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Matthias Claudius: Briefe - Kapitel 12
Quellenangabe
titleBriefe
authorMatthias Claudius
modified20170815
typeletter
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Sie saßen um ihn und sahen ihn an und sehnten sich nach seinem Leib und Blut

Es ist immer so, Andres, die Hauptpunkte einer Religion sind verhüllt und zugedeckt; und so ist das heilige Abendmahl allerdings ein Geheimnis. Dafür haben es die Anhänger Christi von Anfang an genommen, und dafür nimmt es auch Luther. Auch pflegten die ersten Christen es gerne geheimzuhalten, und noch in den Zeiten des öffentlichen christlichen Gottesdienstes mußte die übrige Versammlung abtreten.

Wie es nun überhaupt mit Geheimnissen ist: wer sie nicht weiß, der erklärt sie, und wer sie erklärt, der weiß sie nicht. Erzwingen und mit Gewalt nehmen lassen sie sich nicht; wer sie aber zu verdienen sucht und sich den Besitzer zum Freunde zu machen weiß, der erfährt sie bisweilen. Darum wollen wir ehrerbietig und demütig vor der Tür dieses hochheiligen Geheimnisses stehenbleiben und die Außenseite ansehen, Schlecht und recht, und wie die Bibel sie gibt. Sie liegt Jedermann offen und ist, so wie der ganze letzte Abend und Abschied – wie in dieser Welt nichts anders; wie denn auch ein solcher Abend und Abschied in dieser Welt nur einmal gewesen ist.

Wie Christus selbst sagt und die ganze Christenheit glaubt, bezieht das Alte Testament sich auf das Neue.

So hohe geistige Ideen wie die von himmlischen Gütern, von einer unsichtbaren Befleckung und einem geistlichen Fall, die geschehen waren, von unsichtbarer Reinigung und einem Wiederhersteller, die versprochen war und zu seiner Zeit kommen werde usw., konnten unter den ersten Menschen, die den großen Begebenheiten näher waren, wohl von Mann zu Mann fortgepflanzt werden; sie würden aber mit der Zeit für die Welt erloschen und verloren gewesen sein, wenn sie nicht von den alten Weisen und Propheten unter einer sinnlichen Hülle öffentlich vor die Augen gebracht und beständig gehalten worden wären. Moses war vor allen andern ein Solcher Weiser und Prophet, und er knüpfte diese Hüllen, um ihnen desto mehr Interesse zu geben, an die politische Geschichte seines Volkes, damit es ihnen »ein Zeichen sei in ihrer Hand und ein Denkmal in ihren Augen, auf daß des Herrn Gesetz sei in ihrem Munde, daß der Herr sie mit mächtiger Hand aus Ägypten geführt habe«. - Und man kann den mosaischen Gottesdienst, außer dem, was er in sich war, als die allervollkommenste Prophezeiung ansehen, die wir von Christus haben. Die Schrift sagt auch, daß hinfort kein Prophet in Israel aufgestanden sei wie Mose; und Moses redete noch auf dem Berge mit Christus über den Ausgang, welchen er sollte erfüllen zu Jerusalem.

Die heiligen Schriften des Neuen Testaments drücken sich Sehr bestimmt darüber aus, daß der Leib und das Blut Christi das Reinigungs- und Erlösungsmittel für den gefallenen Menschen sei.

»Opfer und Gaben hast du nicht gewollt, aber den Leib hast du mir zubereitet.«

»Das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.«

»Nun aber hat er euch versöhnet mit dem Leibe seines Fleisches durch den Tod.«

»Und wisset, daß ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöset seid von eurem eitlen Wandel nach väterlicher Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.«

»Moses hat euch nicht Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das rechte Brot vom Himmel.«

»Ich bin das lebendige Brot, vom Himmel kommen; wer von diesem Brot essen wird, der wird leben in Ewigkeit. Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, welches ich geben werde für das Leben der Welt.«

»Werdet ihr nicht essen das Fleisch des Menschensohns und trinken sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch.«

Wir mögen nun verstehen oder nicht verstehen, was der Leib und das Blut Christi sei; nach der Bibel muß der Mensch sie genießen und ihrer teilhaftig werden, wenn er genesen will. Und so hatte Moses ein Osterlamm angeordnet, das genossen werden mußte, und mit dessen Blut »beide Pfosten an der Tür und die Oberschwelle bestrichen wurden, daß der Würgeengel vorübergehe«. So waren Opfer und ein Hohepriester, der am Versöhnungstage mit Blut ins Heilige ging usw.

