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Matthias Claudius: Briefe - Kapitel 10
Quellenangabe
titleBriefe
authorMatthias Claudius
modified20170815
typeletter
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Freisein ist ein ander Ding als an seiner Kette reißen und rütteln

Als die Leute in dein Markt der Samariter, bei denen unser Herr Christus Herberge bestellen ließ, ihn nicht annehmen wollten, sprachen seine Jünger Jakobus und Johannes: Herr, willst du, so wollen wir sagen, daß Feuer vom Himmel falle und verzehre sie, wie Elias tat. - Und das nimmst Du so übel und kannst es den beiden Jüngern nicht vergeben noch vergessen! Du freust einen, Andres! Aber ich kann auf meinen Jakobus und Johannes nichts kommen lassen, und ich muß ihnen bei Dir das Wort reden und ihre Ehre retten.

Vorläufig darf man über das »Feuer vom Himmel fallen lassen« so ängstlich nicht sein, denn es hat damit gute Wege; und wer es kann fallen lassen, der wird schon wissen, was er zu tun und zu lassen hat. Über Handlungen höherer Ordnung können wir nicht urteilen, und so müssen wir auch nicht darüber urteilen wollen. Die Sache, wovon hier geredet wird, ist bloß menschlich, und da will ich, wie gesagt, versuchen, die Donnerskinder mit Dir auszusöhnen.

Erstlich hatten sie das Exempel des Elias vor sich, den sie noch kürzlich in sehr glorreichen Umständen gesehen hatten; und dann suchten sie ihres Meisters Einwilligung, und natürlich auch seine Kraft. Doch Du pflegst zu sagen: Schweige von einem andern oder setze Dich ganz an seine Stelle. Wir wollen uns denn hinsetzen. Es sitzt sich ohnedas an der Stelle so gut.

Christus war mit den Jüngern auf der Reise nach Jerusalem. Er reiste hier eigentlich in Angelegenheiten der Samariter und tat diese Reise wie alle das andre, um sie und alle Menschen sanft zu betten und ihnen eine ewige Herberge zu bereiten. Zwar das mochten die Jünger, ob er ihnen gleich verschiedentlich darüber gesprochen hatte, doch vielleicht noch so ganz nicht begriffen haben. Aber sie waren doch zwei, drei ganze Jahre mit ihm umhergezogen und hatten gesehen, daß er nicht seinetwegen umherzog und nicht gekommen war, sich dienen zu lassen; daß er nichts als Gutes lehrte und Gutes tat, links und rechts und ohne Ansehn der Person, und daß er sich nicht zweimal bitten ließ und jedem, der sein bedurfte, mit Liebe und Freundlichkeit zuvorkam. Dazu war es jetzt das letztemal, daß er ihre Herberge brauchte, denn die Zeit war erfüllet, daß er sollte von hinnen genommen werden, und er ging hier der Schmach und dem Tode entgegen. - Und nun wird ihm das Nachtlager versagt, und seine Boten werden abgewiesen . . . Andres, kannst Du es den Jüngern übelnehmen, wenn sie da unwillig wurden? Der ist kein schlechter Mann, dem die Galle überläuft, wenn er so Gutes mit Undank belohnen und Recht und Billigkeit mit Füßen treten sieht!

Und nimm nun noch dazu die Anhänglichkeit und Liebe, womit die Jünger ihrem Herrn und Meister zugetan waren und anhingen. Wem alles gleichviel und einerlei ist, der hat gut sprechen. Aber wem es an etwas gelegen und in der Brust nicht hohl ist, dem ist anders zumute als den Eiszapfen am Dache des Toleranztempels. Das Herz hat auch seine Rechte und läßt nicht mit sich spielen wie mit einem Vogel. Überhaupt ist es nicht unrecht: Auge um Auge, Zahn um Zahn! Und schilt mir den Mann nicht, der für Recht und Billigkeit stehenbleibt und die Hand ans Schwert legt. Etwas von dem Drei-Männer-Trotz, der sich auf nichts in der Welt als auf sich selbst und seine gute Sache stützt, und doch vor der Gewalt und Menge nicht beugen will, ist nicht so übel. «Unser Gott«, sagten sie, «kann uns wohl erretten. Und wenn er es auch nicht tun will; so sollt ihr dennoch wissen, daß wir das Goldene Kalb nicht anbeten wollen.«

Kurz, wie es an den drei Männern edel war, daß sie an Feuer nicht dachten, so war es an den beiden Jüngern nicht unedel, daß sie daran dachten.

Freilich Christus bedräuete sie; und wer das «Feuer vom Himmel« in seiner Hand unter seinem durch und durch gewirkten Rock zurückhalten und verbergen und sich vor Freund und Feind wie ein Verbrecher hinführen lassen konnte, damit der Wille des Vaters im Himmel geschehe; der konnte dräuen, und vor dem hatten die Jünger sich zu schämen, daß sie nicht wußten, wes Geistes Kinder sie waren. Aber ich will auch wissen, daß sie vor einem jeden andern Geist sich nicht zu schämen hatten, und daß der Geist des Christentums nicht ohne Ursache ein Geist der Herrlichkeit genannt wird.

Gut ist ein ander Ding als edel; und Freisein ein ander Ding als an seiner Ketten reißen und rütteln. Edle Menschen gibt es von Natur, aber gut ist niemand als der einige Gott, und wen der gut gemacht hat.

 


 

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