonen mit ihrem Kriegsgeheul sind (ich weiß, es ist auch Heulen, weil sie Steuern zahlen sollen) und wie ich doch diese mißleiteten und enttäuschten Menschen, dies in die Knie gedrückte Volk bemitleide!

Wie compliciert ist all dies geworden! Und wie einfach haben wir uns alles gedacht. Wir meinten, beim Sieger würde Begeisterung, beim Besiegten Ekel vor dem Krieg sein. Und es ist umgekehrt! Wirklich, man soll kein Ziel stellen für sein Wirken, sondern nur rein wirken, gerade aus sich heraus: vielleicht hilft man den andern nur, wenn man sich selbst hilft.

Ich muß Ihnen einmal dies Alles schildern – ich könnte Tage davon erzählen! Ein Buch über die Desbordes-Valmore (aus 1914 Pariser Tagen) sende ich gleichzeitig mit. Über meine Biographie sind schon viel Aufsätze erschienen. Mit vielen Grüßen

Ihr getreuer Stefan Zweig

 

An Hermann Hesse

Salzburg, Kapuzinerberg 5
[undatiert; vermutlich Herbst 1922]

Lieber verehrter Herr Hesse, ich wollte Sie heute nur um Entschuldigung bitten, daß ich Ihnen mein neues Buch »Amok« direkt durch den Verlag zugehen lasse: die Pakete nach Österreich dauern vierzehn Tage, ehe sie sich durch die diversen Verzögerungsanstalten wie Zoll und Ausfuhrstelle durchgewunden haben, und die neuerliche Versendung in die Schweiz ist eine neue Misere. So ließ ich's Ihnen direkt durch die Insel zukommen, möchte aber, daß Sie fühlen, es sei Ihnen persönlich zugedacht. Ich habe das Empfinden, manches darin würde gerade Ihnen verständlich und nahe sein. Ohne mich überheben zu wollen, spüre ich, daß wir innerlich oft sehr nahe Wege gehn, daß wir beide von der Zeit irgendwie gleich erschüttert und in einen Weg nach innen gedrängt wurden, der manchem vielleicht abseitig und wie eine Flucht anmuten könnte, indes wir doch wissen, daß es ein Versuch gerade zum Wesentlichen ist. Mir war es bewundernswert, wie Sie so oft deutlich und mit der Ihnen eingeborenen Plastik zum Ausdruck bringen, was mich in der eigenen Verworrenheit bewegt. Nur sind Sie um soviel gesammelter, vielleicht durch mehr Einsamkeit, soviel klarer, vielleicht durch mehr Leiden und durch ein Voraussein in den Jahren. Ich sehe Ihnen doch nun bald die zwanzig Jahre zu: Ihr Weg, so hart er Ihnen scheinen möge, ist so wunderbar schön. Wie weit ist es von einem so scheinbar reifen Werke wie »Camenzind« bis zu »Klingsors letztem Sommer«! Das spüren Sie selbst nicht so ganz, weil Sie in Ihr Gefühl den Preis einrechnen (unbewußt!), den Sie für jene Läuterung an das Schicksal bezahlt haben, indes wir, Ihre Freunde, nur das lautere Gewicht des Wertes fühlen und um wieviel tiefer jedes Neue in der Schale niederdrückt. Lassen Sie sich darum in der Einsamkeit, in Ihrem selbstgewählten Exil nicht die Stunden dunkel werden, deren Widerglanz im Geiste, im dichterischen Bilde uns so glücklich macht. Und lernen Sie nur dies eine wieder von Ihrer Jugend zurück: Wanderschaft! Sie erneut den Menschen von unten auf. Drei Wochen Italien im letzten Jahr, eine Woche Paris, eine Woche am Meer im Frühling und Sommer haben in diesem Jahr wieder alles freigemacht, was mich zu verschütten drohte, und ich habe es mir geschworen, nicht mehr lang stillzuliegen, solange die Beine mich tragen. Nur nach Lugano konnte ich nicht kommen, teils aus Familienrücksichten (mein alter Vater war recht krank zu jener Zeit und allein in Wien), teils aus Furcht vor den vielen Menschen und meiner gesteigerten Ermüdbarkeit vor vielen Menschen. Aber Sie, lieber, verehrter Hermann Hesse, verlernen Sie die Welt nicht: kommen Sie doch einmal zu uns, wir haben immer ein Zimmer für Sie bereit, wenn Sie vorüberwandern, überall warten Menschen auf Sie, Ihnen zu danken, überall wartet die alte Welt, uns etwas von ihrer ewigen Jugend zu geben.

Dies als Dank für Ihren Gruß! Wir denken Ihrer oft und oft und immer in inniger Liebe! Treulichst

Ihr Stefan Zweig

 

An Hermann Hesse

Salzburg, am 13. Dezember 1922

Lieber Hermann Hesse!

Innigen Dank für Ihre lieben Worte hinüber in Ihre stille Welt! Auch ich empfinde, zurückschauend auf Jahr und Jahr, zwischen uns beiden ein merkwürdiges Zusammengehen in der Ferne. Es ist nicht Zufall, daß wir lyrisch so nahe vor mehr als 20 Jahren begonnen und dann immer wieder in entscheidenden Fragen, jener des Krieges, Rollands, uns begegnet haben, daß wir beide in einer Legende aus der indischen Welt in derselben Stunde ähnliche Erkenntnisse abwandelten. Ich fühle genau, daß das aus keinem Zufall kommt, sondern daß da ein Schicksal waltet, daß manche geheime Ähnlichkeiten sind, aus denen heraus ich Werke wie den »Klingsor« so unerhört liebe. Vielleicht werden Sie wiederum in meinen neuen Novellen »Amok«, die Ihnen hoffentlich von der Insel zugegangen sind – wenn nicht, bitte um Verständigung! –, einiges lesen, was den andern verdunkelt oder verschlossen bleibt. Ich habe mich gerade in diesen Tagen hingesetzt, um einmal zusammenfassend über Ihre neuen Bücher zu schreiben – vielleicht wirds nicht ganz abgehen, ohne daß ich Persönliches dabei berühre, denn es liegt mir heute nicht mehr recht, von oben her, von einem imaginären literarischen Katheder über Bücher zu reden; ich muß eine Sache zu meiner Angelegenheit machen, sonst interessiert sie mich nicht. Hoffentlich kommt es noch in diesen Tagen mit dem Aufsatz zu Ende, und er zeigt Ihnen dann, bald erscheinend, in wie hohem Maße ich Ihre Wandlung im Werke gespiegelt finde. Die meisten Novellisten und Prosaisten in Deutschland schreiben für mein Gefühl heute Belangloses (wenn auch in meisterhafter Form) durch Mangel an Mut in der Psychologie, die ganze Problematik scheint mir bei jenen fast ganz auf das Zufällige gestellt, während ich bei Ihnen so stark die vordringende Bewegung zum Zentralen, zum Nerv der Existenz fühle.

Lieber Hermann Hesse, ich habe mich sehr über Ihre Worte gefreut. Einstens, da wir noch jung waren, nicht die Brieflast und die Agentur eines sogenannten Erfolges auf den Schultern trugen, haben wir oft uns ein solches Blatt hin und her zwischen den Zeiten gesandt. Lassen wir diesen guten Brauch von einst nicht ganz verlorengehen, und vor allem: lassen Sie sich wieder einmal sehen: Sie wissen, ich sagte es Ihnen schon, daß Sie bei uns immer gastlich erwartet sind, ich habe mehr als je das sichere Gefühl, wir würden gut beisammen sein.

Seien Sie herzlichst gegrüßt von Ihrem

Stefan Zweig

 

An Maxim Gorki

Salzburg, Kapuzinerberg 5
29. Aug. 1923

Verehrter Herr Gorki,

selten hat mir die Post so gute Nachricht ins Haus gebracht als die Nachricht, Sie wollten meine Novelle »Der Brief einer Unbekannten« in Ihrer Sammlung bringen. Selbstverständlich bin ich freudig einverstanden: aber das Freudigste ist für mich Ihre Zustimmung. Ich liebe Ihr Werk unendlich: seit Jahren hat mich nichts dermaßen erschüttert wie die Schilderung Ihrer ersten Ehe in den »Erinnerungen«. Wir haben niemanden in der deutschen Literatur, der diese Unmittelbarkeit der Wahrheit hätte – ich weiß, man kann sie auch durch Kunst, vielleicht sogar durch Künste erreichen. Aber Ihre Unmittelbarkeit ist für mich einzig: selbst Tolstoi hatte nicht diese Natürlichkeit des Erzählens. Wie liebe ich Ihre Bücher! Wie ehre ich Ihre menschliche Haltung in all diesen verbrecherischen Jahren!

Mir ist nun innig wohl, daß ich Ihnen meine Liebe und Verehrung sagen durfte. Und fassen Sie es nicht als aufdringlich auf, wenn ich Ihnen zwei Bücher sende, einen Novellenband »Amok« und ein Buch über den Roman »Drei Meister«, das einen Dostojewski-Aufsatz enthält. Sie müssen sie nicht lesen, Sie brauchen mir nicht zu danken. Sie können sie auch ungelesen weiterschenken. Ich habe nur eben das Bedürfnis, Ihnen etwas zu schicken.

Wollen Sie mir aber einmal eine große Freude machen, so schicken Sie mir ein paar Manuskriptblätter aus einem Ihrer Werke. Ich sammle (nicht wie die kleinen Mädchen Autographe) solche Manuskripte erstlich aus Liebe zu den Dichtern, dann um in ihre Arbeit tiefer einzudringen. Von Dostojewski habe ich zwei Kapitel aus den »Erniedrigten und Beleidigten«, von Tolstoi zwei Kapitel aus der Urschrift der »Kreutzersonate« – beides hatte ich vor dem Kriege mit viel Geld und Mühe erworben. Wie glücklich wäre ich, ergänzten Sie diese beiden Dioscuren mit ein paar Blättern Ihrer Hand.

Noch eines: wenn Sie jemals irgend etwas in literarischen Dingen in Deutschland brauchen, bin ich glücklich, wenn ich Ihnen dienen kann.

