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Briefe an Schriftsteller

Stefan Zweig: Briefe an Schriftsteller - Kapitel 1
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1902 – 1918

 

An Richard Dehmel

Berlin, 7. 4. 1902

Sehr verehrter Herr!

Ich möchte mich heute mit einer Bitte an Sie, sehr verehrter Herr Dehmel, wenden, auf deren Erfüllung ich zu hoffen wage in Anbetracht des wertvollen Unternehmens, das sie betrifft. Ich plane nämlich – und habe Schuster und Loeffler im Falle der Zustimmung der Autoren als Verleger – eine Anthologie von Verlaine – und Übersetzungen, von der Voraussetzung ausgehend, daß keiner der bisher vorhandenen Sammelbände künstlerischen Anforderungen genügt und wiederum Meisterübersetzungen, in einzelnen Gedichtbänden verstreut, für das Publikum verlorengehen. Ich will nun – da die meisten Gedichte mehrfach übersetzt sind – immer die beste für einen schmalen billigen Band wählen, der Deutschland den wesensverwandtesten aller französischen Dichter in annähernder Vollkommenheit repräsentieren soll.

Dazu bedarf ich aber der Zustimmung der Dichter und wende mich vor allem an Sie, sehr verehrter Herr Dehmel, als den berühmtesten und besten unserer Übersetzer. Sonst nehme ich noch in Aussicht: Franz Evers, Richard Schaukal, Max Bruns, Johannes Schlaf, Paul Wiegler, Hedwig Lachmann, Otto Hauser und vielleicht noch den einen oder anderen, aber wie bereits gesagt, stets nur das Beste des Besten. Ist es mir nun verstattet, aus Ihren Werken Übertragungen auszunehmen, so möchte ich um eine Zeile bitten und vielleicht auch um ein Wort, wie Ihnen der Plan zusagt, eventuell auch einen Ratschlag, dem ich mich gerne fügen will. Ich hoffe, daß die Sympathie für unsern großen Dichter und der Wunsch, ihn würdig in Deutschland vertreten zu sehen, bei Ihnen für meinen Plan sprechen wird.

In aufrichtiger Ergebenheit und Verehrung,

Stefan Zweig

 

An Richard Dehmel

Berlin, 6. Juni 1902

Sehr verehrter Herr Dehmel,

Ich danke Ihnen aufrichtig für Ihre freundliche Anteilnahme die Sie aufs Neue bewiesen haben; Johannes Schlafs Übertragungen kenne ich und habe dieselben auch zum Teil berücksichtigt, auch persönlich darüber mit ihm gesprochen. Die Anthologie schließe ich dieser Tage ab, nachdem ich heute den Vertrag unterzeichnet habe, demzufolge das Buch in Stärke von sieben bis acht Bogen in eleganter Ausstattung (Vallotton-Portrait etc.) zu 1 Mark, gebunden in Japan zu 2 Mark erscheint. Das Ihnen zufallende Honorar habe ich gemäß Ihren Ansprüchen auf Mk. 102 fixiert, und zwar

Helle Nacht (18 Verse) – Mk. 9
Kaspar Hauser (14 Verse) – Mk. 7
Mirakel (20 Verse) – Mk. 10
Ruhe (12 Verse) – Mk. 6
Zu Gott (140 Verse) – Mk. 70

und hoffe auch Ihre anderen Wünsche betreffs Korrektur ganz zu Ihrer Zufriedenheit erledigen zu können, da ich während der Zeit des Druckes noch in Berlin bleibe und die Zusendung etc. persönlich überwache. Ich verbleibe in aufrichtiger Verehrung mit ergebensten Grüßen

Stefan Zweig

 

An Hermann Hesse

Wien, 2. Februar 1903

Sehr werter Herr Hesse,

Ich muß Sie ganz herzlich darum bitten, mir es nicht als gewohnte Verlegenheitsphrase werten zu wollen, wenn ich Ihnen dankend sage, daß mit Ihrem Buche eine große Freude zu mir gekommen ist. Ich danke Ihnen recht, recht innig und muß Sie bitten, mir auch dies glauben zu wollen: ich habe seit langem schon die Absicht gehabt, mich an Sie um Ihr Buch zu wenden. Nur fürchtete ich auf einen zu stoßen, der meine Anschauung nicht teilt, daß auch Dichter oder eben Dichter es nicht notwendig haben, conventionaliter miteinander in Verkehr zu treten. Ich habe von je an jenen »Geheimbund der Melancholischen« geglaubt, von dem Jacobsen in der Maria Grubbe erzählt, ich glaube auch, daß wir, die wir seelische Ähnlichkeiten in uns fühlen, einander nicht fremd bleiben dürfen. Sie, den ich lange aus einzelnen Versen in Zeitschriften liebe, nun persönlich zu kennen, ist mir aufrichtige Freude.

Darf ich einiges über Ihr Buch sagen? Nein, ich wills doch nicht, ich hab's noch nicht ganz gelesen, nur so aufgeschlagen. Aber ich hab's auch schon genommen und aus meiner hellen lebendigen Empfindung heraus zu meinen Freunden getragen und vorgelesen. Ganz aufrichtig: ich sehe schon jetzt, daß es neben Rilkes: »Buch der Bilder«, Wilhelm von Scholzens: »Spiegel« und meines lieben Freundes Camill Hoffmann ganz wundersam verwandtem »Adagio stiller Abende« das liebste Versbuch dieses Jahres ist. Mit Freude kann ich es zu den Dedicationen stellen; die Gesellschaft dort ist übrigens nicht so übel: Johannes Schlaf, R. M. Rilke, Camille Lemonnier, Wilhelm von Scholz, Franz Evers, Wilhelm Holzamer, Hans Benzmann, Richard Schaukal, Otto Hauser, Busse Palma sind da als Spender zu nennen. Gerne will ich auch, sobald sich Gelegenheit findet, für das Buch etwas tun, und zwar in einem großen Blatte, wo ich weiß, daß meine Worte nicht im Wind verwehn.

Meinen »Verlaine« erhalten Sie in ca. 8 Tagen; ich will heute meinen Verleger um neue Exemplare bitten; ich habe übrigens viel Freude an dem Buche, es geht ganz mächtig ab, und ich hoffe vielleicht schon im Herbst das 3. – 5. Tausend als zweite Auflage in die Welt gehn zu sehn. Da will ich dann zuverlässig Ihr so prächtig übertragenes Gedicht einfügen, eventuell Sie bitten, mir noch andere Proben zu übermitteln.

Und nun noch eins: ich möchte nun, da Sie mit fröhlicher Kraft das Eis gebrochen haben, es nicht wollen, daß wir uns ganz verloren gehen. Ich wüßte gerne mehr von Ihnen, als Carl Busse erzählt. Ich bin zwar kein zuverlässiger Briefschreiber; mit Richard Schaukal war ich einige Zeit in Correspondenz (er schrieb mir auch von Ihnen), hab' sie aber nicht durchführen können, weil mir mein Studium keine Zeit läßt, mich brieflich über Literatur zu unterhalten; hab' ja ohnehin so meine 3 Briefe im Tag, wiewohl ich nur mit Wilhelm von Scholz, Fritz Stöber und einigen andern deutschen Freunden und einer Menge Franzosen wie Camille Lemonnier, Charles van der Stappen in Correspondenz stehe. Aber von engeren Dingen, vom Persönlichen, von dem was uns bewegt und innerlich beschäftigt, einem verehrten Freunde sagen zu dürfen, ist mir immer ein Glück. Nur sind solche Briefe bei mir spontan; sie sind nicht postwendend, sondern dauern oft 3 Wochen und mehr. Wollen Sie es unter solchen Umständen wagen, mir von Ihnen recht viel zu erzählen, so will ich nur froh und innig dankbar sein, und ich glaube, Sie dürfen dann auf mich zählen. Als Lyriker werte ich mich nicht sehr hoch, so zweifle ich nie an meiner gänzlichen Unnotwendigkeit für die Welt – es sei denn, daß ich an mir die Tugend schätze, »meinen Freunden Freund zu sein«. Und mir ist, als würde ich Sie einst zu ihnen zählen dürfen.

Nochmals und nochmals: Dank aus aufrichtigem Herzen! Haben Sie einmal in Ihrem Leben eine trübe Stunde, da Sie sich ängstigen, ob Ihr Lied und Leben nicht ohne Nachhall verrauscht, so lassen Sie sich aufrichten durch die Gewißheit, daß Sie einem mehr gegeben haben als viele in Deutschland Vielgenannte – mehr wie Falke, Hartleben, Schaukal, Bierbaum etc. etc. – nämlich Ihrem Sie in herzlicher Verehrung begrüßenden

Stefan Zweig

 

An Hermann Hesse

Wien, 2. März 1903

Werter Herr Hesse,

Glauben Sie mir, wenn auch zwischen Ihrem Briefe und dem meinigen ein ganzer Monat liegt, so habe ich doch oft Ihrer gedacht. Ihren »Hermann Lauscher« hab' ich mit viel Liebe gelesen – ich danke Ihnen herzlich für dieses Buch. Wie ich so am Anfang war, dacht' ich mir: wie freudig wärst Du nun, hättest du nicht einen schmalen Band in der Hand, sondern ein dickes Buch, wäre das doch nicht ein Fragment, sondern das erste Capitel eines Romanes. Dann dürften wir uns wirklich gratulieren! Aber, wer weiß?! Was nicht ist, kann werden.

Und ich meine, Sie dürfen auch Ihrem Leben nicht gram sein, wenn es Ihnen gegeben hat, dies zu schreiben. Wollte ich meine Kindheitserlebnisse zusammenraffen, so wäre ja auch Sonne und Wolken in ihnen, aber sie hätten nicht jenes reine stille Licht, das die rauschende Natur Ihnen gespendet hat. Großstadtschicksal kann gleiche Tragik haben und doch nie gleiche Größe. Auch ich gehe hier der Literatur ziemlich aus dem Weg. Ich glaube – so sah ich's wenigstens in Berlin –, man denkt sich die Wiener Literatur im Ausland als einen großen Caféhaustisch, um den wir alle herumsitzen Tag für Tag. Nun – ich, zum Beispiel, kenne weder Schnitzler noch Bahr, Hofmannsthal, Altenberg intim, die ersten drei überhaupt nicht. Ich gehe meine Wege mit ein paar Stillen im Lande: Camill Hoffmann, Hans Müller, Franz Carl Ginzkey, einem französisch-türkischen Dichter Dr. Abdullah Bey und ein paar Malern und Musikern. Ich glaube – im Grunde leben wir – ich meine » wir«, die wir uns verwandt fühlen – alle ziemlich gleich. Auch ich habe mich viel verschwendet ans Leben – nur jenes letzte Überfließen fehlt mir: der Rausch. Ein bißchen bleibe ich immer nüchtern – ein Ding, das mir Georg Busse Palma, das größte Sumpfhuhn unserer Tage, nie verzeihen konnte. Ich glaube, ich werde es auch kaum mehr lernen, denn die Fähigkeit zur Gründlichkeit in allen Dingen wird mir von Tag zu Tag fremder: Würden mir die neuen Gedichte nicht wertvoller, als die ein bißchen wäßrigen und allzu glatten »Silbernen Saiten«, so glaubte ich, daß ich mich verflache.

Und dabei muß ich Wissenschaft treiben! Und ich arbeite jetzt wie ein Rasender, um nächstes Jahr den Doctor philosophiae hinter mich zu werfen, wie einen lästigen Kleiderfetzen. Es ist dies wohl die einzige Sache, die ich meinen Eltern zuliebe tue und dem eignen Ich zu Trotz. Ich fühle mich ganz zermalmt von dem vielen Büffeln, das nur von wilden Nächten ab und zu durchkreuzt wird, nie von Erholung und Befreiung – hoffentlich setze ich's zu Hause durch, daß man mich zu Ostern auf 10 Tage nach Italien läßt. Ich habe Italienisch gelernt, und mich hungert mit einem Male nach Leonardos Bildern, von denen ich weiß, daß ich sie lieben werde, wiewohl ich sie nur aus Nachbildungen bisher kenne.

Ein Brief von Ihnen, werter Herr Hesse, wird mich sehr erfreuen; je früher, je lieber. Und daß mich graue Stimmung nicht früher Dank sagen ließ für Ihre Zeilen, verübeln Sie doch nicht Ihrem herzlich grüßenden

Stefan Zweig

 

An Hermann Hesse

1. XI. 1903

Lieber Herr Hesse, ich schreibe Ihnen aus großer Freude. Complimente zu machen, habe ich nicht nötig, aber wie wunderbar schön, wie hinreißend sind die drei ersten Capitel Ihres Buches, das ich bewegten Herzens, sehnsüchtig, aber neidlos gelesen habe. Es ist so deutsch, so echt und gut; ich freue mich heute schon auf den lauten und hellen Fanfarenstoß, den ich ihm vorausschicken will, sobald es erscheint, denn mag Mitte und Ende auch sinken, das Buch darf schon um des Anfangs willen nicht untergehen.

