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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1

Johann Wolfgang von Goethe: Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1 - Kapitel 36
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authorJohann Wolfgang von Goethe
titleBriefe an Charlotte Stein, Bd. 1
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350

[Seidels Tagebuch mit Goethes Zusätzen]

Den 11 Okt. um 10 Uhr von Lauterbrunn ab. Der Regen hatte die Weege sehr schlimm gemacht. Herrliche Felsen und Felsenbrüche. Die Sonne kam hervor die Wolken hoben sich von den Bergen. Hier und da kam der schöne blaue Himmel hervor. Um 4 Uhr Nachmittags kamen wir nach Gründelwald sahen noch vor Tische den sogenannten untern Glätscher der bis ins Thal dringt und daran die herrliche Eishöle woraus das Eiswasser seinen Ablauf hat. und suchten Erdbeere in dem Hölzgen das gleich darneben steht.

Den 12. Okt. früh um 7 ab. Es war sehr kalt und hatte gefrohren. Ich verirrte mich half mir aber wieder zur Gesellschaft wir sahen den Obern Glätscher. von allem diesem nähere mündliche Auslegungen. Den Scheidek hinauf wurd es uns sämtlich warm. Streit über den Mettyberg und Jungfrauhorn. Hier wächst zwischen den Steinen ein hartes Gewächs, Bergrose genannt dessen Blätter einen starken balsamischen Geruch haben. Auf dem Gipfel ist ein kleiner See. Um 1 Uhr waren wir im Schwarzwald. Hier sieht man auf der rechten Seite das Wollhorn, Wetterhorn und Engelhorn. Das Wetter war heiter. Hier assen wir bei einem Bauer was wir mit genommen hatten. Der Weeg ins Haslithal ist der angenehmste den man gehen kann. Wir besahen einen Käsespeicher die hier aller Enden stehn nun aber nach und nach gegen den Winter geleert und verlassen werden. Die Hirten waren erst selbigen Morgen mit dem Vieh abgetrieben. Der Weeg geht an hohen Felswänden vorbey. Der erste Blick vom Berg herab in das Hasliland ist frappierend, die Gegend ist erstaunend weit und angenehm. Vom Gipfel des Scheideks bis ins Haslithal geht man über 4 Stunden immer Bergab. Hier gingen wir links an dem Berg nach dem Reichenbach und dann nach Hof wo wir etwas assen. Von hier auf Gutannin. Der Weeg ist bös weil man so oft über elende Stiege über die Aar muss, an Felsenwänden weg wo ein bloser Pfad ausgehauen ist und unten immer grosse Abgründe. Hierzu kam die einbrechende Nacht. H. v. Wedel und Wagner waren wegen ihres Schwindels übel dabei zu Muthe. Eine halbe Stunde vor Guotanin nahmen wir Zuflucht in einem Bauernhauss. ich ging Wagnern der noch zurük war mit einer Laterne entgegen. Schöne Familie in dem Hauß. Wir kamen endlich mit Schindelfakeln nach 8 Uhr daselbst an. Schlechter Wein und schlechte Wirtschaft daselbst.

Den 13. Okt. um 7 Uhr ab und wieder zurük. Wir kehrten wieder bei der schönen Familie ein und frühstükten noch einmal, der Weeg den wir nun mit mehr Muse und Vergnügen machten ist über allen Ausdruck schön. Er krümmt zwischen den hohen Bergen bald herüber bald über die Aar die bei Hof sich zwischen zwei hohen Felsenwänden durchdrängt und eine halbe Stunde drauf wieder herauskommt. Das Thal bei Hof, im Grund genannt ist rund mit Bergen umgeben das gar schön aussieht. Aus dem Meiringer Wirtshauss wo wir zu Mittag assen sieht man zwei kleine Wasserfälle angenehm den Berg herabkommen. Von Petern haben wir niemand zu sprechen können kriegen. Wir gingen um 3 wieder ab der H. Geh. Rath voraus. Der Weg nach Brienz ist grad und schön von fruchtbaren Bergen eingefasst. Auf der linken Seite kommt man an dem Wandel- und Olzibach vorbei. Abends ½7 waren wir in Brienz. Ein Schwager des Peters war denen Herrns nachgelaufen und gab ihnen einen Brief mit ausser dieser Schwester hat er noch einen Bruder eine Stiefmutter und Stiefgeschwister. Vor dem Wirthshauss musten zwei Burschen nach Schweizermanier in dem Gras mit einander ringen. Die Aussicht von dem Brienzersee nach den Haslibergen und den Schneegebirgen bei untergehender Sonne ist gros. Es war schon Nacht als auf den Schneebergen oben noch die Sonne glänzte.

Den 14 früh 8 Uhr ab. Es war wieder der schönste heiterste Tag. um 11 Uhr waren wir in Unterlachen einem Kloster wo man anlandet und biß Untersewen zu Fuse geht. In dem Wirthshauss trafen wir wieder den berühmten Doctor Travers an mit seiner ganzen Familie und übrigen Rotte die zusammen 12 Personen ausmachen. ½3 giengen wir ab. Der H.Geh.R. las aus dem Homer von den Sirenen. Eine Stunde nach Untersewen erscheint die Beatus höle wir stiegen aus und kletterten den Berg hinan wo man expres einen Weeg in den Berg eingehauen hat. Aus der Höle die vorn über 3 Mannshöhe hat hinten aber steigend niedriger wird und sehr tief hinein geht komt ein schönes Wasser, daneben ist noch eine do. zwischen beiden ist ein heiliger Epheustamm hoch den Fels hinan gelaufen dessen Zweige feierlich drüber herabhängen, eine Kanaillehand hat ihn und wohl erst vor einigen Tagen unten durchgehauen. Der Stamm war drei Spannendik, er ist noch frisch und grün. Herrliches Grün des Sees von oben. Wasserfall. Der Mond kam hervor. Der See ward bewegt und bildete allerlei schöne Wellungen und Kräusel auf der Fläche. Um 7 in Thun.

Den 15 früh 9 ¾ ab. Der H. Geh. R. wollte auf der Aar bis Bern fahren, es gebrach an Gelegenheit und unterblieb. Um 1 Uhr waren wir in Bern.

So weit also mit diesem. Nun lass ich noch ein Blat abschreiben das ich im Münsterthal schrieb d. 3. Octbr. Es liegt zwischen Basel und Biel. Ich nahm soviel möglich war alles zusammen was ich an Gegenständen des Tags gesehn und bey ihnen in mir vorgegangen war. nicht immer hat man soviel reinheit nicht immer die Gedult und Entschlossenheit aufs Papier mit seinen Erscheinungen zu gehn. Adieu.

Heut Abend schwäzt meine Feder wie ein Specht.

Avis au Relieur.

Erst kommt das Tagebuch nach seinen Numern 1. bis 6. Sodann der Gesang, sodann die Beschreibung des Münsterthals. Und wenn man will zulezt das Avertiss. des Docktors. Grüsen Sie Ihre Mutter und die kleine. Und wenn Sie in Kochb[erg] noch sind die Schleus[ingen]. Grüsen Sie Kästner und die Kinder.

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[Thun, Freitag 15.(?) und Bern, Sonnabend 16. Oktober]

[Seidels Hand]

Sonntags den 10ten früh sahen wir eben den Staubbach wieder und wieder aus dem Pfarrhause an, er bleibt immer eben derselbe und macht einen unendlich angenehmen und tiefen Eindruk. Weil wir die Eißgebirge nicht selbst besteigen wollten, so schikten wir uns zu einem Stieg an auf einen Berg der gegen über liegt und der Steinberg genannt wird. Er macht die andere Seite von einem engen Thal aus wo sie gegen über liegen, biss er sich selbst endlich hinten an sie anschliesst. Was man aus einer kleinen gedrukten Beschreibung des Pfarer Wittenbachs sehen kann will ich hier nicht wiederholen. Eine Weile steigt der Weeg über Matten, dann windet er sich rauh den Berg hinauf, die Sonne gieng uns über den Gletschern auf und wir sahen sie der Reihe nach gegen über liegen. Wir kamen auf die Steinbergs Alp, wo der Zingelgletscher an den Steinberg stösst, die Sonne brannte mit unter sehr heiss. Wir stiegen biss zum Ausbruch des Zingelgletschers und noch höher hinauf, wo vor dem Zingelhorn aus dem Eise sich ein kleiner See formirt. Horn heissen sie hier den höchsten Gipfel eines Felsens, der meist mit Schnee und Eiss bedekt ist und in einer seltsamen Horngestalt oft in die Luft steht. Wir kamen gegen drei oben an, nachdem wirs uns vorher auf der Alpen wohl hatten schmeken lassen. Es fällt mir unmöglich das merkwürdige der Formen und Erscheinungen bei den Gletschern iezt anschaulich zu machen, es ist vieles gut was drüber geschrieben worden, das wir zusammen lesen wollen und dann lässt sich viel erzählen. Wir verweilten uns oben, kamen in Wolken und Regen und endlich in die Nacht, zerstreut und müde in dem Pfarrhauss an, ausser Wedel und Wagnern, die schon früh Morgens ihres Schwindels wegen beizeiten umgekehrt waren.

[Montags den 11 giengen wir von Lauterbrunnen ab, da uns das Wetter hinderte den obern Weeg über die Berge zu nehmen giengen wir unten durchs Thal in den Grindelwald, ich berufe mich wieder auf die kleine Be]

[Goethes Hand]

Bern Sonnabends. d. 16. Octb. 9 Uhr Nachts.

Vorstehendes dicktirt ich an Ph[ilipp] noch in Thun, nun wird mirs unmöglich weiter fortzufahren. Die Weege stehen besser in der schlechtesten Reisebeschreibung, und was mir dabey durch den Kopf geht kan ich nicht wieder auflesen. Philipp soll also aus seinem Tagebuch abschreiben das will ich anfügen.

Wenigs in einzelnen Worten von Bern wenn ich zurück komme will ichs ausführen.