In Verehrung Ihr

Stefan Zweig

Versäumen Sie nicht, Rolland zu besuchen!!! Es ist ein Erlebnis, ihn zu kennen. Seine Güte, seine Gerechtigkeit sind einzig auf dieser armen Erde, und er ringt diese Leidenschaft einem hinfälligen Körper ab.

 

An Emil Ludwig

Salzburg, Kapuzinerberg 5
10. Mai 1925

Lieber Emil Ludwig, vielen Dank für Ihren Brief. Aber Sie sollten die Schuld an jenem Mißverständnis nicht ganz auf sich nehmen: ich war damals, aus dem Instinct, Sie gegen sich zu verteidigen, vielleicht zu weit gegangen. Aber ist das nicht unsere eigenste Pflicht, uns zum Wesentlichen bestärken? Wir sind aus einer Generation, wir sind über vierzig Jahre: da heißt es, sich nicht verzetteln, Alles in sich zum Entscheidenden zusammenfassen.

Und wie recht haben Sie: Wir sind so Wenige. Manchmal bedrückt mich das Gefühl, wir encyclopädische, die Bildung leidenschaftlich erweiternde Menschen seien schon etwas Fossiles in unserer hastig sich vereinzelnden Welt. Wie wenige wissen um die Werte, wie wenige von denen, die sie noch ahnen, haben noch dann die Leidenschaft!

Denken Sie: gestern kam hier unvermutet Georg Brandes für zehn Tage Stille an. Mir war es ganz gespenstig zu Mute, mir von ihm über Turgenjew, Flaubert, Sainte Beuve erzählen zu lassen: der Mann umspannt ein geistiges Jahrhundert mit seinem Leben! Ich möchte diese Stunden mit ihm nicht hergeben!

Mein neues Buch sende ich Ihnen heute zu, möge es Sie erfreuen! Und bitte beauftragen Sie Ihren Verleger, mir Ihre 20 männlichen Bildnisse zu schicken, ich kenne viel daraus und hätte es gerne als gegenwärtigen Besitz in meiner Abgeschiedenheit, die Sie hoffentlich einmal zu gutem Beisammensein aufmuntern wollen. Jetzt fahre ich nach Leipzig zum Händel-Fest: meine Fahrten gelten fast nur mehr Landschaften und Musik.

Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus

Ihr Stefan Zweig

 

An Hermann Hesse

Salzburg, Kapuzinerberg 5
am 14. Mai 1925

Lieber Herr Hesse!

Kurgast 1925

Ich muß Ihnen doch ein paar Zeilen schreiben über Ihr Badener Bade-Buch, das gestern eintraf und sofort gelesen wurde. Lassen Sie mich nun einmal zwei Minuten lang unbescheiden sein und aus alter Verbundenheit Ihnen etwas fast Hochmütiges sagen: ich glaube, daß es wenige Leute gibt, die so sehr innerlich spüren, um was es Ihnen eigentlich geht. Mir ist der Weg von »Demian« zu »Klingsor« und »Siddharta« und nun zu diesem Buche so ungemein klar – vielleicht weil ich selbst der Leidenschaft zur Psychologie und zur Wahrhaftigkeit immer mehr verfalle. Ich spüre so deutlich, wie sehr Sie von der obern Schicht des noch jugendlichen Sentimentalen (»Camenzind«) mit einer Unerbittlichkeit tiefer herankommen an Ihr eigentliches unverfälschtes Wesen; und was ich so wunderbar wieder auch an diesem Buche finde, daß Sie das Schmerzhafte und im gewissen Sinne Wissenschaftliche der Diagnose durch Dichterisches und einen leichten Humor so famos abzureagieren wissen.

Wir kennen einander, lieber Hermann Hesse, lange genug, als daß ich Ihnen Honig um den Mund schmieren müßte, so glauben Sie mirs wohl, daß ich dieses Buch mit einem unerhörten Genuß und einer wirklich brüderlichen Freude empfangen habe. Es ist übrigens noch ein Spezialvergnügen zu sehen, wie, durch einen Zufall, Sie eine verwandte Sphäre mit Thomas Mann streifen (den besonderen Seelenzustand des Kranken im Sanatorium), aber Ihr Buch macht dabei frei, indes das andere bedrückt. Kurzum, ich habe mich Ihnen herzlich nahe gefühlt und wäre ein Faulpelz, wollte ich es nicht mit einem Wort an Sie vermelden. Auch ich habe ein Buch auf Sie abschießen lassen: »Den Kampf mit dem Dämon« – es ist hoffentlich schon seit einiger Zeit in Ihrer Hand. Aber Sie brauchen mir deshalb durchaus nicht jetzt etwas darüber zu sagen, außer – wenn Sie es nicht erhalten haben sollten – ein Wort, daß es Ihnen nochmals gesandt wird.

Leben Sie herzlich wohl, lieber verehrter Hermann Hesse; wenn ich mich nicht ganz täusche, so haben wir noch ein Jahr, und dann ist es ein Vierteljahrhundert, daß wir zum erstenmal einen Gruß getauscht haben. Um so herzlicher dann hinüber ins zweite!

Ihr getreuer Stefan Zweig

 

An Arthur Schnitzler

Salzburg, Kapuzinerberg 5
7.1.1927

Lieber verehrter Herr Doktor, Ihr Buch war mir eine große Freude und eine besonders persönliche: ich habe immer das Gefühl gehabt, als wüßte man zu wenig von Ihrer innern Geistigkeit, Ihrer Gefühlswärme und dem Ernst hinter ihrem Lächeln. Wer einmal den Menschen heiter kommt, scheint verwirkt zu haben, für seriös im strengen Sinne zu gelten, als ob nicht gerade das Spielhafte immer Erlösung von einem tiefen innern Ernst bedeutete: Sie haben nur zu recht, daß die Wenigsten eigentlich von Ihnen hinter Ihrem Ruhme wissen. Zu diesen zu zählen war immer mein Stolz. Das Einzige, was mich an diesen Sprüchen ein wenig verdroß, war, um goethisch zu reden ›das Buch des Unmuts‹, nämlich daß Sie den Kleingeistigen die Freude machen, zu zeigen, daß Mückenstiche Sie manchmal ärgerten. Zu viel Ehre! Wer wie Sie auf einem Werke steht, kann herabsehen; Verachtung zu zeigen, verrät eine vorangegangene Entrüstung und die hätten Sie niemals an solchen engen Deutungen erfahren sollen. Notwendigerweise hält sich der lockere Geist am Äußeren, aus Faulheit, in die Tiefe zu dringen, er klammert sich an einen Begriff und der ist Ihnen durch das Diminutiv der ›Liebelei‹ von anfangs an taxfrei verliehen worden. Lassen Sie der Zeit ihre Zeit und Sie werden selbst noch die Wandlung erfahren, dieselbe, die allen Österreichern allmählich bewilligt wurde, sehr unwillig zwar, aber dann umso dauerhafter. Aber Ihr Buch war fördernd für ein ernsteres Anschaun, ein Sich besinnen dieser Gleichgiltigkeit, die ich für Sie empörter empfinde als Sie selbst: Ihre hohe Haltung, der nicht im schulmäßigen, wohl aber viel intensiveren Sinne sittliche Ernst Ihres Werks waren für mich immer vorbildlich und werden es dauernd bleiben, denn immer wieder steht Ihr neues Schaffen auf einer neuen Stufe, andern Ausblick eröffnend und gleichsam tiefere Quellen aufdeutend. Ich erwarte mir gerade von diesen Ihren reifsten Jahren noch unendlich viel und da Sies nie getan haben, werden Sie mich auch in dieser liebevollen Erwartung nicht enttäuschen.

Von mir darf ich nichts sagen als daß ein neues Drei-Meisterbuch, das meiner eigenen Arbeit wie ein Klotz im Wege gelegen, bald fortgerollt sein wird und ich wieder dem Erfinderischen mich nähern kann. Inzwischen fiel mir eine kleine Komödie ein, die zu schreiben ich allein zu träge bin; aber schon in Gedanken mit Heiterkeiten zu spielen, entlastet: Ich glaube man kann sich nur von einer Arbeit in der andern erholen oder wenigstens im Spiel mit neuen Plänen und Möglichkeiten. Möge jeder Tag Ihnen freudig und erfüllt sein: Wer verdient dies Bedeutsamste, wenn nicht Sie? Innigst Ihnen getreu

Ihr Stefan Zweig

 

An Max Herrmann-Neiße

Salzburg, Kapuzinerberg 5
14. Dez. 1927

Sehr verehrter Herr Max Herrmann!

Ich bitte Sie, an meine Aufrichtigkeit zu glauben, wenn ich Ihnen sage, daß Sie mir eine ganz besondere und ungemeine Freude durch die Übermittlung Ihres Gedichtbuches gemacht haben. Wenn man, wie wir beide, ungefähr gleichaltrig ist und nun schon fünfundzwanzig Jahre einander ab und zu an der Straßenecke der Öffentlichkeit begegnet, kennt man sich von Physiognomie und Profil. Es ist fünfzehn, es ist zwanzig Jahre her, daß ich einige Gedichte von Ihnen besonders liebe, wozu dann noch das Erstaunliche kam, mit welcher Spannkraft und bewundernswerten Kontinuität das Lyrische in Ihnen schöpferisch und intensiv geblieben ist. Wie wenige halten durch, und von diesen wenigen wie Seltene nur vermögen Farbe und Sinn der Zeit noch in sich aufzunehmen.

Es war oft mein Wunsch, Ihnen zu begegnen. Er hat sich nie erfüllt. So war es mir eine besondere Freude, daß Sie mir dieses Buch auf einen (fast schon unter der Last gebrochenen) Weihnachtstisch legten. Es ist mir nicht gegeben, Bücher dieser Art blitzschnell zu lesen und zu beurteilen; in drei oder vier Wochen will ich einmal fort ins Winterliche mit drei oder vier Büchern, und da soll das Ihre dann bestimmt dabei sein, heute schon begrüßt von anspruchsvollstem Vorgefühl. Meine Gegengabe ist beschämend schmächtig: das einzige, was ich neu veröffentlichte, ist das beifolgende kleine Büchlein, das Sie freundlich empfangen mögen.

