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Heinrich von Kleist: Briefe - Kapitel 7
Quellenangabe
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typeletter
authorHeinrich von Kleist
titleBriefe
publisherCarl Hanser Verlag
seriesHeinrich von Kleist. Sämtliche Werke und Briefe
volumeZweiter Band
editorHelmut Sembdner
year1961
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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1805

86. An Ernst von Pfuel

An Herrn Ernst von Pfuel, ehemals Lieutenant im Regiment Sr. Majestät des Königs, Hochwohlgeb. zu Potsdam.

Du übst, du guter, lieber Junge, mit Deiner Beredsamkeit eine wunderliche Gewalt über mein Herz aus, und ob ich Dir gleich die ganze Einsicht in meinen Zustand selber gegeben habe, so rückst Du mir doch zuweilen mein Bild so nahe vor die Seele, daß ich darüber, wie vor der neuesten Erscheinung von der Welt, zusammenfahre. Ich werde jener feierlichen Nacht niemals vergessen, da Du mich in dem schlechtesten Loche von Frankreich auf eine wahrhaft erhabene Art, beinahe wie der Erzengel seinen gefallnen Bruder in der Messiade, ausgescholten hast. Warum kann ich Dich nicht mehr als meinen Meister verehren, o Du, den ich immer noch über alles liebe? ? Wie flogen wir vor einem Jahre einander, in Dresden, in die Arme! Wie öffnete sich die Welt unermeßlich, gleich einer Rennbahn, vor unsern in der Begierde des Wettkampfs erzitternden Gemütern! Und nun liegen wir, übereinander gestürzt, mit unsern Blicken den Lauf zum Ziele vollendend, das uns nie so glänzend erschien, als jetzt, im Staube unsres Sturzes eingehüllt! Mein, mein ist die Schuld, ich habe Dich verwickelt, ach, ich kann Dir dies nicht so sagen, wie ich es empfinde. – Was soll ich, liebster Pfuël, mit allen diesen Tränen anfangen? Ich möchte mir, zum Zeitvertreib, wie jener nackte König Richard, mit ihrem minutenweisen Falle eine Gruft aushöhlen, mich und Dich und unsern unendlichen Schmerz darin zu versenken. So umarmen wir uns nicht wieder! So nicht, wenn wir einst, von unserm Sturze erholt, denn wovon heilte der Mensch nicht! einander, auf Krücken, wieder begegnen. Damals liebten wir ineinander das Höchste in der Menschheit; denn wir liebten die ganze Ausbildung unsrer Naturen, ach! in ein paar glücklichen Anlagen, die sich eben entwickelten. Wir empfanden, ich wenigstens, den lieblichen Enthusiasmus der Freundschaft! Du stelltest das Zeitalter der Griechen in meinem Herzen wieder her, ich hätte bei Dir schlafen können, Du lieber Junge; so umarmte Dich meine ganze Seele! Ich habe Deinen schönen Leib oft, wenn Du in Thun vor meinen Augen in den See stiegest, mit wahrhaft mädchenhaften Gefühlen betrachtet. Er könnte wirklich einem Künstler zur Studie dienen. Ich hätte, wenn ich einer gewesen wäre, vielleicht die Idee eines Gottes durch ihn empfangen. Dein kleiner, krauser Kopf, einem feisten Halse aufgesetzt, zwei breite Schultern, ein nerviger Leib, das Ganze ein musterhaftes Bild der Stärke, als ob Du dem schönsten jungen Stier, der jemals dem Zeus geblutet, nachgebildet wärest. Mir ist die ganze Gesetzgebung des Lykurgus, und sein Begriff von der Liebe der Jünglinge, durch die Empfindung, die Du mir geweckt hast, klar geworden. Komm zu mir! Höre, ich will Dir was sagen. Ich habe mir diesen Altenstein lieb gewonnen, mir sind die Abfassung einiger Reskripte übertragen worden, ich zweifle nicht mehr, daß ich die ganze Probe, nach jeder vernünftigen Erwartung bestehen werde. Ich kann ein Differentiale finden, und einen Vers machen; sind das nicht die beiden Enden der menschlichen Fähigkeit? Man wird mich gewiß, und bald, und mit Gehalt anstellen, geh mit mir nach Anspach, und laß uns der süßen Freundschaft genießen. Laß mich mit allen diesen Kämpfen etwas erworben haben, das mir das Leben wenigstens erträglich macht. Du hast in Leipzig mit mir geteilt, oder hast es doch gewollt, welches gleichviel ist; nimm von mir ein Gleiches an! Ich heirate niemals, sei Du die Frau mir, die Kinder, und die Enkel! Geh nicht weiter auf dem Wege, den du betreten hast. Wirf Dich dem Schicksal nicht unter die Füße, es ist ungroßmütig, und zertritt Dich. Laß es an einem Opfer genug sein. Erhalte Dir die Ruinen Deiner Seele, sie sollen uns ewig mit Lust an die romantische Zeit unsres Lebens erinnern. Und wenn Dich einst ein guter Krieg ins Schlachtfeld ruft, Deiner Heimat, so geh, man wird Deinen Wert empfinden, wenn die Not drängt. – Nimm meinen Vorschlag an. Wenn Du dies nicht tust, so fühl ich, daß mich niemand auf der Welt liebt. Ich möchte Dir noch mehr sagen, aber es taugt nicht für das Briefformat. Adieu. Mündlich ein mehreres.