Diese Hüllen und Schatten der himmlischen Güter bestanden noch zu Christi Zeiten, und nun war die große Stunde gekommen, wo sie ausgedienet hatten, und das wesentliche Opfer, das durch jene bedeutet war, selbst geopfert werden sollte.

»Wir haben auch ein Osterlamm, Christus für uns geopfert.«

»Am Ende der Welt ist Christus einmal erschienen, durch sein eigen Opfer die Sünde aufzuheben.«

»Christus ist kommen, daß er sei ein Hohepriester der zukünftigen Güter, durch eine größere und vollkommenere Hütte, die nicht mit der Hand gemacht ist, das ist, die nicht also gebauet ist. Auch nicht durch der Böcke oder Kälber Blut, sondern er ist durch sein eigen Blut einmal – in den Himmel selbst – eingegangen und hat eine ewige Erlösung erfunden.«

Entweder, oder! Wir müssen die Bibel zerreißen oder festhalten an dem Bekenntnis: »Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden«; wie es auch bisher beim Genuß gesagt und geglaubt wird.

Daß die ganze Sache über unsre Einsicht ist und wir sie nicht verstehen, ist nicht wider sie. Denn sie soll nicht Menschenwitz und -werk sein und wird in unserer und in den Traditionen aller Völker, wo davon dunkler oder heller geredet wird, als höheren Gehalts und Ursprungs gegeben. Und wenn in dieser Sache ein Wille erscheint, der mit unbegreiflicher Erbarmung will, so kann es nicht befremden, wenn kein Verstand ihm gewachsen ist. Übrigens genießen wir jeden Tag und Augenblick Wohltaten, die wir nicht verstehen. Wir werden geboren und gesäuget und holen Odem und verstehen nichts. Wir verstehen auch die leibliche Medizin nicht, die wir einnehmen, und doch hilft sie uns und rettet uns bisweilen das Leben. Der Kunstverständige versteht sie und weiß sie zuzurichten. Und darum ist ein Unterschied zwischen einem Weisen und einem Nichtweisen. Die Nichtweisen mögen unwahr und ohne Grund sein; aber die Sache kommt von guter Hand.

Aber ich komme wieder zu dem letzten Abend, wo er seinen Vertrauten über das, was bevorstand, und über das neue Gesetz und Testament die nötige Auskunft geben und Abschied von ihnen nehmen wollte. Andres, der Abschied des Sokrates aus der Welt war sehr schön und rührend; auch als Sokrates mit Seinen Jüngern ausgeredet hatte und den Giftbecher nun ansetzte und trank, weinten sie und warfen sich an die Erde. Aber hier ist mehr als Sokrates; hier ist die Herrlichkeit Gottes; und man will vergehen, so wie er, dem Tode geweiht und schon gesalbt zu seinem Begräbnis, in den großen gepflasterten Saal hineintritt und sich neben dem Osterlamm hinsetzet.

»Mich hat herzlich verlangt«, sagte er zu den Zwölfen, »dies Osterlamm mit euch zu essen, ehe denn ich leide.«

Wie er hatte geliebt die Seinen, so liebte er sie bis ans Ende. Man kann sich nicht satt daran lesen: wenn er, der solch ein Werk zu vollbringen und solch einen Kelch zu trinken vor sich hatte, noch bei der letzten Mahlzeit den Johannes an seiner Brust zu Tische sitzen läßt und den Jüngern Bissen eintaucht und gibt; wenn er so bekümmert von dem Jünger spricht, der ihn verraten werde, den Verräter aber nicht nennen will und nur ihn selbst fühlen läßt, daß er sein Geheimnis wisse; wenn er dem Petrus, der sich vermaß, von dem Hahn sagt, der nicht zweimal krähen werde; wenn er hingehen will, den Jüngern die Stätte zu bereiten; wenn er sie Freunde nennt; wenn sie ihn wiedersehen sollen, und ihr Herz sich freuen, und ihre Freude niemand von ihnen nehmen soll usw. usw.