Mit den besten Grüßen Ihr seit langem und aufrichtig ergebener

Stefan Zweig

 

An Maxim Gorki

[Als Vortrag verlesen]

März 1928

Als Ihr Name berühmt wurde, Maxim Gorki, drückte ich noch die Schulbank, und wir Knaben wußten von Rußland nur ein Geringes. Auf den Landkarten, die wir lernten, lag es weitab von unsern Städten und Flüssen, breit und mächtig, eine riesige dunkle Gewitterwolke, herüberziehend vom Pazifischen Ozean und unser winziges Europa fast erdrückend. Und die Lehrer erzählten dazu: ein gewaltiges Reich, aber – leider! – kulturell arg rückständig, noch sehr verwahrlost und barbarisch, mit bedauerlich viel Analphabeten. Aber meinen Sie nicht, es sei politischer Haß gewesen, der sie so hochmütig reden ließ! Es war nichts als der gutmütig dumme Stolz auf unsere herrlich vorgeschrittene Schulbildung und Zivilisation, in der Europa schon eine Gewähr höherer Menschlichkeit erblickte. Wir haben lange selbst an diese Zivilisationsüberlegenheit dank Seife und Büchern geglaubt, wir Europäer, und nicht auf der Schulbank bloß. Erst 1914, als beim ersten Ruck dieser dünne Überwurf zerriß und die Muskeln des Schlächters in unserer Menschheit nackt hervortraten, wußten wir um ihre ganze Armseligkeit.

Dann kam die Universität, und Rußland trat abermals an mich heran in den Gestalten Tolstois und Dostojewskis; dies unerwartet Neue warf mich in leidenschaftlichen Seelenrausch. Ungeheure Menschlichkeit tat sich auf, eine niegeahnte Tiefe des Gefühls, verführerisch wie ein Abgrund. Mit welch erschreckter Bewunderung lebten wir sie nach, diese großartig über sich selbst hinaus, über alles Mittlere der Menschlichkeit zu ihren äußersten Polen, zum Verbrecher und zum Heiligen getriebenen Gestalten! Wir liebten sie und erschauerten vor ihnen, wir waren ihnen verbunden in einem sehr verwirrten und fast angstvollem Gefühl. Wir liebten sie und erschauerten vor ihnen, denn etwas von Fremdheit war zwischen ihnen und uns, etwas Maßloses und Selbstfeindliches, vor dem wir erschraken. Leidenschaftlich liebte ich diese Gestalten mit der Seele und hatte doch deutlich das Gefühl, ich könnte mit ihnen nicht leben, mit diesen ewig fiebernden, ewig sich selbst gewaltsam ausdenkenden, wider sich selbst exzedierenden Riesengestalten. Damals erkannte ich erstmalig Rußlands Genie; aber noch wußte ich nichts von seinem Volk, von seiner wirklichen Kraft.

Und dann kamen Ihre Bücher an mich heran, Maxim Gorki; an ihnen erkannte ich abermals ein Neues: die russische Kraft, die russische Gesundheit, Herz und Form dieser großen Nation.

Hatten jene uns den außerordentlichen Menschen gezeigt, gleichsam das Extrem des russischen Menschen, übergeistigt und überleidenschaftlich, ahnte ich dank jener die zerstörenden Kräfte dieses Volksgeistes, so gewahrte ich dank Ihnen die erhaltenden, die still und verborgen gestaltenden. Ich fühlte beglückt, daß das eigentliche Volk hüben und drüben und allerorts, in allen Ländern, unter allen Himmeln dasselbe ist so wie die Urkräfte der Erde selbst, wie Weizen und Gerste, der von gleichem Erdreich genährte, von der gleichen Sonne gekelterte heilige Urstoff. Das Brot wird anders gebacken und geformt, heller oder dunkler, süßer oder herber bei den verschiedenen Nationen und Völkern, die schöpferische Substanz aber, das Korn ist dasselbe. Und diesen Urstoff Volk haben Sie wie keiner unserer Zeit dichterisch sichtbar gemacht. Sie haben ihn künstlich in Gärung versetzt und zum Gott aufgeschwellt wie Dostojewski und Tolstoi, nicht auch versüßlicht und verzuckert wie die meisten Volksschriftsteller: Sie haben das Volk aufgezeigt mit einer hinreißenden Sachlichkeit, einer ungezwungenen Ehrlichkeit, mit der einzigartigen Unbestechlichkeit Ihres geraden und menschlichen Blicks. Sie übertreiben nicht, und Sie unterdrücken nicht. Sie sehen alles und sehen alles klar und wahr. Darum bedeutet Ihr Blick, Ihr Auge für mich eines der Wunder der gegenwärtigen Welt. Tolstoi und Dostojewski hatten die Gnade, alles groß und übergroß zu schauen, was ihr Blick berührte – Ihr Genie dagegen, Maxim Gorki, ist: gerecht zu sehen und im allerwahrhaftigsten Maße. Wenn Sie einen Menschen schildern, bin ich bereit zu beschwören: so war er, wie Sie ihn sehen, nicht größer und nicht geringer. Denn Ihr Maß irrt niemals, es fälscht und verändert nicht, es ist das genaueste und präziseste optische Instrument der Seele, das wir heute in der Literatur besitzen. Ich kenne kein Bild Tolstois unter seinen zehntausend Photographien und zehntausend biographischen Berichten, das diesen Menschen so atmend wahr der Nachwelt erhält, als die sechzig Seiten, in denen Sie ihn gefaßt und durchlichtet. Und genau wie diesen Größten haben Sie mit gleicher Gerechtigkeit den ärmsten Vagabunden, den verlorensten Zigeuner der russischen Straße gesehen. Durch Sie ist die russische Welt uns dokumentarisch geworden, der russische Mensch nicht nur in seiner weiten Seele, sondern auch in seinem täglichen Dasein, in seiner sinnlichen Irdischkeit uns nah und erschließbar.

Eine solche grandiose Gerechtigkeit des Blicks kann bei einem Künstler nie bloße Augenfunktion sein, Geheimnis und Technik der Pupille, sie muß organisch aus der Redlichkeit eines Herzens stammen, aus einem angeborenen urtümlichen Gerechtigkeitsgefühl, das den ganzen Menschen umfaßt. Ich habe nie das Glück gehabt, Ihnen persönlich zu begegnen, aber ich weiß aus jeder Zeile Ihres Werkes um die sieghafte Wahrhaftigkeit Ihres Wesens. Denn man kann die Wahrheit von tausend und tausend Gestalten nicht so bilden, ohne wahrhaftige Gestalt zu sein. Es ist, als hätte Sie ein ganzes Volk aus seiner ungeheuren anonymen Masse als Zeugen vorgesandt, daß Sie sein Wesen zur Anschauung, seine geheimsten Gedanken und Wünsche zum Worte erheben, und Sie haben diese gewaltige Botschaft treu und großartig übermittelt. Wenn wir heute viel von dem russischen Volke wissen, wenn wir es lieben und seiner Seelenkraft vertrauen, so danken wir zum großen und größten Teile dies Ihnen, Maxim Gorki, und indem wir heute ergriffen und dankbar Ihre Hand fassen, fühlen wir in ihr das Fleisch und das warm rollende Blut der ganzen russischen Welt. In Liebe und Verehrung

Stefan Zweig

 

An Rudolf G. Binding

Salzburg, Kapuzinerberg 5
13. IV. 1928

Lieber verehrter Herr Binding, mit einem so illustren Gegner in Freundschaft die Klinge zu kreuzen, tut ritterlich wohl. Nun, ich stehe zu meiner Behauptung (und die Vorrede dieser »Drei Dichter ihres Lebens«, jener typologischen Abwandlung des Problems der Selbstdarstellung erläutert sie ausführlicher). Alle Psychologie lehrt uns, daß Träume gehemmte Wünsche sind, aus der Phantasie vorgetriebene Steigerungen über die Wirklichkeit hinaus: und was wäre Dichten denn wacher Traumakt des Künstlers? Wir steigern uns seelisch und moralisch in Werke über die eigene Unzulänglichkeit empor, wir erfinden Intensitäten des Schicksals, die uns von der Realität nichts gegeben haben: Dichten bedeutet für mich Intensificieren, sei es der Welt, sei es des Ich. Ich bin fest überzeugt, daß der Künstler fast nie so viel groben und factischen Lebensstoff verconsumiert als der Abenteurer und bloße Genußmensch, aber darin fußt ja sein Genie, daß er aus dem Tropfen das Meer, aus der Andeutung die vollendete Form, aus dem Zufall die Notwendigkeit erschafft. Der bloße Genießer muß fressen, um sich wohl zu fühlen, der Dichter, der Phantasiemensch erschafft das Bibelwort der sättigenden Brote täglich neu, er braucht keine ständige Zufuhr, keine breiten Quanten, und er hätte auch gar nicht die Möglichkeit, ständig Neues zu erleben, weil er nicht passiv-weibisch an sich nimmt, sondern auch activ-männlich aus sich selbst schaffen will. Ich hoffe meine Vorrede im Buche, das in vierzehn Tagen in Ihren Händen liegt, wird Ihnen deutlicher machen als dieses Briefblatt, daß ich nicht zwischen Dichten und Erleben einen reinen Gegensatz stelle, sondern zwischen phantasieloses Erleben (grobes Genießen) und dichterisches Erleben (actives Gestalten). Diese Stelle im Casanova ordnet sich dort größerem geistigen Zusammenhang ein, und wir werden die gezückten Klingen hoffentlich dann senken oder gar nach griechischer Heldenart austauschen. Manches wird Sie – daran zweifle ich nicht – noch befremden, so etwa, daß ich das Ideal der Selbstbiographie in einer schrankenlosen, ja sogar schamlosen Aufrichtigkeit sehe und den fast exhibitionistischen Nacktheiten eines Casanova und Hans Jäger allerhöchsten documentarischen Rang in der Weltliteratur zuweise. Aber ich betrachte (im Gegensatz zu Gundolf) den Künstler nicht von der poetischen, der literarischen Sphäre allein her, sondern als Typus, als Geschehnis im Menschlichen. Und da ja der Künstler allein das Menschliche im Menschen verrät (indes die andern Individuen es bloß in ihre Existenz auflösen), so muß er mir als Pegel dienen. Psychologie, dargetan an Gestalten, das wird immer mehr meine Leidenschaft, und ich übe sie abwechselnd an realhistorischen und poetisch-imaginierten Objecten: nun, da dies Werk (dessen Untertitel lautet: »Die Stufen der Selbstdarstellung«) vollendet ist, kehre ich wieder ins Novellistische zurück. Auch in Ihrem Werk und Wesen erkenne ich diese Teilung (oder besser gesagt: Doppelwirksamkeit), nur sind Sie sich des Dichterischen als der entscheidenden Aufgabe entschlossen bewußt (indem mich die Psychologie, die reine Seelenwissenschaft, immer gefährlicher in ihre Labyrinthe lockt).