Heinrich v. Kleist.

Berlin, den 7. Januar 1805

*

87. An Christian von Massenbach

Verehrungswürdigster Herr Obrist,

Sie tun meinem guten, redlichen, vortrefflichen Freunde Altenstein recht Unrecht, und ich würde recht böse auf Sie sein, wenn der Verdacht, den Sie auf ihn geworfen haben, nicht von der Innigkeit Ihrer Güte für mich, und Ihrer immer regen Besorgnis für mein Wohl herrührte. Es ist so wenig die Rede davon, mich durch einen Kunstgriff von dem Hardenbergschen Departement zu entfernen, daß vielmehr dieser Altenstein, der mit großen Plänen für sein Vaterland (Franken) umgeht, das lebhafteste Interesse zeigt, mich für seine Zwecke zu gewinnen. Die Absicht, die man bei dieser meiner Sendung nach Königsberg hat, ist wirklich keine andere, als mich zu einem tüchtigen Geschäftsmann auszubilden, und die musterhafte Einrichtung der preußischen Kammern, durch meine Beihülfe einst, wenn ich angestellt sein werde, auf die fränkischen überzutragen. Ich werde vielleicht Gelegenheit haben, Ihnen dies alles durch die Mitteilung einer schriftlichen Instruktion, die ich von dem Minister über meine Geschäfte in Königsberg zu erhalten habe, ganz deutlich und augenscheinlich darzutun, und dadurch unzweifelhaft die Unruhe Ihres so väterlich für mich gesinnten Herzens zerstreuen. Nehmen Sie inzwischen die Versicherung meiner innigsten Dankbarkeit, Verehrungswürdigster! für Ihre gütige Empfehlung an Hardenberg an, der dadurch, daß er mich an Altenstein verwies, mir zwar die einzige, aber auch die ganze Wohltat erzeigte, deren ich bedurfte. Wenn Tätigkeit im Felde der Staatswirtschaft wirklich mein Beruf ist, so habe ich an Altenstein denjenigen gefunden, der mich auf den Gipfel derselben führen wird; ob sie aber mein Beruf ist, ist eine andere Frage, über die jedoch mein Herz jetzt keine Stimme mehr hat. – Ich hoffe noch, Ihnen in Potsdam meine Aufwartung zu machen, und mir die Empfehlung nach Königsberg auszubitten, die Sie mir so gütig gewesen sind, anzubieten. Schließlich erfolgt der Krug.

