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Jacob Burckhardt: Briefe - Kapitel 34
Quellenangabe
typeletter
authorJacob Burckhardt
titleBriefe
publisherInsel-Verlag
editorWalther Rehm
year1946
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100317
projectid64ee08b0
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An Friedrich von Preen

Basel, 15. Oktober 1887

Es wird am besten sein, wenn ich mit dem Schluß Ihres werten, inhaltreichen Briefes den Anfang mache. Herr Winterberg, dessen Wunsch Sie mir melden, soll mir zur Konsultation wegen Italiens willkommen sein, wenn ich die Sicherheit haben kann, daß er nicht über mich drucken läßt und mich auch sonst nicht zitiert, wogegen ich einen unbedingten Widerwillen habe. Ich fürchte wahrlich nicht die wissenschaftliche Kritik, sondern nur den Anschein der Reklame und was sich par ricochet von anderer Seite daran zu hängen pflegt, Sie verstehen mich ja. Hier in Basel bin ich nun immer zu treffen, da in einigen Tagen unser Semester anfängt.

Gott gebe uns nach diesem jammervollen kalten Herbst noch einige wärmere Tage, bevor der eigentliche Winter anfängt. Ich wollte noch einige Ausflüge machen, habe es aber nur zu einem Besuch der Freiburger Ausstellung gebracht und dazu glücklicherweise den einzigen leidlichen Sonntag getroffen.

Während Sie in Baden Ihren schönen und vergnügten Sommeraufenthalt hatten, war ich von Ende Juli an mutterseelenallein drei wundervolle heiße Wochen in Locarno und identifizierte mich nach Kräften mit der großartig schönen Landschaft und der schon völlig südlichen Vegetation. Nun werden Sie auch das Motiv erfahren, welches mich, abgesehen von aller Vorliebe für den Süden, über die Alpen trieb. Nördlich von der Alpenkette nämlich, in Gasthöfen wie in Pensionen, herrscht tyrannisch die Table d'hote, ein mir und meiner Gesundheit und guten Stimmung absolut verderbliches Institut, und wenn man in Gasthöfen à la carte speisen will, so ist es teuer und nicht gut, und bei längerem Aufenthalt würde es einem unmöglich gemacht. In meinem herrlichen Oberitalien dagegen bin ich hierin völlig frei, und alle Welt bestellt sich das zum Essen, was man gerne hat und was die Küche gerade besitzt. Ich aß nun mit großer Wonne alle Tage fast das gleiche: wenigstens meine Hauptspeise, fedelini all'asciutto, war konstant. Wenn Sie einst in meinen Jahren sein werden, kommen Sie vielleicht auf ähnliche Ideen.

Als die drei Wochen um waren, kamen gute Leute aus Basel und Mailand und holten mich zu einem Bummel nach Novara, Vercelli, Varallo, Mailand, Como usw. ab, und damit gingen weitere vierzehn Tage vergnüglich hin. Ich bin auch noch einmal auf dem Sacro Monte von Varese gewesen und habe von dort, wie Moses auf dem Berg Nebo, die Lombardie noch einmal überschaut. Das nächste Jahr aber, wenn ich Leben und Gesundheit behalte, gehe ich wieder in den gleichen Gasthof in Locarno vor Anker und nehme eine mäßige Arbeit mit und esse täglich fedelini all'asciutto.

Meine beste Teilnahme für die Genesung der beiden jungen Herren Söhne! Daß Kehl kein ruhmvolles Klima besitzt, wußte ich von Jugend auf; im Winter kommt es wohl darauf nicht an, aber ich möchte doch Herrn Wolfgang eine andere Station wünschen und bitte, ihn herzlich von mir zu grüßen. Recht sehr wünschte ich, daß Herr Paul einmal wieder seinen Weg über Basel nehmen möchte!

Sie können denken, wie mich Ihre Nachricht über den greisen Herrn interessiert hat: es ist ja wohl ein Naturwunder – und doch, wenn man an ein mögliches Schicksal denkt, wie wenig wissen wir armen Menschen eigentlich, was wünschbar ist in unserem Lebenslauf! – Baveno wird wohl in einiger Zeit mit der Riviera vertauscht werden; es war zwar noch anfangs dieser Woche am Lago Maggiore herrlich warm, wie uns Rückkehrende berichten; aber mit November wird es doch auch dort weniger angenehm, wenn auch das Klima den ganzen Winter etwas milder, zumal viel nebelfreier bleibt als in der lombardischen Ebene.

Franzosen wie die, welche Sie bei Anlaß des Roten Kreuzes kennen gelernt haben, können es einem immer antun, und ein Franzose in mittleren oder vorgerückten Jahren, von echter Bildung und gebändigten Leidenschaften, bleibt wohl das vollendetste Produkt der europäischen Menschheit. Aber das ist eine kleine Minorität, und auch auf dem Gebiete des Geschmackes wird sie jetzt völlig überschrien, was unter Louis Philippe wahrhaftig noch nicht so war. Jetzt äußert sich auch im Ästhetischen die Masse, und das hat man im Großen sehen können zum Beispiel beim Leichenbegängnis des Victor Hugo! – In Politicis will diese Masse unbedingt den Frieden, aber wo das Renommieren der Straße anfängt und den Krieg erschreit, genieren sich alle anderen und machen mit, auf daß man sie um des Himmels willen nicht für feige halte, und namentlich auf daß sie nicht vor ihren Weibern als feig erscheinen. In Erwägung aller Umstände muß man eben doch sagen: der Krieg kann von heute auf morgen kommen, und der Besuch des Crispi hat im ganzen uns nur darüber die Augen geöffnet, daß zugleich mit dem lothringischen und dem Vogesenkrieg ein großer Krieg auf dem Mittelmeer ausbrechen wird. In Italien ist Crispi jetzt gewiß unendlich populär, schon weil er im Norden etwas verhandelt hat, wovon man nichts weiß; ›als Cavour 1858 in Plombières gewesen war, bekamen wir die Lombardie, als Govone 1866 in Berlin gewesen war, bekamen wir das Veneto; jetzt bekommen wir gewiß wieder was‹.

Zunächst gibt es jetzt einen offenen Kampf mit Boulanger, denn wenn sich dieser nur knurrend in die Höhle verzieht, ist es mit ihm auf immer vorbei. Die größte Sicherheit von Europa aber, für den Krieg und – wir wollen noch hoffen: für den Frieden ist die deutsche Armee, und ich wünsche Ihnen Glück zu dem vortrefflichen Eindruck der Herbstmanöver. Und ebenso zu Ihren Wahlen, wo endlich die Stillstellung des Kulturkampfes Wunder getan hat. Wir sind hier heimgesucht mit einer soeben auf das Tapet gebrachten Verfassungsrevision, welche selbst unsere Radikalen bedauern, aber dennoch befürworten, aus Furcht vor den Arbeitern und so weiter. Haben Sie Mitleid mit dem alten Basel! Wir sind übel dran. Freilich suche auch ich den Blick vom ›Störenden‹ abzuwenden, aber es gerät mir nicht recht.

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