Gegend, Stadt, wohlhabend, reinlich, alles benuzt, geziert, allgemeines Wohlbefinden, nirgend Elend, nirgend Pracht eines einzelnen hervorstechend nur die Wercke des Staats an Wenigen Gebäuden kostbaar pp. Mythologie der Schweizer. National Religion, Tell, die Berner Bären pp. Schallen Werck. War bey Aberli. Im Zeughaus. Natur[alien] Cabinet bey Sprünglein. Sinner, Tscharner, Kirlchberger. Prof. Wilhelmi. Vielerley über Hallern. Äuserer Stand pp.

Gestern erst erhielt ich Ihren Brief vom 25ten Sept. So weit sind wir schon auseinander.

Die Wartensleben war nicht in Cassel ich fragte nach ihr.

Es wird noch eine Weile währen biss wir uns wiedersehn, indes Adieu beste. Ich komme nach allem doch wieder zu Ihnen zurück. Lavater schreibt mir »Bey der entsezlichen Dürre an lebenden Menschen kannst du dencken wies mir wohl thun wird mich an dir zu wärmen.« Und ich mag auch wohl sagen »Kinderlein liebt euch!« Wahrhafftig man weis nicht was man an einander hat wenn man sich immer hat. Adieu.

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[Mittwoch 20. Oktober bis Mittwoch 27. Oktober]

Payerne Peterlingen d. 20. Oktbr. 79 Abends.

Nur wenig Worte dass ich nicht ganz aus dem Faden komme, und Sie uns folgen können. Heut früh sind wir von Bern ab, nachdem wir uns was möglich war umgesehen und auch einige interessante Leute kennen lernen. In Murten zu Mittage. In Avanche einen Fusboden Mosaique von der Römer Zeit gesehen, schlecht erhalten, und geht täglich mehr zu Grunde, dass es Jammer ist. Mit schönem Mondschein hier angelangt. Auch kan ich diesen Brief wieder mit Preis der Witterung anfangen. Vom Docktor in Langnau werd ich manches erzählen. Er geht für Alter sehr zusammen und war auch nicht guter Humor des Tags, er hatte honig gegessen den er nicht verdauen kan, und seine Frau war abwesend, doch ist sein Auge das gegenwärtigste das ich glaube gesehn zu haben. Blau, offen, vorstehend, ohne Anstrengung beobachtend pp. Vom Grabmal der Pfarren zu hindelbanck zu hören werden Sie Geduld haben müssen, denn ich habe mancherley davon, darüber und dabey vorzubringen. Es ist ein Text worüber sich ein lang Capitel lesen lässt. Ich wünschte gleich iezt alles aufschreiben zu können. Ich hab soviel davon gehört und alles verbertucht pour ainsi dire. Man spricht mit einem allzeit fertigen Enthusiasmus von solchen Dingen, und niemand sieht drauf was hat der Künstler gemacht, hat er machen wollen.

Moudon d. 21. Wir machen kleine Tagreisen wie es neugierigen Reisenden ziemt. Den Morgen haben wir zugebracht wieder ein Mosaisches Pflaster bey Chaire gegen den Neustädter See zu besuchen. Es ist ziemlich erhalten geht aber auch nach und nach zu Grunde. Die Schweizer tracktiren so etwas wie die Schweine. Der vorige Landvogt fand es erst vor zwey Jahren, der iezzige wird sich nicht drum kümmern, besonders da es in einem benachbaarten Amt liegt und er nur die Schlüssel dazu hat. Ich schrieb ihm ein anonym Billet, ihm zu berichten dass das Mäuergen umher einzufallen anfinge, und bat ihn es wieder herstellen zu lassen. Doch hilft auch das nichts wenn ers auch thut ppp. Es stellt den Orpheus vor in einem Rund, und in den Feldern umher die Thiere, es ist mittelmäsige Arbeit. Dagegen das gestrige trefflich muss gewesen seyn, aus einem einzigen Kopf zu schliesen den wir von allem noch finden konnten der aber auch bald wird zerstört seyn. Ganz herrlich aber war die Zeichnung von einem die wir gestern sahen, das aber schon lange aus Muthwill von Bauern bey Nachtzeit ist ruinirt worden. Meine ganz immer gleiche herzliche Freude und Liebe zu der bildenden Kunst macht mir so was noch viel auffallender und unerträglicher.

Übrigens bin ich ruhig und recht wohl in meiner Seele. So bald eine ewige Abwechslung tausend manigfaltige Stückgen auf meinem Psalter spielt bin ich vergnügt. Dem Herzog bekommts auch recht sehr, ich hoffe ihr sollt des alle gemessen.

Lausanne d. 23ten. Wenn es was zu schreiben giebt merck ich wohl wird nichts geschrieben und von alten Fusboden die Sie nichts angehn unterhalt ich Sie weitläufig. gestern den 22ten kamen wir gegen Mittag hier an und sahen d. Genfer See, den Meister von allen Seen die wir bisher gesehen haben, wovon doch ieder sein eignes hat. Lausanne liegt allerliebst, ist aber ein leidig Nest, Lusthäuser sind umher von trefflichen Aussichten, auch Spaziergänge. Wir gingen Nachmittag Spazieren und sahen uns satt. Abends ging ich zu Mad. Branconi. Sie kommt mir so schön und angenehm vor dass ich mich etlichemal in ihrer Gegenwart stille fragte obs auch wahr seyn möchte, dass sie so schön sey. Einen Geist! ein Leben! einen Offenmuth! dass man eben nicht weis woran man ist.

d 23 früh den schönsten Morgen. Ieder Tag ist so schön dass man glaubt er sey schöner als der Vorhergehende. Wir fuhren nach Veway, ich konnte mich der Trähnen nicht enthalten, wenn ich nach Melleraye hinüber sah und den dent de Chamant und die ganze Pläzze vor mir hatte, die der ewig einsame Rousseau mit empfindenden Wesen bevölckerte. Der Genfer See wird hier von den Walliser und Savoyer Gebürgen eingeschlossen die steil herab gehn, die Einsicht ins Wallis ist ahndungs voll und die Schweizerseite mit Weinbergen sorgfältig und fröhlig genuzt.

Wir badeten im See, assen zu Mittag fuhren nach hause, puzten uns, fuhren zur Herzogin von Curland, strichen uns balde, und mich führte der Geist wieder zur M. Branconi. Eigentlich darf ich sagen, sie lies mir durch Mathäi der bey ihrem Sohn ist gar artig sagen wenn ich noch eine Stunde sie sehen könnte würd es ihr recht seyn. Ich blieb zum Essen. Am Ende ist von ihr zu sagen was Ulyss von den Felsen der Scylla erzählt. »Unverlezt die Flügel streicht kein Vogel vorbey, auch die schnelle Taube nicht die dem Jovi Ambrosia bringt, er muss sich für iedesmal andrer bedienen.« Pour la colombe du jour elle a echappé belle doch mag er sich für das nächstemal andrer bedienen.

d. 24. Octbr. a la Vallee de Joux. Der heutige Tag war wieder sehr glücklich. wir ritten früh halb achte mit schönem Wetter aus, doch war ich schon seit gestern Abend in stillen Sorgen, der Wind hatte gewendet und kam von Genv das hier Regen deutet, die Sonne stach, die Nebel zogen vom Jura nach den Savoyer und Wallis Bergen, wir kamen nach eilf auf Rolles. Der See war unendlich schön, die Gegend die la Cote heisst ist fast vom See an bis hoch an die Berge hinauf mit Reben bepflanzt, mit unzähligen Häusern besezt und ist iezt voll von Menschen, es geht mit der Weinlese zu Ende. In Rolle nahm ich ein Miethpferd auf Mont zu Mercks Schwiegereltern zu reiten das ein halb stündgen aufwärts liegt. Dort blieb ich zu Tische, und fing ohngefähr an vom Lac de Joux zu reden. Merck hatte uns diese Tour sehr empfolen von Lausanne aus zu machen, die bedeckten Berge hatten uns den Gedancken verlöscht. Man pries die Gegend sehr und erzählte dass eigentlich der beste Weg von Rolle hinauf gehe, eine Chaussee bis zu oberst des Bergs, und dass wir zu Nacht besonders bey Mondschein oben seyn könnten. Ich schrieb dem Herzog ein Billet, und kam mit Merckens Schwager der diese Reviere als Oberforstmeister unter sich hat, und alles wohl kennt, den Herzog und Wedeln abzuholen. Wir machten uns mit den Pferden, erstlich Mont hinan, und hatten steigend die herrlichste Aussicht auf den Genfer See die Savoyer und Wallis Gebürge hinter uns konnten Lausanne erkennen, und durch einen leichten Nebel auch die Gegend von Genv. Grad über sahen wir den Montblanc der über alle Gebürge des Faucigny hervorsieht. Die Sonne ging klar unter es war ein so groser Anblick, dass ein menschlich Auge nicht hinreicht ihn zu sehen. Der fast volle Mond kam herauf, und wir höher; durch Tannen Wälder stiegen wir immer den Jura hinan, und sahen den See im Duft und den Wiederschein des Mondes drinne. es wurde immer heller. Der Weeg ist eine bequeme Chaussee nur angelegt um das Holz aus den Gebürgen bequemer ins Land zu bringen. Wir waren wohl drey Stunden gestiegen, als es hinterwärts sachte wieder hinab zu gehen anfing und in einer Stunde zeit waren wir im Thal de Joux das also hoch auf dem Berge liegt einen schönen See hat und wo in zerstreuten Häusern bey 2000 Seelen wohnen. Davon haben wir alle nichts gesehen denn der Nebel lag im Thal wie wir herunter kamen der Mondschein hoch drauf, wir sahen einen Mondbogen im Nebel ganz geformt. breiter Als der Regenbogen aber niedrig weil der Mond hoch stand. nun sind wir in einem recht guten Wirthshaus wo die Menschen aussehen wie im flachen Land, wir haben sogar hübsch gepuzte Misels zum Besuch angetroffen. Um halb 10 Abends.

a la Vallee de Joux d. 25 Abends 9.