H. v. Kleist.

Berlin, den 23. April 1805

*

88. An Karl Freiherrn von Stein zum Altenstein

Hochwohlgeborner Freiherr, Hochzuverehrender Herr Geheimer Finanzrat,

Ew. Hochwohlgeboren verfehle ich nicht, von meiner, am 6. dieses erfolgten, glücklichen Ankunft in Königsberg gehorsamst zu benachrichtigen. Ich würde schon den 4. dieses hier eingetroffen sein, wenn mein, in Frankfurt aufgefundner, Wagen nicht einer gänzlichen Herstellung bedurft hätte, und ich sonach zu einem Aufenthalte daselbst von zwei Tagen genötigt worden wäre. Von hier aus ging es inzwischen in ununterbrochener Reise, Tag und Nacht, weiter, und ich glaube mich um so mehr wegen jener kleinen Versäumnis für entschuldigt halten zu dürfen, da ich den Kriegsrat Müller, mit welchem ich von Berlin abzugehen bestimmt war, schon in Marienwerder wieder einholte. Bei dieser großen Schnelligkeit meiner Reise, und dem an Erscheinungen eben nicht reichen Lande, durch welches sie mich führte, blieb meinem Wunsche, mich überall zu unterrichten, kaum mehr, als eine oder die andere flüchtige Wahrnehmung übrig. Wie viel würden nichts desto weniger Sie, oder irgend ein geübterer Statistiker, wer es auch sei, an meiner Stelle gesehen haben. Denn es kommt überall nicht auf den Gegenstand, sondern auf das Auge an, das ihn betrachtet, und unter den Sinnen eines Denkers wird alles zum Stoff. – Ich ging, Ihrem Befehl gemäß, gleich am folgenden Tage zu dem Herrn Kammerpräs. v. Auerswald, um mich bei ihm zu melden. Er empfing mich mit vieler Güte, und sagte mir, daß er bereits offiziell sowohl, als auch durch den Hr. v. Schöne, seinen Schwiegersohn, von dem Zweck meiner Ankunft in Königsberg unterrichtet wäre. Er erteilte mir die Versicherung, daß er mir zu allen Geschäften, die zu meiner Instruktion dienen könnten, Gelegenheit machen würde, und befahl mir zuvörderst, Freitag, morgens, auf der Kammer zu erscheinen. Mein zweiter Gang war zu dem Hr. Kammerdir. v. Salis. Dieser gewiß, wenn mir ein Urteil über ihn erlaubt ist, vortreffliche Mann, hat mich auf das Empfehlungsschreiben, womit mich der Hr. Geh. Fin. Rat Nagler zu Berlin beehrte, auf das freundschaftlichste aufgenommen. Er kam mir nicht nur sogleich mit den gefälligsten Anerbietungen entgegen, sondern flößte mir auch, was noch mehr wert war, das Vertrauen ein, davon Gebrauch zu machen. Ihm verdanke ich zum Teil die Anordnung meiner kleinen Ökonomie, er hat mir die Bekanntschaft mehrerer der hiesigen Professoren verschafft, mich bei der Kammer, und in alle Büros derselben, eingeführt, und eben jetzt komme ich von einer Unterredung mit ihm, in welcher er mir einen sehr zweckmäßigen Plan über die Folgereihe meiner Studien und Geschäfte, zur Erfüllung der ganzen Absicht meiner Reise nach Königsberg, mitgeteilt hat. Ich unterstehe mich, Ew. Hochwohlgeb. ergebenst zu bitten, den Hr. Geh. Fin. Rat Nagler für jene gütige Empfehlung, der ich ohne Zweifel alle diese Gefälligkeiten verdanke, meinen gehorsamsten und herzlichsten Dank abzustatten. – Am Freitag habe ich nun wirklich der ersten Session des Kollegiums beigewohnt. Ich habe das Gelübde der Verschwiegenheit mit einem Handschlag bekräftigen, und sodann an einem abgesonderten Tische, unter mehreren Offizieren der hiesigen Garnison, Platz nehmen müssen. Mein ganzes Geschäft bestand, nach meinem eignen Wunsche, an diesem Tage im Hören und Sehen, doch glaube ich, in einiger Zeit zur Übernahme der Akten, und zu den Vorträgen selbst, schreiten zu dürfen. Ich werde, nach dem Vorschlage des Hr. v. Salis, den Anfang mit den Steuersachen machen, und zwar mit den ländlichen, und dann zu den städtischen übergehen. Zuletzt dürfte ein Jahr eine zu kurze Zeit sein, um mich in allen Fächern dieser weitläufigen Kameral-Verwaltung, besonders wenn ich, wie es Ihr Befehl war, [mich] mit so vielem Ernste in das Domänenfach werfen sollte, umzusehen; doch werde ich gewiß nichts unterlassen, um die Strafe einer inkonsequent verlebten Jugend, so sehr sie durch Ihre Güte auch gemildert wird, nicht mehr, als ich es verdiene, zu verlängern. – Vorgestern habe ich nun auch einer finanzwissenschaftlichen Vorlesung des Professors Krause beigewohnt: ein kleiner, unansehnlich gebildeter Mann, der mit fest geschlossenen Augen, unter Gebärden, als ob er im Kreisen begriffen wäre, auf dem Katheder sitzt; aber wirklich Ideen, mit Hand und Fuß, wie man sagt, zur Welt bringt. Er streut Gedanken, wie ein Reicher Geld aus, mit vollen Händen, und führt keine Bücher bei sich, die sonst gewöhnlich, ein Notpfennig, den öffentlichen Lehrern zur Seite liegen. In seiner dieshalbjährigen Vorlesung ist er schon ziemlich weit vorgerückt, doch wird mir Gelegenheit werden, das Vorgetragene noch nachzuholen. Gewerbkunde und Staatswirtschaft, seine Hauptkollegia, liest er inzwischen erst im Winter, und ich werde den Sommer benutzen können, Institutionen oder Pandekten, vielleicht auch die Chemie bei Hagen zu hören, um mich auch in dieser Wissenschaft ein wenig herzustellen. – Doch ich werde zu weitläufig. Meine Voraussetzung, daß Sie an manchen dieser kleinen, nicht sowohl mein Geschäft, als mich, betreffenden Umständen, einigen Anteil nehmen, ist vielleicht noch zu voreilig; doch werde ich das Geschäft meines Lebens daraus machen, mich darum zu bewerben.