Sie sind, lieber und verehrter Herr Hesse, zu bescheiden und zu mutlos. Oder sollten Sie zu anspruchsvoll sein? Sie haben dreißig meisterliche Gedichte geschrieben, die viel Beifall fanden, allerdings nicht genügend – ich habe das jüngst im »Magazin für Literatur« öffentlich auch betont –, und sind nicht zufrieden allein damit, daß Sie sie geschaffen haben? Ist es Ihnen nicht mehr, wenn Ihnen ein paar sagen – zu denen ich auch zähle –, Hermann Hesse ist heute einer der Ersten in Deutschland, ein Junger und Großer, mehr Dichter als Holz und Bierbaum und Schaukal und Otto Ernst und alle, die heute mit klappernden Glockenschwengeln ins Land geläutet werden. Sind das nicht auch Erfolge, wenn Fischer einen Roman acceptiert? Ich wollte ich wäre schon so weit! Wollen Sie materielle Erfolge? Auch diese werden nicht ausbleiben, denn Ihre Bücher werben Freunde; die Gabe, die Sie mir mit Ihren Werken gespendet haben, hat schon vierfache Zinsen getragen, hat Ihnen vier Exemplare abgesetzt und achtfache, zwanzigfache Bewunderung und Verehrung gebracht. Ich weiß Freunde, die Verse von Ihnen auswendig können – ich kann auch nicht wenige – und sie recitieren, wenn man von guten Werken spricht. Ich glaube, Sie sitzen zu sehr im Schwarzwald, um das alles zu wissen. Aber bleiben Sie nur dort und schreiben Sie uns ein neues Buch – ich brauche nicht zu sagen – ein gutes. – Was soll ich Ihnen nun von mir armem Knaben erzählen, der an elterlicher Eitelkeit krankt, einen Doktorhut zu tragen? In der Bretagne, auf der lieben stillen Insel, auf die ich mich verkrochen hatte, um zu arbeiten, habe ich eine sensitive, allzu artistische Novelle geschaffen, die meinen Band complettiert. Seitdem übersetze ich nur ab und zu ein Gedicht von Emile Verhaeren – dem großen belgisch-französischen Dichter. Das gibt auch wieder ein Buch. Aber ich habe gar keine Sehnsüchte, Papier mit eigenem Unfug blätternd in den Händen zu halten; ich wollte, ich wäre wieder in meinem braunen schlanken Segelboot auf Ile Bréhat und steuerte in die Welt, wo ich sie nicht ahnte und kannte. Oder in Paris bei den schönen Frauen, die mich so verzärtelt haben, daß ich hier von Abenteuer zu Abenteuer mit unwilligen Schritten gehe, freudlos und gelangweilt, ohne es mir zu gestehen. Ich verträume mehr und mehr. Das Schaffen wird mir Qual gegenüber dem reinen altindischen Genuß, nicht mehr schöpferisch die Bilder zu gruppieren, sondern sie wahllos und ohne Logik zueinander wandeln zu lassen wie im Traum. Ein – zwei Gedichte habe ich in sechs Monaten geschaffen, der sonst in sechs Tagen soviel schrieb. Aber ich will nicht klagen: vielleicht haben auch diese Wege ein Ziel. Ich will nicht hoffärtig sein.

Erzählen Sie mir, lieber Herr Hesse, von Ihrem Leben dort oben im Schwarzwald. Und nehmen Sie es nicht zu genau mit den Briefen: in der Stille schreibt man leichter, und ein Großstädter

thut eigentlich etwas ganz Altväterisches, wenn er ausführlich wird. Nichtsdestoweniger bin ichs Ihnen gegenüber gerne.

Ein Bild von Ihnen hätte ich gerne und würde es Ihnen mit gleicher Gabe erwidern. Seien Sie mir herzlich gegrüßt von Ihrem

Stefan Zweig

 

An Hermann Hesse

Wien, 20. September 1904

Glauben Sie mir es, lieber Herr Hesse, daß ich mich über Ihren lieben Brief fast mehr geärgert als gefreut habe? Nicht wegen des Portraits: das ist eine kleine dumme Geschichte, mit der ich Ihnen eine Freude zu machen hoffte. (Ihren Widerstand werden Sie übrigens bald dem wachsenden Ruhme opfern müssen, denn die »Woche« läßt sich keinen entgehen, den der Lorbeer auch nur streifte.) Selbstverständlich bleibts unediert. Ein ganz Anderes hat mich verdrossen. Verzeihen Sie mir – ich bin kein Berechner und wäre ein höchst übler Geschäftsmann –, aber ich hatte mir, freudig berührt von den angezeigten 10 000 Exemplaren eine Summe von ebensoviel Mark für Sie herausgerechnet. Und nun schreiben Sie mir ganz stolz von 2 500. Lieber Herr Hesse, Sie haben jetzt eine Frau – ich hoffe, bald auch noch mehr –, und da dürfen Sie sich nicht so von einem Verleger begaunern lassen, dürfen sich nicht so ganz in eine Bescheidenheit hüllen, die Ihnen zu Gesicht steht wie ein Armesündergewand. Sie sind Deutschland heute sehr viel, und jeder Verleger wäre glücklich, Ihr nächstes Buch sein eigen zu nennen. Glauben Sie mir, der dies aus einer weiteren Perspective sieht wie Sie in Ihrem lieben kleinen Nest Gaienhofen. Und folgen Sie mir: stellen Sie Bedingungen, die Ihnen selbst phantastisch klingen. Sie werden sehen, wie sie rückhaltslos acceptiert werden.

Aber jetzt lassen wir die Fastnachtspredigt: Ich will Ihnen was andres sagen. Ich kann's aber nicht recht: Sie würden es besser spüren, wenn ich Ihnen die Hand schüttelte. Seit Jahr und Tag hab ich nichts gelesen, das mich so sehr ergriffen hätte, so mit linder Hand ans Herz gerührt, daß die Tränen abschmelzen wollten, nichts selbst im »Peter Camenzind« hat mich so gerührt, wie die eine Fortsetzung der »Marmorsäge«, die ich heute las. Die Schilderung der Unruhe vor der Klärung der Gefühle, dieses In-die-Nacht-Wanderns haben Sie in einer gesegneten Stunde geschrieben. Wie sehnlich warte ich jetzt auf den Schluß, weil ich weiß, wie meisterlich Sie Accorde ausrauschen lassen. Ich wünsche Ihnen viele so schöner Stunden, wie Sie sie mir mit dieser Novelle gegeben.

Nun hab' ich eine Angst gekriegt: in einem Monat wollt ich Ihnen meinen Band Novellen in die Hände legen, und nun habe ich gerade bei Ihnen die Angst, Sie möchten mich mißachten, weil die Dinger noch nicht ganz flügge sind und die Eierschalen der ersten Jugend noch nicht ganz abschüttelten. Aber Sie werden hoffentlich doch sich hie und da was auszugraben wissen, das nicht verdient, weggeworfen zu werden.

Ihr stilles Leben neide ich Ihnen fast. Um so mehr als ich für dieses Jahr gerade ins Brausendste hinein will: nach Paris, wohin mich viel lockt und irgendein ungestümer Drang hinlenkt. Im Frühjahr will ich das Geld für meine Doktorsreise verpatzen: zuerst nach Südspanien und die Balearen im März, um dann mit dem Frühling, diesem holden Geleiter zusammen, nach Norden zu flanieren, gegen die Pyrenäen zu, und dann in die Provence hinein bis zur lieben Bretagne empor, der ich schon einen schönen Sommer schulde. Ein wenig Arbeit wird sich ja von selbst einstellen. Mir war's ja leider nie gegeben, längere Zeit ganz müßig zu sein. Jetzt hatte ich ein Trauerspiel in Versen (einaktig) im Brouillon fertig: ich kann mich aber nicht mehr mit ihm befreunden, seitdem es eine definitive Form hat. So will ich's entweder um zweier sehr heroischer Scenen willen umschaffen oder paar Jahre lang Schreibtischstaub schlucken lassen. Vielleicht kriegts dadurch neue Kraft. Grüßen Sie mir recht herzlich alles was Ihnen lieb ist in Ihrer kleinen Welt, verzeihen Sie mir meine Einmischung in Ihre Verlegeraffairen, und, bitte, vergessen Sie nicht, daß ein Brief von Ihnen mir immer eine frohe Stunde bereitet. Ihr herzlichst und getreulichst ergebener

Stefan Zweig

 

An Hermann Hesse

5, rue Victor Massé, Paris
21. Nov. 1904

Lieber Herr Hesse, Das »Litterarische Echo«, in dem ich Ihre lieben Worte lese, erinnert mich daran, daß ich Ihnen mit meinem herzlichsten Dank zugleich auch einen Brief schulde. Nun kennen Sie ja selbst Paris – wenn Sie es auch nicht lieben, wissen Sie doch, wie sehr es einen von allen Seiten gefangennimmt. Ich habe eine sehr hübsche Wohnung gefunden, die in einen Garten hineinzielt und so still ist, als läge sie, von endlosen Wiesen umzirkt, mitten im Lande. Das macht mich nun sehr froh, daß ich des öfteren still bei mir sein kann und mich nach meiner Art vergnügen: Bekannte habe ich hier, wenn ich sie will, und das ist mir lieb. Holzamer, den ich schon lange kenne, habe ich sehr gern; ein paar Wiener, ein paar junge Franzosen kenne ich, und wenn Verhaeren kommt, so habe ich einen wertvollen und gütigen Gefährten.

Meinen »Verlaine« habe ich hier mit Lust begonnen, in Hast vor meinem wachsenden Unmut vollendet: ich will mich nie und nimmer mehr binden und verpflichten. Das zerstört einem das Schönste, die willige Freude des Schaffens.

Bei Ihnen scheinen ja jetzt frohe Tage zu sein. Der Bauernfeld-Preis hat mich sehr gefreut – um so mehr als unsere Wiener Herren sonst ein wenig dickköpfig sind. Und Weihnachten streut unseren lieben »Peter Camenzind« – den ich bei Bernus jüngst sogar angedichtet fand – sicher in alle Welt. Hoffentlich sind auch alle andern Sorgen beim Teufel und Sie leben wohlgemut und schaffensfroh.

Vergessen Sie mich aber, lieber Herr Hesse, nicht ganz. Erzählen Sie mir einmal, ob wir Neues von Ihnen erhoffen dürfen oder ob Sie brachliegen für die kommenden Jahre der Ernten. Ich freue mich immer so sehr darüber. Gerne hätte ich einen Abstecher zu Ihnen gemacht – zwei Stunden war ich weit –, als ich nach Paris fuhr, da Sie mir aber schrieben, Ihre Frau sei nicht gesund, hütete ich mich wohl, Sie zu verständigen und von Ihrem Heim fortzulocken. Ich hab schon das Vertrauen, daß wir uns einmal finden werden, und ich will Ihnen da gern ein paar Kilometer entgegengehn.

Und das Reisen? Haben Sie es verlernt? Ich nicht, wahrhaftig nicht, ich habe so eine Unrast überallhin zu fahren, alles zu sehen und zu genießen, habe Angst vor dem Alter, daß ich dies – meinen liebsten Besitz – einmal verlieren könnte in Mattigkeit und Faulheit. Im März geht es nach Spanien – es muß dies das schönste Land Europas sein, ich fühle das. Kommen Sie mit: Sie wären ein Reisegefährte! Ich weiß nicht: immer wenn ich mir Spanien vor mich hin sage, spüre ich's wie einen Ruck. Ich freu mich so darauf; schon studiere ich spaniolisch. Nun noch herzliche Grüße, von denen Sie aber Ihrer Frau auch ein paar abgeben müssen. Ihr in Ergebenheit und Freundschaft getreuer

Stefan Zweig

 

An Hermann Hesse

Wien, 17. Oktober 1905

Lieber und verehrter Herr Hesse, ich bin nun wieder heim. Und als ich so kam, wühlte ich mir aus den Büchern, die meinen Schreibtisch belagerten, sogleich Ihren neuen Roman heraus. Und nun hab ich ihn gelesen.

Viele Worte darüber werden ja in diesen Tagen in Ihr stilles Haus gesegelt kommen: gedruckte und geschriebene. Lassen Sie mich doch darum sagen, wie ich es empfunden habe. Empfindung ist nicht Kritik, so darf ich sie sagen und muß nicht vergleichen (wie es ja alle Leute mit dem »Camenzind« tun werden).

Ich liebe sehr diese tiefe und mit so wunderbarer Kunst erzählte Geschichte um ihrer Menschlichkeit willen. Es stehen Dinge darin, die ich selbst in meiner Knabenzeit empfunden hatte und dann wieder verloren: und mit dem Buch dämmerten mir alte Stunden herauf, jene herb-süßen, von denen man nie wußte, daß sie unser schönstes sind. Das haben Sie so hinreißend geschildert, daß ich dankbar über die Ferne Ihre lieben Hände fasse. Und dann die zwei Liebesscenen: die stehen nun wie eigene Geschehnisse in meinem Leben.

Ist das nicht Unsägliches? Kann ein Dichter mehr tun? Kaum. Ich weiß: ich habe einige Einwände gegen einzelnes der Composition (wir sind alle zu literarisch geschult, um so etwas nicht herauszuschmecken), aber das verlischt alles in dem überwältigenden Eindruck, den mir die Seele des Buches gegeben hat. Ich wollte, alle hätten darüber ihre Freude wie ich. Leider glaube ich nicht daran. Sie werden vielleicht Häßliches zu hören bekommen: es gibt der Leute zu Deutschland genug, die keinem Lebenden zehn Auflagen verzeihen. Werten Sie alles Mißliche, so freuen Sie sich der Begeisterung, die Ihnen wieder fühlen lassen wird, wieviel Sie Deutschland sind und – angeln Sie glücklich. Ich weiß, das ist Ihnen wichtiger.

Ich weiß nicht, ob ich über das Buch schreibe. Ich glaube, man kommt heute überall schon zu spät. Sie sind ja »actuell«. Aber das macht nichts: später oder früher will ich ja doch das, was ich Ihnen durch Ihre Bücher danke, in runder geeinter Form einmal fassen.