Wir haben heute einen delizieusen Tag gehabt, die Tour vom Thal zu machen, auf die Dent de Vaulion zu steigen und uns von da in alle Welt umzusehen. Leider will mir's nicht aus der Feder eine Beschreibung zu machen so sehr es verdiente. Gute Nacht. Mündlich ein mehres.

Ich hab es doch noch über mich vermocht geschwind eine leichte Skizze vom heutigen Tag auf ein ander Papier zu werfen. das ich aber Philippen wenn wir nach Genv kommen abdicktiren muss. Gute Nacht. Nur einen Brief vom Ende Sept. Hab ich von Ihnen. In einem ganzen Monat nichts von Ihnen gehört. Wenn ich in Genv nichts finde wer weis wann dann.

d. 26ten Oktbr.

Nion Abends achte. Vom Camin wo ich den Glanz des Monds über den ganzen See gar herrlich sehn kan. Auch diesen Tag hat uns das Glück wie verdorbne Kinder behandelt, alle unsre Wünsche erfüllt, und auch unsre Nachlässigkeiten zum besten gekehrt. Ich will geschwind das mögliche zum gestrigen zusammenkrizzeln. Freylich wenn man den ganzen Tag genossen hat fällt Abends die Wiederholung schweer. Adieu! Ich verlasse Sie, um Sie auf einem andren Blat wieder zu suchen.

Gegen neun. Auch soviel Geduld hab ich gefunden um die äussersten Lienien wenigstens unsrer Schicksaale zu ziehen.

Mit dem Gestrigen will ich so bald wir nach Genv morgen kommen auch dies dicktiren. Die Nacht ist klar, ruhig, der See still und der Breite Wiederschein des Monds drinn unendlich schön.

Nion d 27 Morgends gegen achte.

Nach sechsen war heut der See und himmel gar lieblich in vielen wechselnden Farben der aufsteigenden Sonne sie selbst blieb hinter Wolcken den Bergen gegenüber, und nun liegt die ganze Gegend unter Nebel. Wir sind nun unter eben dem Vorhang wieder eingewickelt auf den wir gestern aus stolzer Klarheit hinunter sahen. Der Herzog pflegt der Ruhe noch, in wenig Stunden sind wir in Genf.

353

[Seidels Hand]

Genf den 28. Oktbr. 1779.

Wir haben diese Tage her einen sehr glüklichen Seitenweeg auf die höchsten Gipfel des Jura gemacht, davon ich eine eilige Beschreibung zusammen diktiren will.

Die grosse Bergkette, die von Basel biss Genf, Schweiz und Frankreich scheidet, wird, wie Ihnen bekannt, der Jura genannt; die grössten Höhen davon ziehen sich über Lausanne biss ohngefehr über Rolle und Nion. Auf diesen höchsten Rüken ist ein merkwürdiges Thal von der Natur eingegraben, ich mögte sagen, eingeschwemmt, da auf allen diesen Kalchhöhen die Würkungen der uralten Gewässer sichtbar sind, das la vallée de Joux genannt wird, welcher Nahme, da Joux in der Landsprache einen Felsen oder Berg bedeutet, Teutsch das Bergthal hiesse. Eh ich zur Beschreibung unsrer Reise fortgehe, will ich mit wenigem die Lage davon geographisch angeben. Seine Länge streicht, wie das Gebürg selbst, ziemlich von Mitag gegen Mitternacht und wird an iener Seite von den sept moncels und an dieser von der dent de vaulion, welche nach der Dole der höchste Gipfel des Jura ist, begränzt und hat, nach der Sage des Landes, neun kleine, nach unsrer ohngefehren Reiserechnung aber sechs starke Stunden. Der Berg, der es die Länge hin an der Morgenseite begränzt und auch von dem flachen Land herauf sichtbar ist, heißt le noir mont. Gegen Abend streicht der Risou hin und verliert sich almählich gegen die franche comté. Frankreich und Bern theilen sich ziemlich gleich in dieses Thal, so dass ienes die obere schlechte Helfte und dieses die untere bessere besizt, welche leztere eigentlich la vallée du lac de Joux genannt wird. Ganz zu oben in dem Thal, gegen den Fus der sept moncels liegt der lac des rousses, der keinen sichtlichen einzelnen Ursprung hat, sondern sich aus quelligtem Boden und den überall auslaufenden Brunnen sammlet, aus demselben fliesst die Orbe, durchstreicht das ganze französische und einen grossen Theil des Berner Gebiets, biss sie wieder unten gegen den Dent de vaulion sich zum Lac de Joux bildet, der seitwärts in einen kleinen See abfällt, woraus das Wasser endlich sich unter der Erde verliert. Die Breite des Thals ist verschieden, oben beim Lac des rousses etwa eine halbe Stunde, alsdann verengert sich's und läuft wieder unten aus einander, wo etwa die gröste Breite anderthalb Stunden wird. So viel zum bessern Verständniss des folgenden, wobei ich Sie einen Blik auf die Carte zu thun bitte.

Den 24. Okt. ritten wir, in Begleitung eines Hauptmanns und Oberforstmeisters dieser Gegenden erstlich Mont durch die Weinberge und Landhäuser hinan. Das Wetter war sehr hell, wir hatten, wenn wir uns umkehrten, die Aussicht auf den Genfersee, die Savoier und Wallisgebürge, konnten Lausanne erkennen und durch einen leichten Nebel auch die Gegend von Genf. Der mont blanc, der über alle Gebürge des faucigné ragt, kam immermehr hervor. Die Sonne ging klar unter, es war ein so grosser Anblik, dass ein menschlich Auge nicht dazu hinreicht. Der fast volle Mond kam herauf und wir immer höher. Durch Fichtenwälder stiegen wir weiter den Jura hinan, und sahen den See im Duft und den Wiederschein des Monds drinn. Es wurd immer heller. Der Weeg ist eine wohlgemachte Chaussée, nur angelegt um das Holz aus dem Gebürg bequemer in das Land herunter zu bringen. Wir waren wohl drei Stunden gestiegen, als es hinterwärts sachte wieder hinab zu gehen anfing. Wir glaubten unter uns einen grossen See zu erbliken, indem ein tiefer Nebel das ganze Thal, was wir übersehen konnten, ausfüllte. Wir kamen ihm endlich näher, sahen einen weisen Bogen, den der Mond drinn bildete und wurden bald ganz vom Nebel eingewikelt. Die Begleitung des Hauptmanns verschafte uns Quartier in einem Hause, wo man sonst nicht Fremde aufzunehmen pflegt. Es unterschied sich in der innern Bauart von gewöhnlichen Gebäuden in nichts, als dass der grosse Raum mitten inne zugleich Küche, Versammlungsplaz, Vorsaal ist und man von da in die Zimmer gleicher Erde und auch die Treppe hinauf geht. Auf der einen Seite war an dem Boden auf steinernen Platten das Feuer angezündet, davon ein weiter Schornstein, mit Brettern dauerhaft und sauber ausgeschlagen, den Rauch aufnahm. In der Eke waren die Thüren zu den Baköfen, der ganze Fussboden übrigens gedielet, biss auf ein kleines Ekgen am Fenster um den Spühlstein, gepflastert, übrigens rings herum, auch in der Höhe über den Balken, eine Menge Hausrath und Geräthschaften in schöner Ordnung angebracht, alles nicht unreinlich gehalten.