Doch in diesem heiligen Kreise war nicht bloß von einem Abschied von Freunden, sondern von größeren Dingen die Rede. Und er unterrichtete seine Boten und die künftigen Lehrer der Welt noch einmal von dem Geheimnis des Reiches Gottes: eins mit dem Vater, das ist das Ziel; er sei der Weg, die Wahrheit und das Leben; und niemand komme zum Vater als durch ihn; wenn er nicht hingehe zum Vater, so komme der Tröster nicht zu ihnen; wenn er aber hingehe, wolle er ihn senden, den Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgehet und den die Welt nicht kennet und nicht empfangen kann; und der werde bei ihnen bleiben ewiglich und in ihnen sein, und sie würden dann alles wissen, und ihre Bitten würden geschehen.

Aber eine Lehre, die Solche Verheißungen und Macht dem Menschen gibt, konnte mißverstanden werden. Damit aber die Jünger wüßten, was sie meine und wes Geistes Kind sie sei; stand der Herr und Meister, als »er wußte, daß ihm der Vater alles hatte in Seine Hände gegeben, und daß er von Gott kommen war und zu Gott ging«, auf, legte Seine Kleider ab, nahm einen Schurz und umgürtete sich, goß Wasser in ein Becken und wusch ihnen die Füße.

Wie wird Dir, Andres, wenn Du ihn Fußwaschen und mit dem Schurz und dem Becken in der Hand von einem Jünger zum andern gehen siehst?

Und wenn man dann an die und jene denkt, die sich nach seinem Namen nennen! Aber sie sind auch nicht sein und können sich nennen, nach wem sie wollen.

Keiner, und hätte er aller Sterne Lauf erfunden und trüge Kron' und Zepter und wär' ein Herr der ganzen Welt, wenn er nicht das alles und sein eigen Leben für ihn vergessen kann; der ist sein nicht wert.

Seine Lehre war nicht für diese Welt, und ihre Haupt-Seiten sind darüber hinaus und unsichtbar. Weil sie aber doch in dieser Welt sein sollte, so mußte sie eine sichtbare haben, und die Welt wissen, wes sie sich zu ihr zu versehen habe. Und der Stifter gab dies Beispiel der Demut und Entäußerung und setzte die Liebe als das Kenn- und Wahrzeichen seiner Jünger.

So groß und hehr nun auch alle diese Belehrungen und Eröffnungen waren, und so viel erfreuliches Licht auch daraus den Jüngern über das neue Gesetz und Testament aufgehen mußte, so blieb doch der Stein auf ihrem Herzen, und es fehlte noch ein Aufschluß.

Er hatte in der Schule zu Kapernaum, als er von den Kräften seines Leibes und Blutes redete, den Genuß derselben ausschließlich als das Mittel des Lebens und einer ewigen Vereinigung mit ihm gesetzet; und nun wollte er hingehen zum Vater, von ihnen weg, und wo sie ihm nicht folgen konnten.

Natürlich war ihr Herz, wie die Schrift sagt, voll Trauer worden, weil er Solches zu ihnen geredet hatte. Und Du kannst denken, Andres, sie saßen um ihn und sahen ihn an und sehnten sich nach seinem Leib und Blut.

Lege Deine Stirne auf die Erde.

Und »er nahm das Brot, dankte und brach's und gab's den Jüngern und Sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib.

Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Neuen Testaments, welches vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden«.

Das sagte er, und mehr hat es ihm nicht gefallen zu sagen.

Und darauf ging er hinaus, den Haß und die Verachtung der Welt zu verdienen und ihnen »das gute Werk zu erzeigen von seinem Vater, um welches sie ihn steinigen«.

 


 

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