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Jacob Burckhardt: Briefe - Kapitel 33
Quellenangabe
typeletter
authorJacob Burckhardt
titleBriefe
publisherInsel-Verlag
editorWalther Rehm
year1946
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100317
projectid64ee08b0
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An Max Alioth

Basel, 26. Mai 1885

Schönsten Dank für Ihren Brief vom 1. ds. und für die neuen Eaux-fortes. Der Waldweg ist sehr poetisch gedacht, nur löst sich die Masse links hinten nicht klar genug in Terrain und Vegetation auf. – Ganz vorzüglich ist Arlesheim, nur ist im second état die Kirche im Verhältnis zum Vordergrund um einen leisen Ton zu schwer geraten. Ich bin übrigens erstaunt, zu sehen, daß Sie vom Vordergrund aus beginnen? Ich glaubte, es sei wie beim Malen, wo man mit Luft und Hintergrund beginnt. – Unter allen Umständen würde ich bitten, das Radieren nie liegen zu lassen, sondern diese kostbare Fähigkeit, d'être vous-même l'interprète de vos idées auprès du public auf das höchste weiter auszubilden.

Zu den mehreren Monaten Akt meinen besten Glückwunsch. Ich weiß andere, die sich diese Mühe eigentlich permanent erspart haben, und solche werden dann doch die Folgen hievon tragen und namentlich in spätem Jahren sich gar nie mehr zum Modellmalen verstehen können.

Delacroix war immer meine Antipathie durch den tief pöbelhaften Zug, den er nie ganz hat überwinden können, so bedeutend auch sein Darstellungsvermögen wirkt. Ich begreife, daß er selbst Romantikern der dreißiger und vierziger Jahre wie ein Vomitiv vorgekommen ist. Er konnte freilich nichts dafür, daß er der Sohn eines bekannten Jakobiners war. – Von Bastien-Lepage kenne ich nur die paar échantillons in der Gazette des beaux arts. – Menzel werden Sie begreifen, wenn Sie erfahren, daß er früher, und zwar während Jahrzehnten, hat hart unten durch müssen. – Das Mozartporträt von Boilly wird man hoffentlich irgendwo publizieren?

Ich bin ein armes geplagtes Tier bis zum 28. Juli, an welchem Tage ich wahrscheinlich wieder nach Baden Baden im Aargau. fahre. Der Fuß hält sich zwar ziemlich brav, und man sieht mir das Hinken wenig an, aber somme toute ist es eben doch eine Mahnung im allgemeinen, und außerdem hümpelet es Wird es wacklig. sonst noch da und dort. Es ist noch nicht genug, um mein Amt niederzulegen, wohl aber, um es von Semester zu Semester beschwerlicher zu finden. Alte Leute sollten fortdauernde Ferien haben.

Dieser Tage wird Bach- und Händelfeier sein; F. und ich sind uns in dem Vorhaben begegnet, den Bach zu schwänzen und nur Händels Alexanderfest zu hören. In unsern Zeiten müssen sich die musikalischen Mägen vieler Leute enorm erweitert haben, namentlich die der Mitwirkenden, welche sich an Proben für diese beiden vollständigen großen Aufführungen das Unerhörte auferlegt haben.

Aber das Fest aller Feste werden Sie doch vor uns voraushaben: die Hugofeier am nächsten Sonntag Das Begräbnis Hugos.! Das Hochkomische dabei ist, daß sich dabei der tief eingewurzelte, durch keine Republik auszurottende Franzosengeschmack für Verehrung, Fürstlichkeit, Hofpomp so deutlich an den Tag gibt. Ferner das Bedürfnis nach Pathos, gleichviel ob man näher wisse, wovon Quästion ist, oder nicht. Am Katafalk wäre die Inschrift passend: ›Dem Blagueur die Blagueurs!‹ Mehr als hundert Seiten werden kaum von ihm weiterleben, denke ich.

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