Wie gut die Gelegenheit, Ihnen wiederum sagen zu dürfen, daß ich Sie ehre und liebe. Möge Ihnen der Frühling ein paar neue Lieder zaubern und die Sonne Ihre Prosa keltern: Sie wissen, als Feinschmecker liebe ich diese unter allen deutschen mit jener Carossas am meisten.

Dank und Gruß Ihres getreu ergebenen

Stefan Zweig

Das Buch kommt in vierzehn Tagen! Ich bin eben erst von Paris zurück.

 

An Emil Ludwig

Salzburg, Kapuzinerberg 5
2. Mai 1928

Lieber Emil Ludwig!

Ich bin nicht so höflich wie Sie und schreibe nicht mit eigener Hand, was Sie mir verzeihen mögen!

Ich habe mich sehr gefreut, mein Buch in Ihre Hand legen zu können, und füge übrigens noch ein zweites kleines bei, das ich Ihnen in Berlin damals noch in die Tasche stecken wollte.

Von Ihren ungeheuren Erfolgen in Amerika habe ich mit Freude gehört. Sie wissen genauso wie ich selbst, daß Sie diesen Erfolg mit einem Widerstand daheim zu bezahlen haben werden, ja, daß man Ihnen die Verantwortlichkeit für die widerliche Flut der Biographies romancées zuzuschreiben beginnt. Sie haben zwar zur Zeit in der Welt die verdiente Aufnahme und Erfolg, aber ich habe eigens in einem Interview, das ich in Paris hatte, darauf hingewiesen, wie man Sie jetzt in Deutschland mit einer gewissen Ironie abtun wollte. Die Menschen verstehen nicht, daß Sie diesen Erfolg nicht gesucht haben, sondern er zu Ihnen gekommen ist. Biographien dieser Art zu verfassen, galt vor zehn Jahren als das absolut Aussichtsloseste, und ein Buch über Napoleon schien das Überflüssigste, es sei denn eines über Goethe. Lassen Sie sich deshalb nicht verwirren, so wenig als ich es tue, daß ich meine Reihe langsam und geduldig ausbaue. Nebenbei werde ich vielleicht ein kleines Lebensbild von Fouché veröffentlichen – Biographie eines Menschen, den ich nicht mag –, um ein Bildnis des reinen Politikers zu geben, der jeder Überzeugung dient, jeden Posten annimmt, in allen Sätteln sitzt und nie eine eigene Idee hat und die gewaltigsten Menschen seiner Zeit eben durch diese Flexibilität überdauert. Es soll ein Hinweis und eine Warnung für die Politiker von heute und allezeit sein und das Gefährliche in bildnerischer Form andeuten, das der »brauchbare«, der geriebene Politiker für alle Nationen und Europa bedeutet.

Ihr neues Buch war mir nicht neu – ich hatte es sorgsam und sehr teilnehmend schon in der »Neuen Rundschau« gelesen. Der Versuch, den Sie unternommen haben, ist gefährlich und darum sehr groß, und jeder, auch ich, wird ihn unwillkürlich mit einer innen schon vorliegenden Vision konfrontieren, denn hier dichten Sie eine Legende in Tatsache um und schreiten aus dem Historischen in's Imaginäre hinüber, die geheimnisvollste Sphäre berührend, die es im Irdischen gibt: das Religiöse. Als Vorzug empfand ich dabei, als eminenten und gar nicht zu schätzenden, vor allem das Negative, daß es niemals das Vernunftgefühl des Ungläubigen wie das schon eingeschworene des Gläubigen verletzt, daß es nicht lyristisch und hymnisch wird, sondern eine Einfachheit des Lebensganges in vorbildlicher Weise wiedergibt. Freilich versagt das ungeheure Thema Ihnen dabei, in eben demselben Maße endgiltig zu sein wie im Napoleon. Es wird, wie Papini richtig voraussagte, diese Gestalt immer wieder gestaltet werden (begann es doch mit einer Vierzahl von Evangelisten, um mit einer Vielzahl zu enden oder vielmehr nicht zu enden). Aber innerhalb dieser Gestaltungen wird es als eines der gerechtesten und plastischsten meinem Gefühl nach dauerhaft bleiben. So wenig Rembrandt, Dürer vermochten, einen vollkommen einheitlichen und allgültigen Typus aufzufangen, kann dies dem beschreibenden Worte gegeben sein, aber in dieser ungeheueren Bilderreihe beharrt es als Bild und Gestalt.

Wenn ich selbst nicht öffentlich diesmal dazu Stellung nehme, so geschieht es nur, weil ich mich dem Gegenstand nicht bildungsmäßig gewachsen fühle, gerade jene Zeitgeschichte nur ungenau kenne.

Aber Sie wissen ja, daß sonst jeder Anlaß, mich mit Ihren Büchern zu beschäftigen, mir immer selbst produktiv wird. Nur wer selbst an Gestalten gearbeitet hat, weiß um die Widerstände, die überwunden werden müssen. Und gerade jetzt weiß ich es, denn gegen Tolstoi gerecht zu sein, war eine unheimliche Aufgabe.

Ich bin sehr neugierig auf das nächste Problem, das Sie gestalten wollen. Sollte es Sie nicht einmal reizen können, ein Werk der großen sozialen Bewegung zu schreiben, quasi eine Geschichte der sozialen Revolutionäre. Je mehr ich lese, desto mehr wird mir klar, daß Jean-Jacques Rousseau und Marx ein Typus sind und sich alle Varianten von Thomas Münzer bis Marat (Der Revolutionär als Phantast) ebenso wiederholen als der Revolutionär als Dogmatiker.

Es wäre herrlich, das einmal der Welt darzustellen, als eine Monographie des revolutionären und sozialen Geistes in Gestalten. Ich habe nur eine zu schwere Hand dazu.

Mit vielen Grüßen

Ihr Stefan Zweig

P. S. Ihr »Tom und Sylvester« ist meines Gefühls nicht recht eingeschätzt worden, und wenn ich eine Stelle finde, möchte ich es gerne nachholen.

 

An Hans Carossa

Salzburg, Kapuzinerberg 5
10. Mai 1928

Lieber verehrter Freund und Meister, ich zögere noch immer ihnen zu sagen, wie außerordentlich und bis in die Tiefen Ihr Buch mich bewegt hat, denn ich hoffe noch immer eine Stelle zu finden (im Berliner Tageblatt und N[eue] F[reie] Presse kam ich zu spät). Aber ich muß jetzt einmal ausführlich Atem holen, um so viel Freude aussprechen zu können.

Ich begrüße sehr Ihre Loslösung vom Prakticieren. Ihre Heimkehr ins Naturhafte – nicht daß ich meinte, jene Jahre seien verloren und vergebliche gewesen, im Gegenteil, nun erst werden Sie uns das Arztliche, das seelisch Hilfreiche gestalten können. Aber Sie haben jetzt Anrecht auf Rast. Ihre Fähigkeit des Schauens hat sich derart vertieft, daß auch das Geringste durch dies Medium bedeutend wirkt: ich bin ohne Sorge um Ihr Gestalten und bitte Sie, auch keine Sorgen an sich heranzulassen: wer wenn nicht Sie dürfte vertrauen und gerade jetzt, da Ihr Erfolg wahrhaft erst anhebt. Hoffentlich entfernt Sie Ihr neuer Wohnort nicht, sondern bringt Sie uns noch näher; was könnten Sie gerade aus unserer Landschaft noch schaffen und gestalten!

Felix Braun widmete uns einige Tage und wir haben, glühend wie Schuljungen, von Ihnen gesprochen. Wir sind durch den Stolz, Sie zu lieben und um Sie zu wissen, nur noch inniger verbunden.

Alles Gute für jetzt und immer von Ihrem anhänglich ergebenen

Stefan Zweig

 

An Maxim Gorki

Salzburg, Kapuzinerberg 5
4. März 1930

Teurer und verehrter Maxim Gorki!

Ich habe gezögert, Ihnen zu schreiben, weil ich ausführlich schreiben wollte und allerhand Dinge mich ständig in Atem hielten. Nun weiß ich durch den glücklichen Zufall der leider zu kurzen Begegnung in München, daß Baronin Budberg bei Ihnen ist, und sie wird so gütig sein, Ihnen meine Worte zu übermitteln.

