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Jacob Burckhardt: Briefe - Kapitel 27
Quellenangabe
typeletter
authorJacob Burckhardt
titleBriefe
publisherInsel-Verlag
editorWalther Rehm
year1946
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100317
projectid64ee08b0
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An Max Alioth

Brescia, Sonntag, 4. August 1878

Italien ist noch nicht teurer als vor zwei Jahren, aber ein hiesiger Photograph hat mich doch durch enorme Preise absolut abgeschreckt, worauf ich förmlich froh war und mir vorrechnete, wie und was maßen ich von ähnlichen Dingen, die eine Idee von den hiesigen Denkmälern implicitamente geben, schon über und über genug für das Vorweisen in meinen Kollegien besitze.

Gestern abend bei bedecktem Himmel ging ich in das berühmte Camposanto hinaus, welches um 1830 begonnen wurde, und sah mir diese klassische steinerne Wehmut auch einmal an. Glücklicherweise schaut die herrlichste Berglandschaft auf diese Anlage hernieder, und die vierfache Zypressenallee, welche von der Straße her zum Camposanto führt, ist auch nicht zu verachten. Unter den Skulpturen ist viel langweiliger Canovismo, aber auch einiges recht Schöne. – Im übrigen sehe ich, daß ich hier einen Monat auf das nützlichste mit Studien zubringen könnte. Diesen Morgen durchlief ich anderthalb Dutzend Kirchen und fand in einer oder zweien allein schon genug, um tagelang daran zu spinnen. Morgen und übermorgen in Cremona, dann drei Tage in Mantua, dann einen Tag in Modena (oder noch einen Tag in Carpi) wirds vollends genug und übergenug zu sehen geben. Glücklicherweise kühles, herrliches Wetter und jeden Tag uno spruzzo d'acqua, veritabler Regen, noch heute früh, und jedenfalls heut noch einmal. Der Bann des heißen Sommers ist gebrochen, und ich fürchte mich nicht mehr, befinde mich auch vortrefflich. Alle Welt, mit der ich spreche, meint, ich sei wohl wegen der auf übermorgen angesetzten Eröffnung der Oper hieher gekommen; man will mir offenbar damit ein Kompliment wegen guten Geschmackes machen, und ich muß dann mit betrübsamer Miene von den eiligen Geschäften reden, die mich nach Cremona rufen.

›Sale e Tabacchi‹ – diese Firma ist doch im kleinsten Nest schon das, was Italien kenntlich macht. Ich muß oft darüber nachdenken, was die beiden für eine Meinung voneinander haben und wie sie einander verleidet sein mögen.

Bisher habe ich in Chiavenna das letzte deutsche Wort gesprochen; auf dem Comerboot wollte mich noch ein Deutscher anreden, allein ich stammelte ihn in einigen unartikulierten Lauten ab. – In Mailand ist der Hof und wird enorm fetiert; im Gespräch mit den einzelnen Leuten aber hört man ganz ungeniert von den Vorzügen der Republik reden.

Das erste Mal, in einem Gartenkonzert zu Bergamo, standen mir die Haare zu Berge, allmählich gewöhnt man sich.

Hier in Brescia wird offenbar ziemlich gekneipt; der Philister loci hockt abends viele Tische voll in den Weinwirtschaften, und der gute Landwein (Vino della riviera) ist ganz vortrefflich, wie ein guter Val Policella.

Ich werde nun, um halb elf Uhr, einen zweiten Kaffee nehmen und dann meinen zweiten Besuch in der Galleria Tosi machen, wo ganz herrliche Sachen beisammen sind. Nachmittags wird Nachlese in den Kirchen gehalten und etwa einiges gezeichnet, wobei ich mir die größte Gewalt antue, indem ich ja wohl weiß, daß ich Abscheuliches hervorbringe; es gibt aber doch keine bessere Art, sich Formen einzuprägen.

Heut habe ich einen Barockbalkon ersten Ranges gesehen; es war ein großer Palast, sonst ganz einfach in den Formen, aber am Mittelfenster fährt das Ding mit Pauken und Trompeten hervor!

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