Also Glückwunsch ins Haus. Und viele Grüße an Ihre Frau und Sie von Ihrem freundschaftlich getreuen und ergebenen

Stefan Zweig

 

An Hugo von Hofmannsthal

VIII. Kochgasse 8
Wien, 24. Juni 1907

Sehr verehrter Herr von Hofmannsthal,

lassen Sie mich Ihnen auf das innigste für Ihre freundlichen Worte Dank sagen. Mir ist Keines Urteil in Deutschland wertvoller und wichtiger als das Ihre, und ich freue mich sehr der Gelegenheit, Ihnen das heute schreiben zu dürfen, ohne der Aufdringlichkeit verdächtig zu sein. Verzeihen Sie mir, wenn ich bislang die primitivste Pflicht der Höflichkeit versäumte, Ihnen meine Bücher zu senden, wozu mich meine von Jahr zu Jahr tiefer bewußte und begründete Verehrung drängte; Ihr gütiger Brief von heute wird mir in Hinkunft gestatten, was mir bislang das unbestimmte Gefühl einer Besorgnis verwehrte, Ihnen lästig oder unwillkommen zu erscheinen.

In aufrichtiger Verehrung Ihr ergebener
Stefan Zweig

 

An Hugo von Hofmannsthal

VIII. Kochgasse 8
Wien, 16.11.1908

Sehr verehrter Herr von Hofmannsthal,

ich danke Ihnen innigst für Ihr schönes Geschenk, das mir doppelt wertvoll ist: als Gedicht und als gütiges Zeichen freundlicher Gesinnung. Einmal hatte ich schon die Feder angesetzt, Ihnen zu schreiben; mir fiel nämlich ein, daß Sie vielleicht Spoelbergh van Loevenjouls interessantes Buch »Histoire des œuvres de Balzac« nicht kennen, das ich mir eben aus Paris verschrieb und das den Ihnen vielleicht unbekannten Plan der ganzen Comédie humaine enthält, die Aufzählung der ungeschriebenen Romane (Moscou, La plaine de Wagram etc.). Sollten Sie es wünschen, so schicke ich's Ihnen sofort, wie ich's in Händen habe. Mein Aufsatz ist ja nicht so wichtig wie der Ihre, beschränkt sich übrigens ganz auf einen Versuch der Philosophie Balzac's und ich plage mich eben um einen Titel, diese Einschränkung entschuldigend zu vermerken. Zu einem Vortrag, den ich nächste Woche über Balzac halte, will ich mir Ihre Gegenwart gar nicht erbitten: er wird nur in weitesten Linien die Fülle des Themas zu umgreifen suchen, um in Wien das Interesse für die neuen Ausgaben wachzurütteln. Haben Sie Ihren Essay schon abgeschlossen oder kennen Sie schon Spoelbergh's Buch, dann fällt alles, was ich heute zu Ihnen sagen wollte, zusammen in das Wort: herzlichen Dank. Das und noch viele ergebene Empfehlungen in Verehrung getreu!

Stefan Zweig

 

An Richard Dehmel

VIII. Kochgasse 8
Wien, 30. Oct. 09

Sehr verehrter Herr Dehmel, ich habe ein großes Buch über Emile Verhaeren geschrieben, das nicht nur im Insel-Verlag in deutscher Sprache, sondern auch beim Mercure de France in einer Übertragung von Paul Morisse erscheint. In diesem Buche ist Ihrer oft gedacht, auch zwei Strophen aus dem »Bergpsalm« citiert, die notwendigerweise übertragen werden mußten. Ich zweifle nicht, daß Sie der Tatsache der Übertragung zustimmen – »um Lebens oder Sterbens willen bitt' ich mir doch ein Wörtchen drüber aus«.

Dieses Buch ist ein Teil der dreibändigen deutschen Verhaeren-Ausgabe, die im Frühling erscheint. Damit schließe ich ein Jahr der Arbeit, die einzig Verhaeren galt, und wende mich Eigenem zu. Hoffentlich wird dies Eigene ebenso wichtig, als es die Durchsetzung Verhaerens in Deutschland gewesen ist. Ich warte ungeduldig auf Ihre neuen Werke, nun Sie die Fülle der Vergangenheit in definitive Form gebändigt haben. Warte in Ungeduld und Vertrauen.

In Verehrung treu Ihr ergebener
Stefan Zweig

 

An Hugo von Hofmannsthal

VIII. Kochgasse 8
Wien, 9. Nov. 1909

Sehr verehrter Herr von Hofmannsthal,

ich danke Ihnen vielmals für die wertvolle Gabe des »Hesperus«. Ich freue mich seit einem Jahre schon diesem Buch entgegen: es von Ihnen erhalten zu haben, macht es mir noch werter. Darf ich Ihnen ein Wort dazu sagen? Ich finde es so wundervoll, daß Sie, dessen Kunst doch so ganz allein und für sich besteht, dennoch hier in Gemeinsamkeit für eine neue Form der deutschen künstlerischen Cultur wirken wollen. Ich glaube es innerlich zu verstehen – in Worte läßt sich dies nicht ganz zwingen – was die geheime Absicht dieses Buches ist, das den meisten nur als eine gelegentliche und zufällige Vereinung erscheinen wird. Und ich bin überzeugt, daß diese Absicht eine erzieherisch-wertvolle ist, an der wir Jüngeren alle werden zu lernen haben, daß ihr Sinn von Jahr zu Jahr deutlicher und zwingender sich offenbaren wird; und daß wir im nächsten Jahrzehnt ihn schon als fruchtbar in unserer Literatur fühlen werden.

Ich hätte Ihnen gerne meinen Dank persönlich gesagt. Aber ich reise zu Vorlesungen nach Deutschland und hoffe nach meiner Rückkehr, Sie in Rodaun aufsuchen zu dürfen. Eine Gegengabe – der Versuch, durch die Darstellung und ausführliche Übertragung Verhaerens, in Deutschland eine neue Möglichkeit der lyrischen Form aufzuzeigen – bereitet sich vor und hofft bei Ihnen auf Ihr, allem Wichtigen und Neuen so bereitwilliges Interesse.

In inniger Verehrung ergeben
Stefan Zweig

 

An Richard Dehmel

VIII. Kochgasse 8
Wien, 13. 1.1910

Sehr verehrter Herr Dehmel,

Ich habe seit Tagen auf eine ganz reine und ruhige Stunde gewartet, um Ihnen für die Gabe der Bilder und des Buches danken zu können. Sie war schwer zu finden, diese Stunde: denn gerade jetzt, wo ich daran bin, die Verhaeren-Ausgabe abzuschließen, bin ich – je näher der Augenblick kommt, wo sie sich in ein Definitives verwandelt – immer unruhiger geworden, bossle und bessere, füge ein, werfe heraus: es ist wie die Eisenbahnnervosität vor der Abfahrt, wo man an kleine Sorgen viel Temperament und Zeit verschwendet. Im März sind hoffentlich alle drei Bände in Ihren Händen.

Ich bin sehr neugierig, wie Sie über das kritische Buch denken werden. Es ist mir wichtig zu wissen, wie Sie es werten: denn unter meinen Plänen steht ja seit Jahren auch derjenige, Ihr Werk einmal in einer runden Form zusammenzufassen. Nur ging es bei Verhaeren leichter: denn trotz aller Bewunderung gerade für seine jüngsten Werke glaube ich nicht, daß sich der Schwerpunkt seines Schaffens noch verschieben wird. Seine Rhythmik ist nicht mehr glutflüssig, sondern schon rein crystallisiert, sein Weltbild definitiv. Und damit ist mein Buch gewissermaßen in sich gerundet. Während ich bei Ihnen innerliche Verschiebungen und Wandlungen eben aus Ihrem Schweigen, aus der nur innerlich fortdauernden Art Ihres Schaffens

fühle. Ich bin so unendlich sicher, daß Sie selbst durch Ihr Wachstum alle Kreise, selbst die weitesten, die Ihnen liebevolle Betrachtung umlegen wird, zersprengen werden wie ein Baum seinen Eisenring, daß ich zu mutlos bin, jetzt ein Buch zu beginnen, bei dem ich fühle, daß es vom Gegenstand in ein oder fünf oder zehn Jahren, aber sicherlich bald, schon überwunden sein wird.

Ich habe das Feuilleton von Hans Kyser jüngst gelesen, das bei aller Bemühung nach neuen Worten statt nach neuen Werten mir sehr gefiel. Nur daß ich gerade bei Ihnen die enge gebannte Form des Essays einmal nicht mag: condensieren mag man Werke, die viel aussprechen, nicht aber die, in denen alle Werte der Kunst und der Weltbetrachtung in einem sehnsüchtigen Zustand des Gefühls und nicht des formulierten Gedankens ruhen. Um ein Weltgefühl zu erklären, muß man diese Welt erst aufbauen: und wenn's wirklich eine ist, so will sie Raum.

Ich bin jetzt menschlich sehr sicher geworden. Die große Verhaeren-Ausgabe – und hauptsächlich, daß ich sie rechtzeitig, vor dem großen Ruhm begann – gibt mir in meinen Augen das Ja zu meiner dichterischen und irdischen Existenz. Ich habe das Gefühl, nicht unnötig gewesen zu sein. Wächst es mir und den Wichtigen dann nochmals aus dem Eigenen empor, das ich nun schaffen will, so will ichs dankbar nehmen wie ein Geschenk.

Dies aber war meine Pflicht!

In inniger Treue Ihr ergebener
Stefan Zweig

 

An Romain Rolland

VIII. Kochgasse 8
Wien, 10.10.1914

Ich schreibe deutsch, weil Briefe ins Ausland einem eventuellen Einblick unterliegen.

Ich danke Ihnen vielmals, lieber verehrter Freund, für Ihren Gruß in dieser Zeit. Nie habe ich öfter und herzlicher an Sie gedacht als in diesen Tagen, nie mehr gefühlt, daß nur die Gerechtigkeit, die letzte Aufrichtigkeit uns einander wichtig machen kann. Und wie seltsam: wir haben beide fast zur gleichen Zeit von uns gesagt, wie wir gegen unsern Willen in die wilde Leidenschaftlichkeit geraten sind und ich finde in Ihren Worten (und Sie hoffentlich in den meinen nicht) nie das Wort Haß oder dessen Schatten nur. Als ich gestern las, Charles Peguy sei gefallen, hatte ich nur Trauer, nur Bestürzung in mir, nirgendwo stand in meinem Herzen seinem Namen das Wort beigemengt: Feind. Wie schade um den edlen reinen Menschen. Und wie viele hat die Welt in diesen Tagen verloren in denen der große Künstler, ein Beethoven vielleicht, ein Balzac, noch ganz eingefaltet war in der Frühe seines Todes. Nie wird Europa wissen, was es in diesen Schlachten verloren hat, die Totenlisten sind ja nur Namen.

Das ist ja hüben und drüben gleich: wie Sie so schön sagen, wir wollen unsern Schmerz nicht vergleichen. Ich will auch nicht mit Ihnen, lieber teurer Freund, öffentlich sprechen wie es so manche taten, als Ihr erster Brief erschien, den ich so ganz edel in seiner Absicht fand wie ich es von Ihnen erhoffte und – meiner Meinung nach – nur irrig in der Voraussetzung. Löwen ist nicht zerstört, seine Kunstdenkmäler, vor allen das Rathaus mit unsäglicher Mühe von den Offizieren mitten im Feuer gerettet worden, bis auf die Bibliothek: Ich habe darüber direkten Bericht, habe einen Plan gesehen, der die zerstörten Teile und die erhaltenen, aufzeigt. Wie viel Schuld die französische Presse hat, die in Friedenszeit in ihrer Gehässigkeit und Unwahrhaftigkeit schon keine Grenzen kannte und zweifellos meldete, man habe aus bloßer Rachsucht ein wenig zum Scherze Löwen in Brand gesetzt, kann ich nicht ermessen: jedenfalls weiß ich bestimmt, daß in Löwen außer jenem einen Gebäude kein Schade geschehen ist, auch die Bilder sind alle gerettet. Ich weiß dies von einem Freunde, der selbst bei dem (übrigens grauenhaften) Überfall dabei war und mir alle Details schrieb: aber ich hatte es auch unsern Zeitungen geglaubt. Ich weiß nicht, ob Sie jetzt deutsche Blätter sehen, aber ich finde sie von außerordentlicher Würde. Nirgends Tartarennachrichten, nirgends der Versuch die französische Nation zu verhöhnen oder deren Armee als eine sadistische Bande hinzustellen. Tut es Ihnen – aufrichtigst – nicht weh, Romain Rolland, in französischen Blättern lange Diskussionen über die Frage zu sehen, ob man deutsche Verwundete auch pflegen solle? Sind wir wirklich in Europa und in dem 20. Jahrhundert, wenn Clemenceau öffentlich ihre Vernachlässigung fordert? Das Blut friert mir in den Adern, wenn ich an die Hilflosen denke, die mit eiternden Wunden und zerrissenen Gliedern ohne Hilfe in Gehässigkeit verfaulen sollen. Ich glaube garnicht daran, daß ein Franzose diese Ratschläge befolgt, aber daß dies überhaupt diskutiert wird, Romain Rolland, öffentlich diskutiert, welche Schmach. Wo es Krieg gibt, müssen wir – ich schrieb es ja auch – meiner Meinung nach schweigen, aber die Verwundeten, die Kranken, die Gefangenen, das ist nicht Krieg mehr, das ist nur das Elend, das unendlich tragische menschliche Elend, das der Dichter zu verteidigen hat. Für die Verwundeten, für die Kranken erwarte ich ein Wort von Ihnen, denn wenn wir den anderen nicht helfen können, die töten und sich töten lassen müssen, wenn wir das Ungeheure der Tat nicht um eine kleine Stunde zurückhalten konnten, so sollten wir doch den Opfern beistehen und für die Hilflosen um Liebe werben. Ich habe hier in den Spitälern verwundete Russen mit einer Dame besucht, die ihre Sprache spricht, und gesehen wie beglückt die Armen sind, nur ihre Sprache zu hören und wie die Liebe gerade denen doppelt not tut, die in Feindesland liegen. Sie sind, Romain Rolland, selbst krank gewesen und wissen, daß Güte und Zartheit in solchen Stunden, da die Seele viel wacher ist durch ihres Körpers Leiden, ein unendliches Labsal ist, daß Feindlichkeit, selbst eine des Blickes bloß oder des Wortes, die Wunden heißer macht und die Qual verhundertfacht. Ich rufe Sie deshalb auf, nicht weil Sie mir Freund sind, sondern Sie, den Dichter, den Menschen: helfen Sie den Hilflosen. Mahnen Sie zur Güte gegen die Kranken und schlagen Sie jene elende Diskussion nieder, die Frankreich schändet. Sie werden mich genau so bereit wissen, in Deutschland für irgend etwas zu wirken, das der Menschlichkeit gilt – sprechen Sie zu den Frauen, wenn Sie wie ich der Meinung sind, daß im Kriege dem Nichtkämpfer das Schweigen ziemt, aber sprechen Sie, Romain Rolland, sprechen Sie.

