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Jacob Burckhardt: Briefe - Kapitel 5
Quellenangabe
typeletter
authorJacob Burckhardt
titleBriefe
publisherInsel-Verlag
editorWalther Rehm
year1946
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100317
projectid64ee08b0
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An Eduard Schauenburg

Basel, den 30. November 1843

Herzlieber Ete, ich sitze hier in Basel und oxe und weiß nicht, wo es mit mir hinaus will. Ach Gott, wie sauer schmeckt das ›zu Hause‹, wenn man vier Jahre so nach Gutbefinden gelebt hat. Und bei mir zu Hause, in der Familie selbst, ist es sehr angenehm – wie muß es erst einem armen Teufel zumute sein, der es zu Hause und außerhalb des Hauses schlecht trifft! –

Es tut mir kein Mensch bisher was zuleide, aber Basel ist so eng und klein; es fehlt die freie, tragende Anregung, die Bonn für mich zur großen Stadt machte. Und könnt ich mich nur ganz in die Bücher vergraben! Aber man muß hier mit herzguten langweiligen Leuten umgehen, das ist es.

Ete, gelt Du bist verlobt, ich wittere so was, als stieg es wie Bratenduft aus dem Westerwald den Rhein herauf! – Grüß schön von mir! – Es ist gewiß so eine Prachtspartie. Ich meinesteils möchte mich am liebsten so einrichten, baldigst wieder in die weite Welt verschlagen werden zu können, das tat mir trotz Hunger und Kummer besser konvenieren. Einstweilen lechze ich nach Briefen aus Deutschland und denke viel und mit Schmerzen an Dich und Hermann und die Bonner, und jetzt gerade bin ich sehr betrübt, daß ich gerade Dir, herzliebster Junge, nichts zu schreiben weiß – mein Leben ist zu arm geworden. Ich will Dir aber doch schreiben, und wären es immer nur zwei Zeilen.

Auf nächsten Sommer rüste ich mich, deutsche Geschichte und Kunstgeschichte zu – annoncieren, denn obs zum Lesen kommt, ist für einen Privatdozenten auf einer Hochschule von bloß achtundzwanzig Studenten sehr fraglich. Bitte, sage es nicht weiter, daß der Kommilitonen so wenige sind; es könnte der Hochschule noch mehr Eintrag tun. Nun siehst Du, was ich für ein Narr wäre, wenn ich meinen Lebensplan (ich hasse sonst dieses Wort gründlich) auf die hiesigen Verhältnisse baute. Meine ganze Perspektive besteht: in einer höchst problematischen Anwartschaft auf eine jetzt von einem Ordinarius in besten Jahren besetzte Professur von 100 Louisdor, welche noch dazu bei dem bevorstehenden Sturz der Hochschule eingehen würde. Doch kann ich allerdings hoffen, mit Vorträgen für einen gemischten Publicus einiges Geld zu verdienen.

Eine wichtige Sache ist besonders, daß ich jetzt für Brockhaus arbeite, nämlich die kunsthistorischen Artikel fürs Konversationslexikon, neunte Auflage, der einen Bogen ganz neu gelieferter Artikel mit zweiunddreißig Reichstalern, einen Bogen umgearbeiteter mit sechzehn, einen Bogen bloß vermehrter mit acht Reichstalern honoriert. Natürlich gibt es verhältnismäßig nicht viel neu- oder umzuarbeiten, aber 200 Reichstaler wird das Geschäftchen schon abwerfen, summa summarum. – Kann ich nach und nach auch anderes für Brockhaus arbeiten, so bin ich vorderhand geborgen. Ich weiß nicht, woher es kommt, aber trotzdem, daß mein Gemüt jetzt lauter stille Messen für vergangene Freuden feiert, bin ich doch innerlich glücklich und handhabe mit mir selbst einen guten Hausfrieden. Es ist jetzt Winter in mir, aber ich weiß, es werden nach einer dürren Bücherzeit auch wieder die Blütentage kommen, wenn auch nicht die alten von 1840-41! – Eins weiß ich, ich könnte jetzt ganz ruhig sterben, da ich das schönste Glück schon genossen habe. Wer einmal einen so recht innerlichen Frühling genossen hat, wie ich im Jahre 1841-1843, der kann nie wieder ganz unglücklich werden; – Du aber hast das Beste in mir zum Blühen gebracht, Du und Hermann und Kinkel und Stift – das soll Euch unvergessen bleiben.

Lieber Ete, es geht mir unter dem Arbeiten viel Poesie durch den Kopf. Jetzt, da ich sie heimlich treiben muß, wird sie mir erst recht lieb. Selten gebe ich den Sachen Form, sie tummeln sich lieblich vor mir und verschwinden wieder. Ich fange wieder an, mir etwas darin zuzutrauen, denn wäre es gar nichts mit meiner Poesie, so könnte sie mich ja auch nicht trösten. Ich mache von neuem die Erfahrung: je besser ich oxe, um so poetischer wird mir zumut; oxe ich nicht, so bin ich zerstreut. Jetzt sammeln sich in mir die Anschauungen von den Reisen und den Menschen und strahlen und funkeln schön gegeneinander und assimilieren sich zu Bildern und Geschichten. – Gelt, ich bin ruhmredig – aber Du bist einer von denen, die sich gerne mit mir freuten, auch am Kleinen. Dem Hermann habe ich vor vier Wochen geschrieben und das Daguerreotyp geschickt. Gott gebe, daß es ganz ankam. Leider habe ich, ni fallor, vergessen, ihm meine Adresse zu melden, schreibe sie ihm gelegentlich! Prosit Ete, schreib brav, Dich küßt in Treuen

Dein Schwyzer

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