Den 25. Morgens war helles kaltes Wetter, die Wiesen bereift. Hier und da zogen leichte Nebel, wir konnten den untern Theil des Thals ziemlich übersehen, unser Haus lag am Fus des östlichen noir monts. Gegen achte ritten wir ab, und um der Sonne gleich zu geniesen, an der Abendseite hin. Der Theil des Thals an dem wir hinritten, besteht in abgetheilten Wiesen, die gegen den See zu etwas sumpfiger werden. Die Orbe fliesst in der Mitte durch. Die Einwohner haben sich theils in einzelnen Häusern an der Seite angebaut, theils sind sie in Dörfern näher zusammen gerukt, die einfache Namen von ihrer Lage führen. Das erste, wodurch wir kamen, war le sentier. Wir sahen von weitem die dent du vaulion, über einem Nebel, der auf dem See stand, hervorsehen, das Thal ward breiter, wir kamen hinter einen Felsgrat, der uns den See verdekte, durch ein ander Dorf le lieu genannt, die Nebel stiegen und fielen wechselsweise vor der Sonne. Hier nahe bei ist ein kleiner See, der keinen Zu- und Abfluss zu haben scheint. Das Wetter klärte sich völlig auf und wir kamen gegen den Fus der dent de vaulion und trafen hier an's nördliche Ende des grossen Sees, der, indem er sich westwärts wendet, in den kleinen, durch einen Damm, unter einer Brüke weg seinen Ausfluss hat. Das Dorf drüben heisst le pont. Die Lage des kleinen Sees ist wie in einem eigenen kleinen Thal, was man niedlich sagen kann. An dem westlichen Ende ist eine merkwürdige Mühle in einer Felskluft angebracht, die ehemals der kleine See ausfüllte, nunmehr ist er abgedämmt, und die Mühle in die Tiefe gebaut, das Wasser läuft durch Schleussen auf die Räder, es stürzt sich von da in Felsrizen, wo es eingeschlukt wird und erst eine Stunde von da in Valorbe hervorkommt, wo es wieder den Namen des Orbeflusses führet. Diese Abzüge |: entonnoirs :| müssen rein gehalten werden, sonst würde der See steigen, die Kluft wieder ausfüllen und über die Mühle weggehen, wie es schon mehr geschehen ist, sie waren stark in der Arbeit begriffen, den morschen Kalchfelsen, theils wegzuschaffen, theils zu befestigen. Wir ritten zurük über die Brüke nach Pont, nahmen einen Weegweiser auf la dent. Im Aufsteigen sahen wir nunmehr den grossen See völlig hinter uns. Ostwärts ist der noir mont seine Gränze, hinter dem der kahle Gipfel der Dole hervorkommt, westwärts hält ihn der Felsrüken, der gegen den See ganz nakt ist, zusammen. Die Sonne schien heiss, es war zwischen eilf und Mittag. Nach und nach übersahen wir das ganze Thal, konnten in der Ferne den Lac des Rousses erkennen und weiter her biss zu unsern Füssen, die Gegend durch die wir gekommen waren und den Weeg der uns rükwärts noch überblieb. Im Aufsteigen wurde von der grossen Streke Landes und den Herrschaften die man oben unterscheiden könnte, gesprochen und in solchen Gedancken betraten wir den Gipfel allein uns war ein ander Schauspiel zubereitet. Nur die hohen Gebürgketten waren unter einem klaren und heitern Himmel sichtbar, alle niederen Gegenden mit einem weisen wolkigten Nebelmeer überdekt, das sich von Genf bis nordwärts an den Horizont erstrekte und in der Sonne glänzte. Daraus stieg ostwärts die ganze reine Reihe aller Schnee und Eissgebürge, ohne Unterschied von Namen der Völker und Fürsten, die sie zu besizen glauben, nur Einem grossen Herrn und dem Blik der Sonne unterworffen, der sie schön röthete. Der mont blanc gegen uns über schien der höchste, die Eisgebürge des Wallis und des Oberlandes folgten, zulezt schlossen niedere Berge des Canton Berns. Gegen Abend war an einem Plaze das Nebelmeer unbegränzt, zur linken in der weitsten Ferne zeigten sich sodann die Gebürge von Solothurn, näher die von Neufchatel, gleich vor uns einige niedere Gipfel des Jura, unter uns lagen einige Häuser von Vaulion dahin der Zahn gehört, und daher er den Namen hat. Gegen Abend schließt die franche comté mit flachstreichenden waldigten Bergen den ganzen Horizont, wovon ein einziger ganz in der Ferne gegen nordwest sich unterschied. Grad ab war ein schöner Anblik. Hier ist die Spize die diesem Gipfel den Namen eines Zahns giebt, er geht steil und eher etwas einwärts hinunter, in der tiefe schliesst ein kleines Fichtenthal an mit schönen Graspläzen, gleich drüber liegt das Thal valorbe genannt, wo man die Orbe aus dem Felsen kommen sieht und rükwärts zum kleinen See ihren unterirrdischen Lauf in Gedanken verfolgen kann. Das Städtgen Valorbe liegt auch in diesem Thal. Ungern schieden wir ab. Einige Stunden länger, indem der Nebel um diese Zeit sich zu zerstreuen pflegt, hätten mir das tiefere Land mit dem See entdeken lassen, so aber musste, damit der Genuss vollkommen werde, noch etwas zu wünschen übrig bleiben. Abwärts hatten wir unser ganzes Thal in aller Klarheit vor uns, stiegen bei Pont zu Pferde, ritten an der Ostseite den See hinauf, kamen durch l'Abbaye de Joux, welches iezo ein Dorf ist, ehemals aber ein Siz der Geistlichen war, denen das ganze Thal zugehörte. Gegen viere langten wir in unserm Wirthshaus an, und fanden ein Essen, wovon uns die Wirthin versicherte, dass es um Mittag gut gewesen sei, aber auch übergar treflich schmekte.

Dass ich noch einiges, wie man mir es erzählt, hinzufüge. Wie ich eben erwähnte, soll ehedem das Thal an Mönche gehört haben, die es denn wieder vereinzelt, und zu Zeiten der Reformation mit den übrigen ausgetrieben worden, iezo gehört es zum Canton Bern und sind die Gebürge umher die Holzkammer von dem païs de vaud. Die meisten Hölzer sind Privatbesizungen, werden unter Aufsicht geschlagen und so ins Land gefahren. Auch werden hier die Dauben zu fichtenen Fässern geschnitten, Eimer, Bottge und allerlei hölzerne Gefäse verfertiget. Die Leute sind gut gebildet und gesittet, neben dem Holzverkauf treiben sie die Viehzucht, sie haben kleines Vieh und machen gute Käse, sie sind geschäftig und ein Erdschollen ist ihnen viel werth, wir fanden einen, der die wenige aus einem Gräbgen aufgeworfene Erde mit Pferd und Karren in einige Vertiefungen eben der Wiese führte, die Steine legen sie sorgfältig zusammen und bringen sie auf kleine Haufen. Es sind viele Steinschleifer hier, die für Genfer und andere Kaufleute arbeiten, womit auch die Frauen und Kinder sich beschäftigen. Die Häuser sind dauerhaft und sauber gebaut, die Form und Einrichtung nach dem Bedürfniss der Gegend und der Bewohner, vor iedem Hause läuft ein Brunnen und durchaus spürt man Fleiss, Rührigkeit und Wohlstand. Über alles aber muss man die schöne Weege preissen, für die, in diesen entfernten Gegenden, der Stand Bern, wie durch den ganzen übrigen Canton sorgt. Es geht eine Chaussée um das ganze Thal herum, nicht übermässig breit, aber wohl unterhalten, so dass die Einwohner mit der grössten Bequemlichkeit ihr Gewerbe treiben, mit kleinen Pferden und leichten Wagen fortkommen können. Die Luft ist sehr rein und gesund. Den 26ten ward beim Frühstük überlegt, welchen Weeg man zurük nehmen wolle? Da wir hörten dass die Dole, der höchste Gipfel des Jura nicht weit von dem obern Ende des Thals läge, da das Wetter sich auf das herrlichste anlies und wir hoffen konnten, was uns gestern noch gefehlt, heute vom Glük alles zu erlangen, so wurde dahin zu gehen beschlossen. Wir pakten einem Boten Käs, Butter Brod und Wein auf, und ritten gegen achte ab. Unser Weeg ging nun durch den obern Theil des Thals, in dem Schatten des noir monts hin. Es war sehr kalt, hatte gereift und gefrohren, wir hatten noch eine Stunde im Bernischen zu reiten, wo man eben die Chaussée zu Ende zu bringen beschäftiget ist. Durch einen kleinen Fichtenwald rükten wir ins französche Gebiet ein. Hier veränderte sich der Schauplaz sehr. Was wir zuerst bemerkten, waren die schlechte Weege, der Boden ist sehr steinigt, überall liegen sehr grosse Hauffen zusammen gelesen, wieder ist er eines Theils sehr morastig und quelligt, die Waldungen umher sind sehr ruiniret, den Häusern und Einwohnern sieht man, ich will nicht sagen Mangel, aber doch bald ein sehr enges Bedürfniss an, sie gehören fast als Leibeigne an die Canonicos von St Claude, sie sind an die Erde gebunden, viele Abgaben liegen auf ihnen, sujets à la main morte et au droit de la suite, wovon mündlich ein mehreres, wie auch von dem neusten Edikt des Königs, wodurch das droit de la suite aufgehoben wird, die Eigenthümer und Besizer aber eingeladen werden, gegen ein gewisses Geld sich von der main morte zu entsagen. Doch ist auch dieser Theil des Thals sehr angebaut, sie nähren sich mühsam und lieben doch ihr Vaterland sehr, stehlen gelegentlich den Bernern Holz und verkaufen's wieder in's Land. Der erste Sprengel heist le bois d'amont, durch den wir in das Kirchspiel les Rousses kamen, wo wir den kleinen Lac des Rousses und les sept moncels, sieben kleine, verschieden gestallte und verbundene Hügel, die mittägige Gränze des Thals, vor uns sahen. Wir kamen bald auf die neue Strasse, die aus dem païs de vaud nach Paris führt, wir folgten ihr eine Weile abwärts, und waren nunmehro von unserm Thale geschieden, der kahle Gipfel der Dole lag vor uns, wir stiegen ab und Wedel ging mit den Pferden auf der Strase voraus nach Sergues und wir stiegen die Dole hinan. Es war gegen Mitag, die Sonne schien heiss, aber es wechselte ein kühler Mittagswind. Wenn wir, auszuruhen, uns umsahen, hatten wir les sept moncels hinter uns, wir sahen noch einen Theil des lac des Rousses und um ihn die zerstreuten Häuser des Kirchspiels, der noir mont dekte uns das übrige ganze Thal, höher sahen wir wieder ungefehr die gestrige Aussicht in die franche comté und näher bei uns, gegen Mitag, die lezten Berge und Thäler des Jura. Sorgfältig hüteten wir uns, nicht durch einen Bug der Hügel uns nach der Gegend umzusehen, um derentwillen wir eigentlich herauf stiegen. Ich war in einiger Sorge wegen des Nebels, doch zog ich aus der Gestalt des obern Himmels einige gute Vorbedeutungen. Wir betraten endlich den obern Gipfel und sahen mit grösstem Vergnügen uns heute gegönnt, was uns gestern versagt war. Das ganze Païs de vaud und de Gex lag wie eine Fluhrkarte unter uns, alle Besizungen mit grünen Zäunen abgeschnitten, wie die Beete eines Parterrs. Wir waren so hoch, dass die Höhen und Vertiefungen des vordern Landes gar nicht erschienen. Dörfer, Städtgen, Landhäuser, Weinberge, und höher herauf, wo Wald und Alpen angehen, Sennhütten, meist weis und hell angestrichen, leuchteten gegen die Sonne; vom See hatte sich der Nebel schon zurüke gezogen, wir sahen den nächsten Theil an unsrer Küste deutlich, den sogenannten kleinen See, wo sich der grosse verenget und gegen Genf zugeht, dem wir gegen über waren, ganz, und gegen über klärte sich das Land auf, das ihn einschliesst. Ueber alles aber behauptete der Anblik über die Eis- und Schneeberge seine Rechte. Wir sezten uns vor der kühlen Luft in Schuz hinter Felsen, liessen uns von der Sonne bescheinen, das Essen und Trinken schmekte treflich. Wir sahen dem Nebel zu, der sich nach und nach verzog, ieder entdekte etwas, oder glaubte was zu entdeken, wir sahen nach und nach Lausanne mit allen Gartenhäusern umher, Vevay und das Schloss von Chillon ganz deutlich, das Gebirg, das uns den Eingang vom Wallis verdekte, biss in den See, von da an der Savoier Küste Evian, Ripaille, Tonon, Dörfgen und Häusgen zwischen inne, Genf kam endlich rechts auch aus dem Nebel, aber weiter gegen Mittag, gegen den mont Crédo und mont vauche, wo das fort l'ecluse inne liegt, zog er sich gar nicht weg. Wendeten wir uns wieder links so lag das ganze Land von Lausanne biss Solothurn in leichtem Duft, die nähere Berge und Höhen, auch alles, was weise Häuser hatte, konnten wir erkennen, man zeigte uns das Schloss Chanvan blinken, das vom Neuburgersee links liegt, woraus wir seine Lage muthmassen, ihn aber in dem blauen Duft nicht erkennen konnten.