Sie werden sich in Jahren fragen, wenn wir dieses Kriegs gedenken: was habe ich damals vollbracht? Und wenn Sie nur dies taten, daß ein Kranker in Feindesland ein Sandkorn Güte empfing, dürfen Sie von sich sagen: ich war nicht ganz nutzlos in jener Zeit! Walt Whitman ging als Soldat in den Krieg und wurde dort Krankenpfleger: nichts ist größer in seinem Leben als diese Wandlung, nichts schöner als seine Briefe aus jener Zeit. Mögen die andern Kriegslieder dichten, Sie, Romain Rolland, sollten zur Güte aufrufen, die Frauen vor allem, Sie sollten die deutschen Verwundeten schützen vor bösem Blick und hartem Wort! Erinnern Sie daran, daß Wunden ohnehin mehr schmerzen, wenn man verlassen in fremdem Land liegt statt auf heimischer Erde und daß der Kranke keinen Krieg mehr führt! Sparen Sie den Leidenden Qual und Ihrer Heimat eine Schande!

Von mir selbst will ich nichts schreiben: ich bin wie verstört von den Geschehnissen! Alles was ich mir an Arbeit vornahm ist unterbrochen, meine Nerven gehorchen mir nicht mehr. Ich habe viele Freunde im Feld, hüben und drüben – ob wohl Bazalgette, Mercereau, Guilbeaux nicht auch in Gefahr sind? – von meinen liebsten Menschen wie Verhaeren weiß ich kein Wort!!! Ihre Karte war mir eine Freude über alle Maßen, es lag etwas von Ferne darin ohne Feindlichkeit und für die Deutschen ist doch heute alles außer ihren eigenen Grenzen sonst Feind, die ganze Welt! Es ist eine furchtbare Zeit und sie fordert den ganzen Menschen von uns, um ihrer nicht unwürdig zu sein!

Leben Sie wohl, teurer verehrter Freund, ich bleibe immer in Treue

Ihr Stefan Zweig

 

An Romain Rolland

Baden bei Wien, 19. Oktober 1914

Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, teurer, verehrter Freund, für Ihre guten Worte. Es gibt Wenige, die so sehr unter dem Gegenwärtigen leiden, nur um der ungeheuren Gehässigkeit willen, die jetzt die Welt erfüllt. Ich bitte Sie mir unbedingtes Vertrauen zu schenken, daß ich alles tun werde, um mein Teil an einer wenigstens geistigen Versöhnung beizutragen. Schweigen und Gleichgültigkeit ist heute ein Verbrechen. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen noch oftmals werde schreiben können. Im nächsten Monat werde ich – obwohl längst militärfrei – noch einmal auf meine Tauglichkeit überprüft. Es wäre für mich ein Glück, ginge mein Wunsch in Erfüllung, dem Spitaldienst zugeteilt zu werden. Wunden zu heilen wäre mir tausendmal lieber als Wunden zu schlagen. Ich fühle daß ich da viel, im Felde wenig leisten könnte, weil man doch nur dort vollwertig ist, wo die Anstrengung auf der inneren Linie des Charakters liegt. Aber solange ich noch daheim bin, will ich mit meiner ganzen Energie wirken, diesen Kampf linder und ohne Bitterkeit zu machen. Und ich glaube, Ihre Anregung, es möchten nach Genf die Besten der Nationen zu einer Art moralischem Parlament sich versammeln, ist das Edelste und Notwendigste, was getan werden kann. Nur müssen es entscheidende Persönlichkeiten sein. (Ich selbst habe z. B., das Werk noch nicht getan, das mich berechtigt, für Deutschland oder Österreich zu sprechen). Gerhart Hauptmann für Deutschland, Bahr für uns, Eeden für Holland, Ellen Key für Schweden, Gorki für Rußland, Benedetto Croce für Italien, Verhaeren für Belgien, Carl Spitteler für die Schweiz, Sienkiewicz für Polen, Shaw oder Wells für England – es sind dies ja nur Vorschläge, aber ich glaube, es wäre zu erreichen. Nun meine Frage: möchten Sie nicht den Aufruf an die Dichter richten, ich bin bereit, Sie in Deutschland zu vertreten. Oder soll ich es als Ihre Anregung zuerst in Deutschland publizieren? Ich bin gewiß, Hauptmann folgt dem Rufe! Und wie vieles wäre zu tun? Ich denke an eine Art Zeitschrift, die dort von dem Comité allwöchentlich herausgegeben würde, die Lügen dementierte, bewiesene Grausamkeiten der Welt mitteilte, die alle Anregungen zur Humanität im Kriege, zur Linderung der unnötigen Not veröffentlichte. Wäre es nicht möglich z. B., daß man wie in den viel barbarischeren Kriegen von einst Offiziere und Soldaten gegen Ehrenwort austauschte? Daß man Civilpersonen nach neutralen Ländern reisen läßt und sie dort unter Verantwortung jener Regierungen bleiben? Ich habe es selbst gesehen: das Leiden der Soldaten ist gering gegen jenes der Angehörigen, die sich in fruchtlosen Worten verzehren, gegen das Entsetzen der Flüchtlinge, denen Haus und Heim zerstört ist. Auch wir haben hier Heimatlose aus Galizien, Frauen, die ihre Kinder auf der Flucht verloren haben, in Ostpreußen sind Tausende geflüchtet, als die Russen kamen, und ihre Erzählungen nach der Heimkehr sind entsetzlich. Wer sind wir, Romain Rolland, und wozu sind wir, wenn wir das Wort und die Macht, die uns durch das Wort gegeben ist, jetzt nicht gebrauchen? Ihr Vorschlag ist so edel und so schön: nun erfüllen Sie ihn auch. Vielleicht wird es nicht gelingen. Aber es muß gezeigt werden, daß nicht nur Nationalismus in der Welt ist. Wir alle haben zwar gebüßt, daß wir so an die Reife der Menschheit glaubten, ich wie Sie haben doch alle geglaubt, dieser Krieg werde verhindert werden können und nur darum haben wir ihn nicht genug bekämpft, als es noch Zeit war. Ich sehe manchmal die gute Bertha von Suttner vor mir, wie sie mir sagte: »Ich weiß, Ihr haltet mich alle für eine lächerliche Närrin. Gebe Gott, daß Ihr Recht behalten möget«.

Ja, Romain Rolland, es ist an der Zeit, zu wirken gegen die Gehässigkeit. Es geht nicht an, daß müßige Zeitungsschreiber Soldaten höhnen, die wochenlang auf nasser Erde liegen, täglich ihr Leben einsetzend, daß diese Schreibseelen dann noch die Armen verleumden. Ich glaube fest, daß noch viel zu tun ist, denn in Deutschland – glauben Sie es mir! – ist noch heute keine Gehässigkeit gegen Frankreich. Frankreich hat einen ungeheuern moralischen Triumph in diesem Kriege erlebt: die Sympathien der ganzen Welt sind ihm entgegengeströmt und was das Wunderbarste ist, Deutschland selbst hat eine Neigung zu seinem Gegner. Wir fühlen, daß hier gleich gegen gleich steht, Land gegen Land; jedes hat seine besten Menschen herausgestellt, seine heiligste Glut. Der ganze deutsche Haß geht gegen England, das Völker kauft wie Schlachtvieh, gegen das England, dessen Volk bei der Pfeife, am warmen Ofen sitzt und aus den Zeitungen den Krieg erfährt, den seine Söldner, die Hindus und Sikhs – im Namen des Rechts und der Menschenwürde natürlich! – führen. Gegen Frankreich ist nur die Waffe, nicht das Herz; es ist noch immer der deutsche Traum, ein Bündnis mit Frankreich zu haben, ihm Freund zu sein. Ich weiß ja, daß diese Liebe nur eine einseitige ist, aber man sollte sie deshalb nicht ableugnen. Und ich glaube, daß in den geistigen Dingen, die wir meinen, die Verständigung immer zwischen Frankreich und Deutschland am ehesten möglich ist. Wir sind doch das Herz Europas, Frankreich und Deutschland und es muß einmal geschehen, daß diese beiden Länder sich verstehen! Darum ist alles was die Beziehungen – bei Euch und bei uns – vergiftet, ein Verbrechen. Niemand weiß, wie dieser Krieg enden wird, aber ich weiß, es wird darnach ein Friede sein und diesen Frieden schon vorzubereiten ist die Aufgabe Aller, die jetzt nicht kämpfen. [...]

Das Bureau zur Ausforschung von Civilpersonen hat auf Österreich glücklicherweise keinen Bezug. Bei uns gibt es keine Concentrationslager, es ist, abgesehen von einzelnen Verdächtigen, niemand interniert. Zwischen Rußland und uns sind Austauschverhandlungen über weibliche Staatsbürger und Männer gewissen Alters im Zuge oder schon vollendet. In dieser Beziehung ist Österreich ungemein correct vorgegangen und ich kann Sie versichern, daß außer gegen einige Serben – von Ausländern niemand eingefordert ( polizeilich) wurde. Ich werde aber jedenfalls die Bildung eines Comités anregen, das Auskünfte jeder Art erteilt: was immer Sie, Romain Rolland, nur vorschlagen, wird eingeleitet werden. Ich bin glücklich, irgendwie in dieser Zeit tätig sein zu können: ich habe einiges hier in Wien mit Glück versucht. Aber unser großes, unser wahrhaftes Werk in dieser Stunde ist sicher nur das, diesen Krieg wenigstens im Geistigen weniger grausam zu machen und eine Versöhnung anzubahnen, die unbedingt nötig sein wird. Mir graut vor den kleinen Gehässigkeiten nach dem Kriege fast mehr, als vor seiner jetzigen Wildheit, denn da ist Schönheit beigemengt, das andere aber nur häßliche kleinliche Gefühle. Ich schrieb es ja in meinem Abschied: »nie wird unsere Freundschaft, das Vertrauen in uns notwendiger sein als nach dem Kriege.« Leider strich man mir dort einen wichtigen Satz, ich schrieb, »ob wir siegen oder verlieren, haben wir gleiche Gefahr vor uns, Haß oder Hochmut und dann müssen wir auf beiden Seiten kämpfen gegen Beides.«

Ich grüße Sie innigst, verehrter Freund. Ich habe Sie nie meinem Leben und uns allen so notwendig empfunden als jetzt. Alle meine Wünsche gehen zu Ihnen hinüber und zu der großen leidenden Welt Europas, der wir gemeinsam und brüderlich gehören – trotz allem und allem!

Treulichst
Ihr Stefan Zweig

 

Bazalgette ist wohl auch bei der Armee! Wie oft denke ich an ihn und wie innig! Wenn sie ihm schreiben, sagen Sie ihm meinen Gruß! Mein Trost, wenn ich in den Kampf gestellt werde, ist, daß es wenigstens nicht gegen die Menschen geht, die mir seit einem Jahrzehnt lieb und vertraut sind! Und ich weiß viele, die jetzt gegen Brüder und Verwandte fechten müssen. Von Verhaeren weiß ich nichts, aber ich habe jetzt nach Brüssel geschrieben.

 

An Romain Rolland

23.10.1914

Sehr verehrter lieber Romain Rolland!

Ich habe bereits die ersten Schritte eingeleitet. In Deutschland habe ich mich an Walther Rathenau, den tüchtigsten und einflußreichsten Menschen gewandt, er wird mir bald antworten, ob die deutschen Listen übermittelt werden können. In Wien habe ich mit dem Roten Kreuz und andererseits mit den officiellen Stellen Fühlung genommen. Ein Freund von mir, der im Roten Kreuz tätig ist und vielfache Beziehungen hat, wird sich der Sache annehmen. Nötig wäre dazu: ein Brief vom Roten Kreuz in Genf, der officiell um die Listen der Civilgefangenen bittet und dafür die Gegenlisten verspricht. Dieser Brief müßte ganz officiell sein und nicht von Ihnen – denn, ich bin ganz aufrichtig, die nationale Reizbarkeit sieht in Ihnen seit dem Wort von »Attilas Söhnen« einen Gegner. Sie verstehen wohl selbst, daß in einer Zeit der Hypertrophie des nationalen Empfindens von einem Bekenntnis oft nur ein Wort zurückbleibt und gerade dieses Wort ist bei uns ein wenig geflügelt geworden. Ich werde sicher Gelegenheit nehmen, das aufzuklären, ich verstand Ihren Brief so wie er gemeint war, in seiner ganzen Schönheit. Aber an den officiellen Stellen sind Sie ein »Gegner« und es ist besser, die Action geht ganz ohne Ihren Namen, nur officiell vom Croix Rouge in Genf. Lassen Sie diesen officiellen Brief an Dr. Paul Zifferer Wien III Marokkanergasse 11 gehen, sagen Sie darin, daß ich ihn genannt hätte und entwickeln Sie darin ganz formell den Wunsch. Ich unterstütze selbstverständlich die Absicht an den geeigneten Stellen.

