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Jacob Burckhardt: Briefe - Kapitel 24
Quellenangabe
typeletter
authorJacob Burckhardt
titleBriefe
publisherInsel-Verlag
editorWalther Rehm
year1946
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100317
projectid64ee08b0
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An Max Alioth

Rom, 5. April 1875 Albergo Centrale, Piazza Rosa

Nachdem Sie vermutlich meinen Brief an Herrn G. gelesen, will ich einen neuen an Sie wenigstens anfangen, da es ein schwüler Sonntagabend ist und begonnen hat zu regnen, ich auch zum Laufen zu müde bin, sintemal ich heut fast das ganze Kapitolinische Museum rasch durchnotiert und nachmittags die ganzen Kaiserpaläste durchirrt habe.

Mein Respekt vor dem Barocco nimmt stündlich zu, und ich bin bald geneigt, ihn für das eigentliche Ende und Hauptresultat der lebendigen Architektur zu halten. Er hat nicht nur Mittel für alles, was zum Zweck dient, sondern auch für den schönen Schein. Worüber einst mündlich mehreres.

Einstweilen befinde ich mich trotz aller Jagd und Hatz vortrefflich und genieße unter anderem das Glück, nicht mehr ex officio wissen zu müssen, von wem das Altarblatt in der xten Kapelle rechts in San Dings herrührt. Nächstens werde ich nun Palazzo Altemps aufsuchen und den weißen Pfau von Ihnen grüßen, wenn er noch lebt. Ich habe die Schneigge Mundartlich: die Nase. überall und empfinde namentlich, wie sehr doch Rom etwas anderes ist als zum Beispiel Genua, wo es aussieht, als hätten Kinder Theaterdekorationen vierten Ranges schräg und quer auf Felsen herumgestellt. Was ich unterwegs von Frührenaissance gesehen, das sah ich mit tiefer Rührung, namentlich in Siena S. Caterina mit Fassade, Treppchen, Höfchen, Hällchen und Zubehör. Dagegen hat mich der Palazzo del Magnifico daselbst zum Narren gehabt; ich hatte ihn früher nur von außen gesehen und glaubte nun wegen der bronzenen Fackelhalter, das Innere müßte doch noch etwas aus der Tyrannenzeit enthalten, fand aber nichts als in einem stinkenden Höfchen einen vorgewölbten Gang, auf welchem vermutlich einst der selige Tyrann auf den Abtritt ging. In Genua wird jetzt im Palazzo Doria nur noch die untere Halle, der obere Hauptsaal, ein Zimmer und die Galerie gezeigt, letztere das Reichste, was von Dekoration unmittelbar Raffaelischer Schule außerhalb Roms vorkommt; vor einundzwanzig Jahren sah ich noch neun Räume.

Rom ist enorm verändert, der Corso abends und nachts ein Stück Paris; die Invasion der Italiener und aller ihrer Dialekte fällt bei Schritt und Tritt auf; ich höre Milanese und Napolitanisch usw. Manches ist teurer, doch nicht so sehr, wie ich fürchtete. Manches ist entschieden bequemer als früher, und Essen und Trinken so gut als je. Der rote Wein vom letzten Jahr ist selbst in Kneipen wie Tre Ladroni und Archetto feurig und herrlich wie ein Burgunder, und wenn ich des Alleintrinkens in höherem Grade fähig wäre, so würde ich ein Trunkenbold. Die Kaffeewirte geben zu fünfzehn Cents einen Kaffee, der unsere jämmerlichen Basler Cafetiers mit ihrem Geschmier zu dreißig bis vierzig Cents jämmerlich zuschanden macht. Und NB., der Kaffee wächst ja auch in Italien nicht und zahlt hier ohne Zweifel einen höheren Zoll als in der Schweiz. In den kleineren Cafés achte ich jetzt immer darauf, was sich in der Mitte über dem Büfett befindet; bisweilen ist es noch die Madonna mit dem Lämpchen davor; irgendwo war es noch die Madonna, aber statt des Lämpchens war eine Zahl auserwählter alter Schnäpse in Flaschen davor aufgestellt; in den aufgeklärten Cafés sieht man statt der Madonna die Büste Vittorio Emanueles, meist tief verstaubt, so daß sich ihm der Staub auf die Stirn, die Augenhöhlen, den gewaltigen Schnauz und das Oberteil des Knebelbartes gesetzt hat, was ganz abenteuerlich aussieht. Übrigens bin ich in Italien und bis zu meiner Rückkehr völlig ministeriell und governativ gesinnt.

Was Rom für mich momentan besonders kennzeichnet, das ist die große Menge von Deutschen; heute in den Kaiserpalästen waren sie die beträchtliche Mehrzahl. Dieser Tage im Vatikan ging ich einer Partie Deutschen nach, welche einen alten ausrangierten Österreicher zum Cicerone hatten; Sie hätten hören sollen, was der ihnen erzählte! – Ganz rührend wars heute im großen Saal des Museo capitolino, wo die Zentauren stehen; es war Öffnungstag, und auch armes Volk von Rom lief herum; eine gute alte Frau mit einem Kinde fragte mich ganz erschrocken, wo solche Kreaturen vorkämen? und ich mußte sie beruhigen, daß dies nur immaginazioni de' scultori seien, perchè, fügte ich weise hinzu, sarebbe di troppo l'intelligenza dell'uomo insieme colla forza del cavallo. Aber ist es nicht eine herrliche Sache, für ein Volk zu meißeln, das auch das Kühnste für wirklich hält? das vielleicht noch die allegorischen weiblichen Figuren für sante persone hält? während ja im Norden jedes Kind a priori weiß, daß die Kunst nur Spaß sei.

Eines gibt mir hier noch immer auf die Ohren; ich kann die freche Diagonale nicht ausstehen, in welcher die Bettler auf den Fremden als auf eine sichere Beute zugeschritten kommen. Übrigens noch lieber Bettler als Räuber; vorgestern sind nicht weit von der Caecilia Metella vier Engländerinnen in einem Wagen von Strolchen überfallen und völlig geplündert, eine sogar in den Hals verwundet worden.

Ich lebe bereits in einem Morast von Photographien und bin doch erst am Anfang. Allgemach kommen mir aber, nicht für mich, sondern für die, welche nach uns kommen, gewisse Bedenken: das alles wird verbleichen, während die geringste lithographische Ansicht dauerte; nun hat sich alles auf die Photographie geworfen, und man wird sagen: wenn eine verbleicht, so macht man tausend neue – allein die Objekte selbst sind nicht ewig! und ich habe im Camposanto zu Pisa manches viel zerstörter angetroffen als früher, auch im Palazzo pubblico zu Siena.

Ich weiß, lieber Freund, Sie haben anderes zu tun, als Briefe zu schreiben, aber hübsch wären ein paar Zeilen von Ihnen doch! Wenn die Auserwählten sich für diesen Brief interessieren, so zeigen Sie ihnen denselben.

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