Noch muß ich inzwischen Ew. Hochwohlgeb. melden, daß ich das Dekret vom 28. April erhalten – auch, daß ich mich, nach Ew. Hochwohlgeb. Rate, bei des Hr. Staatsministers v. Schrötters Exzll. schriftlich bedankt habe. – Werd ich meine Diäten von Berlin aus, oder vielleicht eine Anweisung zur Erhebung derselben in Königsberg erhalten?

Ich beharre mit der innigsten und ehrfurchtsvollesten Hochachtung

Ew. Hochwohlgebor. Ergebenster
H. v. Kleist.

Königsberg, den 13. Mai 1805

*

89. An Ernst von Pfuel

Mein liebster Pfuel,

inliegende 20 Fr.dor sind ein Geschenk von der K[önigin], die die Kleisten schon lange Zeit für Dich in ihrem Büro aufbewahrt hat, und nun bei ihrer Abreise von Potsdam nach Dobran, da sie gar keine Nachricht von Dir bekömmt, mir zuschickt, um sie Dir zu übermachen. Du bist, mein armer Junge, wahrscheinlich krank (wie ich), daß Du die Kleisten noch bis auf diese Stunde nicht mit einem paar Zeilen erfreut hast. Du warst schon als Du hier auf die Post stiegest, unpäßlich, benachrichtige mich doch mit einem paar Worte (aus dem Bette, wie ich) ob meine Besorgnis gegründet ist. Laß dieses angenehme kleine Geschenk (angenehm wirklich durch die Geberin) etwas zu Deiner Herstellung beitragen. Du wirst jährlich 12 Fr.dor auf diesem Wege erhalten. Du möchtest, schreibt die Kleisten, Dich in [einem] kleinen niedlichen Briefe (franz.) bedanken, sie würde die Bestellung dieses Briefes übernehmen. Übrigens versteht sich von selbst, daß das größte Stillschweigen über die Sache beobachtet werden muß. Adieu, ich bin auch bettlägrig, und leide schon seit 14 Tagen an rheumatischen Zufällen, und einem Wechselfieber, das mich, um mit Dir zu reden, ganz auf den Hund bringt. – Was macht denn der Hydrostat;

H. v. Kleist.

Königsberg, den 2. Juli 1805

(An den 20 Fr.dor fehlt das Postgeld, das sie mir von Potsd. bis Königsbg. gekostet haben!)

N. S. Diesen Brief schickte ich vorgestern auf die Post, und bekam ihn zurück mit der Weisung, daß er erst morgen (als am Posttage nach Johannisburg) angenommen werden könne. Soeben erhalte ich nun Deinen Brief; und erbreche den meinigen noch einmal, um Dir zu antworten. Zuvörderst sehe ich zwar daraus, daß Du nicht krank bist, begreife aber jetzt um so weniger, wie es zugeht, daß Du der Kleisten noch nicht geschrieben hast. Es sei nun wirklich Nachlässigkeit, oder Rache, so ist es das Unwürdigste von der Welt, und nicht wert, daß ich ein Wort darüber verliere. – Was Deine hydrostatische Weisheit betrifft, so muß ich Dich zweierlei bitten, 1) nichts zu schreiben, was Du nicht gut überlegt hast, 2) Dich so bestimmt auszudrücken, als es die Sprache überhaupt zuläßt; weil sonst des Schreibens und Wiederschreibens kein Ende wird. Auf 120' Tiefe (siehe A Deines Briefes) ist die Luft nicht 6.8 (soll doch heißen 6 bis 8 mal) zusammengedrückt, auf 128' Tiefe ist sie genau 8mal zusammengedrückt; d. h. wenn ihre Zusammendrückung über dem Meere = 1, so ist sie 128' unter demselben = 8. Daß sich zweitens (B Deines Briefes) die Luft 24mal verdichten lasse, ist eine sonderbare Annahme, da sie sich bekanntermaßen in der Kolbe der schlechtesten Windbüchse 300mal zusammenpressen läßt. Daß übrigens beim Sinken des Hydrostaten das Luftpumpengeschäft immer sukzessiv schwerer vor sich geht, indem zusammengedrückte Luft zusammengedrückt werden muß, ist ein Umstand, den wir schon hier in Königsberg erwogen haben. Wenn sich die Luft, über dem Meere, 400mal zusammenpressen läßt welches gar keine übertriebene Annahme ist., so läßt sie sich