Zunächst muß ich Ihnen von Rolland sagen, daß ihn wie mich die Affäre Istrati sehr erregt hat. Er ist persönlich noch mehr davon getroffen, weil in der Öffentlichkeit die Meinung besteht, Istrati sei ihm treu ergeben und hätte gewiß nicht ohne seine Zustimmung die große Attacke unternommen. In Wirklichkeit hat er das Buch geschrieben, trotz der dringenden Warnungen Rollands, und weiß auch heute selbst genau, welchen Unsinn er angerichtet. Für die ganze Unaufrichtigkeit oder vielmehr Sorglosigkeit dieses Menschen spricht ja die Tatsache, daß er mit einem widerlichen Aufwand an Pathos der Welt verkündet, nun werde er, endlich einmal er, in diesen 3 Bänden die Wahrheit verkünden. Dabei ist aber das Peinliche, daß nur der erste Band von ihm ist, der zweite ist von Viktor Serge geschrieben, der dritte von Boris Suwarin, die sich hinter seinem Namen verstecken – ein Vorgang, für mein Empfinden so unehrenhaft als möglich, denn zumindest hätte Istrati andeuten müssen, daß er Mitarbeiter bei seinem Buche gehabt hat, wenn ihm schon die Courage fehlte zuzugeben, daß er sein buchhändlerisches Renommée für fremde Arbeit ausnütze. Uns allen, die wir Istrati kennen, war es von vornherein klar, daß ihm vollkommen die Fähigkeit fehlt, sachliche und nationalökonomische Darstellungen zu geben – sein Talent besteht einzig nur in der Impulsivität und einer angeborenen orientalischen Phantasiefähigkeit. Ich halte ihn nicht bewußt schlechter Handlungen fähig, er ist ein Opfer seiner Leichtgläubigkeit und glaubt jede Lüge, auch jene, die er selber erfindet. Sie haben in einer Ihrer Novellen einmal selbst eine solche Gestalt geschildert, der Mensch, der einfach nicht in der Wirklichkeit lebt, sondern in seiner eigenen Erfindung, ein geborener Phantast und Fabulierer. Dies kann eine Tugend im Erzählen sein, obwohl ich gerade in der Epik den Wahrheitsmenschen unendlich mehr liebe – aber in die Politik ist dieser Phantast jetzt hineingefahren wie der Elefant in den Porzellanladen. Rolland legt großes, ja größtes Gewicht darauf zu betonen, daß er dem Buche nicht nur fern steht, sondern es vollkommen mißbilligt. Er ist der einzige, der sich nicht einen Zoll von seiner profunden Einstellung zu den Geschehnissen Ihrer Heimat abbringen läßt.

Freilich weiß er so wie ich um die Fehler, die im einzelnen begangen werden, und hat speziell in einem Fall um Ihre Hilfe gebeten. Ich betrachte es als einen der wenigen sympathischen Züge unserer Menschheit von heute, daß sie besonders sensibel ist, wenn irgendwo ein Künstler oder ein geistiger Mensch getroffen wird. So wie beim Kampf es mehr Eindruck macht, wenn ein 7jähriges Kind getötet wird, als wenn 200 Erwachsene fallen, so erregt ein geistiger Mensch, dem Unrecht geschieht, mehr Aufsehen als tausend Anonyme. Hier wird eine Solidarität jenseits des Nationalen herausgefordert, die Solidarität der geistig Passionierten und Intellektuellen, und dies ist glücklicherweise noch immer eine Macht auf Erden.

Ich kann da nicht in alle Details eingehen, und Sie denken sich, weshalb – ich wollte nur vermeiden, daß Sie in der Haltung Rollands irgendein Ändern oder Nachlassen erblicken, und ihm liegt viel daran, daß Sie es wissen. Er gehört zu den wenigen Menschen, die sich durch Zeitungsnachrichten nicht irremachen lassen. Wir haben während des Krieges gelernt, daß nach einem und demselben jahrhundert alten System gearbeitet wird, wenn es gilt, eine bestimmte, öffentlich natürlich nicht verlautbare Absicht vorzubereiten und durchzusetzen. Auch jenes Buch gehört in diese Kategorie, wobei das Peinliche ist, daß Istrati, dieser unmündige Geist, gar nicht wußte, für wen und gegen wen er sein Eisen schmiedete.

Nun, teurer Maxim Gorki, muß ich Ihnen noch vielmals danken für Ihren Roman, den ich langsam und aufmerksam gelesen habe, abermals überrascht von der Fülle und Präzision der einzelnen Figuren und von dem Glanz der entscheidenden Szenen. Ich bin ungeheuer gespannt auf die nächsten Bände, denn – daß ich es offen sage – dieses Buch spielt im Schatten, es schwebt gleichsam dunkel eine Wolke darüber, und ich denke mir, daß die nächsten Bände das Gewitter und seine Entladung bringen. Durch Bücher wie dieses wird man eigentlich erst gewahr, wieviel Unruhe, wieviel geheimniserregte Unruhe in jenen Jahren vor dem Kriege in der ganzen Generation mächtig war. Wir von heute verstehen diese Unruhe und wissen, daß sie eigentlich nicht von innen aus in die Menschen kam, sondern aus der atmosphärischen Spannung der Zeit. Es waren gleichsam die Übligkeiten und die irritierten Zustände einer schwangeren Frau, die selbst noch nicht weiß, daß sie schwanger ist. Wenn man die literarischen Dokumente der ganzen Generation zusammenhält, so wird man dieses einheitliche und einmütige Vorempfinden einmal gleichsam meteorologisch feststellen können.

Von mir kann ich Ihnen nur erzählen, daß ich nach sehr angenehmen Tagen in Rom plötzlich heim mußte, weil mit meinem Stück durch einen Kontraktbruch eines Schauspielers plötzliche Umschaltungen nötig waren, ich mußte ein paarmal hin und her und reise jetzt nach Deutschland, wo einige Aufführungen stattfinden, um selbst einen Eindruck zu gewinnen, ehe wir dann in Wien und Berlin die eigentliche Uraufführung versuchen. Aber ich habe gelernt, wie wesentlich es ist, jedes Jahr längere Zeit außerhalb des gewohnten Lebenskreises zu verbringen, und wie sehr dies die Arbeit fördert; so hoffe ich, auch im nächsten Jahr einmal länger in Italien oder Spanien zu bleiben. Die Erinnerung an die Herzlichkeit, die wir bei Ihnen fanden, läßt uns schon heute sehr an Italien denken, um solche Stunden wieder zu erneuern – sie sind selten wie alles Gute im Leben.

Mögen Sie gut arbeiten und sich voller Gesundheit erfreuen!

Und grüßen Sie, bitte, innigst Ihre Familie, Ihre Freunde, von Ihrem dankbar ergebenen

Stefan Zweig

 

An Hans Carossa

Salzburg, Kapuzinerberg 5
11. Nov. 1931

Mein lieber und verehrter Freund, das nenne ich eine Gabe! Zwei Stunden sprachen gestern Felix Braun und ich nichts als von Ihnen und Ihrem Gion: er hat uns beide und nicht minder meine Frau tief bewegt. Sie haben die Gabe, das Wirkliche nicht nur geistig, sondern gewissermaßen geistlich zu machen, mit Ihrem frommen Blick (ich weiß kein anderes Wort) sehen Sie die Natur ehrfürchtig, den Menschen mitleidend-begreifend an; alles wird dadurch Zusammenhang, nichts bleibt losgelöst vom Ganzen, jedes Geschehnis füllt sich mit Sinn und so entsteht aus dem scheinbar Abseitigen jenes Innerliche, das uns alle bewegt. Wie ist in diesem Buche die Grenze von Ihrem Ich zu den Gestalten aufgehoben, Sie in ihnen und jede Einzelheit ganz eingegangen in die innerliche Schau und darüber noch schwebend als magische Atmosphäre der bindende Weltgeist! Nie haben Sie Ihren Reichtum so offenbar gemacht als in diesem gedrängten, bis in die kleinste Zelle mit goldenem Seim gespeicherten Buch, das eine Vorratskammer der Seele für unzählige sein wird, eine unerschöpfliche, weil hintergründig noch immer wieder gesparte und dichterisch geprägte Erfahrung sich verbirgt. Ja, lieber, verehrter Freund, wir sind sehr stolz auf Sie, denn Sie wissen unsere alte Liebe, unser getreues Vertrauen immer aufs neue zu bestätigen und zu übertreffen, Ihnen wächst in diesen späteren Jahren, wo andere, ausgelaugt und ermüdet, in ihrem Lebensalter erschlaffen, erst die wahre Bildnerlust zu, das Leben gestaltend zu begreifen. Ihr Blick in die Tiefe hat sich wunderbar geschärft und die Ruhe dieser gesättigten Sprache meistert herrlich die innerliche Spannung; eine milde Lampe in Händen; goldenen Rand um die Dinge gießend, gehen Sie sicher hinab in die Dunkelheiten des Herzens und es wird Glück und Belehrung, Sie auf Ihrem Weg zu begleiten. Wie glücklich haben Sie uns mit diesem Buche gemacht und wie hat Ihre schaffende Geduld unsere Ungeduld nach neuem Werke beseligt!

Gerne erfreute ich mich eines freundschaftlichen Gesprächs mit ihnen. Ich bin von Dienstag bis Freitag in München, Hotel Leinfelder. Sollten Sie in diesen Tagen hinkommen, so bitte ich Sie um ein Wort. Mein Dank ist ja mit diesen Worten nicht befreit, er hat noch viel Ihnen zu sagen.

Mit vielen Grüßen meiner Frau

Ihr getreuer Stefan Zweig

 

An Klaus Mann

Salzburg, Kapuzinerberg 5
am 15. Mai 1933

Lieber Klaus Mann!

Herzlich gern bin ich mit Ihnen, vorausgesetzt, daß die Zeitschrift nicht einen direkt aggressiven Charakter trägt. Wir sind durch unser Dasein und unser Außen- und Draußensein an sich schon Opposition und mit diesen Leuten ist nicht zu diskutieren. Wer einmal erklärt hat und erklärt, daß er nicht gerecht sein will und in jeder Hinsicht jede Idee dem Parteigedanken unterordnet, den soll man nicht bekehren. Es hat keinen Sinn zu jemand zu sprechen, der sich die Ohren verstopft.

Was ich jetzt arbeiten will, ist eine Studie über Erasmus von Rotterdam, den Humanisten auch des Herzens, der durch Luther die gleichen Niederlagen erlitten hat wie die humanen Deutschen heute durch Hitler. Ich will durch Analogie darstellen und auf unkonfiszierbare Weise mit höchster Gerechtigkeit an diesem Menschen unseren Typus entwickeln und den andern. Es wird hoffentlich ein Hymnus auf die Niederlage sein. Da gebe ich Ihnen dann gern einen in sich geschlossenen Abschnitt. Sie sehen, daß ich also bereits auf dem Wege bin, zu einer neuen tätigen Form zu kommen. So wie ich im Kriege durch den »Jeremias« eine jedermann verständliche Stellung nahm, ohne aktuell zu polemisieren, so versuche ich auch hier durch ein Symbol vieles Heutige deutlich und verständlich zu machen.

