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Jacob Burckhardt: Briefe - Kapitel 30
Quellenangabe
typeletter
authorJacob Burckhardt
titleBriefe
publisherInsel-Verlag
editorWalther Rehm
year1946
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100317
projectid64ee08b0
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An Friedrich von Preen

Genua, 5. August 1881

Wenn man an irgend etwas die späteren bedächtigeren Jahre inne wird, so ists am Zuhausebleiben in den gar zu heißen Stunden Italiens, und solche sind dann höchst geeignet zum Briefschreiben. In Basel, während der letzten Tage des Semesters, hatte ich nicht mehr die Stimmung, Ihren schönen Brief zu beantworten, und jetzt auf der Reise habe ich ihn nicht bei mir; vom Leben Ihres verewigten Herrn Bruders erfuhr ich erst jetzt das Nähere und war von dem friedlichen Ausklingen dieser willensstarken Existenz wahrhaft erbaut; im jüngeren Geschlecht freuen mich Examina filiorum, und ich bilde mir jetzt was Rechtes darauf ein, daß ich auch einer der vielen Lehrer filii maximi gewesen bin, und lasse herzlich grüßen.

Weshalb ich eigentlich nach Italien gegangen bin? Hauptsächlich um gewisse große Kunsteindrücke noch einmal aufzufrischen, bevor ich für solche Reisen unbeweglich werde. Für diesmal tut es noch ganz vorzüglich; ich beschränke mich und lasse die Sachen liegen, die ich nur mit gar zuviel Sonnenbrand und Blendung erreichen könnte; ich schleiche da, wo ich in jüngeren Jahren rannte, bin im Essen sehr mäßig und freue mich eher der Weine des Landes.

Und dieses imposante Volk! Diese Erstgeborenen von Europa! Es mag ihnen gehen, wie es will, in der Politik sogar übel und kindisch – das Wort Alfieris bleibt doch wahr: l'Italia è il paese, dove la pianta ›uomo‹ riesce meglio che altrove. und wer es nicht glauben will, der sehe nur eine halbe Kompanie Bersaglieri im Geschwindschritt vorbeidefilieren. Gestern auf der Bahn zwischen Savona und hier, wo ich terza Classe fuhr, schlüpfte ein fettes, aber bildhübsches Weibstück mit einer Geige in den Wagen und sang zu ihrem Spiel mit der hellsten Stimme ein Lumpenlied, wobei man – ach des Neides! – ihre zweiunddreißig Zähne in bester und schönster Ordnung sah.

Es ist wieder sehr heiß, aber in Genua mit den engen hohen Gassen ganz wohl auszuhalten. Die Nächte sind von göttlicher Schönheit und Frische; es wird ganz kühl, so daß man sogar die leichte Decke wieder über das Leintuch zieht – notabene versteht sich bei sperrweit offenen Fenstern. Vielleicht gibt es auf der Welt keine so absolut süße und herrliche klimatische Wahrnehmung als diese Morgenkühle im heißen Süden. In Savona erwachte ich einmal und sah einen flammenden Stern, den ich erst für ein Meteor hielt, bis ich sah, daß es die alte Venus war, nur eben in der Klarheit einer Nacht am Mittelmeer.

Jetzt schleiche ich zur Börse, aber nicht um dort Geschäfte zu machen, auch nicht so sehr wegen des edel schönen Baues von Galeazzo Alessi, als vielmehr, weil dort in der Nähe eine Photographiebude ist, wo ich einiges Geld opfern werde.

Für diese edle Opfertat werde ich mich nachher mit einem Sorbetto belohnen, und zwar in dem nahen Café della Costanza, das ich schon gestern mit Rührung wieder aufsuchte. Hier habe ich nämlich als junger Student in den dreißiger Jahren die erste Ahnung von Bellini bekommen, und zwar durch einen Harfenisten und Klarinettisten, welche ein Potpourri aus ›Romeo‹ spielten. Und gestern nacht aus einer Birreria klangen wiederum von irgendeiner Bande her Stücke aus demselben ›Romeo‹, was die deutsche musikalische Ästhetik um 1845 für absolut unmöglich würde erklärt haben.

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