Die Frage ist nur, ob es solche Civilpersonen überhaupt noch gibt. Alle, die nicht Männer im militärischen Alter sind, durften bereits aus Österreich ungehindert auf neutrales Gebiet zurück. Vielleicht sind einige Personen als verdächtig interniert, ich glaube es aber nicht, zumindest keine Franzosen. Man hat hier in Österreich sehr milde die Ausländer behandelt, ungehindert setzen zum Beispiel manche Französinnen ihren Sprachunterricht fort. Es gibt also nur mehr Militärgefangene und für die ist, glaube ich, die Convention bereits in Kraft. Jedenfalls werde ich in einigen Tagen Präcises wissen und bei meinem Freunde ist die Action in guten Händen.

Verhaerens Schicksal geht mir natürlich sehr nahe. Ich habe nach Belgien um Auskunft geschrieben und falls ich von dort keine Nachricht bekomme, so werde ich öffentlich durch das Berliner Tageblatt nachfragen lassen. Ich vermute, daß er in Belgien geblieben ist: seine Art ist es nicht zu flüchten, wenn es das Schicksal seines Volkes gilt.

Ich denke noch immer an Ihren schönen Vorschlag, die besten Menschen der einzelnen Nationen in Genf zu versammeln, und habe heute durch Rathenau Hauptmann fragen lassen, wie er sich zum Gedanken verhielte. Es ist eine ganz unverbindliche Anfrage und ich bin beinahe sicher, daß Hauptmann den Sinn und die Notwendigkeit einer gemeinsamen Action erfaßt. Wie schön wäre eine Zeitschrift, die dort von Woche zu Woche die gemeinsame Meinung der Besten Europas der Welt übermittelte: es wäre ein Denkmal der Humanität für alle Zeiten, eine Insel des Friedens in diesem aufgewühlten Meere der Gehässigkeit. Auch von Ihnen wünschte ich jetzt schon, daß Sie eine Art öffentliches Tagebuch wie Dostojewski in dieser schweren Zeit führten und in billiger Broschürenform weiteren Kreisen zugänglich machten. Diese Zeit bedarf der Gerechtigkeit wie keine: jeder, der ihr dienen will, muß alle Zurückhaltung fallen lassen und seinem Wort möglichste Verbreitung zu sichern suchen. Wir alle, die wir den Frieden wollten, sind heute bestraft dafür, daß wir ihn nicht so laut forderten wie die andern den Krieg. Das sollte uns ein Zeichen sein!

In herzlicher Liebe und Verehrung Ihr getreuer

Stefan Zweig

 

Ich wäre gern persönlich nach Genf gekommen, wie gerne: aber ich bin militärpflichtig und habe deshalb die Pflicht, im Lande zu bleiben.

 

An Romain Rolland

21. 11. 1914

Mein lieber und verehrter Freund, ich danke Ihnen so sehr ich danken kann für Ihren wundervollen Brief. Wäre, als ich ihn empfing, noch Bitterkeit in mir gewesen, sie wäre entschwunden. Aber wunderbarer Weise hat eine Tatsache mich über Verhaerens Verse getröstet: die Gehässigkeit mancher Antworten in Deutschland. Erst beim Zurückschlagen wurde ich gewahr, wie unzerstörbar meine Liebe zu diesem herrlichen Menschen ist, der jetzt seit Jahren dem Schmerz entwöhnt war und schon ganz oben angelangt in den reinern Regionen der Gefühle, die nicht mehr den Schwankungen des Blutes unterliegen. Und nun mußte er noch einmal hinab ins Inferno des Hasses, er der sich längst schon entsühnt wähnte. Oh, ich ahne, was es ihn gekostet haben mag, gehässig zu sein. Nur die Form tat mir weh, die niedere Form der Schmähung! Könnte ich ihn sprechen, so würde ich ihm sagen, er möge darauf achten, wer ihm jetzt Beifall zollt: in der Literatur seine Feinde, die lachten, wenn man ihn Dichter nannte und seine Sprache schmähten, und auslands die Engländer, die nie seinen Namen, geschweige sein Werk gekannt. Sie kennen dies und jeder von uns, das heimliche Erschrecken, wenn mit einemmal Leute uns Beifall geben, die innerlich nicht ein Wort unserer seelischen Sprache verstehn: ich mustere mich dann immer mißtrauisch und mir ist, ich hätte etwas falsch getan. Vielleicht wählt ihn heute die Academie, die er bisher innerlich verspottete, vielleicht entdecken die Franzosen, daß er gar kein so übles Französisch schrieb und überhaupt von je ein großer europäischer Dichter war. Nur gedenken soll er, wo man ihn bisher haßte und liebte, für wen er schrieb und für wen er jetzt schreibt: und ich bin zufrieden. Nichts fürchte ich für ihn mehr als den Beifall der Boulevards: der ist heute billig und jeder Lügner heimst ihn ein.

Verstehen Sie nur dies, Sie Mitfühlender, wie sehr Verleumdung aus einem solchen Munde schmerzt. In Deutschland litten wir nur an dreier Menschen Wort: zuerst an Ihrem, an dem Maeterlincks und Verhaerens (auch Hodlers natürlich). Nur wenn jene sprachen, tat es weh, denn diese kannten Deutschland, die andern sprachen nur blinden Haß. Und verleumdet ist Deutschland in diesen Tagen worden. Sie haben mich, mein lieber teurer Freund, gewarnt, nur nach einer Seite zu hören und ich schwöre Ihnen, daß nichts meine Seele so erfüllt als gerecht zu sein und nur das zu bezeugen, was man selbst gesehn. Und ich bezeuge: in einer amerikanischen Tageszeitung ist im Oktober ein Essay erschienen, der in Riesenlettern die Aufschrift trug Vienna in Despair und als Beleg anführte Stefan Zweig writes und dann einen Artikel brachte, der das Infamste an Fälschung und Mystifikation war. Ich bezeuge dies und frage Sie, ob wir ganz Narren sind, wenn wir schreien, man verleumde uns. Nun habe ich es selbst erfahren. Und Manches, wie die »abgeschnittenen Kinderfüße« die man »oft« in deutschen Tornistern finde oder die Diebstähle des deutschen Kronprinzen – das darf ich stolz sagen, solche Niedertracht ist unsern Feinden in Deutschland nie angedichtet worden. Und diese Lügen springen mit den Telegrafenfunken rund um die Welt, eine elektrische Atmosphäre von Verleumdung umhaucht die ganze Erde. Wer kann ihnen nach, diesen Lügen? Selbst die Geschichte holt sie nicht mehr ein.

Ich sage Ihnen dies nur, um zu erklären, warum selbst ich, der ich meine innere Kraft zusammenraffe, um klar und gerecht zu bleiben, in manchen Sekunden vielleicht auch reizbar bin. Es ist die Bitterkeit der Vielen, die auch den Einzelnen faßt: Sie selbst werden in Paris ihr nicht ganz entgehen können oder schwerer zumindest als in der Schweiz. Meinen ganzen innern seelischen Besitz, – Begeisterungsfreude, Menschheitsliebe und Aufopferungsfähigkeit – diese Dreieinigkeit werde ich aber, ich weiß es, unversehrt in die neue Zeit hinüberretten. Auch ich werde Europa treu sein, allen Ländern und allen Menschen. Oh, ich bin schon so ungeduldig, an jedem Tage mehr, da irgend etwas in Trümmern stürzt, es wieder aufbauen zu helfen. Und wir müssen früh beginnen, Romain Rolland! In der ersten Stunde des Krieges war der Haß da und drängte alles fort: in der ersten Stunde des Friedens muß unsere Liebe werktätig zur Stelle sein.

Sie haben mir, Sie Gütiger, immer Liebe erzeigt. Nur weiß ich nicht, ob sie mir persönlich so galt wie sie überhaupt unbewußt aus Ihnen jedem entgegenströmt. Denn ich möchte Ihr Vertrauen zu mir auf eine Probe stellen, Ihnen einen Vorschlag unterbreiten, der der Gesinnung nach Ihnen nahe sein müßte. Ich weiß nur nicht, ob ich Ihnen genug vertrauenswürdig dazu bin. Ich glaube, wir müßten – und ich denke an Sie und mich – sofort nach dem Frieden, wem immer der Sieg zufällt, für zwei oder drei Jahre, aber nur die ersten Jahre, eine Zeitschrift gemeinsam in beiden Sprachen herausgeben, die »Versöhnung«, »Réconciliation« heißen sollte. Was mir von meinem Vermögen bleibt, will ich gerne dafür opfern und meine ganze Arbeitskraft. Es muß alles, was an Haß noch zwischen den Völkern ist, durch das Beispiel ihrer Besten sofort gesänftigt werden. Ich glaube im allgemeinen nicht an die Notwendigkeit von Zeitschriften, ich möchte auch nicht, daß diese einen Tag länger lebte, als sie nötig ist, nicht einen Tag! Aber ich weiß, daß sie nötig wäre in den ersten Monaten, hüben und drüben. Auf die Besten in Deutschland könnte ich zählen, daß sie mir helfen würden und Ihnen ist die Unterstützung aller Gerechten in Frankreich und in der Welt sicher.

Ich habe das Gefühl, daß in allen starkfühlenden Menschen unserer Zeit jetzt unendlich viel Niedergehaltenes ist. Und es wird vielleicht auch nachher keine Tribüne sein für das notwendigste Wort. Heute, nur heute, da der Kampf noch unentschieden ist, läßt sich die Grundlage zu einem solchen Werk legen. Ich wäre glücklich, meine Zeit, meine Fähigkeiten, mein Vermögen einem solchen heiligen Dienst opfern zu können: aber er müßte so gebaut sein, dieser Tempel der Versöhnung, daß sein First sichtbar sei in der ganzen Welt. Ich denke die Zeitschrift in beiden Sprachen mit Gastbeiträgen in englischer, italienischer und holländischer, denke mir die Schweiz als Erscheinungsort, zwischen den Staaten und inmitten der Freiheit. Ich fühle und fühle, nur Enthusiasmus und Selbstaufopferung kann wieder nahebringen, was jetzt die vielfache Gehässigkeit auseinandergestoßen hat: jetzt oder nie muß der europäische Gedanke hochgehalten werden. Vieles, das gesprochen sein will, findet nicht die Stelle und nur in Rede und Widerrede kann die ganze heilige Not aller derer sichtbar werden, die an der Entzweiung leiden. Ich fürchte keine Angriffe mehr, ich weiß, daß mein sicherstes Werk nicht das Eigene ist, sondern eine Fähigkeit zur Vereinung, eine Leidenschaft zur Güte und zur Versöhnung. Ich kann selbst in diesen Tagen niemals jemanden ganz hassen, wo die Welt in Flammen steht und im geheimsten ist mir, als könnte mir einmal die Macht noch werden, den Haß der andern zu mindern. Ich fühle so ganz, was Sie von den Forderungen der Hingabe und des Beispiels sagen und ich bin froh bereit, alle eigene Pläne auf Jahre wegzustellen für dieses Werk (so wie ich schon einmal zwei Jahre für die Tat hingegeben habe, die deutsche Welt für Verhaeren zu gewinnen – und ich habe sie gewonnen). Ich bin heute in dem Alter jener Entschlossenheit, wo man im Moralischen das kann, was man will, und fühle mich auch dieser Aufgabe, die ich Ihnen entwickelte, voll gewachsen. Ihre Hilfe wäre freilich unumgänglich, weil sie so erlauchte Bürgschaft Frankreich gegenüber ist, für die heilige und ernste Absicht dieser Tat. Die tatsächliche Arbeit will ich gerne auf mich nehmen – Ihr Werk ist wichtiger als das meine – aber Ihre Hilfe könnte ich nicht entbehren.

Die Stunde ist da und der Wille auch. Ich fühle den Ruf einer Tat. Mögen die andern nach dem Krieg jeder wieder eigensüchtig zu seiner Arbeit zurückkehren, ich fühle, daß erst dann die Arbeit für das Gemeinsame beginnt. Für lange ist dann noch keine Ruhe, denn ich fürchte, der Haß überlebt den Krieg, er wird nicht geringer, nur gemeiner nach seinem Ende. Ihn dann zu bekämpfen, wird dann unsere Kriegestat sein und zu ihr fühle ich den Mut so stark wie jene, die sich gegen die Kanonen werfen und unter hundert Entbehrungen vorwärtsgehen.

Ich wünsche Ihnen Kraft für die Abwehr jetzt in Paris: möge sich's nur nicht Ihnen mit Ekel vermengen, feindselig sein zu müssen gegen niedere Gesinnung und vergiftete Worte. Ich danke Ihnen mit mehr Liebe für jede Ihrer Taten als jene alle Haß haben. Und vielleicht ist dies Ihnen schon ein Geringes!

