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Jacob Burckhardt: Briefe - Kapitel 9
Quellenangabe
typeletter
authorJacob Burckhardt
titleBriefe
publisherInsel-Verlag
editorWalther Rehm
year1946
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100317
projectid64ee08b0
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An Hermann Schauenburg

Berlin, 22. März 1847

Hermann! Wir müssen einmal zusammen auskneifen. Wenn ich in den Dingen dieser Welt zu brauchen wäre und wenn ich nicht des Schönen in Kunst und Natur unablässig bedürfte, so würde ich Dir sagen: wir gehen miteinander nach Amerika! Aber dort könnte ich nicht leben; ich bedarf eines historischen und dazu eines schönen Terrains, sonst sterbe ich, was im Grunde nicht das Schlimmste wäre.

Ich gehe nächsten Winter, wenn nicht alles sich dagegen verschwört, wieder nach Rom. Ich will noch einen Trunk tun aus diesem goldenen Zauberbecher; der Lenz, der in mir unterm Eise schlummert, soll noch einmal zur Blüte kommen. Dort, beim Tor des heiligen Paulus an der Via Ostiensis liegt eine gewisse Pyramide eines gewissen Cajus Cestius, wo man sehr sanft ausruht unter Platanen und Zypressen. – Ach, die Ironie ist, daß ich doch immer lebendig wiederkomme.

Bis 9. September müssen meine Arbeiten fertig sein; ich oxe jetzt wie ein Pferd, ich spare wie ein Harpax, ich gehe einher ohne alle Zierlichkeit, denn es gilt künftige Freiheit, es gilt, den Durst dieser Seele nach allem Schönen zu stillen, ehe ich von hinnen scheide.

Hermann, ich glaube, es geht uns beiden ungefähr gleich. Wir haben Tausende gekannt, die in der Jugend auf deutschen Hochschulen wahre Vulkane von Unmittelbarkeit, selbst von Originalität und von Poesie zu bleiben oder zu werden versprachen und jetzt teils servile, teils liberale Philister sind. Wir dagegen werden der Welt und ihren Gleisen immer fremder und leben ein Privatleben, welches dem jetzigen Treiben (einstweilen im stillen) schnurstracks entgegenläuft.

Ist Dirs auch bisweilen so, daß Du meinst, es müsse Dir auf einsamem Waldpfade einmal der kleine braune Zwerg erscheinen, welcher Dir unter Moos und Steinen die Tür aufmacht, wo es in eine neue Welt von Dingen hineinführt? Ich glaube bisweilen an ein künftiges Wunder, welches mich aussöhnen soll mit dem, was um mich ist, an einen Talisman, welcher in dieser jämmerlichen Zeit Ruhe und Behagen geben kann; – und doch – es ist unmöglich, das heißt für mich. Denn die Leute können es gar wohl hienieden aushalten, welche entweder 1. durch die christliche Liebe oder 2. durch den Ehrgeiz mit dieser Welt verbunden bleiben. Das sind zwei Dinge, welche ich nicht besitze; wer aber eins von beiden hat und dabei ein starker Mensch ist, der überwindet die Welt. Laß doch Deine Feindschaft gegen das Mittelalter! Was uns etwa drückt, das sind die Affen des Mittelalters, nicht das echte und wahre Zeitalter Dantes und Konsorten, welches au contraire ganz famose Leute waren. Das klassische Altertum, wenn es par ordre de Mufti wieder eingeführt würde, wäre nicht viel weniger lästig. Ich habe die historischen Beweise in Händen, daß man im Mittelalter sich ganz göttlich amüsiert hat und daß das Leben so farbig und reich war, wie man es sich jetzt gar nicht mehr vorstellen kann. Dieses nebenbei. Laß Dir nur von den Liberalen nichts mehr in historischen Dingen aufbinden, sie schwatzen im Grunde noch immer den französischen Enzyklopädisten nach. »Aber sän Se, des will ich Ihnen sagen, die Bildung, die mer jetzt haben ...« ist keinen Schuß Baumwolle wert und macht nur, daß das Pack alle über einen Leist geschlagen ist. Hermann, dieses ist ein langes Thema, die Ausbreitung der Bildung und die Abnahme des Eigenartigen, des Wollens und Könnens; worüber diese Welt noch einmal in dem höchsteigenen Mist ihres Philisteriums ersticken und verfaulen wird. Ich habs gleich g'sagt.

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