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Matthias Claudius: Briefe - Kapitel 9
Quellenangabe
titleBriefe
authorMatthias Claudius
modified20170815
typeletter
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Er will wohl bleiben, was er ist

Es geht mir ebenso, Andres, wenn ich in der Bibel von einem alten und neuen Bunde, von einer Konnexion und einem Verkehr zwischen dem höchsten Wesen und unserm Geschlecht lese; ich mache auch oft das Buch zu und falte die Hände: daß die Menschen vor Gott so hoch geachtet und wert sind!

Es drückt einen das freilich nieder in den Staub; aber man kriegt zu gleicher Zeit Respekt vor sich selber und wittert Morgenluft - und man kann und kann den Mittler zwischen beiden nicht genug ansehen und lieben und möchte ihn für andere mit lieben, die es nicht besser wissen.

Der Mensch kann die Wahrheit verkennen, verachten und aufhalten; aber wie umwegs oder verkehrt er es auch treibe, so irrt er sich nur, und mitten in solchem Treiben suchet und meinet er sie. Er kann ihr'r nicht entbehren; und es ist nicht möglich, wenn sie ihm erscheint, daß er sein Haupt nicht vor ihr beuge.

Irren ist menschlich, Andres! Aber die Wahrheit ist unschuldig. Sie ist immer bereit und immer wert und wird auch wohl am Ende recht behalten.

Aber es macht Dir graue Haare, schreibst Du, unsern Herrn Christus verkannt und verachtet zu sehen. - Du liebe, gerechte Seele, mag es doch; wer sie uni ihn trägt, der trägt mit Ehren graues Haar.

Zwar seinetwegen brauchst Du Dir keine wachsen zu lassen. Er will wohl bleiben, was er ist. So viele ihrer die Wahrheit nicht erkennen und nutzen, die haben des freilich Schaden; aber was kann es ihr schaden, ob sie erkannt und genutzt wird oder nicht? Sie bedarf keines, und es ist die Größe und Herrlichkeit ihrer Natur, daß sie immer bereit ist, von Undank nicht ermüdet wird und wie die aufgehende Sonne mit den Wolken und Dünsten ringt, um sie zu reinigen und zu vergolden.

Laß sie denn ringen, Andres; und brich Dir auch, um was Du nicht ändern kannst, das Herz nicht.

Wer nicht an Christus glauben will, der muß sehen, wie er ohne ihn raten kann. Ich und Du können das nicht. Wir brauchen jemand, der uns hebe und halte, weil wir leben, und uns die Hand unter den Kopf lege, wenn wir sterben sollen; und das kann er überschwenglich, nach dem, was von ihm geschrieben steht, und wir wissen keinen, von dem wir's lieber hätten.

Keiner hat je so geliebt, und so etwas in sich Gutes und in sich Großes, wie die Bibel von ihm saget und setzet, ist nie in eines Menschen Herz gekommen und über all sein Verdienst und Würdigkeit. Es ist eine heilige Gestalt, die dem armen Pilger wie ein Stern in der Nacht aufgehet und sein innerstes Bedürfnis, sein geheimstes Ahnden und Wünschen erfüllt.

Wir wollen an ihn glauben, Andres, und wenn auch niemand mehr an ihn glaubte. Wer nicht um der andern willen an ihn geglaubt hat, wie kann der um der andern willen auch aufhören, an ihn zu glauben?

Nur eine so zarte, überirdische Gestalt ist gar zu leicht verändert und verstellt, und sie kann von Menschenhänden sozusagen nicht berührt werden, ohne zu verlieren. Deswegen ist auch immer des Zankens und Streitens über ihn unter den Menschen kein Ende gewesen.

Von allen den Streitern sind die, welche die Bibel aufrecht halten und doch alles Übernatürliche natürlich machen und mit ihrer Philosophie belegen und reimen wollen, unstreitig die schwächsten; denn sie haben weder Verstand noch Mut und sind nicht Fisch noch Fleisch. Dazu sind sie immer in Not und kommen nicht zum Ziel, denn es ist viel schwerer, die Vernunft gegen die Offenbarung, als die Offenbarung gegen die Vernunft zu retten; und wenn sie zum Ziel kommen, so haben sie nichts. Wer menschliche Weisheit sein läßt, was sie ist, sich aber bescheidet, daß es eine größere gebe, und Gott Mittel und Wege haben könne, davon der Mensch nicht weiß, und daß eine Offenbarung über unsre Einsichten sein müsse, und das Unbegreifliche an ihr kein Flecken, sondern, wenn sie sonst das Gepräge göttlicher Liebe trägt, grade ihr Wahrzeichen und ihre Schöne sei; der ist besser daran und kann allen den Zänkereien unbekümmert zusehen und indes in seine Scheuern sammeln. Alles muß allerdings zusammenhängen und wird sich auch wohl reimen lassen, wenn die Data bekannt sind. Die Spekulanten lassen es sich nicht träumen, daß das brillanteste Feld der Spekulation hinter der Kirchmauer liege.

Doch dem sei, wie ihm wolle, Andres; wir glauben der Bibel aufs Wort und halten uns schlecht und recht an das, was die Apostel von Christus sagen und setzen.

Die ihn selbst gesehen und gehört haben und an seiner Brust gelegen sind, die sind ihm doch näher gewesen als wir und die Glosse. Und was auch bisher unter den Gelehrten erfunden sein mag, und wie gut sie auch wissen und verstehen mögen; so scheint es doch, die Wahrheit zu sagen, daß die Apostel es besser wissen und verstehen müßten.

 


 

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