32' unter dem Meere   200mal
64' " nur 100mal
128' " nur 50mal
256' " nur 25mal
512'   nur 12½mal usf.

zusammenpressen. In dieser Tiefe also allerdings ist (oder wird doch wenigstens in einer noch größern Tiefe) das Luftpumpengeschäft von ungeheurer Schwierigkeit. Es muß vielleicht hier ganz und gar wegfallen. Doch überall kann man es entbehren, da man an den Gewichten ein Surrogat hat, das, was die vertikale Bewegung betrifft, ganz und gar statt der Luftpumpe dienen kann. – Nach dieser Berechnung fällt der Kubikinhalt für die Magazine auch weit geringer aus. Ein ganz mit Wasser gefülltes Gefäß von 31 250 K. F. braucht

32' unter Wasser 2.31250 K. F. Luft, um das Wasser
daraus zu vertreiben
64' " 4.31250 K. F. Luft, "
128' " 8.31250 K. F. Luft, "
256' " 16.31250 K. F. Luft, "

 

Also, um Deinen Fall zu nehmen, braucht Dein Gefäß von 31250 Kubikfuß Inhalt, 128' unter dem Wasser, gesetzt es wäre alsdann ganz voll Wasser, und man wollte es statt dessen mit Luft füllen, nur 8.31250 = 250000 Kubikfuß Luft, welche, um mitgenommen zu werden, nur eines Raumes von 250 000/400 = 625 Kubikfuß bedürfen. – Endlich verstehe ich gar nicht, was du bei den Schaufeln des Rades für ein Bedenken hast. Wenn das Wasser bis aa steht, so werden die Schaufeln von selbst bis b, b, b im Wasser stehn, ohne im mindesten über die Basis unten hervorragen zu müssen. Übrigens find ich selbst die Erfindung des Rades noch sehr roh, aber bloß wegen der Mitteilung der Bewegung, indem mir ein Ziehen sowohl, als ein Stoßen (der oberen Glocke an die untere) ungeschickt scheint. – Zum Schlusse noch eine Nachricht, die Dir sehr interessant sein müßte, wenn Du wirklich mit Eifer an die Ausbildung der Erfindung arbeitest: nämlich, Rigolet in Lyon, Vorsteher der dortigen Landstraßen und Brücken, hat ein Fernrohr erfunden, durch welches er den Grund der Flüsse und Seen sehen, und die Grundlage der Wasserbauten untersuchen kann. – Schreibe mir bald ob Du richtig das Geld empfangen hast. Adieu. H. K.

*

99. An Ernst von Pfuel

[Königsberg, Juli 1805]

Hier bekömmst Du den Pope, und einen alten verrosteten Schlüssel von Lexikon zu ihm; zusammen 1 Rth. 8 gr. Ich hatte außerdem noch die Wahl zwischen Thomson und Young; ich denke aber, ich werde es mit der Iliade am besten getroffen haben, ungerechnet, daß sie am wohlfeilsten war.

