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Jacob Burckhardt: Briefe - Kapitel 29
Quellenangabe
typeletter
authorJacob Burckhardt
titleBriefe
publisherInsel-Verlag
editorWalther Rehm
year1946
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100317
projectid64ee08b0
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An Max Alioth

London, 6. August 1879

Ich komme eben aus einem der prachtvollsten Kaffeehäuser von London, Spiersandponts, welches vermutlich geschrieben werden muß: Spears and Punts; nein, es heißt Spiers and Pond. Zuerst eine riesige Halle von lauter Majolika, was alles can be washed – wenn nur nicht die verfluchten Decken in carton-pierre wären! – Das Büfett zweimal so lang (doch lange nicht so hoch) als unserer Herren Häupter Stühle in S. Martin, und auch am Büfett alle Füllungen Majolika, dann eine Nebenhalle – das Niedlichste, was man von engem Hochraum sehen kann – macht es Sie nicht glustig? – am ganzen obern Zweifünftel-Raum lauter schwebende Göttinnen in Majolika – und von da geht eine dito Treppe aus; – morgen abend werde ich dort mein dinner nehmen, es mag kosten, was es will. Wenn dann noch die Hexerei mit den verborgenen Gasflammen und so weiter hinzukommt ... wer kann da widerstehen?

Im übrigen gibt es eine Sache, die mich noch mehr interessiert. Geben Sie wohl Obacht! In der National Gallery, tückischerweise im spanischen Saal, ist seit ganz kurzer Zeit ohne Etikette, Nummer und Namen ein Porträt ausgestellt – Sie glauben wohl eine zauberhafte junge Dame? Nein, sondern ein verdrießlicher alter Kardinal, und alle Welt stürzt auf das Bild zu, und einer fragt den andern: wer und von wem ist das? Heute gab es doch einen Augenblick Gedränge davor!

Und nun ist unsereiner doch zu einer unabhängigen Ansicht über so etwas verpflichtet! Hic Rhodus, hic salta.

Dieser Kardinal ist fürs erste ein Individuum aus den Jahren 1550–1590. Oho! das ist ganz einfach Granvilla oder Kardinal Charles de Guise! Nein, meine Herren, keiner von beiden, denn Granvilla kenne ich wie meinen Handschuh von dem Bilde des Musée de Besançon her, und den Guise ebenfalls. Es ist ein Sechziger, in einem mit Elfenbein eingelegten Lehnstuhl, und wenn man nach der Nationalität fragt, so ist es auf den ersten Blick am ehesten ein Deutscher, und zwar von keckem deutschem Adel, obwohl ohne alle Idealität. Er hat hundsmäßig viel gesehen und auch einiges ausgestanden und rechnet allen Idealisten aus, wieviel Egoismus au fond in denselben steckt. – Die Behandlung ist wie die eines Meisters, der alle möglichen Schulen kennt und sich diesmal – aber vielleicht nur diesmal – alle mögliche Mühe gegeben hat. Jetzt ratet!

Der, welcher diesen roten Kragen und diese weißen Byssusärmel gemalt hat, kannte auch wohl etwa ein Bild von Andrea del Sarto. Der, welcher diese wundervolle Hand – aber vielleicht nur diese – gemalt hat, kennt vielleicht Arbeiten des Baroccio von Urbino, von dessen ersten Arbeiten – wer weiß? Er hat vielleicht eine ganze, noch dazu sehr ausgesuchte Galerie vor sich gehabt.

Jetzt will ich frech sein: es ist ein Bild von Joseph Heinz und stellt etwa den Kardinal Dietrichstein, einen großen Diplomaten vom Hofe Kaiser Rudolfs II. und zugleich wohlbesoldeten heimlichen spanischen Parteigänger, das heißt Pensionär vor. Ich will nur beizeiten eine Priorität für meine Meinung konstatieren. – Anno 72 im Belvedere sah ich das wundervoll energische Porträt Rudolfs II., wahrscheinlich von Heinz, und seither glaube ich an die Möglichkeit von weitern wundervollen provinzialen und momentanen Aufschwüngen. Es ist doch kein Katzendreck, wenn so ein Bild neben allen Velasquez die Augen der Menschen magisch auf sich zieht. Ich muß aber diesem Kardinal noch weiter nachdenken, und wenn ich noch einige Male meine Ideen ändern sollte, so mögen Sie sich nicht wundern.

Sonst habe ich zum ersten Mal endlich das Wunderbild von Rubens, le chapeau de paille, gesehen; es ist aber ein Filzhut mit Feder und heißt eigentlich le chapeau de poil, was irgendein versoffener englischer Kunstfreund falsch verstanden hat. Unter dem Filzhut aber logiert des Rubens zweite Frau, Helena Forman, wahrscheinlich im Brautstand gemalt. Mit Ausnahme des rechten Backenrandes ist alles im Schatten des breiten Hutes, aber zugleich im vollsten blonden Licht, der Teufel weiß wie – und alles überleuchtet von zwei ganz fabelhaften dunkelblauen Augen.

Nachdem ich nun fünf Tage in der National Gallery und in Hamptoncourt bloß der Malerei gehuldigt, geht es morgen den ganzen Tag nach South Kensington Museum. Aber der rätselhafte Kardinal wird mich doch auf Schritt und Tritt begleiten.

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