Treulichst ergeben
Ihr Stefan Zweig

 

An Romain Rolland

Wien, 23. III. 1915

Mein lieber und verehrter Freund, Ihren Brief vom 20. (Antwort auf meinen eiligen vom 17.) habe ich erhalten. Lassen Sie mich nun aus meinem Brief vom 12. März Eines noch wiederholen: den Dank. Sie haben mir viel geholfen in dieser Zeit. Nicht, daß ich umgefallen wäre und aufgerichtet werden müßte, aber gerade das Gleiche, was Sie sagten, habe ich empfunden, Einsamkeit und Widerstand, die eigene Wachheit schmerzlich im Taumel der andern. Ein Wort, ein einziges, kann da erlösen in dem Sinn wie ein Ton, ein einziger, eine Dissonanz auflöst; nichts als dies, das Bewußtsein, daß man in einer hohem Harmonie mit den teuersten Menschen ist, kann den beseligenden Umschwung des ganzen Gefühles bringen. Diese Zeit bindet ja enger, die Lauten schreien zusammen, die Leisen schweigen zusammen, aber es ist Bindung und Bruderschaft allen nötig, den Weisen wie den Toren. Jetzt einsam zu sein, wäre ärger wie jemals. Drum Dank, Dank für jedes Ihrer Worte!

Ich las Verhaerens Worte im »Temps« und den »Annales«, unsere Zeitungen haben sie reproduziert. Ich las die Stelle, wo er mich öffentlich verleugnet (»ich habe dort Freunde gehabt, jetzt sage ich mich von allen los«) und las sie ohne Schmerz. Wenn er wahrhaft so fühlt, daß er jeden einzelnen Menschen, der deutsche Sprache spricht, als seinen Feind empfindet, dann war die Beziehung zwischen ihm und mir ja gelöst nicht nur aus nationaler sondern auch aus menschlicher Dissonanz. Sie wissen, wie sehr ich ihn geliebt habe, – wie einen Vater, wie einen Meister – und doch kann ich jetzt nicht trauern, weil ich überhaupt nicht fähig bin, persönliches eigenes Leiden jetzt so stark zu empfinden in dieser Zeit des Mitleidens für Alle und mit Allen. Ich sage mir es immer wieder: Tausende Mütter verlieren ihre Kinder, tausende Kinder ihren Vater, darf ich da klagen, wenn dieser Krieg mir einen Freund nimmt? Ich habe innerlich redlich das Bewußtsein, nichts mit einem Wort, nichts mit einem Gedanken gegen ihn verschuldet zu haben und fühle mich darum frei in diesem Abschied und ohne jede Bitterkeit. Das Schicksal, persönlich für eine Rasse gehaßt zu werden, hat mich mein jüdisches Blut seit Jahren lächelnd ertragen gelehrt, ich werde es nun auch mit dem andern Sinn meines Wesens, als Deutscher, geruhig tragen. Und seltsam, gerade in der Vehemenz seiner Äußerungen – die jene der ärgsten Boulevardschreier an Unverstand übertrifft – spüre ich einen tiefen Schmerz, eine Verzweiflung, die ich ehre und achte, so sehr ich die Äußerungen selbst verächtlich finde (es kostet mich viel, bei meiner Ehrfurcht für ihn, das Wort niederzuschreiben). Ich sage Ihnen dies alles, mein lieber und verehrter Freund, aus innerem Bedürfnis und nicht etwa mit der geheimen Absicht, Sie möchten zwischen ihm und mir eine Verständigung suchen. Vielleicht wäre er geneigt, mir eine Ausnahmestellung zu bewilligen, aber ich lehne das ab, so wie ich als Jude immer Begnadigungen und Vergünstigungen ablehnte. Ich weiß nur, wenn er ehrlich bleibt (denn auch seine Leidenschaft jetzt ist ehrlich) so wird er später sich im Unrecht fühlen müssen: ich sicherlich nicht, weil ich geschwiegen habe. (So sehr man mich auch hier zur Antwort drängte. Aber ich lasse mich nicht drängen.)[...]

Sonst geht mein Leben hier ruhigen, ernsten Gang. Ich habe viel Arbeit zu tun, das ist gut. Ich sehe wenige Menschen und das ist auch gut. Nächstens sende ich Ihnen einen Artikel, den ich veröffentlichen will, er gilt dem Leiden der Polen und Juden: ich lasse ihn am Ostertage wahrscheinlich erscheinen. Pläne habe ich viele und viel Drang zur Arbeit, all das werde ich nachher tun und ich fühle mein Blut schon erregt im Vorgefühl all des Vielen, das zu tun sein wird. Ich zähle sehr auf Ihre Hilfe und Sie können auf mich zählen, was immer mir Ihr Wunsch auferlegen wird. Wie denken Sie über jenes Buch der menschlichen Documente aus dem Krieg? Es müßte auch geschaffen sein. Aber all das ist ja noch weit, jetzt müssen wir nur im Feuer der Tage die Seele ganz rein glühen lassen und ihr die Wärme geben, die dann Liebe schafft. Immer muß ich an den armen toten Van der Stappen denken, wie er mir Jahr um Jahr von dem großen Monument erzählt »La bonté éternelle « das er schaffen wollte als sein Lebenswerk und wie er mir klagte, er sei doch schon zu alt. In der Jugend schon müsse man beginnen, an diesem Denkmal zu bauen und Tag und Tag nur daran denken. Er ist gestorben, ohne es zu vollenden: das war mir immer eine Mahnung, keinen Tag zu verlieren. Auch wir sind Arbeiter an diesem ewigen Denkmal. Ich grüße Sie in Liebe und Treue!

Ihr Stefan Zweig

 

An Romain Rolland

23. VI. 15.

Mein lieber und verehrter Freund, ich will Ihnen heute ausführlich schreiben und aufrichtigst. Die Liebe, die ich für Sie und Ihr Werk fühle, darf nicht schweigen, wenn sie einmal sich wehren will. Ich glaube, auch der Geringste hat ein Recht, dem Besten entgegenzusprechen, wenn er diesen Besten im Irrtum sieht. Wenn wir beide uns schreiben, so ist es nicht um Politik zu treiben, nicht um einer den andern zu seinen Überzeugungen zu bekehren, sondern aufzuklären und gegenseitig uns falsche Leidenschaftlichkeit zu nehmen. Wir haben ja beide nur einen Willen, den zur Gerechtigkeit.

Ich habe Ihren Aufsatz »Le meurtre de l'élite« gelesen und finde: er ist ein Rückfall. Ich verstehe ganz Ihre edle, tiefe Absicht. Sie wollten den Franzosen den Haß gegen den einzelnen Deutschen nehmen, aber um überhaupt ihnen Zutrauen zu Ihrem Wort zu geben, haben Sie Concessionen gemacht, Sie haben den allgemeinen menschlichen Standpunkt, den Sie (wie herrlich!) sich erobert hatten, wieder aufgegeben und parteiisch gesprochen. Ihr Artikel ist nicht für die Welt geschrieben sondern für Franzosen, Sie haben die Wahrheit, die Sie ihnen vermitteln wollten – die edle schöne zwingende Wahrheit des Allmenschlichen unter allen Fahnen und Standarten – in ein buntes grelles Papier mit den Farben der Tricolore eingewickelt. Sie wissen, mein ganzer Wille geht nach Objektivität und, so wie ich jedem dankbar bin, der mir zeigt, wo ich mich vom Gefühl hinreißen ließ, so fordere ich es von jedem, der gleiches will, daß er die Gegenstimme willig hört.

Sie sagen zwei Dinge, Romain Rolland, dem Leser oder besser: dem Franzosen, die er gerne hört und die Sie nie erweisen können. Das erste: die deutsche Regierung habe den Krieg gewollt. Ich will nicht in Einzelheiten eingehen, sondern nur Sie an die Vernunftfrage erinnern: will ein Volk einen Krieg gegen die drei größten Staaten der Welt, kann eine Regierung in solchem Augenblick einen Krieg wollen? Und war Frankreich ganz friedliebend? Was lag in den Buchhandlungen seit Jahrzehnten? Schriften der Revanche und des Krieges! Ich glaube, Schuld auf einen Staat zu wälzen, ist einem Objektiven nicht gestattet und Sie dementieren sich selbst. Ihre eignen Worte in einem früheren Essay, wo Sie allen die Schuld gaben und keinem. Ich kann nur bezeugen, was ich erlebte. Wir in Österreich haben die panrussische Agitation gesehen, mit Augen gesehen und ich selbst habe in Paris dutzendemal (auch in der Kammer) die Revanche predigen gehört. Dennoch würde ich nie ein ganzes Volk, eine Regierung allein anschuldigen. – und das haben Sie, Romain Rolland, diesmal getan.

Und zweitens: Sie haben den Mut, die Begeisterung für die gerechte Sache in Frankreich der Disciplin in Deutschland gegenübergestellt. Auch das ist unrichtig. Das Hüben und Drüben ist nicht in Begriffe zu fassen und ein Volk, das zwei Millionen Kriegsfreiwillige gestellt hat, hat seine Begeisterung damit (und nicht zuletzt durch seine gigantische Leistung) gezeigt. Ich zweifle nicht an dem Elan in Frankreich, obwohl die fortgesetzten Parlamentsdebatten über Maßregeln gegen die »embusqués« ebenso ausgenutzt werden könnten wie ein Brief oder ein Gedicht eines Einzelnen, ich glaube, daß kein Volk auf Kosten eines andern gelobt werden solle. Es hat jedes ein Anrecht auf Ruhm schon allein durch sein Leiden, durch seine Toten.

Wozu also, Romain Rolland, dies Gegenüberstellen? Ist es nicht genug schon, daß die Völker sich in Waffen gegenüberstehen, müssen sie noch von den Besten in ihrem geistigen Sein gegeneinander gemessen werden? Ich wiederhole Ihnen, lieber verehrter Freund, daß ich den vornehmen Sinn, in dem der Essay geschrieben war, verstehe, aber Sie erzielen vielleicht eine Gegenwirkung, wenn Sie die Einzelnen gegen das ganze Deutschland stellen. Es wäre so, wie wenn man sagte: wie herrlich, wie gerecht ist Frankreich, es hat einen Menschen von der Objektivität Romain Rollands, der unter all den Millionen der einzig Vernünftige ist. Wäre Ihnen ein solches Lob nicht entsetzlich? Wäre Ihnen – aufrichtigst! – nicht lieber, man würde Ihr Tun und Schaffen mißachten und verneinen, während man das ganze Land, die einige Nation rühmt? Ich glaube, lieber verehrter Freund, man sollte nationale Massen-Psychologie jetzt lassen: der Elan ist nicht ein ebenmäßiges Gefühl, sondern ein sprunghaftes. Ich habe die Stimmungen hier und überall rapid wechseln sehn, im Einzelnen wie im Ganzen, und deshalb ist die Einzelmanifestation – ein Brief etwa – so authentisch sie ist, oft im höheren Sinn eine Fälschung, ein falsches Zeugnis. Und einzelne Briefe, aus Aufwallungen der Müdigkeit, des Hasses, oft rein physischer Ermattung geschrieben, bezeugen nichts und sollten in diesem Sinn von einem Gerechten nie verwertet werden. Ich glaube überhaupt, wir, die wir nicht inmitten der kämpfenden Armee stehen, sollten Uns jeder Urteile über ihre Fähigkeiten und ihren Geist enthalten, denn wir sind auf Impressionen Anderer angewiesen, von denen jeder nur durch seine eigenen Augen sieht.

Lieber verehrter Freund, ich glaubte Ihnen dies schreiben zu müssen. Sie haben mir viel, unendlich viel geholfen in dieser Zeit, mein inneres Gleichgewicht zu erhalten, – so muß ich gegen Sie dankbar sein durch Aufrichtigkeit und Ihnen sagen, wo Sie gegen Ihren eigenen innersten Willen nachgiebig geworden sind. Wir unterliegen alle jetzt, mehr als wir es wissen, Strömungen der Zeit und der Stunde, die uns von dem Ziel – Europa – oft gewaltsam wegtreiben. Aber wir müssen uns gegenseitig immer anrufen und die Richtung weisen, damit wir das Ziel nicht verlieren und beisammen bleiben in diesem unsichtbaren brüderlichen Verband der Weltliebe und Zuversicht. Ich hoffe Sie entgelten nicht diese aufrichtigen Worte Ihrem immer getreuen und in seiner Liebe unentwegtem

Stefan Zweig

 

An Romain Rolland

VIII. Kochgasse 8 Wien,
28. Juli 1915

Lieber verehrter Freund, ich komme eben aus Galizien, wo ich zu dienstlicher Reise hart bis an die Front kam und Unendliches gesehen habe. Ich kann Ihnen nichts Näheres schreiben, aber nur dies: daß jeder, der Urteile von ferne abgibt, aus Stuben und Redaktionen, ein Unwissender und selbst bei bester Absicht ein Ungerechter ist. Die Wahrheit duldet keine Zwischenträger, nur ins offene Auge strömt sie ein und jedes Wort, das geschriebene wie das gesprochene ist schon Verwandlung und Verfälschung. Ich habe viel gesehen, Niederdrückendes und Tröstendes – eine Nacht in einem Lazarettzug hat mir die Welt des Leidens noch weiter aufgetan als je. Und ich bin dem Geschick dankbar, das mich einmal nahe sein ließ und es mir leichter macht, gerecht zu sein.