Es sind keine Worte für die Grösse und Schöne dieses Anbliks, man ist sich im Augenblik selbst kaum bewusst, dass man sieht, man ruft sich nur gern die Namen und alten Gestalten, der bekannten Städte und Orte zurük und freut sich in einer taumelnden Erkenntniss, dass das eben die weisen Punkte sind, die man vor sich hat.

Und immer wieder zog die Reihe der glänzenden Eisgebürge das Aug' und die Seele an sich. Die Sonne wendete sich mehr gegen Abend und erleuchtete ihre grössere Flächen gegen uns zu. Schon was vom See auf für schwarze Felsrüken, Zähne, Thürme und Mauern in vielfachen Reihen vor ihnen aufsteigen! wilde, ungeheure, undurchdringliche Vorhöfe bilden! wann sie dann erst selbst in der Reinheit und Klarheit in der freien Luft mannichfaltig da liegen; man giebt da gern iede Prätension an's Unendliche auf, da man nicht einmal mit dem Endlichen im Anschauen und Gedanken fertig werden kann. Vor uns sahen wir ein fruchtbar bewohntes Land, der Boden, worauf wir stunden, ein hohes, kahles Gebürge, trägt noch Gras, Futter für Thiere, von denen der Mensch Nuzen zieht, das kann sich der einbildische Herr der Welt noch zueignen; Aber iene sind wie eine heilige Reihe von Jungfrauen, die der Geist des Himmels in unzugänglichen Gegenden, vor unsern Augen, für sich allein, in ewiger Reinheit aufbewahrt. Wir blieben und reizten einander wechselsweise Städte, Berge und Gegenden bald mit blossem Auge, bald mit dem Teleskop, zu entdeken und gingen nicht eher abwärts, als biss die Sonne im Weichen, den Nebel seinen Abendhauch über den See breiten lies. Wir kamen mit Sonnen Untergang auf die Ruinen des fort de St. Sergues. Auch näher am Thal, waren unsre Augen nur auf die Eisgebürge gegen über gerichtet. Die lezten, links im Oberland, schienen in einem leichten Feuerdampf aufzuschmelzen, die nächsten standen noch mit wohl bestimmten rothen Seiten gegen uns, nach und nach wurden iene weis-grün-graulich. Es sah fast ängstlich aus. Wie ein gewaltiger Körper von aussen gegen das Herz zu abstirbt, so erblassten alle langsam gegen den mont blanc zu, dessen weiter Busen noch immer roth herüber glänzte und auch zulezt uns noch einen röthlichen Schein zu behalten schien, wie man den Tod des Geliebten nicht gleich bekennen, und den Augenblik, wo der Puls zu schlagen aufhört, nicht abschneiden will. Auch nun gingen wir ungern weg, die Pferde fanden wir in St. Sergues, und dass nichts fehle, stieg der Mond auf und leuchtete uns nach Nion, wo unter Weegs unsere gespannten Sinnen sich wieder lieblich falten konnten, wieder freundlich wurden und mit frischer Lust aus den Fenstern des Wirthshausses, den breitschwimmenden Wiederglanz des Monds im ganz reinen See geniesen konnten.

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[Freitag 29. Oktober]

Genf d. 29. Oktbr.

Vorgestern sind wir endlich hier angekommen, und werden abwarten wo es mit dem Regen hinwill der sich seit heute Nacht eingelegt hat. Adieu liebe. Ich hoffe Sie werden sich an Philipps Petitschrifft erbauen. Hier hab ich noch keinen Brief von Ihnen gefunden, vielleicht ist er sehr nahe, doch werd ich ihn späte erhalten, denn in die Gegenden wo wir hingehen folgt kein Bote. Adieu auf eine Weile.

G.

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[Dienstag 2. November]

d. 2. November. Genv. 79.

Auch hier sind wir länger geblieben als wir dachten, und müssen doch noch leider interessante Personen und Sachen, ungekannt und ungesehn zurücklassen. Die Stadt selbst macht mir einen fatalen Eindruck. Die Gegend ist mit Landhäusern besäet, und offen, freundlich, und lebendig. Der Herzog hat sich von einem Juel mahlen lassen, wir haben Bonnet, Diodati, Mr. de Chateauvieux, Hubern gesehen und fahren noch heute zu Saussuren. Waren in Furney. Mad. Van der Borch eine Bekanntschafft aus Pyrmont hat sich nach Ihnen erkundigt. Nun haben wir einen wichtigen Weeg vor uns wo wir das Geleit des Glückes nötiger haben als iemals. Morgen solls nach den Savoyer Eisgebürgen und von da durch ins Wallis. Wenn es dort schon so aussähe wie man es uns hier mahlt so wärs ein Stieg in die Hölle. Man kennt aber schon die Poesie der Leute auf den Sophas und in den Cabriolets. Etwas zu leiden sind wir bereit, und wenn es möglich ist im Dezember auf den Brocken zu kommen, so müssen auch Anfangs November uns diese Pforten der Schröcknisse auch noch durchlassen. Ich hoffe Schritt vor Schritt Ihnen erzählen zu können wohin wir gehn und was wir sehn. Beschrieben ists zwar schon besser, doch unser Schicksaal nicht. Adieu liebste. Vor 14 Tagen kan ich nichts an Sie auf die Post geben, also hören Sie vor 4 Wochen von heut an nichts von mir. Adieu Grüsen Sie Steinen und alles, ich dencke Sie sind in der Stadt.

Mich hat Genv ganz in mich hineingestimmt um alles blieb ich nicht noch 8 Tage in dem Loche.

Dass man bey den Franzosen auch von meinem Werther bezaubert ist hätt ich mir nicht vermuthet, man macht mir viel Complimente, und ich versichre dagegen dass es mir unerwartet ist, man fragt mich ob ich nicht mehr dergleichen schriebe, und ich sage: Gott möge mich behüten, dass ich nicht ie wieder in den Fall komme, einen zu schreiben und schreiben zu können. Indess giebt mir dieses Echo aus der Ferne doch einiges Intresse mehr an meinen Sachen, vielleicht bin ich künftig fleisiger und verpasse nicht wie bisher die guten Stunden. Ade.

Abends gegen 10.

Auch hab ich mich heute bei schönem Wetter in der Rhone gebadet wozu man ein gar artig Häusgen hat da das grüne Wasser unten durchfliesst. Und weil es denn überall Frau Basen giebt, die vom Müssiggange mit dem Rechte beliehen sind sich um andrer Leute Sachen zu bekümmern, so wollte man hier den Herzog von der Reise in die Savoyischen Eisgebürge die er sich selbst imaginirt hat und von der er sich viel Vergnügen verspricht mit den ernsthaftesten Protestationen abhalten. Man wollte eine Staats und Gewissenssache daraus machen, dass wir glaubten am besten zu thun, wenn wir uns erst des Raths eines erfahrenen Mannes versicherten. Wir kompromittirten daher auf den Professor de Saussure und nahmen uns vor nichts zu thun oder zu lassen als was dieser zu oder abrathen würde. Es fuhr iemand von der Gegenparthie mit zu ihm hinaus und auf ein simples exposé entschied er zu unserm grossen Vergnügen, dass wir ohne die geringste Fahr noch Sorge den Weeg in dieser so gut als in einer frühern Jahrszeit machen könnten. Er zeigte uns an was in den kurzen Tagen zu sehen würde möglich seyn, wie wir gehen und was für Vorsorge wir gebrauchen sollten. Er spricht nicht anders von diesem Gange als wie wir einem Fremden vom Buffarthischen Schloss oder vom Etterischen Steinbruch erzählen werden. Und das sind dünkt mich die Leute die man fragen muss, wenn man in der Welt fort kommen will.

Sehr ungern nehm ich Abschied

adieu.

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d. 13 Nov. 79.

Auf dem Gotthart bey den Capuzinern. Glücklich durch eine Kette Merckwürdiger Gegenden sind wir hier angekommen, was ich seit Genf aufgezeichnet will ich Philippen sobald ich ihn wieder treffe dicktiren. Hier ist der Herzog mit mir allein, und dem Jäger. Auf dem Gipfel unsrer Reise. Bis Genf gings von Ihnen weg, bisher sind wir in der Queer ziemlich gleichweit weggeblieben, und von Morgen an geht ieder Schritt wieder zurück. Zum zweitenmal bin ich nun in dieser Stube, auf dieser Höhe, ich sage nicht mit was für Gedancken. Auch iezt reizt mich Italien nicht. Dass dem Herzog diese Reise nichts nüzzen würde iezzo, dass es nicht gut wäre länger von Hause zu bleiben; dass ich Euch wiedersehen werde, alles wendet mein Auge zum zweitenmal vom gelobten Lande ab, ohne das zu sehen ich hoffentlich nicht sterben werde, und führt meinen Geist wieder nach meinem armen Dache, wo ich vergnügter als iemals Euch an meinem Camin haben, und einen guten Braten auftischen werde dabey sollen die Erzählungen die Abende kurz machen von braven Unternehmungen Entschlüssen, Freuden und Beschweerden.

