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Briefe an Eltern und Freunde

Gerrit Engelke: Briefe an Eltern und Freunde - Kapitel 1
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authorGerrit Engelke
titleBriefe an Eltern und Freunde
publisherBüchergilde Gutenberg
editorHermann Blome
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An die Eltern

Hannover, 15. 6. 1912

Liebe Mutter!

Entschuldige bitte, daß ich nicht eher schrieb. Ich wollte nämlich bis zur Musterung warten, damit ich Euch endlich gewisse Nachricht geben konnte. Mittwoch, den 12. 6., war ich zur Generalmusterung und wurde angesetzt zu: Krankenwärter-Garnisonlazarett-Hannover. Soviel ich mir denken kann, wird es kein sehr schwerer Dienst sein. Ich kann mich also eigentlich nicht beklagen. Außerdem bleibe ich in Hannover. Wenn ich nicht gerade Handwerker gewesen wäre, dann hätten sie mich nicht genommen. Der eine Offizier meinte: Maler können wir eigentlich noch gebrauchen. – Maler werden ja beim Militär bekanntlich viel beschäftigt, man kann sich also vielleicht noch etwas nebenbei verdienen. Eingezogen werde ich wahrscheinlich: Ende September bis Mitte Oktober.

Du schreibst von Sparen; daran ist gar nicht zu denken. Ich hatte mir ja selber vorgenommen, etwas zu sparen, aber trotzdem ich immer sehr mäßig und solide gelebt habe, habe ich bis jetzt noch nichts zusammenkriegen können. Denn arbeitet man bei einem Meister, so geht es vier Wochen, fünf Wochen, höchstens sechs Wochen gut – und dann ist die Arbeit wieder zu Ende. Und dann muß nicht nur einer aufhören, sondern gleich ein halbes Dutzend. Danach meldet man sich wieder auf dem Arbeitsnachweis an – und kann in günstigsten Fällen in einer Woche, unter Umständen aber erst in zwei Wochen wieder Arbeit bekommen. Was man also sparen könnte, das geht in dieser Zeit natürlich wieder drauf. Man kommt mit der Miete in Rückstand, muß sich etwas anschaffen usw.

Wir hatten hier in der Pfingstzeit eine »Festspielwoche« vom Theater. Ich bin mehrmals hingewesen; es waren nämlich viele auswärtige Gäste, erste Sänger und Schauspieler hier, die man eben nicht jeden Tag zu sehen bekommt. Dies hat mich allerdings ziemlich viel gekostet (d. h. für meinen Geldbeutel »ziemlich viel«), aber es ist auch die einzige größere Ausgabe für Vergnügen gewesen; (eigentlich ist es ja kein Vergnügen, sondern eine Erbauung, wie sie jeder gebildete Mensch und besonders, wenn er eben musikalisch ist, haben muß.) Ich war hier zu: Lohengrin, Egmont, Tristan und Isolde, Rosenkavalier und Don Juan. Mit mir ab und zu meine Freunde Deppe und Guldbrandsen.

Für die nächsten Julisonntage haben wir Maltouren vor. Wir wollen des Morgens früh in die Heide fahren, etwa nach Bennemühlen, das kostet hin und her 1 M. Brot und unsre Malsachen nehmen wir mit, und dann bleiben wir den ganzen Tag draußen.

Deppe steht Modell, und Guldbrandsen und ich malen. Das wird ganz schön werden. Wenn das Wetter gut und warm genug ist, fangen wir schon am nächsten Sonntag an.

Im übrigen hat sich bei mir aus dem Maler ein Schriftsteller entpuppt. Ihr werdet Euch wohl wundern: seit etwa 2 Jahren habe ich ja schon manche Gedichte geschrieben, die freilich nur meine nächsten Freunde kennen, und in nächster Zeit werde ich ein Drama schreiben. Es ist fast alles schon im Lot, jetzt kommt eben noch die handwerkliche Arbeit: das Niederschreiben – und das ist freilich eine riesige Arbeit. Aber ich habe Lust und Zuversicht. (Ich möchte hier zwischendurch bemerken: daß von dem, was ich hier sage, nichts bei anderen bekannt wird!)

Hiermit, wie eben mit aller Kunst, ist natürlich kein Geld zu verdienen. Geistige Arbeit ist – kein Holzhacken!

Das ist mir natürlich ganz Nebensache. Jeder rechte Künstler schränkt sich lieber im täglichen Leben ein, als daß er seine Kunst aufgibt, und dann – er kann es ja auch gar nicht, weil er eben schreiben, malen, musizieren muß.

Das ist ja keine Spielerei, keine Laune, oder ein angelerntes Handwerk, oder gar Faulheit, wie manche Menschen sagen, sondern, das ist sein: Leben! Da sind natürlich Menschen, die eben einen geistigen Menschen nicht verstehen können und ihn daher mit ihrem kleinen Maß messen: »Wir müssen auch arbeiten usw., das ist Faulheit«, oder: »Man kann von der Kunst nicht leben, und wenn du vernünftig wärest, so würdest du – – natürlich arbeiten!« Sie wissen nicht: daß das »Arbeiten« des Geistigen ein viel stärkeres, entsagenderes und schmerzlicheres und vor allem ein uneigennützigeres ist als das ihre, und nicht, weil er es gerade will, oder weil er es kann: sondern weil er es muß. Es gibt für ihn nur ein Erstrebenswertes: die Kunst. Zureden macht ihn, wenn er in sich selbst stark genug ist, nicht irre, und körperliche Not erträgt er mit Gleichmut; denn seine hohen Ziele heben ihn über solche kleinen Sorgen, und die Hoffnung verliert er so leicht nicht. Würde man ihn mit Gewalt in eine andere Bahn zwingen wollen, so würde man ihm nur unnötig das Leben verkümmern und würde nichts zu seinem Wohle getan haben.