Was Du mir von der Verschiedenheit von dem Räderwerk in einer Uhr, und von dem Räderwerk in dem Hydrostaten sagst, ist ganz richtig, war mir auch schon selbst eingefallen. Inzwischen brauchen wir das Schaufelrad noch gar nicht aufzugeben. Allerdings ist die Geschwindigkeit, die sich aus meiner Rechnung ergeben hat, sehr gering; allein wir haben aus der Acht gelassen, daß das Resultat auch nur die Geschwindigkeit des ersten Moments angab. Dieselbe Kraft, die nötig war, diese ungeheure Masse zu bewegen, würde auch hinwiederum, wenn sie einmal bewegt ist, nötig sein, sie aufzuhalten. Das heißt, sie hat ein Beharrungsvermögen, sowohl in der Bewegung, als in der Ruhe zu verbleiben. Mithin kommt mit jedem folgenden Momente, da die Kraft immer die Geschwindigkeit C hat, wenn die Geschwindigkeit der ganzen Masse in dem vorhergehenden Momente c heißt, eine neue Geschwindigkeit C-c hinzu. Setze, ein Kauffahrteischiff wiege eine Million Pfund: so wird es gleichwohl doch häufig bei windstillen Tagen von einem Ruderboote gezogen. Das Ruderboot kann aber unmöglich von der Effikazität sein, als ein gut erfundenes Räderwerk. Es muß also schlechthin möglich sein, den Hydrostraten durch wenigstens 6-8 Seemeilen täglich zu führen.

Mit Gualtieri muß es irgend einen Haken haben. Es hat in einem öffentlichen Blatt gestanden, ein Gesandter einer großen nordischen Macht habe sich Schulden halber von Madrid eklipsiert. Dazu nun dieser sonderbare Todesfall, fast um die nämliche Zeit! Überdies übergeht die Kleist alles mit Stillschweigen, und noch weiß ich so oft ich sie auch darum gefragt habe, weder wie, noch wann, nicht einmal wo er gestorben ist.

Rühle ist in der Tat ein trefflicher Junge! Er hat mir einen Aufsatz geschickt, in welchem sich eine ganz schöne Natur ausgesprochen hat. Mit Verstand gearbeitet, aber so viel Empfindung darin, als Verstand. Und aus einem Stück einer Übersetzung des Racine sehe ich, daß er die Sprache (sie ist in Jamben geschrieben) völlig in seiner Gewalt hat. Er kann, wie ein echter Redekünstler, sagen, was er will, ja er hat die ganze Finesse, die den Dichter ausmacht, und kann auch das sagen, was er nicht sagt. Es ist besonders welche Kräfte sich zuweilen im Menschen entwickeln, während er seine Bemühung auf ganz andere gerichtet hat. Was hat der Junge nicht über die Elemente der Mathematik gebrütet, wie hat er sich nicht den Kopf zerbrochen, uns in einem unsterblichen Werk begreiflich zu machen, daß zwei mal zwei vier ist; und siehe da, während dessen hat er gelernt, ein Trauerspiel zu schreiben, und wird in der Tat eins schreiben, das uns gefällt.

Das Ende Deines Briefes, und Deine Wehmut, daß aus unseren Plane nach Neuholland zu gehen nichts geworden ist, würde mir rührend sein, wenn ich mir einbilden könnte, daß Du wirklich etwas dabei empfunden hättest. Aber unter uns allen ist keiner, der in der Tat resigniert, als ich allein. Warum sollten wir drei, te duce, nicht ein Schiff auf der Ostsee nehmen können? Doch es wird uns kein großer Gedanke mehr ergreifen, so lange wir nicht beisammen sind. Dahin also vor allen Dingen sollten wir streben, und brauchten auch, um es zu erreichen, allerdings nichts, wie Du sehr richtig bemerkst, als es zu wollen; aber da eben liegt der Hund begraben. ? Doch ich muß schließen, weil die Post abgeht. Adieu, den Smith brauche ich selbst.

H. v. Kl.

*

91. An Karl Freiherrn von Stein zum Altenstein

Hochwohlgeborner Freiherr, Hochzuverehrender Herr Geheimer Finanzrat,

Verzeihen Sie mir, wenn ich es wage, mich Ihnen auf eine kurze Stunde wieder in ehrerbietiger Herzlichkeit zu nahn. Vielleicht wäre es meine Pflicht, vor dem zudringlichen Augenblick, in welchem wir leben, zurückzutreten, und von meinem eignen Schicksal zu schweigen, während das Schicksal Ihres ganzen Vaterlandes Sie in Anspruch nimmt. Doch die Zeit ist, bis zu meiner Abreise, ein wenig dringend, und ich möchte so gern noch, was meine künftige Bestimmung betrifft, einige Anweisungen von Ihnen erhalten.