Im Kurzen nur! von Genf haben wir die Savoyer Eisgebürge durchstrichen, sind von da ins Wallis gefallen, haben dieses die ganze Länge hinauf durchzogen, und endlich über die Furcke auf den Gotthart gekommen. Es ist diese Lienie auf dem Papier geschwind mit dem Finger gefahren, der Reichthum von Gegenständen aber unbeschreiblich, und das Glück in dieser Jahrszeit seinen Plan rein durchzuführen über allen Preis. Hier oben ist alles Schnee. seit gestern früh 11 Uhr haben wir keinen Baum gesehen. Es ist grimmig kalt, Himmel und Wolcken Rein, wie Saphir und Crystall. Der neu Mond ist untergangen mit seltsamen Lichte auf dem Schnee. wir stecken im Hause beym Ofen. Morgen steht uns nun der herrliche Weeg den Gotthart hinab noch vor. Doch sind wir schon durch so vieles grose durchgegangen dass wir wie Leviathane sind die den Strom trincken und sein nicht achten. Mehr oder weniger versteht sich. Gute Nacht. Diesen Brief geb ich auf die nächste Post die ich treffe. Wenn Sie ihn erhalten bin ich schon viel näher Adieu bestes.

G.

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[Luzern, Mitte November]

[Seidels Hand]

Hier und da auf der ganzen Reise ward so viel von der Merkwürdigkeit der Savoier Eisgebirgen gesprochen und wie wir nach Genf kamen, hörten wir, dass es immer mehr Mode würde, dieselben zu sehen, dass der Herzog eine sonderliche Lust kriegte, seinen Weg dahin zu nehmen, von Genf aus über Cluse und Salenche in's Thal Chamouni zu gehen, die Wunder zu betrachten, dann über Valorsine und Trient nach Martinach in's Wallis zu fallen. Dieser Weeg, den die meisten Reisenden nehmen, schien wegen der Jahrszeit etwas bedenklich. Der Herr de Saussure wurde deswegen auf seinem Landgute besucht und um Rath gefragt. Er versicherte, dass man ohne Bedenken den Weeg machen könnte, es liege auf den mittlern Bergen noch kein Schnee und wenn wir in der Folge auf's Wetter und auf den guten Rath der Landleute achten wollten, der niemals fehl schlüge, so könnten wir mit aller Sicherheit diese Reise unternehmen.

Hier ist die Abschrift eines sehr eiligen Tageregisters.

Cluse in Savoiien den 3ten Nov. 1779.

Heute früh ist der Herzog mit mir und einem Jäger von Genf ab, Wedel mit den Pferden durch's paï de vaud in's Wallis. Wir, in einem leichten Cabriolet, mit vier Rädern, fuhren erst, Hubern auf seinem Landgute zu besuchen, den Mann, dem Geist, Imagination, Nachahmungsbegierde zu allen Gliedern heraus will, einen der wenigen ganzen Menschen, die wir angetroffen haben. Er sezte uns auf den Weeg und wir fuhren sodann, die hohen Schneegebürge, an die wir wollten, vor Augen, weiter. Vom Genfersee lauffen die vordern Bergketten gegen einander, biss da, wo Bonneville, zwischen der Mole, einem ansehnlichen Berge und der Arve inne liegt. Da assen wir zu Mittag. Hinter der Stadt schliesst sich das Thal, obgleich noch sehr breit an, die Arve fliesst sachte durch, die Mitagseite ist sehr angebaut und durchaus der Boden benuzt. Wir hatten seit früh etwas Regen, wenigstens auf die Nacht befürchtet, aber die Wolken verliessen nach und nach die Berge und theilten sich in Schäfgen, die uns schon mehr gute Zeichen waren. Die Luft war so warm, wie Anfangs September und die Gegend sehr schön, noch viele Bäume grün, die meisten braungelb, wenige ganz kahl, die Saat hochgrün, die Berge im Abendroth rosenfarb in's violette und diese Farben auf grossen, schönen, gefälligen Formen der Landschaft! Wir schwazten viel Gutes. Gegen fünfe kamen wir nach Cluse, wo das Thal sich schließet und nur einen Ausgang lässt, wo die Arve aus dem Gebürge kommt und wir morgen hinein gehen. Wir stiegen auf einen Berg und sahen unter uns die Stadt an einem Fels gegen über mit der einen Seite angelehnt, die andere mehr in die Fläche des Thals hingebaut, das wir mit vergnügten Bliken durchliefen und, auf abgestürzten Granitstüken sizend, die Ankunft der Nacht, mit ruhigen und mannichfaltigen Gesprächen, erwarteten. Gegen sieben, als wir hinab stiegen, war es noch nicht kühler, als es auf dem Sommer um neun Uhr zu seyn pflegt. In einem schlechten Wirthshaus, bei muntern und willigen Leuten, an deren Patois man sich erlustigt, erschlafen wir nun den morgenden Tag, vor dessen Anbruch wir schon unsern Stab weiter sezen wollen. Abends gegen 10.

Salenche den 4. Nov. Mitags.

Bis ein schlechtes Mitagessen von sehr willigen Händen wird bereitet seyn, will ich versuchen, das merkwürdigste von heute früh aufzuschreiben. Mit Tags Anbruch gingen wir zu Fuse von Cluse ab, den Weeg nach Balme. Angenehm frisch war's im Thal, das lezte Mondsviertel ging vor der Sonne hell auf und erfreute uns, weil man es selten so zu sehen gewohnt ist, leichte, einzelne Nebel stiegen aus den Felsrizen aufwärts, als wenn die Morgenluft iunge Geister aufwekte, die Luft fühlten, ihre Brust der Sonne entgegen zu tragen und sie an ihren Blicken zu vergülden. Der obere Himmel war ganz rein, nur, wenig quer, strichen durchleuchtete Wolkenstreiffen. Balme ist ein elendes Dorf, unfern vom Weeg, wo sich eine Felsschlucht wendet. Wir verlangten von den Leuten, dass sie uns zur Höle führen sollten, von der der Ort seinen Ruhm hat. Da sahen sich die Leute unter einander an und sagten einer zum andern: Nehm' du die Leiter, ich will den Strik nehmen, kommt ihr Herrn nur mit! Diese wunderbare Einladung schrökte uns nicht ab, ihnen zu folgen. Der Stieg ging durch abgestürzte Kalchfelsenstüke erst hinauf, die durch die Zeit vor die steile Felswand aufgestufet worden und mit Hasel- und Buchenbüschen durchwachsen sind. Auf ihnen kommt man endlich an die Schicht der Felswand, wo man mühseelig und leidig auf der Leiter und Felsstufen, mit Hülfe übergebogener Nussbäumen-Aeste, hinauf klettern muss, dann steht man fröhlich in einem Portal des Felsen, übersieht das Thal und das Dorf unter sich. Wir bereiteten uns zum Eingang in die Höle, zündeten Lichter an und luden eine Pistole, die wir losschiessen wollten. Die Höle ist ein langer Gang, meist ebnes Bodens, auf einer Schicht, bald zu ein, bald zu zwei Menschen breit, bald über Mannshöhe, dann wieder zum büken und auch zum durchkriechen. Gegen die Mitte steigt eine Kluft aufwärts und bildet einen spizigen Dohm. In einer Eke schiebt eine Kluft abwärts, wo wir immer gelassen siebzehn bis neunzehn gezählt haben, eh' ein Stein, mit verschiedentlich wiederschallenden Springen, endlich in die Tiefe kam. An den Wänden sintert ein Tropfstein, doch ist sie an den wenigsten Orten feucht, und bilden sich lange nicht die reichen, wunderbaren Figuren, wie in der Baumannshöle. Wir drangen so weit vor, als es die Wasser zuliesen, schossen im Herausgehn die Pistole los, davon die Höle von einem starken dumpfen Klang erschüttert wurde und um uns wie eine Gloke summte. Wir brauchten eine starke viertel Stunde wieder heraus zu gehen, machten uns die Felsen wieder hinunter, fanden unsern Wagen und fuhren weiter. Wir sahen einen schönen Wasserfall auf Staubbachsart, es war weder sehr hoch noch sehr reich, doch weil die Felsen um ihn, wie eine runde Niche bilden, in der er herab stürzt, und weil die Kalchschichten an ihm, in sich selbst umgeschlagen, neue und ungewohnte Formen bilden, sehr interessant. Bei hohem Sonnenschein kamen wir hier an, nicht hungrig gnug, das Mitagessen, das aus einem aufgewärmten Fisch, Kuhfleisch und hartem Brod bestehet, gut zu finden. Von hier geht weiter in's Gebürg kein Fuhrweeg für eine so stattliche Reisekutsche, wie wir haben, diese geht nach Genf zurük und ich nehme Abschied von Ihnen, um den Weeg weiter fort zu sezen. Ein Maulesel mit dem Gepäk wird uns auf dem Fuse folgen.

Chamouni, den 4. Nov. Abends gegen 9.