Also: ich habe selten, oder wenig hiervon gesprochen, ich habe aber immer meine festen Absichten und Ziele für mich gehabt, die ich natürlich unter allen Umständen weiter verfolgen werde.

Ich habe in meinem Handwerk einen Rückhalt, und das ist gut. Ich denke, in Zukunft immer zeitweise zu arbeiten (wozu ich ja sowieso gezwungen bin), und dabei etwas zu sparen und dann immer eine kleine Zeit im voraus leben und schweben zu können. Das wird ganz gut gehen. Durch die Militärverpflichtung ist das natürlich auf einige Zeit hinausgeschoben. Und, wenn meine Arbeiten durchdringen sollten, dann habe ich vielleicht – aber nur vielleicht, Aussicht, später Preise oder Unterstützungen zu bekommen von gewissen Stiftungen usw.; ich brauche ja nicht mehr als 50 M für den Monat, und die werde ich schon zusammenbekommen. Meine arbeitslosen Tage waren mir natürlich immer sehr förderlich und gelegen. Ich habe dann immer fleißig geschrieben. Und bis jetzt habe ich stets Fortschritte gemacht. Da ich mir nun keine Sorgen zu machen brauche für die Zukunft (denn von Mitte September ab bin ich ja erst wieder für 2 Jahre versorgt), so will ich Juli noch arbeiten, und dann nach Fedderwarden fahren (denn dort ist es ruhig und schön, so recht zum Arbeiten und Sichsammeln), und an meinem Drama schreiben. Ich denke, daß ich noch so viel sparen kann, daß ich den Großeltern etwa 30 bis 35 M den Monat für Essen und Trinken geben kann. Anders will ich es nicht. Sollten die Großeltern es nicht wollen, so werde ich mich bei Fremden einquartieren; es ist dann nur das: ich bin bei Fremden, ich bekomme nicht so gutes Essen, und es kostet mehr. Ich habe daher die Bitte an Euch: schreibt für mich an die Großeltern, ob sie mich für 4–5 Wochen gegen Bezahlung aufnehmen wollen. Hauptsache ist natürlich, daß sie mich ganz ungestört lassen.

Oder vielleicht bei Tante Lotte! Das wäre mir noch lieber. Aber ob die es für den Preis können. Die Großeltern sind ja, wie es eben alte Leute fast immer sind, neugierig. Das würde mir vielleicht das Arbeiten ganz unmöglich machen; das kann ich ja noch nicht wissen. Und bei Tante Lotte wäre ich vielleicht ungestörter!

Und dann, liebe Eltern, würdet Ihr mir wohl zu Weihnachten oder zum Geburtstag einen sehnlichen Wunsch erfüllen?

Daß ich Musik sehr liebe, wird Euch wohl nicht sehr wundern. Nun ist es schon seit langer Zeit mein Wunsch: ein Instrument zu spielen. –Ich wollte mir eine Laute kaufen, damit ich dann (denn ich bin doch meistens allein) Unterhaltung und Zerstreuung habe. (Deppe spielt auch Zither und Guldbrandsen Mandoline.) Also, ich möchte Laute spielen lernen, und dazu singen. Das ist so ungefähr das leichteste und am wenigsten kostspielige Instrument. Leider war es mir aus zuerst angegebenen Gründen nicht möglich, daß ich mir schon diesen Sommer eine Laute, wie ich es vorhatte, kaufen und Stunden nehmen konnte. Da nun diese Sache wieder um 2 Jahre hinausgeschoben würde, möchte ich Euch bitten, mir eine Laute, d. h. das Geld dazu zu schenken. Ein schlechtes Instrument ist nun natürlich so gut wie wertlos, und ich müßte mir später ein besseres kaufen; das wären also doppelte und unnötige Kosten. Solch ein Instrument kostet etwa 40–50 Mark und einige Stunden, etwa 15 Stunden à 80 Pfg. dazu.

Das Musizieren wäre mir beim Militär gar nicht hinderlich – im Gegenteil haben die Soldaten es gern, wenn jemand auf der Stube Musik macht; und das wollte ich schon tun.

Schreibt also bitte an Tante Lotte oder an die Großeltern; zuvor könnt Ihr mir aber erst noch einmal schreiben, – und dann möchte ich gern einige Worte, im voraus, über die Laute hören. Über meine Gesundheit brauche ich nicht zu klagen. Herzfehler habe ich nicht. Das sind nur nervöse Störungen gewesen, die bis jetzt so gut wie verschwunden sind. Im übrigen bin ich immer bei guter, oder doch wenigstens zufriedener Laune. Eine Zeichnung schicken, das läßt sich wohl schlecht machen, außerdem misse ich nicht gern welche. Ich füge dafür zwei Gedichtabschriften bei.

Meinen herzlichen Gruß an Vater und Dich.

Gerrit

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