Ich habe diesen ganzen Herbst wieder gekränkelt: ewige Beschwerden im Unterleibe, die mein Brownischer Arzt wohl dämpfen, aber nicht überwinden kann. Diese wunderbare Verknüpfung eines Geistes mit einem Konvolut von Gedärmen und Eingeweiden. Es ist, als ob ich von der Uhr abhängig wäre, die ich in meiner Tasche trage. Nun, die Welt ist groß, man kann sich darin wohl vergessen. Es gibt eine gute Arznei, sie heißt Versenkung, grundlose, in Beschäftigung und Wissenschaft. Wer nur erst die ganze Schule, aber nicht ohne etwas getan zu haben, durchgangen wäre. Denn es ist doch nicht, um etwas zu erwerben, daß wir hier leben: Ruhm und alle Güter der Welt, sie bleiben ja bei unserem Staube.

Doch ich komme zu meinem Gegenstand. Ich habe mich nun im Domänenfach ein wenig umgesehen, auch im Fache der Gewerkssachen, und würde es auch in Militärsachen getan haben, wenn nicht diese Geschäfte jetzt einer eignen Kommission übergeben wären, zu der mir der Zutritt versagt war. Nun werde ich dies zwar nicht versäumen, sobald mit dem Austritt der Truppen aus der Provinz diese Kommission wieder zu dem Kollegium zurückkehren wird. Allein ich wünschte, mein verehrungswürdigster Freund, zu wissen, für welche spezielle Branche der Geschäfte ich vorzugsweise in Franken bestimmt sein dürfte. Denn da es in einer so kurzen Zeit wohl kaum möglich war, mich in der ganzen Mannigfaltigkeit kameralistischer Arbeiten gehörig zu versuchen, so ist der Wunsch wohl verzeihlich, mich für die letzten Monate meines Hierseins ausschließlich auf eine Geschäftsart legen zu dürfen, um bei einer künftigen Anstellung wenigstens nicht ohne Beifall debütieren zu können. Wenn mir die Wahl gelassen würde, so würde ich mir zwar das Gewerksfach wählen; aber auch jede andere Bestimmung ist mir willkommen, und ich erwarte bloß Ihre Befehle.

Dies, und daß ich Ihren schätzbaren Auftrag an den Doktor Kelch richtig vollzogen habe, war es, was ich Ihnen gehorsamst zu melden hatte. Er hat Ihren schriftlichen Dank für den Elendskopf empfangen, und ist noch, wie er sagte, im Besitz mehrerer Fossile, mit welchen er Ihr Kabinett bereichern würde, wenn er Gelegenheit hätte, sie Ihnen zuzufertigen.

Erfreuen Sie mich bald mit Ihren gütigen Befehlen, und überzeugen Sie sich von der innigsten Verehrung, mit welcher ich beharre,

Ew. Hochwohlgeboren ergebenster
H. v. Kleist.

Königsberg, den 13. November 1805

*

92. An Otto August Rühle von Lilienstern

[Königsberg, Ende Dezember 1805]