Das rein Aggressive liegt mir charaktermäßig nicht, weil ich an »Siege« nicht glaube, aber in unserem stillen, entschlossenen Beharren, in der künstlerischen Kundgabe liegt vielleicht die stärkere Kraft. Kämpfen können die andern auch, das haben sie bezeugt, so muß man sie auf dem andern Gebiet schlagen, wo sie inferior sind und dort wo sie ihre Schlageter und Horst Wessel kitschig aufmachen, in künstlerisch unwidersprechlicher Form die Bildnisse unserer geistigen Helden aufzeigen.

Von Herzen immer Ihr
Stefan Zweig

Viele Empfehlungen Ihrem verehrten Herrn Vater.

 

An Emil Ludwig

Salzburg, Kapuzinerberg 5
am 16. Juni 1933

Sehr verehrter Emil Ludwig!

Gerade heute schreibe ich in einem andern Briefe, daß nichts notwendiger wäre, als wenn wir uns an einem bestimmten Tage, etwa zehn oder zwölf gemeinsamen Schicksals, an einer Stelle in der Schweiz treffen würden, um gemeinsam uns auszusprechen und gewisse einheitliche Grundlagen unseres Handelns festzulegen. Dazu gehört auch der Verlag. Die verschiedenen Angebote wollen mir gleichfalls nicht sonderlich gefallen, was not täte wäre ein Konzern, bestehend aus den englischen, holländischen, italienischen etc. Verlagen, der die deutschen Bücher herausgibt und gleichzeitig alle diese Bücher für das betreffende Übersetzungsland erwirbt. Damit allein wäre jene Machtgruppe geschaffen, die wir brauchen und die auch stark genug wäre, eine unabhängige Zeitschrift herauszugeben und sie zu tragen. De facto wäre ein solcher Verlag gegründet, wenn es uns gelänge, für vierundzwanzig Stunden an einer neutralen Stelle zusammenzukommen, und das müßte bei einigem guten Willen möglich sein, wobei ja allenfalls Autoren, die selbst nicht kommen können, irgendeinen von uns als bevollmächtigten Vertreter bestimmen könnten.

Ich bin zu einer solchen Reise immer bereit, obwohl ich ja reichlich in Österreich mit Spannungen gesegnet bin und nicht weiß, ob ich in Salzburg werde bleiben können oder nicht. Aber die Sache ist von so eminenter Wichtigkeit, nicht nur im Persönlichen, sondern auch im kulturhistorischen Sinne, daß man alle Bedenken fortstoßen sollte. Nichts fürchte ich mehr als eine Zersplitterung der besten geistigen Kräfte durch Voreiligkeit. Querido in Holland ist recht anständig, aber Sie wissen wohl schon, daß auch Allert de Lange einen deutschen Verlag macht. Schon steht da Konkurrenz gegen Konkurrenz.

Herzlich würden wir uns natürlich freuen, Sie hier im Sommer begrüßen zu können, aber Bruno Walter möge sein herrliches Vertrauen erhalten bleiben – mir scheint die tatsächliche Durchführung der Festspiele noch gar nicht gesichert, zur Zeit ist die Situation durch deutsche Sperre hier katastrophal, und die Nationalsozialisten werden von drüben herüber, wenn es zu keiner Einigung kommt, kein Mittel scheuen, durch Terrorismus das ausländische Publikum zu verstören. Die Luft schmeckt ja reichlich nach Pulver.

Von Herzen an Ihre verehrte Frau und Sie herzliche Grüße,

Ihr Stefan Zweig

Gerne würde ich mir für den Winter in Locarno oder Lugano eine kleine Wohnung mieten oder kleine möblierte Villa, 4 Zimmer etwa. Wenn Sie jemand wissen, der derlei vermittelt, eine agency oder jemand Privaten, wäre ich Ihnen dankbar. Salzburg wird durch die Grenznähe immer unangenehmer, zumindest im Winter. Auch drückt die Angst der andern einem die Seele: ich selbst bin Gott seis gedankt, ein Fürchtenichts und mag weder Verbitterung noch Hochmut.

 

An Klaus Mann

Salzburg, Kapuzinerberg 5 am 19. Juni 1933

Lieber Klaus Mann!

Der Brief geht an Sie, und gleichzeitig an Ihre ganze Kolonie dort unten und ich bitte Sie, mir möglichst bald Antwort zukommen zu lassen. Es handelt sich um Folgendes: eine Reihe auswärtiger Verleger wendet sich jetzt von rechts und links an uns um deutsche Ausgaben, vier oder fünf große Zeitschriften sind geplant, auch Ihre darunter und ich sehe am Ende aller dieser lobenswerten Dinge eine große Gefahr: die der völligen Zersplitterung. Es werden zehn Zeitschriften entstehen und vergehen, fünfzehn Verleger anfangen mit deutschen Serien und wieder aufhören, eine Bemühung wird die andere konkurrenzieren – ich habe dasselbe seinerzeit 1918 erlebt, als 800 wirkungslose Friedensvereine und 200 Friedensblättchen in den verschiedensten Ländern gegründet wurden, statt einer schlagkräftigen Organisation.

Was not täte, wäre eine große Zeitschrift, eine Zusammenfassung aller Verlage in einen, denn zusammen stellen die abgetrennten Autoren eine Weltmacht dar, einzeln ist kaum einer imstande, einen wirklich großen Verlag zu tragen. Es entsteht nun die Gefahr, daß wir durch einzelne Abschlüsse und Bindungen eigentlich gegeneinander arbeiten, die wir durch gemeinsames Schicksal verbunden sind und daß wir der großartigen Geschlossenheit der Gleichschaltung, die verhängnisvolle Haltung der Auseinanderschaltung gegenüberstellen. Nun haben einige den Gedanken, daß es absolut notwendig wäre, sehr bald uns zu einer gemeinsamen Besprechung zusammenzufinden, in der nicht nur diese materiellen Dinge, sondern auch unsere gemeinsame moralische Haltung festzulegen wäre. In Briefform kommt man nicht weiter, ich glaube, um der historischen Bedeutung zur Zeit willen, hätten wir die Verpflichtung, jeder einmal zwei, drei Tage unsere Arbeit und Bequemlichkeit zu opfern und uns aus Frankreich, Czechoslovakei, Österreich und den andern Orten der Versprengung geeinigt in der Schweiz zu treffen, wo ja schon Döblin, Ludwig, Remarque, Bruno Frank sind. Ich bin der festen Überzeugung, daß eine solche gemeinsame Aussprache nicht nur für unsere eigene Haltung bestimmend sein würde, sondern daß wir, sei es zu einem Manifest, sei es zu einer kameradschaftlichen Vereinigung kämen. Ich gebe mich der Hoffnung hin, daß sowohl im Materiellen wie im Moralischen etwas sehr Wichtiges resultieren könnte, wenn wir einmal zusammen rund um einen Tisch sitzen, Plan gegen Plan besprechen, uns gegenseitig informieren und aufklären, vielleicht kleine Eifersüchteleien und Zwistigkeiten, die bewußt oder unbewußt zwischen uns bestehen, ausgleichen, kurzum, ich halte es für eine absolute Verpflichtung, die wir gegen die Zeit und die Zukunft haben, daß wir zwanzig oder fünfundzwanzig öffentlicher Menschen in einer solchen Schicksalsstunde einmal beisammen sind.

Nun, lieber Klaus Mann, übergebe ich Ihnen die Aufgabe, bei Ihrem verehrten Herrn Vater, bei Heinrich Mann und bei allen den andern Wesentlichen, die dort in Ihrem Winkel beisammen sind, anzufragen, wer von ihnen zuverlässig kommen würde oder sich durch einen Vertrauensmann vertreten lassen würde, und ob in Zürich oder Basel oder an irgend einem unauffälligen Ort eine solche Begegnung stattfinden könnte. Emil Ludwig meint, daß es sehr bald geschehen müßte, weil schon wieder eine neue Unternehmung im Werden ist und einige Autoren bereits vorschnell sich gebunden haben oder sich zu binden im Begriffe sind. Vergessen Sie nicht den mächtigen Machtzuwachs in der Welt, den eine Zeitschrift, ein Verlag oder jedes sonstige Unternehmen hätte, wenn wir alle einig sind.

Herzlichst
Ihr Stefan Zweig

 

An Klaus Mann

Salzburg, Kapuzinerberg 5
am 11. September 1933

Lieber Klaus Mann!

Ich habe das Heft »Die Sammlung« noch immer nicht bekommen, es hat mir nur ein paar gereizte Briefe von den andern auswärtigen Zeitschriften eingetragen, weil ich dort abgesagt hatte und bei Ihnen angekündigt wurde. Man kommt da nie zu einem Ende und so habe ich beschlossen, nirgendwo mitzuarbeiten, ehe wir nicht alle zu einer endgültigen und einheitlichen Haltung gekommen sind (im Sinne jener Zusammenkunft, auf die ich noch immer hoffe). Es entstehen wirklich dadurch nach außenhin Konflikte und der Verdacht eines Gegeneinanderarbeitens und einer sichtlichen Uneinigkeit, wenn an der einen Stelle der einzelne zusagt und an der andern Stelle wieder fehlt, mir scheint jene entscheidende freundschaftliche Annäherung und Einigung, die ich vom ersten Tage an – vergebens! – forderte, unbedingt nötiger als je. Alle diese Abstufungen müssen meinem Empfinden nach abgeschliffen werden zu Gunsten einer Einheitlichkeit. Ich bitte Sie darum, inzwischen meinen Namen von den Ankündigungen wegzulassen, denn heute erst mußte ich Willy Haas und vor einigen Tagen Wieland Herzfelde absagen und möchte nicht, daß Unstimmigkeiten oder scheinbare Bevorzugungen entstehen zwischen Menschen, die durch einheitliches Schicksal auch einheitlich verbunden sein sollten.

Ich werde im Oktober für ein paar Tage in Paris sein, wo ich Ihren verehrten Herrn Vater und einige andere zu sprechen hoffe, vielleicht, daß wir doch endlich die richtige Ebene und das klare Forum finden. Ich habe mich, bei Gott, unendlich um diese Bemühung herumgequält, mehr glaube ich als irgend ein anderer, jetzt muß ich versuchen, ob ich überhaupt noch konzentriert arbeiten kann, in den letzten Wochen und Monaten ist es mir nicht gelungen.

