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Matthias Claudius: Briefe - Kapitel 3
Quellenangabe
titleBriefe
authorMatthias Claudius
modified20170815
typeletter
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Über das Gebet

Es ist sonderbar, daß Du von mir eine Weisung über Gebet verlangst; und Du verstehst's gewiß viel besser als ich. Du kannst so in Dir sein, und auswendig so verstört und albern aussehen, daß der Priester Eli, wenn er Dein Pastor Loci wäre, Dich leicht in bösen Ruf bringen könnte. Und das sind gute Anzeichen, Andres. Denn wenn das Wasser sich in Staubregen zersplittert, kann es keine Mühle treiben, und wo Klang und Rumor an Tür und Fenstern ist, passiert im Haus nicht viel.

Daß einer beim Beten die Augen verdreht etc. finde ich eben nicht nötig, und halte es für besser, natürlich zu beten. Aber man muß einen deshalb nicht verlästern, wenn er nicht heuchelt; doch wenn einer groß und breit beim Gebet tut, darüber muß man lästern, scheint mir - es ist nicht auszustehen. Man darf Mut und Zuversicht haben, aber nicht eingebildet und selbstklug sein; denn weiß einer sich selbst zu raten und zu helfen, so ist es ja das kürzeste, daß er sich selbst hilft. Das Händefalten ist eine feine äußerliche Zucht und sieht so aus, als wenn sich einer auf Gnade und Ungnade ergibt und die Waffen streckt etc.. Aber das innerliche heimliche Hinhängen, Wellenschlagen und Wünschen des Herzens, das ist nach meiner Meinung beim Gebet die Hauptsache, und darum kann ich nicht begreifen, was die Leute meinen, die nichts vom Beten wissen wollen. Das ist doch so, als wollten sie sagen, man solle nichts wünschen oder man solle keinen Bart und keine Ohren haben. Das müßte ja ein hölzerner Bube sein, der seinen Vater niemals etwas zu bitten hätte, und der erst einen halben Tag in den Büchern suchte, ob er es zu der Extremität kommen lassen wolle oder nicht. Wenn Dein Wunsch Dir innerlich nahe geht, Andres, und warmer Komplexion ist, so wird er nicht lange anfragen, er wird Dich übermannen wie ein starker, gewappneter Mann, wird sich kurz und gut mit einigen Lumpen von Worten bekleiden und am Himmel anklopfen.

Aber das ist eine andere Frage, was und wie wir beten sollen. Kennt jemand das Wesen dieser Welt, und trachtet er ungeheuchelt nach dem, was besser ist, dann hat es mit dem Gebet seine gewissen Wege. Aber des Menschen Herz ist eitel und töricht von Mutterleibe an. Wir wissen nicht, was gut für uns ist, Andres, unser liebster Wunsch hat uns oft betrogen! Und deshalb muß man nicht auf seinem Wunsch bestehen, sondern blöde und diskret sein und es dem lieber anheim stellen, der es besser weiß als wir.

Ob nun das Gebet einer bewegten Seele etwas vermag und wirken kann oder ob der Nexus Rerum dergleichen nicht gestattet, wie einige Herren Gelehrte meinen, darüber laß ich mich in keinen Streit ein. Ich habe allen Respekt vor dem Nexus Rerum, kann aber doch nicht umhin, dabei an Simson zu denken, der den Nexus der Torflügel unbeschädigt ließ und bekanntlich das ganze Tor auf den Berg trug. Und, Andres, ich glaube, daß der Regen wohl kommt, wenn es dürre ist, und daß der Hirsch nicht umsonst nach frischem Wasser schreit, wenn einer nur recht betet und recht gesinnt ist.

Das »Vater unser« ist ein für allemal das beste Gebet, denn Du weißt, wer es gemacht hat. Aber kein Mensch auf Gottes Erdboden kann es so nachbeten wie er es gemeint hat; wir verkrüppeln es nur von ferne, einer noch immer armseliger als der andere. Das schadet aber nicht, Andres, wenn wir es nur gut meinen; der liebe Gott muß so immer das Beste tun, und der weiß, wie es sein soll. Weil Du es verlangst, will ich Dir aufrichtig sagen, wie ich es mit dem »Vater unser« mache. Ich denke aber, es ist so nur sehr armselig gemacht, und ich möchte mich gerne eines Besseren belehren lassen.