Mein lieber, trefflicher Rühle. Ich drücke Dich von ganzem Herzen an meine Brust. Du hast mir mit Deinem letzten Briefe, den Du mir unverdient (weil ich dir auf den vorletzten nicht geantwortet) geschrieben, eine recht innige Freude gemacht. Warum können wir nicht immer bei einander sein? Was ist das für ein seltsamer Zustand, sich immer an eine Brust hinsehnen, und doch keinen Fuß rühren, um daran niederzusinken. Ich wollte, ich wäre eine Säure oder ein Alkali, so hätt es doch ein Ende, wenn man aus dem Salze geschieden wäre. Du bist mir noch immer so wert, als nur irgend etwas in der Welt, und solche Zuschriften, wie die Deinige, sie wecken dies Gefühl so lebhaft, als ob es neugeboren würde; aber eine immer wiederkehrende Empfindung sagt mir, daß diese Brieffreundschaft für uns nicht ist, und nur insofern, als Du auch etwas von der Sehnsucht fühlst, die ich nach Dir, d. h. nach der innigen Ergreifung Deiner mit allen Sinnen, inneren und äußeren, spüre, kann ich mich von Deinen Schriftzügen, schwarz auf weiß, in leiser Umschlingung ein wenig berührt fühlen. Wie sehr hat mich die Nachricht erfreut, die Du mir von unserm Freunde Pfuël gibst, die Nachricht, daß das Korps, bei welchem er steht, vor die Stadt rückt, in welcher zugleich der Feind und sein Mädchen wohnt! Er ist nicht das erste, ruhmlechzende Herz, das in ein stummes Grab gesunken ist; aber wenn der Zufall die ersten Kugeln gut lenkt, so sieht er mir wohl so aus (und seine Lage fordert ihn ziemlich dringend dazu auf), als ob er die ertränkte Ehre, wie Shakespeare sagt, bei den Locken heraufziehen würde. Dir, mein trefflicher Rühle, hängt sie noch an den Sternen; und Du wirst den Moment nicht versäumen, sie mit einem dreisten Griff herunter zu reißen, schlüge Dich ihr prächtigschmetternder Fall auch zu Boden. Denn so wie die Dinge stehn, kann man kaum auf viel mehr rechnen, als auf einen schönen Untergang. Was ist das für eine Maßregel, den Krieg mit einem Winterquartier und der langmütigen Einschließung einer Festung anzufangen! Bist Du nicht mit mir überzeugt, daß die Franzosen uns angreifen werden, in diesem Winter noch angreifen werden, wenn wir noch vier Wochen fortfahren, mit den Waffen in der Hand drohend an der Pforte ihres Rückzuges aus Östreich zu stehen? Wie kann man außerordentlichen Kräften mit einer so gemeinen und alltäglichen Reaktion begegnen? Warum hat der König nicht gleich, bei Gelegenheit des Durchbruchs der Franzosen durch das Fränkische, seine Stände zusammenberufen, warum ihnen nicht, in einer rührenden Rede (der bloße Schmerz hätte ihn rührend gemacht) seine Lage eröffnet? Wenn er es bloß ihrem eignen Ehrgefühl anheim gestellt hätte, ob sie von einem gemißhandelten Könige regiert sein wollen, oder nicht, würde sich nicht etwas von Nationalgeist bei ihnen geregt haben? Und wenn sich diese Regung gezeigt hätte, wäre dies nicht die Gelegenheit gewesen, ihnen zu erklären, daß es hier gar nicht auf einen gemeinen Krieg ankomme? Es gelte Sein, oder Nichtsein; und wenn er seine Armee nicht um 300 000 Mann vermehren könne, so bliebe ihm nichts übrig, als bloß ehrenvoll zu sterben. Meinst Du nicht, daß eine solche Erschaffung hätte zustande kommen können? Wenn er alle seine goldnen und silbernen Geschirre hätte prägen lassen, seine Kammerherrn und seine Pferde abgeschafft hätte, seine ganze Familie ihm darin gefolgt wäre, und er, nach diesem Beispiel, gefragt hätte, was die Nation zu tun willens sei? Ich weiß nicht, wie gut oder schlecht es ihm jetzt von seinen silbernen Tellern schmecken mag; aber dem Kaiser in Olmütz, bin ich gewiß, schmeckt es schlecht. – Ja, mein guter Rühle, was ist dabei zu tun. Die Zeit scheint eine neue Ordnung der Dinge herbeiführen zu wollen, und wir werden davon nichts, als bloß den Umsturz der alten erleben. Es wird sich aus dem ganzen kultivierten Teil von Europa ein einziges, großes System von Reichen bilden, und die Throne mit neuen, von Frankreich abhängigen, Fürstendynastien besetzt werden. Aus dem Östreichschen, bin ich gewiß, geht dieser glückgekrönte Abenteurer, falls ihm nur das Glück treu bleibt, nicht wieder heraus, in kurzer Zeit werden wir in Zeitungen lesen: »man spricht von großen Veränderungen in der deutschen Reichsverfassung«; und späterhin: »es heißt, daß ein großer, deutscher (südlicher) Fürst an die Spitze der Geschäfte treten werde.« Kurz, in Zeit von einem Jahre, ist der Kurfürst von Bayern, König von Deutschland. – Warum sich nur nicht einer findet, der diesem bösen Geiste der Welt die Kugel durch den Kopf jagt. Ich möchte wissen, was so ein Emigrant zu tun hat. – Für die Kunst, siehst Du wohl ein, war vielleicht der Zeitpunkt noch niemals günstig; man hat immer gesagt, daß sie betteln geht; aber jetzt läßt sie die Zeit verhungern. Wo soll die Unbefangenheit des Gemüts herkommen, die schlechthin zu ihrem Genuß nötig ist, in Augenblicken, wo das Elend jeden, wie Pfuël sagen würde, in den Nacken schlägt. Übrigens versichre ich Dich, bei meiner Wahrheit, daß ich auf Dich für die Kunst rechne, wenn die Welt einmal wieder, früh oder spät, frei atmet. Schreibe bald wieder, und viel.

H. K.

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