Nur dass ich mit diesem Blat Ihnen um so näher rüken kann, nehme ich die Feder, sonst wär' es besser meine Geister ruhen zu lassen. Wir liesen Salenche in einem schönen, ofnen Thale hinter uns, der Himmel hatte sich, während unsrer Mitagrast, mit weisen Schäfgen überzogen, von denen ich hier eine besondre Anmerkung machen muss: Wir haben sie so schön und noch schöner, an einem heitern Tag von den Berner Eisbergen aufsteigen sehen, auch hier schien es uns wieder so, als wenn die Sonne die leiseste Ausdünstungen von den höchsten Schneegebürgen, gegen sich aufzöge und diese ganz feine Dünste von einer leichten Luft, wie eine Schaumwolle, durch die Atmosphäre gekämmt würden. Ich erinnre mich nie in den höchsten Sommertagen, bei uns, wo dergleichen ähnliche Lufterscheinungen vorfallen, etwas so durchsichtiges, leichtgewobenes gesehen zu haben. Schon sahen wir die Schneegebürge, von denen sie aufsteigen, vor uns, das Thal fing an zu stoken, die Arve schoss aus einer Felskluft hervor, wir mussten einen Berg hinan und wanden uns, die Schneegebürge rechts vor uns, immer höher. Abwechselnde Berge, alte Fichtenwälder zeigten sich uns rechts, theils in der Tiefe, theils uns gleich. Links über uns waren die Gipfel des Bergs kahl und spizig. Wir fühlten dass wir einem stärkern und mächtigern Saz von Bergen immer näher rükten. Wir kamen über ein breites troknes Beet von Kieseln und Steinen, das die Wasserfluthen die Länge des Berges hinab zerreissen und wieder füllen. Von da in ein sehr angenehmes, eingenommnes, flaches Thal, worin das Dörfgen Serves liegt, von da geht der Weeg, um einige sehr bunte Felsen, wieder gegen die Arve. Wenn man über sie weg ist, steigt man einen Berg hinan, die Massen werden hier immer grösser, die Natur hat hier mit sachter Hand, das Ungeheure zu bereiten angefangen. Es wurde dunkler, wir kamen dem Thale Chamouni näher und endlich darein. Nur die grossen Massen waren uns sichtbar, die Sterne gingen nach einander auf und wir bemerkten über den Gipfeln der Berge, rechts vor uns, ein Licht, das wir nicht erklären konnten, hell, ohne Glanz wie die Milchstrasse, doch dichter, fast wie die Pleiaden, nur grösser, unterhielte es lang unsre Aufmerksamkeit, biss es endlich, da wir unsern Standpunkt änderten, wie eine Piramiede, von einem innern, geheimnissvollen Lichte durchzogen, das dem Schein eines Johanniswurms am besten verglichen werden kann, über den Gipfeln aller Berge hervorragte und uns gewiss machte, dass es der Gipfel des mont blanc's war. Es war die Schönheit dieses Anbliks ganz auserordentlich, denn, da er mit den Sternen, die um ihn herumstunden, zwar nicht in gleich raschem Licht, doch in einer breitern zusammenhängendern Masse leuchtete, so schien er den Augen zu iener höhern Sphäre zu gehören und man hatte Müh', in Gedanken seine Wurzeln wieder an die Erde zu befestigen. Vor ihm sahen wir eine Reihe von Schneegebürgen, dämmernder auf den Rüken von schwarzen Fichtenbergen liegen, und wir sahen ungeheure Gletscher zwischen den schwarzen Wäldern herunter in's Thal steigen.

Meine Beschreibung fängt an unordentlich und ängstlich zu werden, auch braucht es eigentlich immer zwei Menschen, einen der's sähe und einen der's beschriebe.

Wir sind hier in dem mittelsten Dorfe des Thals, le Prieuré genannt, wohl logieret, in einem Hause, das eine Wittwe den vielen Fremden zu Ehren, vor einigen Jahren erbauen lies. Wir sizen am Camin und lassen uns den Muskatellerwein, aus der vallée d'aost besser schmeken, als die Fastenspeissen, die uns aufgetischt werden.

den 5ten Nov. Abends.

Es ist immer eine Resolution als wie wenn man in's kalte Wasser soll, ehe ich die Feder nehmen mag, zu schreiben. Hier hätt' ich nun grade Lust, Sie auf die Beschreibung der Savoiischen Eisgebürgen, die Bourit, ein passionirter Kletterer, herausgegeben hat, zu verweissen.

Erfrischt durch einige Gläser guten Wein und den Gedanken, dass diese Blätter eher als die Reisenden und Bourit's Buch, bei Ihnen ankommen werden, will ich mein möglichstes thun. Das Thal Chamouni, in dem wir uns befinden, liegt sehr hoch in den Gebürgen, es ist etwa sechs bis sieben Stunden lang und gehet ziemlich von Mitag gegen Mitternacht, der Charakter, der mir es vor andern auszeichnet, ist, dass es in seiner Mitte fast gar keine Fläche hat, sondern das Erdreich, wie eine Mulde, sich gleich von der Arve aus gegen die höchsten Gebürge anschmiegt. Der Mont blanc und die Gebürge, die von ihm herabsteigen, die Eismassen, die diese ungeheure Klüfte ausfüllen, machen die östliche Wand aus, an der die ganze Länge des Thals hin sieben Gletscher, einer grösser als der andre herunter kommen. Unsere Führer, die wir gedingt hatten, das Eismeer zu sehen, kamen bei Zeiten. Der eine ist ein rüstiger, iunger Bursche, der andre schon älter und sich klug dünkender, der mit allen gelehrten Fremden Verkehr gehabt hat, von der Beschaffenheit der Eisberge sehr wohl unterrichtet und ein sehr tüchtiger Mann ist. Er versicherte uns, dass seit acht und zwanzig Jahren, so lang führ' er Fremde auf die Gebürge, er zum erstenmal so spät im Jahr, nach Allerheiligen, iemand hinauf bringe und doch versicherte er, dass wir alles eben so gut, wie im August sehen sollten. Wir stiegen, mit Speisse und Wein gerüstet den Mont Anvert hinan, wo uns der Anblik des Eismeers überraschen sollte. Ich würde es, um die Baken nicht so voll zu nehmen, eigentlich das Eisthal oder den Eisstrom nennen. Denn die ungeheuren Massen von Eis, dringen aus einem tiefen Thal, von oben anzusehn, in ziemlicher Ebne hervor. Grad hinten endigt ein spizer Berg, wo von beiden Seiten Eisflüsse sich in den Hauptstrohm ergiessen. Es lag noch nicht der mindeste Schnee auf der zakigten Fläche und die blauen Spalten glänzten gar schön hervor. Das Wetter fing nach und nach an sich zu überziehen und ich sahe wogige, graue Wolken, die Schnee anzudeuten schienen, wie ich sie niemals gesehn. In der Gegend, wo wir stunden, ist die kleine von Steinen zusammengelegte Hütte für das Bedürfniss der Reisenden, zum Scherz das Schloss von Montanvert genannt. Monsieur Blaire, ein Engländer, der sich zu Genf aufhält, hat eine geräumigere, an einem schiklichern Ort, etwas weiter hinauf, erbauen lassen, wo man, am Feuer sizend, zu einem Fenster hinaus, das ganze Eisthal übersehen kann. Die Gipfel der Felsen gegen über und auch in die Tiefe des Thals hin, sind sehr spizig ausgezakt, es kommt daher, weil sie aus einer Gesteinart zusammen gesezt sind, deren Schichten fast ganz perpendikular in die Erde einschiessen, wittert eine leichter aus, so bleibt die andere spiz in die Luft stehen, solche Zacken werden Nadeln genennet und die aiguille du dru ist eine solche hohe merkwürdige Spize, grade dem mont anvert gegen über. Wir wolten nunmehro auch das Eismeer betreten und diese ungeheure Massen auf sich selbst beschauen. Wir stiegen den Berg hinunter und machten einige hundert Schritte auf den wogigen Cristallklippen herum. Es ist ein ganz treflicher Anblik, wenn man, auf dem Eise selbst stehend, denen oberwärts sich herabdrängenden und durch seltsame Spalten geschiedenen Massen entgegen sieht, doch wollt' es uns nicht länger auf diesem schlüpfrigen Boden gefallen, wir waren weder mit Fuseisen, noch mit beschlagenen Schuhen gerüstet, vielmehr waren unsere Absäze durch den langen Marsch abgerundet und geglättet, wir machten uns also wieder zu denen Hütten hinauf und nach einigem Ausruhen zur Abreise fertig. Wir stiegen den Berg hinab und kamen an den Ort, wo der Eisstrohm stufenweis biss hinunter in's Thal dringt und traten in die Höle in der er sein Wasser ausgiesst. Sie ist weit, tief, von dem schönsten Blau, und es steht sich sichrer im Grund als vorn an der Mündung, weil an ihr sich immer grosse Stüke Eis schmelzend ablösen. Wir nahmen unsern Weeg nach dem Wirthshause zu, bei der Wohnung zweier Blondins vorbei: Kinder von zwölf bis vierzehn Jahren, die sehr weise Haut, weise, doch schroffe Haare, rothe und bewegliche Augen wie die Kaninchen haben.

Die tiefe Nacht, die im Thale liegt, lädt mich zeitig zu Bette und ich habe kaum noch so viel Munterkeit Ihnen zu sagen, dass wir einen iungen zahmen Steinbok gesehen haben, der sich unter den Ziegen ausnimmt, wie der natürliche Sohn von einem grossen Herrn, dessen Erziehung in der Stille einer bürgerlichen Famielie aufgetragen ist. Von unsern Diskursen geht's nicht an, dass ich etwas aus der Reihe mittheile, an Graniten, Gestellsteinen, Lerchen und Zirbelbäumen finden Sie auch keine grose Erbauung; doch sollen Sie ehestens merkwürdige Früchte von unserm botanisiren zu sehen kriegen. Ich bilde mir ein, sehr schlaftrunken zu sein und kann nicht eine Zeile weiter schreiben.

Chamouni den 6. Nov. früh.

Zufrieden mit dem, was uns die Jahrszeit hier zu sehen erlaubte, sind wir reisefertig noch heute in's Wallis durchzudringen. Das ganze Thal ist über und über biss an die Helfte der Berge mit Nebel bedekt, wir müssen erwarten, was Sonne und Wind zu unserm Vortheil thun werden. Unser Führer schlägt uns einen Weeg über den col de balme vor. Ein hoher Berg, der an der nördlichen Seite des Thals gegen Wallis zu liegt und auf dem wir, wenn wir glüklich sind, das Thal Chamouni, mit seinen meisten Merkwürdigkeiten, noch auf einmal von seiner Höhe übersehen können. Indem ich dieses schreibe, geschieht an dem Himmel eine herrliche Erscheinung: die Nebel, die sich bewegen und die sich an einigen Orten brechen, lassen, wie durch Tagelöcher den blauen Himmel sehen und die Gipfel der Berge, die oben, über unsrer Dunstdeke, von der Morgensonne beschienen werden. Auch ohne die Hofnung eines schönen Tags, ist dieser Anblick dem Aug' eine rechte Weide. Erst iezo hat man einiges Maas für die Höhe der Berge. Erst in einer ziemlichen Höhe vom Thal auf, streichen die Nebel an dem Berg hin, hohe Wolken steigen von da auf, und alsdenn sieht man noch über ihnen die Gipfel der Berge in der Verklärung schimmern. Es wird Zeit! Ich nehme zugleich von diesem geliebten Thal und von Ihnen Abschied.