Mit den herzlichsten Grüßen
Ihr Stefan Zweig

 

An Klaus Mann

Salzburg, Kapuzinerberg 5
am 18. September 1933

Lieber Klaus Mann!

Ich bekam vor drei Tagen »Die Sammlung« und heute Ihren Brief; lassen Sie mich offen und in aller Herzlichkeit reden, ohne jeden Hinterhalt. Als Sie mir seinerzeit schrieben, Sie wollten mit Annemarie Schwarzenbach eine literarische, unpolitische Zeitung machen für diejenigen, die in Deutschland nicht zu Worte kommen können, war ich mit Freude einverstanden und sicherte Ihnen einen Beitrag zu. Aber Sie selbst sind es, lieber Klaus Mann, der diesem Plan ein anderes Gesicht gegeben hat und der Zeitschrift einen aggressiven Charakter: daher jetzt auch die verschiedenen Absagen. Ich hatte die Zeitschrift noch nicht gesehen, aber gerade aus jenen Reklamationen sah ich schon, daß sie eine politisch eingestellte sein müsse und war darum genötigt um der Gerechtigkeit willen zu sagen, daß ich zunächst nicht mittun kann. Wo es um Leistung geht, stelle ich mich weiß Gott, ohne Hochmut neben jeden, auch den Jüngsten und Unfähigsten, weil dort das Nichtkönnen einen Könnenden nicht belastet. Anders steht es im Politischen und Parteimäßigen, wo einer für Fehler und Übertreibungen des andern haftbar wird. Ich persönlich glaube, und wahrscheinlich auch Ihr Vater und Werfel und Bruno Walter, daß auf die Herabsetzung unserer Bemühungen die einzige Antwort Leistung ist. Ich bin keine polemische Natur, ich habe mein ganzes Leben lang immer nur für Dinge und für Menschen geschrieben und nie gegen eine Rasse, eine Klasse, eine Nation oder einen Menschen und ich bin der Überzeugung, daß Leute wie Kerr unserer Sache unendlichen Abbruch tun. Einer so ungeheuren Katastrophe muß man in großen Darstellungen entgegentreten, nicht mit kleinen Sticheleien. Ich war gewiß nicht dagegen und habe mich wochenlang bemüht, um ein großes gemeinsames Manifest von hoher Haltung zu schaffen, das ich nicht nur unterschreiben wollte, sondern dessen Entstehung ich sogar organisieren und mit meiner vollen Verantwortung decken wollte, ich bewahre entscheidenden Dingen gegenüber meinen Mut, aber, das gestehe ich offen, kleinliche impotente Angriffe halte ich für ein Ärgernis, für ein Unglück und möchte sichtbar zeigen, daß ich nichts mit diesem Kampf zu tun habe, der meiner Meinung nach unserer Sache nur schadet. Ich denke natürlich nicht an den deutschen Markt, der ist längst verloren, aber ich denke sehr an die Menschen, die in Deutschland sind und denen wir, statt zu helfen, heute nur schaden und ich erkläre ruhig, daß ich jeden Angriff für ein Unheil halte, der nicht große geistige Linie hat, der nur stichelt und nicht trifft. Wäre Ihre Zeitung, lieber Klaus Mann, wirklich nur eine Darstellung unserer Leistung, unseres Wirkens und Willens gewesen, ohne jede polemische Einbegleitung, ich hätte gern mitgetan. Aber ich habe sieben Monate oder länger, ebenso wie Ihr Vater, kein Wort in einer inländischen oder ausländischen Zeitung veröffentlicht, weil ich der Ansicht bin, daß dadurch, daß wir keinen Anlaß geben die Tatsachen umzudrehen, das Unrecht deutlicher und unwiderleglich würde und man nicht den Spieß umkehren könnte und sagen, wir hätten provoziert.

Ich weiß daß man in Deutschland über jeden Angriff von uns geradezu glücklich wäre, um sagen zu können: Seht ihr! Wie recht haben wir gehabt! – Darum hätte ich es so sehr gewünscht, daß unsere Demonstrationen zunächst einzig in Leistung bestanden hätten, in hoher und unwidersprechlicher Qualität und ich sehe, daß die Auffassung der andern da mit meiner vollkommen übereinstimmt. Es wäre so unendlich wichtig gewesen, neben den politisch aggressiven Blättern ein Blatt zu haben, das ausschließlich die künstlerische Leistung der »Ausgelöschten« zeigte, dadurch wäre den andern, den Kämpfern noch nicht das Wort abgeschnitten gewesen, denn sie hätten ihre Zeitschriften für sich gehabt.

Ich verstehe, lieber Klaus Mann, daß Sie durch diese Absagen bestürzt sind, aber Sie müssen auch uns verstehen, die wir uns verpflichtet fühlen durch Verantwortlichkeit gegenüber den in Deutschland zurückgebliebenen Freunden und daß insbesondere für einen Juden das Verantwortungsgefühl noch stärker gesteigert sein muß.

Jetzt wird es wohl schwer sein, die Zeitschrift zurückzuschrauben ins Unpolemische und rein Literarische, aber ich glaube noch immer, es wäre für die Sache ein großer Gewinn, wenn Sie schon im nächsten Heft das Aggressive zu Gunsten des Produktiven zurückstellten: es gibt jetzt politische Zeitungen genug, aber wir hätten notwendig eine, welche nur der Leistung dient. Ich komme vielleicht nächste Woche auf einen halben Tag nach Zürich. Ich besuche zuerst Rolland und fahre dann nach ein paar Tagen von Paris nach London, und hoffentlich können wir uns dann ausführlicher über alle diese Dinge aussprechen.

Herzlichst Ihr Stefan Zweig

 

An Hans Carossa

11 Portland Place, London

(Adresse immer Salzburg)
13. Nov. 1933

Hochverehrter teurer Hans Carossa, so lese ich denn hier in London, ein weiches Nebellicht vor den Fensterscheiben, Ihr eben erst eingelangtes Buch. Aber ich habe kein besseres und verläßlicheres Maß für den Wert, den ich einem Dichter entgegensetze, als die Eile, die Ungeduld, mit der ich nach seinem Buche fasse. Die eigene Arbeit schiebt sich vom Tisch, die Briefe bleiben verklebt und uneröffnet, alles muß warten oder wird vergessen, ich kann diese Passion der Neugier nicht zügeln, noch weiß ich mich ehrlich gewillt, es zu tun. Denn immer enger wird ja die Zahl der Menschen, die einen zu derart beglückender Ungeduld herausfordern, und ich sage Ihnen, der Sie Ähnliches erlebten, alles mit dem einen aus, daß ich nur auf die Bücher Rilkes und Hofmannsthals so gewartet habe wie heute auf die Ihren. Es ist Ihnen, wer weiß, ob Sie es spüren, eine magische Kraft über die Sprache zugewachsen, von selbst spricht sich in jedem Vergleich, jedem Attribut Ihnen das erlösende, das beglückende Wort entgegen: nur wir wissen ja, wie ein einzelnes Wort, eine Zusammenfügung einen bis in das Herz hinein beglücken kann, so stark in das Herz, daß es heftiger zu pochen beginnt, daß jener leise Schrecken entsteht, der vielleicht immer die vollendete Form des Genießens begleitet. Wie Ihre Donau, so strömt Ihr Buch mit einem breiten langsamen Gefäll, man fühlt sich getragen und meint eher zu träumen, als zu reisen und doch glänzen vom Ufer immer andere Stationen heran, – welch beglückende Fahrt, auf so sicher gesteuertem Schiff. Sie haben als Mensch es wie keiner in Deutschland verstanden, Ihr Leben als ein Geheimnis anzuschauen und sichs selbst schaffend zu verständlichen; große Ehrfurcht dieser Art ist selten geworden und gerade die Ehrfürchtigen wagen sich sonst aus Bescheidenheit nicht an ihre eigene Existenz. Sie aber haben das Geheimnis des schaffenden Spiegels sich neu entdeckt: im Anschauen sich zu steigern und alles Erlebte in Güte so einzukleiden, daß es fromm wirkt und fromm ist. Ein geistlicher Zug wird immer deutlicher in Ihrem Gesicht und sonderbar, meine Frau sagte es auch, als Sie das letzte Mal bei uns waren; sie meinte es im Physischen und ich spüre es im Werk. Ich glaube, daß Sie heute einer Zorntat, einer Grimmigkeit nicht mehr fähig wären, Sie haben sich gleichsam selbst reingebrannt, indem Sie Ihr Leben dreimal in die Retorte warfen: nun ist die Goldprobe bestanden und so wie ein bloßer Strich genügt, um die Vollhaltigkeit des Metalls zu erweisen, so sagt eine Zeile bei Ihnen schon giltig den Rythmus des Ganzen aus. Ich weiß, Sie, der Wissende, spüren manches in diesem Buche als bloß aneinandergereiht; uns aber ist es verbunden durch die herrliche Stetigkeit der Sprache, durch die erhobene Haltung. Welche Wohltat dies Buch mir gewesen, das erste deutsche und gleich das beste, das ich hier in England las, kann ich schwer ausdrücken: ich mußte zuerst den ganzen dunklen Horizont meines Lebens aufzeichnen und dessen wehrt sich die Hand. Mein Leben ist seltsam unsicher geworden und gerade jetzt, auf der Höhe äußerer Wirkung, spüre ich ein unbezwingliches Verlangen nach Vergessen und Verschwinden, mich ekelt es, wenn ich meinen Namen, ob im guten oder im bösen (jetzt meist in letzteren Sinne) genannt lese und ich möchte ihn abstreifen wie eine Schlange die Haut. Eine Unfähigkeit zu hassen oder Haß zu erwidern, was andern als Tugend erscheint, weiß ich jetzt als eine tiefe Gefahr, denn so wie der Weinende sich durch die Träne befreit, so der Hassende durch sein zuschlagendes Gefühl: er hat eine Waffe. Der andere aber quält sich in seiner Kraftlosigkeit, seiner Antwortlosigkeit; ich habe auf alle Geschehnisse bisher nur mit Bestürzung innerlich geantwortet und daß ich es nicht anders tat, hat mir nur neue Gehässigkeit zugebracht. Sonderbare dunkle Prüfung, man sollte sie achten eigentlich, aber Geprüftwerden ist eine Sache der Jugend. In reifen Jahren lernt man nichts mehr zu, man ist schon zu weit, denn wozu lernen für den schmalen und immer abgedünnteren Rest des Lebens, der einem bleibt? Fast lockt es mich der Lockung nachzugeben, gleichfalls einzelnes aus meinem Leben aufzuzeichnen, aber Ihr Werk wäre eher angetan, zu entmutigen, denn die beherrschte Hand ist mir jetzt nicht gegeben. Aber hinweg über alle diese kleinlichen Gedanken will ich mich jetzt zu Ihnen tragen lassen von dem Gefühl großer Dankbarkeit und Verpflichtung – seien Sie, lieber, verehrter Hans Carossa um dieses Werks und um Ihres Lebens willen von so vielen als nur möglich geliebt; ich habe keinen bessern Wunsch für Sie und für die andern! Und gedenken Sie in alter Freundlichkeit und Verbundenheit Ihres getreu ergebenen

Stefan Zweig

Ich hörte, Sie waren in Rom; ich bin in Carthago, der schiffstüchtigen Hauptstadt der Welt. Aber hier ist das Parthenon und Egypten, hier Rom und Teheran in den Museen, hundert Städte in einer, eine verwirrende Welt.