Ihren Entschluß des Schweigens muß ich ehren, lieber teurer Freund, so sehr Ihre Stimme der Welt auch fehlen wird. Aber auch ich habe resigniert: das Mißverstehen ist jetzt stärker als der Wille zur Verständigung. Aber aus dem Felde bringe ich Ihnen die eine, die gewaltige Tröstung: nach dem Kriege wird anders gesprochen werden. Jetzt reden in den Zeitungen die, die fern geblieben sind, dann aber werden jene sprechen, die erlebt haben. Diese schweigen jetzt, aber sie sehen, sie dulden und sehen Leistung und Leiden des Gegners. Diese Menschen werden nachsichtig und gütig sein, die Blut strömen sahen. Tinte ist ein billiger Saft, sie läßt sich leicht verströmen. Darum hat mich ein Buch wie das Verhaerens »La Belgique sanglante« nicht tief getroffen. Ich bedauere es nur. Die Vorrede hat mich sogar ergriffen, sie ist eine Art Entschuldigung, sie schiebt das Buch von der Verantwortlichkeit gegen die Ewigkeit zurück in die Zeit. Aber wie peinlich, daß gleich der erste Satz des ganzen Buches eine Lüge ist. Der erste Satz: Kaiser Wilhelm habe geschworen, in Nancy, Calais, Paris einzuziehen. Nie hat (außer vielleicht in den Lügenfabriken des Matin) der Kaiser einen solchen Eid gesprochen. Es wird der große Ruhm Deutschlands in diesen Tagen sein, mehr geleistet als versprochen zu haben. Wie traurig nun, daß eine Unwahrheit – und einem jeden Menschen bewußte Unwahrheit – der erste Satz eines Buches von Verhaeren ist. Wie wird er es dereinst bedauern, daß er das Opfer von Zeitungslügen war, er, der die Zeitung und die Lüge einhellig haßte. Oh, ich habe selbst gesehen jetzt oben in Galizien, wie man siebenfach jedes Zeugnis von Flüchtlingen und angeblichen Augenzeugen wenden muß und vor allem dies, daß die Wahrheit in solchen Zeiten nicht flach auf der Hand liegt, sondern daß man sich zu ihr graben muß durch allen auf sie gehäuften Schutt von Lüge und Entstellung wie zu allen andern kostbaren Produkten der Erde. Man müßte allen, die jetzt für die Welt schreiben, Goldwaagen geben für jedes Wort, daß sie es abwägen und prüfen, ehe sie es weitergeben, damit die Menschheit nicht betrogen sei. Nie war es gefährlicher leichtfertig zu sein, für den Feldherrn, den Arzt, den Richter aber auch den Schriftsteller, als jetzt. Oh, Romain Rolland, wie habe ich draußen das alles gelernt. Drei Tage, drei Wochen in jener Welt sagen mehr als 1000 Bücher und Broschüren. [...]

Leben Sie wohl, lieber teurer Freund und senden Sie bald Botschaft Ihrem immer (und über allen Schein) getreuen

Stefan Zweig

 

An Hermann Hesse

9. November 15

Sehr verehrter lieber Herr Hesse, wundern Sie sich nicht, daß ich seit Jahren des Vorbeischweigens – ich lebte ja immer als Wanderer irgendwo in der Welt – zum ersten Mal mich plötzlich wieder an Sie wende, aber es ist mir Bedürfnis, Ihnen ein Wort der Dankbarkeit zu sagen. Seit den ersten Tagen des Krieges hat mich Ihre menschliche und dichterische Haltung sehr ergriffen, jedes Ihrer Worte, das ich fand inmitten der andern Stimmen, die mir wehtaten, innig berührt. Dann schrieb mir mein Freund Rolland, er sei Ihnen nah geworden, und wieder war es mir Freude. Aber all dies hätte mich, den Briefträger, kaum vermocht, Ihnen einen Gruß zu senden, hätte ich nicht an der Gehässigkeit jener Angriffe eine Einsamkeit gespürt, in die Zuruf und Bewunderung eine Pflicht ist. Ihr Aufsatz gestern wieder in der »Zeit« sagte wieder ganz mein Empfinden. Edel und schön haben Sie Ihres dichterischen Amts gewaltet. Tolstoi und Björnson, die beiden großen Stimmen des Gewissens, sind ja in diesen Tagen stumm, da mußte jeder einzelne eben gegen die Menge vortreten und wenigstens seine Seele retten und sich treu bleiben. Rolland hat mir durch sein moralisches Beispiel viel geholfen: er war mir die stärkste Mahnung zur Gerechtigkeit.

Auch für Ihren »Knulp« habe ich Ihnen zu danken. Ihre letzten Bücher scheinen mir wahrhaftig die schönsten. Darf ich offen zu Ihnen sprechen, so sag ich's, wie mir es schien: nach den ersten zwei Büchern war mir bei Ihnen ein leichtes Ermüden der dichterischen Imagination bemerkbar, oder es schien mir so. Vielleicht hatten Sie schwere Zeiten, ungünstige Verhältnisse gehemmt. Und manchmal – ich bin offen – bangte mir ganz leise, ob Ihr Weg sich nicht neige. Dann las ich wieder oft und oft einzelne Verse und empfing mit den letzten beiden Büchern den Eindruck einer innern Regeneration. Es ist Alles so durchseelt in Ihren letzten Büchern und so weltweit. Nie war so viel Horizont, so viel Reinheit und Fernblick in Ihrem Schaffen. Und so kam zur alten Liebe neue Bewunderung.

Gern legte ich dem Briefe heute als Dank ein Buch bei. Aber ich halte seit zwei, seit drei Jahren alles zurück, vor allem die neuen Gedichte. Einzig ein Buch über Dostojewski ist ganz fertig, in dem drei Jahre Arbeit und viel Liebe auf hundert Seiten zusammengepreßt sind. Ich glaube, Sie werden es, wenn es im Frieden – wann, oh wann – erscheint, schätzen können. Jetzt vermag ich für mich gar nichts zu tun, mein Militärdienst hält mich ganz. Monate währt das schon, einzig durch eine dreiwöchentliche Dienstreise durch ganz Galizien knapp hinter den Russen, farbig belebt. Übrigens erzählte mir Robert Michel von dem Versehen, daß Sie im Kriegspressequartier nicht sofort aufgenommen wurden: ich glaube, ich könnte das jede Stunde ordnen, falls Sie noch den Wunsch haben. Aber ich würde Ihnen nicht raten: man ist dort wochenlang nie allein, immer umringt, immer in Gespräch und Bewegung. Auch Bartsch kam von seiner Fahrt irgendwie verstört zurück. Aber ich schreibe da viel, und es wollte eigentlich nur ein Wort sein: Dank! Herzlichen Dank!

In alter Verehrung

Ihr Stefan Zweig

 

An Romain Rolland

8. Februar 1916

Lieber verehrter Freund, Ihren fünfzigsten Geburtstag habe ich in stillen, lebhaften Gedenken an Sie verbracht. Ursprünglich wollte ich öffentlich von Ihnen sprechen, aber ich fühlte mich gehemmt durch Rücksichtnahmen und mein Dank an Sie ist innerlich so stark und strömend, daß ich gerade an solchem Tage und in solcher Zeit ihn lieber in mich verschließen wollte, statt ihn gehemmt zu sagen. Ich habe so sehr den Sinn dieser Lebenswende für Sie, für Uns gespürt. Jetzt sind Sie den Lehrjahren entwachsen, nun kommen die der ernsten Meisterschaft. Nun müssen Sie Führer, Lehrer, Meister sein! Wie wundervoll sind Sie es gewesen schon, wie sehr hat die innere Autorität der Jahre, die äußere des Erfolgs Ihren Worten, Ihren Überzeugungen Kraft gegeben. Die ganze gesammelte Fülle einer ernsten Reihe von Jahren, mit einemmal war dies Fließende, (das Sie selbst manchmal vielleicht schon verflossen meinten) gleichsam in Crystall gebannt, unverletzlich rein und ich spürte, wie an dieser Makellosigkeit Ihres Wesens alle Angriffe zerschellten. Dieses eine Jahr war nur so schon möglich durch die dreißig der Arbeit, die Ihren Namen aufbauten und ihn Freunden und Schülern zum Wahrzeichen machten, zum Magnet, der ihren Willen zum ewigen Pole des Lebens wies.

Ich wollte Ihnen an jenem Tage schreiben. Ich konnte es nicht. Es war damals keine Stille um mich. Und ich kam zu Ihnen, wollte kommen mit dem besten Wunsch für Sie – mit einer Bitte. Einer Bitte, die vielleicht kindisch klingt, aber sie ist aufrichtig und die beste: altern Sie nicht, enttäuschen Sie mich nicht! Das Schmerzlichste, was ich erlebte, war in großen Menschen, die ich liebte und nahe kannte, die Haltung, das ethische Rückgrat sich beugen sehn, zu erleben, wie sie Diener des Geldes wurden, Knechte der Eitelkeit, Affen ihrer eigenen Gebärde; Sie sind groß und gütig und verstehen mich sicher richtig. Ich denke an Rodin, wie das Alter ihn weich gemacht und widerstandslos gegen Vieles, ich denke an Verhaeren, der mir das reinste Vorbild meiner besten Jahre war und den ich (noch vor dem Kriege) Concessionen machen sah der Gefälligkeit, der Schwäche, dem eigenen Spiegelbild (obwohl er innerlich immer für mich ein Herrlicher bleibt). Und ich denke an Flaubert und Tolstoi, die großen Einsamen, die erhaben blieben bis zur letzten Stunde, weil sie sich wehrten.

Sie sind jetzt, Romain Rolland, auf jenem hohen Grad des Ruhmes, wo der Wind scharf weht und die Tiefe geheimnisvoll verlockt. Ich weiß keinen Menschen, dessen ich so sicher wäre, daß er aufrecht bleiben will bis zuletzt, als Sie, und gerade darum spreche ich so offen zu Ihnen. Vielleicht wird sich nach dem Kriege Vieles um Sie sammeln wollen, Vieles Sie an die Spitze stellen wollen, vielleicht wird gerade das officielle Frankreich, das Sie heute verleugnet, nach Ihrem makellosen Namen Verlangen haben und ich bitte Sie heute – und bitte Sie für Jahre und Jahre – weigern Sie sich allem, was Sie nicht sind. Sie sind ein so notwendiges Beispiel eines unerschütterlichen Menschen in Unserer weich wesenhaften Welt, sind es so wunderbar in schwerster Zeit gewesen, daß Ihre Pflicht ist, es zu bleiben. So sehr ich Ihr Werk bewundere, noch mehr, noch einziger sind Sie uns als Persönlichkeit und mein Wunsch, meine innigste Bitte an Ihre kommenden Jahre ist, daß Sie es so bleiben mögen. Ich habe so gelitten, als ich den glühendsten Verkünder der menschlichen Güte, Verhaeren, im sechzigsten Jahr mit der Axt des Hasses den blühenden so schön gereiften Baum seines Werks niederschlagen sah, daß ich zu Ihnen, der aufrecht geblieben, wirklich wie ein Bittsteller komme, Sie wenigstens möchten sich und Ihr Werk immer so bewahren, wie Sie es uns zu lieben gelehrt haben.

Seltsam mag dies sein als Geburtstagswunsch zu einer Lebenswende. Aber ich weiß, zu wem ich rede und eben weil ich für Sie nicht fürchte, sage ich's offen und klar. Ich fürchte nur die geheime Verschwörung gegen jeden Künstler und Menschen, die der immer stärkere Erfolg mit dem immer schwächeren Gegenwillen des Alternden schließt. – ich weiß fast keinen Künstler Unserer Zeit, der nicht zum Teil dieser Doppelwirkung des Außen und Innen erlegen. Sie sind derjenige, von dem ich mir den stärksten Widerstand gegen dies gefährliche Gesetz der Natur erwarte – noch hab ich nie ein Zeichen der Schwäche in Ihrem Charakter gesehen und eben darum mahne ich Sie, es zu bleiben. Sie sind uns notwendig auf Jahre und Jahre als ebender, der Sie heute sind, bleiben Sie es Uns und denen, die hinter Uns kommen! Ich wünsche es Ihnen, wünsche es mir und der Zeit!

Nur dies wollte ich Ihnen heute sagen. Ein Wort ganz Ihnen und für Sie allein. Sonst fühlt man sich ja jetzt dem Einzelnen nichts zu, Alles löst sich in allgemeinen Leiden und Mitleiden. Ich weiß kein Wort mehr, das auszudrücken, was ich empfinde: immer unverständlicher wird mir das Geschehen von Tag zu Tag, immer mehr sehe ich's elementar, unbegreiflich, mystisch. Davon zu sprechen, es zu erklären, zu tadeln wird sinnlos – nur innen lernt man das Dulden ohne Hoffnung, die stille verhaltene Qual des ohnmächtigen Mitleidens. Der Tag Ihres einsamen Festes war frohe Ablenkung für mich: ich nahm den Jean Christoph und suchte Ihre Stimme daraus zu hören. Und ich hörte sie, wie durch Musik, manchmal und gedachte Ihrer sehr in Liebe und verehrender Freundschaft.

Treulichst

Ihr Stefan Zweig

 

An Richard Dehmel

VIII. Kochgasse 8
Wien, 11. September 1917

Sehr verehrter Herr Dehmel, aus innigstem Herzen Dank für Ihre Worte! Ich empfand und empfinde es bei Ihnen so wunderbar, daß Sie trotz eines halben Jahrhunderts Literatur so wenig das bloß Literarische beachten und jedem Werke immer im wesentlichen entgegentreten, es bei seinem Probleme fassen: und vor allem, daß Sie mit bereitem Herzen sich hinzugeben wissen. Es ist dies, was ich rühmend und dankbar sage, eigentlich existenzhaft notwendig für den großen Dichter, aber wie viele derer, die groß waren, sind eingefroren in der Starre ihres Ruhms, der Maske ihres Namens! Ich darf es Ihnen ohne Schamhaftigkeit sagen, daß Sie um dieser lebendigen Art, die Sie fast als Einziger jener Generation sich bewahrt haben, uns heute wie einst der wichtigste sind, weil Ihnen Problematik noch ins Blut dringt, eines Andern Anspannung Ihre Muskeln weckt und die Jugend sich von Ihnen noch immer am stärksten verstanden fühlt.