Martinach im Wallis den 6 Nov. Abends. Glüklich sind wir herüber gekommen und so wäre auch dieses Abendtheuer bestanden. Die Freude über unser gutes Schiksaal wird mir noch eine halbe Stunde die Feder lebendig erhalten.

Unser Gepäk auf ein Maulthier geladen, zogen wir gegen neune heute früh von Prieuré aus. Die Wolken wechselten, dass die Gipfel der Berge bald erschienen bald verschwanden, bald die Sonne streifweis in's Thal dringen konnte, bald die Gegend wieder verdekt wurde. Wir gingen das Thal hinauf, den Ausguss des Eisthals vorbei, ferner den glacier d'argentiére hin, der höchste von allen, dessen oberster Gipfel uns aber von Wolken bedekt war. In der Gegend wurde Rath gehalten, ob wir den Stieg über den col de balme unternehmen und den Weg über Valorsine verlassen wollten. Der Anschein war nicht der vortheilhafteste, doch da hier nichts zu verlieren und viel zu gewinnen stund, traten wir unsern Weeg kek gegen die dunkle Nebel- und Wolkenregion an. Als wir gegen den glacier du tour kamen, rissen sich die Wolken aus einander und wir sahen auch diesen schönen Gletscher in völligem Lichte. Wir sezten uns nieder, tranken eine Flasche Wein aus und assen etwas weniges. Wir stiegen nunmehro immer den Quellen der Arve, auf rauhern Matten und schlecht berasten Gegenden, entgegen und kamen dem Nebelkreis immer näher, biss er uns endlich völlig aufnahm. Wir stiegen eine Weile gedultig fort, als es auf ein mal wieder über unsern Häuptern helle zu werden anfing und wir aufschritten. Wenig dauerte es, so traten wir aus den Wolken heraus, sahen sie in ihrer ganzen Last, unter uns auf dem Thale liegen und konnten die Berge, die es rechts und links einschliessen ausser dem Gipfel des mont blanc's, der mit Wolken bedekt war, sehen, deuten und mit Namen nennen. Wir sahen einige Gletscher von ihren Höhen biss zu der Wolkentiefe herabsteigen, von andern sahen wir nur die Pläze, indem uns die Eismassen durch die Bergschründe verdekt wurden. Ueber die ganze Wolkenfläche sahen wir, ausser dem mittägigen Ende des Thales, ferne Berge im Sonnenschein. Was soll ich Ihnen die Namen von denen Gipfeln, Spizen, Nadeln, Eis- und Schneemassen vorerzählen, die Ihnen doch kein Bild weder vom Ganzen noch vom Einzeln in die Seele bringen, merkwürdiger ist's, wie die Geister der Luft sich unter uns zu streiten schienen. Kaum hatten wir eine Weile gestanden und uns an der grossen Aussicht ergözt, so schien eine feindseelige Gährung in dem Nebel zu entstehen, der auf einmal aufwärts strich und uns aufs neue einzuwikeln drohte. Wir stiegen stärker den Berg hinan, ihm nochmals zu entgehen, allein er überflügelte uns und rollte uns ein. Wir stiegen immer frisch aufwärts und bald kam uns ein Gegenwind vom Berge selbst zu Hülfe, der durch den Sattel, der zwei Gipfel verbindet, hereinstrich und den Nebel wieder in's Thal zurüktrieb. Dieser wundersame Streit wiederholte sich öfters und wir langten endlich glüklich auf dem col de balme an. Es war ein seltsamer, eigner Anblik, der höchste Himmel, über den Gipfeln der Berge, war überzogen, unter uns sahen wir durch den manchmal zerrissnen Nebel in's ganze Thal Chamouni und zwischen diesen beiden Wolkenschichten waren die Gipfel der Berge alle sichtbar. Auf der Ostseite waren wir von schroffen Gebürgen eingeschlossen, auf der Abendseite sahen wir in ungeheure Thäler, wo doch auf einigen Matten sich menschliche Wohnungen zeigten. Vorwärts lag uns das Wallisthal, wo man mit einem Blik bis Martinach hinein sehen konnte. Von allen Seiten von Gebürgen umschlossen, die sich weiter gegen den Horizont immer zu vermehren und aufzuthürmen schienen, so standen wir auf der Gränze von Savoiien und Wallis. Einige Contrebandiers kamen mit Mauleseln den Berg herauf und erschraken vor uns, da sie an dem Plaz iezo niemand vermutheten. Sie thaten einen Schuss, als ob sie sagen wollten: »damit ihr seht dass sie geladen sind« – und es ging einer voraus um uns zu recognosciren. Da er unsern Führer erkannte und unsre harmlose Figuren sah, rükten die andre auch näher, und wir zogen, mit wechselseitigen Glükwünschen von ein ander vorbei. Der Wind ging scharf und es fing ein wenig an zu schneien. Nunmehro ging es durch einen sehr rauhen und wilden Stieg abwärts, durch einen alten Fichtenwald, der sich auf Platten von Gestellstein eingewurzelt hatte. Vom Wind übereinander gerissen, verfaulten hier die Stämme mit ihren Wurzeln und die zugleich losgebrochne Felsen lagen schrof durcheinander. Endlich kamen wir in's Thal, wo der Trientfluss aus einem Gletscher entspringt, liessen das Dörfgen Trient ganz nahe rechts liegen und folgten dem Thale durch einen ziemlich unbequemen Weeg, biss wir endlich gegen sechse hier in Martinach auf flachem Wallisboden angekommen sind, wo wir uns zu weitern Unternehmungen ausruhen wollen.

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[Zürich, Ende November]

Meine vielgeliebte, sehr vergnügt und wohl sind wir schon vor einigen Tagen hier in Zürch angekommen. Vom Gotthart fuhren wir über den Luzerner See, nach Schwiz und Luzern, von da ritten wir hierher.

Was ich auf unsrer Savoyer Tour theils mit Dinte theils mit Bleystift gekrizzelt, hab ich Ph[ilippen] in Luzern dicktiert, und es liegt hierbey. Nun steht noch die Reise durchs Wallis auf den Gotthart und von da hier her zurück wozu ich auch Zettelgen habe.

Ihren Brief vom 12 Nov aus Kochberg hab ich, nun werden Sie wohl in der Stadt seyn, bereiten Sie uns dort einen freundlichen Empfang von allen guten Geistern, denn meine Seele sehnt sich starck zurück. Die Bekanntschaft von Lavatern ist für den Herzog und mich was ich gehofft habe, Siegel und oberste Spizze der ganzen Reise, und eine Weide an Himmelsbrod wovon man lange gute Folgen spüren wird. Die Trefflichkeit dieses Menschen spricht kein Mund aus, wenn durch Abwesenheit sich die Idee von ihm verschwächt hat, wird man auf's neue von seinem Wesen überrascht. Er ist der beste grösste weiseste innigste aller sterblichen und unsterblichen Menschen die ich kenne. Adieu beste. Die Post eilt und ich war gestern faul.

G.

Ich habe nicht einmal die Reise Nachricht durchsehen können es sind wohl schreibfehler drinn.

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[Zürich, Dienstag 30. November]

Ihre erste Weimarer Worte erhalt ich hier und freue mich Sie wieder meine Nachbaarinn zu wissen, und dass Ihnen der Schreibtisch Vergnügen macht. Glauben Sie mir ich halt ihn auch für kostbaar und muss, denn seit Anfang dieses Jahrs hab ich mich beschäftigt ihn zusammenzutreiben, alles selbst ausgesucht, aufgesucht, davon viel Anectdoten zu erzählen wären, bin offt vergnügt von Ihnen weg zum Tischer gegangen weil etwas im Werck war das Sie freuen sollte, das nicht auf der Messe erkauft, das von seinem ersten Entwurf meine Sorge, meine Puppe, meine Unterhaltung war. Wenn Freundschafft sich bezahlen lässt; so ist dünckt mich das die einzige von Gott und Menschen geliebte Art. Also meine beste – Verzeihen Sie mir diese Rodomondate! Ich werde verleitet Sie auf den eigentlichen Preis des Dings zu weisen, da Sie nur einen Augenblick an einen andern dencken konnten.

Wir sind in und mit Lavatern glücklich, es ist uns allen eine Cur, um einen Menschen zu seyn, der in der Häuslichkeit der Liebe lebt und strebt, der an dem was er würckt Genuss im Würcken hat, und seine Freunde mit unglaublicher Aufmerksamkeit, trägt, nährt, leitet und erfreut. Wie gern mögt ich ein vierteljahr neben ihm zubringen, freylich nicht müsig wie iezt. Etwas zu arbeiten haben, und Abends wieder zusammen lauffen. Die Wahrheit ist einem doch immer neu, und wenn man wieder einmal so einen ganz wahren Menschen sieht meynt man, man käme erst auf die Welt. Aber auch ists im moralischen wie mit einer Brunnen Cur alle Übel im Menschen tiefe und flache kommen in Bewegung, und das ganze Eingeweide arbeitet durch einander. Erst hier geht mir recht klar auf in was für einem sittlichen Todt wir gewöhnlich zusammen leben, und woher das Eintrocknen und Einfrieren eines Herzens kommt das in sich nie dürr, und nie kalt ist. Gebe Gott dass unter mehr grosen Vortheilen auch dieser uns nach Hause begleite, dass wir unsre Seelen offen behalten, und wir die guten Seelen auch zu öffnen vermögen. Könnt ich euch mahlen wie leer die Welt ist, man würde sich an einander klammern und nicht von einander lassen. Indess bin ich auch schon wieder bereit dass uns der Sirocko von Unzufriedenheit, Widerwille, Undanck, Lässigkeit und Prätension entgegen dampfe.

Adieu meine Beste. Noch hab ich mein unleserliches Tagbuch an Sie von Martinach bis hierher nicht abdicktiren können. Wills Gott heut Abend oder morgen. Adieu. Grüsen Sie alles.

Zürch d. 30 Nov. 79.

G.

Übermorgen gehn wir von hier ab, und haben noch den Costnizer See, und den Rheinfall vor uns.

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