Sieh, wenn ich beten will, so denke ich erst an meinen seligen Vater, wie der so gut war und mir so gerne geben mochte. und dann stell ich mir die ganze Welt als meines Vaters Haus vor; und alle Menschen in Europa, Asien, Afrika und Amerika sind dann in meinen Gedanken meine Brüder und Schwestern; und Gott sitzt im Himmel auf einem goldenen Stuhl und hat seine rechte Hand über das Meer und bis ans Ende der Welt ausgestreckt, und seine Linke ist voll Heil und Gutem, und die Bergspitzen umher rauchen - und dann fang ich an::

Vater Unser, der du bist im Himmel.

Geheiligt werde dein Name.

Das verstehe ich nun schon nicht. Die Juden sollen besondere Heimlichkeiten von dem Namen Gottes gewußt haben. Das lasse ich aber gut sein und wünsche nur, daß das Andenken an Gott und eine jede Spur, aus der wir ihn erkennen können, mir und allen Menschen über alles groß und heilig sein möge.

Zu uns komme dein Reich.

Hierbei denke ich an mich selbst, wie es in mir hin und her treibt und bald dies bald das regiert, und daß das alles Herzquälen ist und ich dabei auf keinen grünen Zweig komme. Und dann denke ich, wie gut es für mich wäre, wenn doch Gott allem Streit ein Ende machen und mich selbst regieren wollte.

Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf der Erde.

Hierbei stelle ich mir den Himmel mit den heiligen Engeln vor, die mit Freuden seinen Willen tun, und keine Qual rührt sie an, und sie wissen sich vor Liebe und Seligkeit nicht zu retten und frohlocken Tag und Nacht; und dann denk ich: Wenn es doch auch auf Erden so wäre!

Unser täglich Brot gib uns heute.

Ein jeder weiß, was täglich Brot heißt und daß man essen muß, so lange man in der Welt ist und daß es auch gut schmeckt. Daran denke ich dann. Auch fallen mir wohl meine Kinder ein, wie die so gerne essen mögen und so flugs und fröhlich bei der Schüssel sind. Und dann bete ich, daß der liebe Gott uns doch etwas zu essen geben wolle.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Es tut weh, wenn man beleidigt wird, und die Rache ist dem Menschen süß. Das kommt mir auch so vor, und ich hätte wohl Lust dazu. Da tritt mir aber der Schalksknecht aus dem Evangelium unter die Augen; und mir entfällt das Herz, und ich nehme mir vor, daß ich meinem Mitknecht vergeben und ihm kein Wort von den hundert Groschen sagen will.

Und führe uns nicht in Versuchung.

Hier denke ich an allerhand Beispiele, wo Leute unter diesen und jenen Umständen vom Guten abgewichen und gefallen sind, und daß es mir nicht besser gehen würde.

Sondern erlöse uns von dem Übel.

Mir sind die Versuchungen noch im Sinn und daß der Mensch so leicht verführt werden und von der geraden Bahn abweichen kann. Zugleich denke ich aber auch an alle Mühe des Lebens, an Schwindsucht und Alter, an Kindesnot, Kaltenbrand und Wahnsinn und das tausendfache Elend und Leid, das in der Welt ist und die armen Menschen martert und quält, und da ist niemand, der helfen kann. Und Du wirst finden, Andres, wenn die Tränen nicht vorher gekommen sind, hier kommen sie gewiß, und man kann sich so von Herzen heraussehnen und in sich so betrügt und niedergeschlagen werden, als ob gar keine Hilfe wäre. Dann muß man sich aber wieder Mut machen, die Hand auf den Mund legen und wie im Triumph fortfahren:

Denn dein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

 


 

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