 

An Klaus Mann

Dieser Brief ist an Sie privat, Sie können ihn jedem zeigen, aber ich möchte keinen Abdruck und keine öffentliche Discussion mehr.

18. Nov. 1933

Lieber Klaus Mann,

diese Sache hat mich krank gemacht. Sie können es sich nicht ausdenken – ich war unterwegs seit Wochen, hörte hier in London, es würden gegen mich Angriffe gerichtet wegen einer Erklärung, die ich im Buchhändlerbörsenblatt erlassen hätte. Ich eine Erklärung? Ich wußte von nichts, bis ich nach abermals einer Woche erfuhr, daß ein Brief, den ich dem Inselverlag zu seiner persönlichen Information auf seinen Wunsch geschrieben, ohne mich anzufragen oder auch nachträglich zu verständigen veröffentlicht worden war. Muß ich sagen, daß ich nie im Leben eine solche demonstrative Veröffentlichung gewünscht oder geahnt habe, die doch eine Art moralischen Selbstmords für mich wäre? Ich war sehr verärgert, daß Sie Ihre Zeitschrift gegen die seinerzeitige Ansage politisierten, das gestehe ich offen, weil es mir heute von äußerster Wichtigkeit schien, einen Zerfall der Literatur (so wie in Rußland) in eine Emigrantenliteratur und eine Staatsliteratur durch eine politisch neutrale und repräsentative Zeitschrift zu verhindern – diese große Gelegenheit haben Sie zerstört, und dies war ein Fehler, denn an Kampfzeitschriften fehlt es nicht, wohl an dieser repräsentativen und bindenden Zeitschrift. Aber selbstverständlich habe ich doch nie im Traum daran gedacht, durch eine öffentliche Desavouierung mich gegen Sie und viele alte Freunde zu stellen; meine Erklärung in der Jewish Telegrafic Agency, die ich sofort abgab, und die Sie geruhig abdrucken dürfen (Sie erweisen mir und der Sache sogar einen Dienst damit) legt meinen Standpunkt doch völlig klar. Selbstverständlich wird mein »Erasmus« nicht mehr bei der Insel erscheinen, so daß auch öffentlich dargetan ist, wie wenig ich daran dachte, mir irgend eine persönliche Bevorzugung in Deutschland zu sichern.

Bestens Ihr Stefan Zweig

 

An Klaus Mann

11 Portland Place London,
den 23. November 1933

Lieber Klaus Mann.

Ich sandte Ihnen heute das folgende Telegramm nach Bern. Da Sie aber vermutlich dort nicht lange bleiben, so geht dieser Brief nach Amsterdam. In den Neuen Deutschen Blättern wird, soviel mir die Leute berichten, die Sache ja in allergrößter Weise breitgetreten, auch die Privatkorrespondenz benützt, ohne daß man vorher bei mir angefragt hätte. Sie verstehen, daß ich also das Bedürfnis habe, nicht noch einmal bei Ihnen dasselbe zu wiederholen oder wiederholen zu lassen, meine persönlichen Entscheidungen sind ja inzwischen längst weitergereift. Sie tun unrecht, meine Situation mit jener der anderen Schriftsteller, die Sie nannten zu vergleichen. Die sind mit ihrem Verlag, also ihrer geistigen Habe, weitergewandert, während ich die meine erst auslösen muß und dies gern in Stille und Frieden getan hätte (woran ich gewaltsam gehindert wurde). Meine Beziehung zur Insel ist eine besondere. Wir sind in diesen 28 Jahren gewissermaßen zusammen aufgewachsen und auch neben meinen Büchern steckt (ohne daß ich je materiell beteiligt gewesen wäre) ein Teil meiner geistigen Arbeit in dem Verlag. Ich verlasse ihn schwerer als mein eigenes Haus, denn es ist ein Teil meines gelebten Lebens und kaum davon abzulösen. Nun wird es dennoch geschehen.

Ich weiß natürlich, daß Sie Recht haben, wenn Sie sagen, daß die Scheidung zwischen Staatsliteratur und Emigrantenliteratur ohne jeden Übergang und ohne jede neutrale Mitte vielleicht unvermeidlich ist, weil die Regierung keine geistig Ungebundenen dulden will. Ich glaube aber, daß man nie den Willen der Regierung einfach hinnehmen soll. Ich halte und hielt es für wichtiger, daß man offenkundig mit Gewalt von einer freien und unabhängigen Stellung abgedrängt wird, statt freiwillig zu gehen. Der äußere Anblick ist natürlich, das gebe ich zu, von der Gegenwart aus gesehen nicht heroisch. Aber es handelt sich da um ein Dokumentarisches. Denn damit ist vor der Welt bezeugt, daß in Deutschland nicht nur die Aggressiven unterdrückt wurden, sondern daß auch jene, die mit Politik sich nie befaßten und deren Wesen die Aggression nicht lag, Unabhängigkeit nicht bewahren durften. Und wenn die Aufgabe auch undankbar ist, es kann einmal wichtig sein, dafür ein Beispiel

gewesen zu sein: vielleicht haben wir, die Vielgeschmähten da gegen ihren Willen gedient als Zeugen.

Mit den besten Grüßen

Ihr Stefan Zweig

 

An Hermann Hesse

Salzburg, Kapuzinerberg 5
am 9. Dezember 1933

Lieber verehrter Herr Hermann Hesse!

Die Zeit ist so sonderbar geworden und man selber aller Beziehungen derart ungewiß, daß ein einzelner Gruß heute einen noch glücklicher macht als vordem ein üppiges Geschenk. So war mir Ihr Gedicht mehr als ein Gruß, sondern wahrhaftige Beglückung. Ich habe ja oft an Sie gedacht, und mein Schweigen hat das Ihre verstanden. Ich habe durch Monate mich wie ein Verzweifelter gewehrt, in den Irrwitz auch nur ein Wort hineinzusprechen, obwohl man mich von rechts und links zerrte, nun ist es den Leuten, dank Veröffentlichung von privaten Briefen gelungen, mich auch einigermaßen durch den politischen Dreck zu ziehen. Aber in zwei, drei Monaten erhalten Sie von mir ein kleines Buch des Bekenntnisses. Ich habe mir Erasmus von Rotterdam als Nothelfer gewählt, den Mann der Mitte und der Vernunft, der ebenso zwischen die Mühlsteine des Protestantismus und Katholizismus geriet, wie wir zwischen die großen Gegenbewegungen von heute. Es war für mich ein kleiner Trost zu sehen, wie schlecht es ihm ging und daß man nicht allein ist, wenn man sich anständigerweise mit schweren Entscheidungen und Entschließungen quält, statt es sich bequem zu machen und mit einem Ruck auf den Rücken einer Partei zu springen.

Vor zwei Monaten sprach ich lange von Ihnen mit Rolland. Er liebt Sie sehr und machte mir heftige Lust, Sie einmal aufzusuchen, aber ich war jetzt für sechs Wochen in London und

fand dort schönere Einsamkeit in der Bibliothek des britischen Museums als irgendwo anders in der europäischen Welt!

In alter Liebe und Verehrung,

Ihr getreuer Stefan Zweig

 

An Klaus Mann

Salzburg, Kapuzinerberg 5
am 13. XII. 1933

Lieber Klaus Mann,

der Volksmund hat wieder einmal kräftig übertrieben, ich war in Zürich gerade zwischen zwei Zügen zu einer Besprechung und sah von Freunden nur Joseph Roth auf eine halbe Stunde, mein Leben ist eine Hetzjagd. Und wie notwendig wäre es mir seelisch gewesen, Ihren Herrn Vater zu sehen, wie gerne hätte ich mit Ihnen gesprochen!

Über Holland bin ich leider völlig incompetent, ich war in meinem ganzen Leben drei Tage dort! Und ich muß bis Mitte Januar meinen Erasmus fertig haben gerade weil ich ihn deutsch zunächst nicht erscheinen lassen will sondern die Exemplare für England und Frankreich erst brauche – das fordert vor allem meine arg durchgerüttelten Kräfte. Die Idee ist an sich ausgezeichnet, nur sollten Sie bei der geistigen Rivalität alle neutralen Länder berücksichtigen, ich habe seinerzeit im Kriege den großen Hymnus an das Schweizer Rote Kreuz publiciert, um dieser Dankespflicht Genüge zu tun. Mitte Februar hoffe ich mit den Correcturen fertig zu sein und wieder freie Hand zu haben, vordem fehlt mir jede Viertelstunde und nur deshalb halte ich mich jetzt von allem zurück. Aber dann fahre ich wieder fort und will meine Freiheit mir zunutze machen, mich drückt dieses Buch, das ich alles Philologischen und Literarischen entweidet habe um es weltanschaulich zu gestalten, schon seit Monaten wie ein Alp auf dem Herzen. Dann hören Sie bald von Ihrem

Stefan Zweig

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