Ihre Worte waren mir sehr wichtig, und wie richtig Ihr Rat meine Absicht faßte, möge bezeugen, daß ich selbst die zwei Bilder, die Sie mir nannten, zur Ausschaltung bestimmt hatte. An eine vollkommene Bühnenerfüllung wage ich nicht zu denken: irgend etwas Festspielhaftes, Antikes schwebte mir dunkel vor, und ich wehrte mich eigentlich gegen meinen wachen Theaterinstinct. Messe ich dem Werke selbst Wert zu, so geschieht es vor allem, weil es gegen das Gesetz des Gefallens die Mischung des heroischen Dramas mit dem Liebesconflict geflissentlich vermied (Wallenstein scheint mir da die ewige Warnung einer Verschmierung tragischer Linie durch himmelblaue Ornamente) und wiederum gegen das Gesetz, aber gemäß der Idee des Alten Testaments, die Ekstase als höchste Triebkraft des Menschen gegen seinen Gott darstellt. Die Ekstase, den vulcanischen Urwillen des berufenen Menschen, nicht den irdischen, zweckstrebigen kleinen Willen des Kraftmenschen, der zu allen Dingen der Welt, aber nie zu Gott gelangt. Und daß Leid selbst die Wehmutter dieses großen Gefühls ist und ewig sein muß – nicht es erzeugend, aber ihm zum Durchbruch helfend –, dies habe ich erlebt, denn nur unter ungeheuerstem Druck, gequält vom stumpfesten Militärdienst, zerrissen in meinem europäischen Gefühl (dem 10 Jahre Arbeit und Aufbau in Stücke brachen), habe ich mich so zu steigern vermocht. Und der hier den Krieg um der Andern, um der Leidenden, der Gegeißelten, der Toten, der Witwen willen verflucht – um seiner selbst willen segnet er den Krieg. Ich weiß, was diese Prüfung mir war! Möge sie es Deutschland, möge sie es der ganzen Welt sein, dem gekreuzigten Europa! Ich danke Ihnen aus allen Tiefen meines Herzens!

Ihr getreuer Stefan Zweig

P.S. Ich freue mich so sehr auf Ihr neues Werk! Und viele Grüße Ihrer verehrten Frau Gemahlin!

 

An Emil Ludwig

Rüschlikon bei Zürich, Hotel Belvoir

Lieber Herr Ludwig,

28. IV. 1918

alle Freunde brachten mir Botschaft vom Regen im Tessin – so schob ich die beabsichtigte Reise [auf]. Nächste Woche gehe ich zu Freunden auf ein Gut in die Nähe Luzerns und, kann ich dann noch in der Schweiz bleiben, so komme ich gerne einmal hinüber, so schlecht die Verbindungen jetzt auch sind. Ich schätze neuerdings Ihre künstlerische Lebenskunst wieder: daß Sie Zürich und Bern, diese Schlangennester der Intrige, wo Propaganda, Revolutionsgelüste und Spionage sich schwisterlich verstricken, so sorgfältig meiden, zeigt klare Erkenntnis der Zeit. Ich selbst habe mich hierher gerettet, ganz abseits hin, fahre einmal in der Woche nach Zürich, nur Bücher zu holen, sonst lebe ich abgeschlossen und fühle mich erst frei, seit ich nicht mehr die Leute hier sehe, die, selbst verwirrt, in allen andern Verwirrung schaffen wollen.

In Wien liest dieser Tage Wüllner Ihre »Atalanta«. Schade, daß Sie, schade, daß ich es nicht höre! Aber freuen wir uns unseres Friedens! Viele Grüße Ihrer verehrten Frau und Ihnen von Ihrem getreu ergebenen

Stefan Zweig

Sollten Sie einmal nach Z. kommen, so wohnen Sie doch bei mir, 15 Minuten Bahn oder Schiff von der Stadt und ganz abseits von den Leuten!

 

An Herrmann Hesse

Rüschlikon, 12. August 1918

Lieber Herr Hesse, ich möchte Ihnen heute nur sagen, wie schön ich Ihren Aufsatz über die »Sprache« in der »Frankf. Zeitung« fand, wie klar in Ihnen alles ist und wie Sie Ihr Wort zu sagen wissen: ich liebe heute Ihre Kunst mehr als je.

Und Ihre ganze menschliche Art. Ihre Worte in der »Friedenswarte« waren so rein und klar. Ich sah, daß Clemenceaus Blatt oder die Leute, die seinen »Sieg« dort wollen, Sie angriffen – das macht Ihnen nur Ehre. Nie war unser Wort notwendiger als jetzt. Deutschland macht eine Gewissenskrise durch: die Hypnose ist verdampft, das Gefühl wird wieder wach, man fühlt das Leiden. Und dieser Monat August bedeutet eine Entscheidung. Jetzt wird der Friede geschaffen – oder erst in einem Jahr. Wir müssen alle Kräfte dafür einsetzen, daß er jetzt werde, nicht aus irgendeinem Patriotismus (obzwar für mich ein Fortkämpfen den rettungslosen Untergang der Centralmächte bedeutet), sondern aus der Verpflichtung gegen die Menschen. Ich hasse die Politik – aber wir müssen jetzt dem dienen, das über ihr ist, der Erhaltung des Lebens. So wenigstens fühle ich den Augenblick.

Ich bin ganz aufgewühlt von diesem Gefühl, daß Schicksal unermeßlich groß, jetzt hinter diesen Tagen steht. Schicksal für uns alle, für Kinder noch und Enkel. Und könnte ich das schreien, was ich fühle, es wäre besser für mich und die Zeit. Ihnen herzlich die Hand in treuer Verehrung.

Ihr Stefan Zweig

 

An Hermann Hesse

[undatiert; vermutlich Herbst 1918]

Lieber verehrter Herr Hesse,

Es ist nicht meine Art, Leute zu Leuten zu schicken und selbst Freunde zu Freunden. Aber ich möchte doch zu gerne, daß Sie meinen lieben Frans Masereel, den wunderbaren belgischen Zeichner und einen der edelsten, einfachsten Menschen, kennenlernen (sein »Image de la passion d'un homme« scheint mir eins der unvergänglichen Werke dieser Zeit). Er kann deutsch und liebt Ihre Werke sehr.

Montag kommt er für einige Stunden nach Bern, und zwar gegen 16 1/2 Uhr und bleibt bis 6 Uhr. Vielleicht schreiben Sie ihm ein Wort poste restante, wo er Sie in der Stadt oder sonst sehen kann.

Welche Wendung indes! Ich bin nicht so politisch vergiftet, um nicht unendliche Trauer zu fühlen vor so viel Leiden. Herzlichst

Ihr Stefan Zweig

 

An Emil Ludwig

Montreux, Hotel Breuer
21. /IX 1918

Lieber Freund, Ihr Brief, den Ihr Aufsatz in der N.N.Z. ergänzte, war mir sehr interessant. Aber wie gesagt, es ist Schicksal in diesem Zuspätkommen aller Ratschläge, so wie Schicksal in Grouchy's Verspätung von Waterloo war: für alle Generationen müßte erwiesen sein, was seit Napoleon eine Welt wieder vergessen, daß Hybris jedem Erfolge der Macht entwächst und ihren Schöpfer, die Macht, tötet. Die letzten Jahre Napoleons, die letzten Monate Ludendorffs sind das gleiche: Königsmacherei von Verwandten, Aufteilung von Ländern mit dem Lineal, Zertretung der öffentlichen Meinung, Verachtung der Psychologie aus Machtrausch. Das war es, was Napoleon, was Deutschland brach, diese Gleichgiltigkeit gegen jede Meinung im Erfolg, und wenn Sie den Vergleich ziehen, fällt er noch zu Napoleons Gunsten, denn sein Erfolg war gehärteter schon als der Ludendorffs, der in seinen besten Stunden noch immer Hoffnung war.

Was jetzt kommt, wird entsetzlich sein. In Deutschland kommt die Democratisierung zu spät: man stellt jetzt eilig die Socialisten vor die Kronen, was diese gehorsamst tun werden (oh, warum jappen die Menschen alle so nach Macht, nach fugitiver, freudloser Macht!?), und prompt werden alle Bedingungen erfüllt, die – gestern noch galten. Heute sind meinem Empfinden nach die Hohenzollern nicht zu retten mehr, nie werden die übermütig gewordenen Republikaner mit W[ilhelm] oder F[riedrich Wilhelm] verhandeln – aber man wird sie erst abtun, wenn die Entente schon die Faust um den Hals hält. Denn daß jetzt der Anfang vom Ende da ist, darüber gibt es für mich keinen Zweifel: die Erfolge sind überall zu einhellig, und in Deutschland hat man die Kraft so oft auf Siegfrieden gepeitscht, daß für den Verteidigungskampf kein neuer Elan mehr möglich ist. Immer hatten die Alldeutschen gerufen: der Wolf! der Wolf! Jetzt ist der Wolf wirklich da, nur man glaubt es drüben nicht mehr. Jetzt geht es auf Vernichtung, Beugung, Zerschmetterung. Und für mein Empfinden müßte man dem am ehesten jetzt ein Opfer hinwerfen, der am wenigsten von Volk und Land will: Amerika. Das begehrt Sturz des Königtums, Anerkennung der Schuld, Rückstellung Belgiens – habeat! Aber Sie werden sehen, daß die Hohenzollern lieber Elsaß und 6 Rheinprovinzen opfern werden wollen als ihren Thron. Und dazu hat Deutschland noch nicht die Entschlossenheit. Paris hat zwei Tage nach Sedan die Bonapartes expediert: Deutschland konnte in vier Jahren nicht das preußische Wahlrecht erzwingen, es wird keine Energie aufbringen als die der Verzweiflung. Ach, und das ist Alles schon geschrieben, göttlich prophetisch in des verlachten und verachteten Heinrich Heines Prosaschriften: sie zu lesen ist heute magisch. Wie hat er dies Volk gekannt und die andern und wie sie alle geliebt, dieser prachtvolle jüdische Europäer, trotz allem und allem unser Vater und Vorbild im Geiste! Warum haben wir ihn mißachtet, den »Journalisten«, warum ihn nicht genug gläubig gelesen? Er wußte uns mehr zu sagen als all die Wissenden von heute.

Lieber Freund, bereiten wir uns innerlich auf harte Zeit. Jetzt kommt der letzte Akt der Tragödie. Ich habe in meinem »Jeremias« das alles vor drei Jahren geschrieben und weiß es seit fünf Jahren, und doch, weiß ich, wird es an mir rütteln. Niemand kann jetzt helfen als das Volk! Als Zorn oder Wut, irgendein Elan. Die Vernunft ist tot. Graben wir uns ein in Arbeit, bis sie erwacht oder bis wir im Lebendigen wirken können. Ich bin Ihnen untreu geworden mit Locarno. Ich hatte doch Angst vor den vielen Literaten (ich kenne zuviel von früher!). Und hier in Montreux ist es herrlich, ich bin allein in meinem hohen Zimmer über dem See, habe manchmal ernste und ergriffene Gespräche mit Rolland und denke schon mit Grauen wieder nach Zürich zurückzukehren. Wann sehen wir uns? Bleiben Sie wirklich festgemauert in M.? Es ist vielleicht das Klügste! Herzlichst

Ihr Stefan Zweig

Mein neues Stück wird noch nächsten Monat in Hamburg oder Dresden uraufgeführt.

 

An Hermann Hesse

18. Okt. 1918

Lieber verehrter Hermann Hesse, ich muß Ihnen innig für das kleine Buch danken und für vieles sonst noch. Sie sind von all den Dichtern hier der Gefestigteste: in Ihnen ist irgend etwas, das nicht zu erschüttern ist, weil es viel tiefer wurzelt als in der Zeit. Ich verkenne nicht den Preis dieser Sicherung: unendlich viel Resignation auf äußeres Leben, Verzicht und Entsagung. Sie haben schwere Jahre hinter sich: ich spüre das so in Ihren Versen, die jetzt so voll sind, so reif und klar. Und ich weiß, Ihnen kann eigentlich nichts mehr geschehn.

Ich drücke das alles dumpf aus, aber ich glaube, Sie spüren schon, was ich meine. Ich hoffe auch bald drüben zu stehen, wo Sie sind, in jenem Jenseits, wo man nur bildhaft und spielhaft diese tolle Welt anblickt und jener andern gedenkt, die man um so viel lieber geträumt.

Ach, warum kann ich das alles nicht besser sagen, und spür es doch im Wehsten klar – mit jener Klarheit, die bei Ihnen jetzt schon ganz selbstverständlich im Wort, im Gedanken und Wesen ist. Sie wissen es selbst nicht, lieber Hermann Hesse, wie Sie reif geworden sind in den letzten Jahren. Ich weiß es und sage Ihnen: wenn Sie jetzt ein Buch schreiben werden, wird es ein ganz wundervolles sein. Es gibt ganz wenige Menschen, derer ich so sicher bin als Ihrer. Und ganz sicher keinen, dem ich dies so schamlos unbefangen sagen würde: denn nichts wäre verhängnisvoller, als käme jetzt, wo alles in Ihnen reif und klar ist, noch einmal Müdigkeit über Sie oder risse Sie die irrsinnige Zeit in den Wirbel hinein.

In herzlicher Verehrung

Ihr getreuer Stefan Zweig

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